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Die ideelle Basis stimmt

Lesedauer: 12 Minuten


(Reflexion – Nr. 21, Januar 1990 – Seite 49-57)

Ein Gespräch über die geistige und politische Lage des Liberalismus

Fragen von Dr. Ulrich Gut, Chefredaktor Zürichsee-Zeitung
Antworten von Robert Nef, Leiter des Liberalen Instituts

1. Was bedeutet für Sie Liberalismus?

Der Liberalismus hilft mir die Grundfragen des menschlichen Zusammenlebens zu erkennen und fordert mich heraus, persönliche Antworten darauf zu finden.

Ich orientiere mich am Liberalismus nicht wie an einem Wegweiser, sondern wie an einer Landkarte, die wichtige Elemente meiner «geistigen Heim~at» wiedergibt. Eine solche Landkarte zeigt mögliche Lebenswege auf, lässt aber wichtige Entscheidungen offen. Liberalismus ist für mich eine Voraussetzung für das gemeinsame Lösen gemeinsamer Probleme. Es gibt einen wirtschaftlichen, einen politischen und einen sozio-kulturellen Liberalismus. Diese drei Liberalismen stehen in einem gewissen Spannungsverhältnis, sie bilden aber doch eine ideelle Einheit. Diese Einheit ergibt sich nicht von selbst. Sie ist das Resultat einer dauernden wechselseitigen Anpassung, einer Steigerung von Vorzügen und einer Neutralisierung von Nachteilen, durch die jeweils bestmögliche Kombination von Widersprüchen.

Ich habe schon den Versuch gewagt, den Wesenskern des Liberalismus in drei Schlagvyorlen, analog dem Slogan der franz. Revolution «Freiheit, Gleichheit, Brüderlichkeit» festzuhalten und habe mich für «Offenheit, Vielfalt und Freiwilligkeit» entschieden Der etwas biedere Ausdruck «Freiwilligkeit» kann auch mit dem anspruchsvolleren Begriff «Autonomie» bezeichnet werden. Man schafft aber dadurch nicht mehr Klarheit, weil die Autonomie des Individuums mit der Autonomie von Gruppen in Konkurrenz steht.

Das Bekenntnis zu «Offenheit, Vielfalt und Freiwilligkeit» ist sehr vage, und es erlaubt in erster Linie Abgrenzungen gegenüber Angriffen auf diese Prinzipien. Eine solche negative Abgrenzung genügt aber nicht als Richtschnur für die persönliche Lebensgestaltung und auch nicht als Grundlage eines politischen Parteiprogrammes. Dazu braucht es zusätzliche Bekenntnisinhalte. Im persönlichen Bereich muss man immer wieder Klarheit darüber gewinnen, was man nun über das Bekenntnis zum Liberalismus hinaus selber für verbindlich hält, ohne dass man es gleich als allgemeinverbindlich erklären möchte. Liberalismus ist und bleibt ergänzungsbedürftig und ergänzungsfähig. Er ermöglicht eine Einigung über «zweitletzte Fragen», indem er die definitive Antwort auf «letzte Fragen» offenlässt und sich gegebenenfalls mit einem «agreement to disagree» begnügt. Er ist zwar stets radikal, d.h. wörtlich «an der Wurzel», aber nie total. Welche Blüten und Früchte aus dieser Wurzel herauswachsen, ist von zusätzlichen Bedingungen bzw. von noch grundsätzlicheren Bekenntnissen abhängig.

2. Wie beurteilen Sie die geistige und die politische Lage des Liberalismus heute, insbesondere in Westeuropa und in der Schweiz?

Der Liberalismus als geistige Strömung ist weltweit von zunehmender Aktualität. Seine beiden historischen ideologischen Widersacher, der dogmatisch fixierte Konservatismus und der doktrinäre Sozialismus sind geistesgeschichtlich überholt. Beide Strömungen überleben ideologisch nur noch dank dauernden Anleihen beim Liberalismus. Allein das Urprinzip des Marktes – auch im Bereich der Ideen – ermöglicht das dauernde schrittweise Lernen und verhindert das gemeinsame Blind- und Dumm-Werden.

Der Markt als wirtschaftliches Prinzip ist aber kein sicheres Bollwerk gegen alle Blindheit und Dummheit, und der Konsum als Selbstzweck kann zum alles verschlingenden Lebensprinzip degenerieren. Eine allein am materiellen Konsum und an der Zerstreuung durch Massenmedien orientierte «Brot- und Spiele-Gesellschaft» verliert ihre Kreativität und damit ihre Oberlebensfähigkeit.

