Wege in die Freiheit

(Schweizer Monatshefte: Zeitschrift für Politik, Wirtschaft, Kultur – Band (Jahr): 71 (1991), Heft 10, Seite 791-793)

Zum Exodus aus der Knechtschaft des real existierenden Sozialismus — Sechs Szenarien aus dem
menschheitsgeschichtlichen Erfahrungsschatz

Mit dem Exodus der Sowjetunion aus der Knechtschaft des real existierenden Sozialismus ist in einem welthistorischen Prozess ein weiterer Markstein gesetzt worden. Der Umbruch im ehemaligen Ostblock gehört zu jenen Ereignissen, die auch für politisch wache Zeitgenossen durchaus überraschend kamen, bei denen man sich aber — bei einer sorgfältigen, nachträglichen Analyse — die Frage stellen muss, ob sie nicht doch in der aktuellen Situation die zwingende Folge der gegebenen Voraussetzungen waren. Dass totalitäre Systeme, die ihrem Wesen nach auf die immer aufwendigere und immer unmöglichere Aufrechterhaltung von Lügensystemen angewiesen sind, eine begrenzte Überlebenschance haben, war ebenso bekannt wie die Tatsache, dass zentral verwaltete Kommandowirtschaften letztlich an ihrer mangelnden Lernfähigkeit scheitern müssen. Auch die Erfahrung, dass politische Macht durchaus mit Bajonetten errungen werden kann, dass sich aber auf Bajonetten schlecht sitzen lässt, gehört zu den kaum je bestrittenen historischen Gemeinplätzen.

Aus dieser Sicht war die Politik von «Glasnost» und «Perestrojka» der Anfang vom Ende des Sowjetkommunismus, obwohl sie eigentlich eine Strategie zu seinem Fortbestand sein sollte. «Öffentlichkeit des Öffentlichen» und «Veränderung» sind politische Prinzipien, die sich durch keine Mauer für immer zurückstauen lassen. Was gelegentlich als politische Pionierleistung mit historischen Dimensionen gedeutet wird, ist also nichts anderes als eine — sehr späte — Kapitulation vor den tatsächlichen Auswirkungen einer pluralistischen, weltweit vernetzten technischen Zivilisation. In einer solchen Informationsgesellschaft kann die Kommunikation auf die Dauer nicht mehr unter totaler politischer Kontrolle gehalten werden. Die Öffnung war daher eher ein Zusammenbrechen der Gegenkräfte gegenüber längst vorhandenen aufgestauten Bedürfnissen, als ein Bahnbrechen neuer Ideen. Zunächst manifestierte sich die Forderung nach Reisefreiheit und Ausreiseerlaubnis, welche dann die Durchlöcherung des «Eisernen Vorhangs» in Ungarn und schliesslich den Fall der Berliner Mauer bewirkte. Beide Prozesse, die innere und die äussere Öffnung von realitäts- stauenden Mauern haben die jetzige Situation des Aufbruchs ermöglicht.

All jenen, die das Scheitern des sozialistischen Experiments am eigenen Leib erlebt haben, ist nicht zu verargen, wenn sie nun nach der Öffnung mit Ungeduld auf das «gelobte Land» hoffen, in dem «Milch und Honig fliessen». Das Ziel wird wohl allgemein idealisiert, und der Weg und die Anstrengungen, die er verlangt, werden demgegenüber unterschätzt. Sicher nimmt aber die Frage nach dem schnellsten und besten Weg zu Recht eine zentrale Stellung ein.

Ein Teil der Betroffenen mag in der Auswanderung den schnellsten und direktesten Weg sehen, obwohl er mit beachtlichen Risiken und mit grossen persönlichen Opfern verbunden ist. Andere — hoffentlich ist es eine grosse Mehrheit — wollen ihre Heimat nicht verlassen. Für sie stellt sich die Frage nach dem besten politischen Weg für den Exodus aus den Trümmern des Systems der Unterdrückung und des Mangels.

Soll man auf diese Frage mit dem Gemeinplatz antworten, es gebe für historische Umwälzungen keine Rezepte, und es müsse nun der harte Weg des Suchens und Irrens eigenständig und ohne fremde Hilfe beschritten werden? Diese Antwort ist in verschiedenster Hinsicht unbefriedigend. Einmal sind «Aufbruch und Wende» nicht nur eine Angelegenheit der direkt Beteiligten. Sie betreffen auch die Bürger der «gelobten Länder», die mögliche Ziele eines Exodus sind. Sie alle haben ein vitales Interesse daran, dass ein Auszug nicht allgemein tatsächlich und räumlich vollzogen wird. Der Exodus soll als Systemwechsel stattfinden und nicht als Völkerwanderung.

Damit stellt sich ein zweites Mal die Frage nach dem geeigneten Weg, und zwar vor dem Hintergrund handfester westeuropäischer Eigeninteressen. Die Suche nach Modellen und historischen Erfahrungen sollte nicht zu früh aufgegeben werden. Brauchbare Hinweise dazu finden sich allenfalls bei den Klassikern der Ökonomie, Staatstheorie und Politologie. Solche Texte sind allerdings für Praktiker nicht ohne weiteres verständlich und auch nicht direkt anwendbar. Häufig lassen sie den Leser genau dort im Stich, wo er gerne Genaueres wusste. Etwas anschaulicher und allgemein zugänglicher ist das «Lehrbuch der Geschichte», in dem auch der Laie mit Gewinn blättert und liest. Es hat auch den Vorteil, dass es über tatsächliche Erfolge und Misserfolge Auskunft gibt, allerdings ohne zeitlos gültige
Begründungen und Bewertungen…

Nach einem Wort von Jacob Burckhardt kann man zwar aus der Geschichte nie «klug für ein andermal» werden, wohl aber «weise für immer», wobei die Erwartungen nicht zu hoch angesetzt werden dürfen. Wir sind also alle eingeladen, unter dem Stichwort «Systemwechsel» nach dem zu suchen, was im Fundus historischer Erfahrungen an Weisheit darüber gespeichert sein könnte.

Eine wichtige Erkenntnis besteht wohl darin, dass die Ausgangspunkte für die einzelnen Staaten des ehemaligen Ostblocks sehr verschieden sind, und dass es darum verfehlt ist, nach einem einzigen und einzig richtigen Weg zu suchen. Vor allem die ehemalige DDR, die ihren Exodus unter dem Motto «Wiedervereinigung» bzw. «Zusammenwachsen» antritt, hat gewissermassen zwei welthistorische Probleme — «Revolution» und «Integration» — in einem Zug zu bewältigen. Der ungeheure Zeitdruck ist dabei gleichzeitig eine Gefahr und eine Chance. Es ist zu hoffen, dass wir am Ende dieses Jahrtausends nicht nur vom deutschen «Wirtschaftswunder», sondern auch vom deutschen «Vereinigungswunder» werden reden können, und dass wir damit nicht nur ein Tempo, sondern auch eine politischwirtschaftliche Qualität ansprechen.

Die in der Folge angestellten Überlegungen betreffen in erster Linie das historische Thema «Systemwechsel» und «Überwindung des nach-revolutionären Chaos».

Ein weiteres «welthistorisches Thema», das zum aktualisierenden Vergleich herausfordert, die «Entkolonialisierung», bzw. die «Liquidation eines Imperiums», wird im folgenden nicht untersucht, obwohl eine solche Deutung naheliegt und sicher interessante Perspektiven eröffnen würde.

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