Die Freiheit ist heute in Westeuropa und in der Schweiz nicht in erster Linie durch freiheitsfeindliche Ideologien bedroht, sondern durch die «Verfettung» und die «Immunschwäche» im totalen Versorgungs- und Wohlfahrtsstaat, der sich als populäres Verbraucherparadies präsentiert. Nicht der unbequeme Rebell, der «glückliche Sklave» ist der gefährlichste Feind der Freiheit.

3. Können Sie Personen oder Strömungen («Schulen») nennen, welche den Liberalismus in besonders bemerkenswerter Weise weiterentwickeln oder fördern?

Der Liberalismus eignet sich nicht für die Bildung von «Schulen». Ich werde oft nach den wichtigsten «liberalen Standardwerken» gefragt und bleibe dann die Antwort schuldig. Für jede Person und in jeder Situation ist vermutlich ein anderes Buch lesenswert und wichtig. Eigentliche «Standardwerke» des Liberalismus sind die klassischen Gesetzbücher des Privatrechts, z.B. unser Zivilgesetzbuch und Obligationenrecht. Unsere Privatrechtsordnung ist ein historisch gewachsenes Kulturgut ersten Ranges. Sie verkörpert die gesellschaftliche Entwicklung, welche vom Gewaltprinzip zum Vertragsprinzip geführt hat und weiterhin führt.

Die differenzierte systematische Verknüpfung von Personenrecht, Familienrecht, Erbrecht und Sachenrecht mit dem Obligationenrecht bis und mit Handels- und Wertpapierrecht enthält im Kern die Philosophie des Liberalismus, die vom autonomen Individuum ausgeht und dieses auf dem Wege des Konsenses sozial einbindet.

Persönlichkeit, freiwillige Personenverbände, Konsensehe, Familie und Erbprinzip, Eigentum, Leistungsprinzip, Vertragsprinzip, Verantwortlichkeit, organisierte Kooperation, Geld- und Kreditwesen sind alles Marksteine auf dem Weg vom Gewaltprinzip zum Vertragsprinzip – der liberale Weg der gleichzeitig auch die liberalen Ziele enthält. Dieser Weg bildet keine Gerade, sondern eine Spirale, bei der immer wieder alle Bereiche in neuen Zusammenhängen und Spannungsfeldern auftauchen.

Die Institute des Privatrechts garantieren wegen der inhärenten Widersprüche keine automatische Konfliktfreiheit. Sie basieren von ihrer Entstehungsgeschichte her nicht auf dem politisch problematischen Gedanken der Verteilungsgerechtigkeit, sondern auf dem Prinzip der flexiblen Handhabung eines Friedensschlusses nach einem Verzicht auf Gewaltanwendung.

Der Liberalismus ist nicht nur dauernd ergänzungsbedürftig – er muss auch dauernd an die aktuellen Probleme adaptiert werden. Das heisst nicht, dass seine grundlegenden Erkenntnisse immer wieder neu erfunden werden müssen. Bei Wilhelm von Humboldt findet man höchst aktuelle Aussagen zur liberalen Bildungspolitik, z.B. zur Lehrerpersönlichkeit, und die ideengeschichtlich wichtige Zeit der 20er-Jahre dieses Jahrhunderts ist im deutschen Sprachgebiet viel zu wenig beachtet worden. Ludwig von Mises hat damals mit seinem Buch «Die Gemeinwirtschaft» eine heute besonders aktuelle radikale Kritik des ökonomischen Sozialismus verfasst, während der antietatistische Sozialist Franz Oppenheimer in seinem Buch mit dem Titel «Der Staat» mit dem Glauben an die politische Organisation als allzuständige Problemlösungsinstanz gründlich abgerechnet hat.

Persönlich habe ich eine Vorliebe für angelsächsische Sozialphilosophen, bei welchen ich meine eigene Abneigung gegen geschlossene Systeme bestätigt finde. Dort steht – besonders im 19. Jahrhundert – die grossartige Idee der Evolution im Mittelpunkt, die Oberlegenheit des unendlich komplexen Organismus, in dem alles irgendwie funktioniert und niemand weiss warum, während demgegenüber in den geordneten Systemen jeder für sich zu wissen glaubt, warum sie nicht funktionieren. Der Meinungsstreit erschwert dann die notwendigen Verbesserungen. Der Österreicher F. von Hayek knüpft an die erwähnte angelsächsische Tradition an. Er ist für mich der bedeutendste liberale Klassiker der Gegenwart. Das beste Werk eines noch lebenden Autors über den Liberalismus ist meines Erachtens «Four Essays on Liberty» von Isaiah Berlin.

Ein weiteres Faible habe ich für den italienischen Liberalismus, wie er etwa von Giovanni Malagodi vertreten und gelebt wird. Dieser Liberalismus bezieht seine Vitalität aus der politischen Kultur des Lebens und Leben-Lassens «zwischen Don Camillo und Peppone» und aus einer gewissen Offenheit gegenüber dem philosophischen Anarchismus, der nicht mit anarchistischem Terror verwechselt werden darf. Die Bejahung der Spontaneität, der Improvisation und der Kreativität von Versuch und Irrtum spielt dort eine wichtige Rolle.

Ich sehe in der zunehmenden Popularität des Leistungs- und Lenkungsstaates, der zu ausschliesslich auf materiellen Wohlstand und soziale Sicherheit ausgerichtet ist, eine ernste Gefahr. In dieser Hinsicht bin ich ein Rechts-Liberaler. Die «Rettung aus dieser Gefahr» besteht im unpopulären Mut zum Nein. Das Nein allein genügt aber nicht. Es braucht soziale Phantasie für die Entwicklung von Alternativen zum «goldenen Käfig» des Wohlfahrtstaats. Solche Phantasie blüht bei den Unangepassten, den Aussenseitern und Querdenkern.

Es gibt den Unternehmergeist, der nicht nur im wirtschaftlichen Bereich etwas wagt, sondern auch in sozialen und kulturellen Bereichen Erfahrungen sammelt, z.B. in einer Wohngemeinschaft oder in einer Selbsthilfegruppe. Es werden dort natürlich auch vielfältige Fehler gemacht, aber gerade diese Fehler bringen neue Erfahrungen, aus denen gemeinsam gelernt werden kann. Die Idee vielfältiger dezentraler kleiner Experimente, bei denen die Fehler nicht gleich zu Katastrophen werden, ist eine liberale Idee. «Small is more than beautiful» – es ist die unbezahlbare Möglichkeit des gemeinsamen relativ ungefährlichen Fehlermachens. In diesem Sinn bin ich ein Links-Liberaler mit ökolibertärem Einschlag.

Aus der Schweiz haben mich vor allem drei Persönlichkeiten beeinflusst, die – jede in besonderer Weise typisch ist für eine grosse Zahl von Lehrern und Freunden, denen ich vieles verdanke. Einmal Karl Schmid1), der in grossen Zusammenhängen denkende Germanist und Kulturphilosoph. Er hat mich auf die Bedeutung der kulturellen Vielfalt und der helvetischen Eigenständigkeit aufmerksam gemacht, letztere in ihrer Gegenläufigkeit als Chance für die Schweiz und für Europa. Gleichzeitig hat er in seinem Bericht über die Sicherheitspolitik der Schweiz jene für mich wegleitende Ethik des Milizprinzips dargestellt, die er auch persönlich gelebt hat. Dann Ruedi Schatz2), der eigenständig aktive und unternehmerische St. Galler Politiker, der leider allzufrüh tödlich verunglückt ist. Er hat mir als einem eher grüblerisch veranlagten Theoretiker gezeigt, dass es in der Politik aufs engagierte Realisieren ankommt, und dass der persönliche Gestaltungsspielraum bei notwendigen Kompromissen oft grösser ist als man gemeinhin annimmt. Schliesslich habe ich beim ökologisch orientierten Okonomieprofessor Hans Christoph Binswanger3) gelernt, wie fundamental wichtig das radikale Nachdenken über den Haushalt von Mensch, Natur und Kultur ist und wie jedes Nachdenken über Ursachen auch ein Vorausdenken mit der Hoffnung auf Folgen sein sollte.

1) Schmid Karl, Europa zwischen Ideologie und Verwirklichung, Zürich, 1966
2) Schatz Ruedi, Reden und Schriften, St. Gallen 1980
3) Binswanger Hans Christoph, Okonomie und Lebensqualität, Jahrbuch der Neuen Helvetischen Gesellschaft 1975, Bern 1975, S. 80 ff.

4. Gibt es Gegenwarts-und Zukunftsprobleme, für welche Sie liberale Lösungsvorschläge besonders überzeugen?

Ich erwähne zwei wichtige, aber sehr verschiedene Problemkreise, bei denen der Liberalismus von zentraler Bedeutung ist. Die Europäische Einigung kann nur verbunden mit einem konsequenten liberalen Weniger-Staat-Denken Erfolg haben. «Weniger Staat steht in diesem Zusammenhang für «Weniger Verwaltungsapparat». Wenn sich im «Ungeist von Brüssel» der preussische Bürokratismus mit dem französischen Zentralismus zu einer unheiligen Allianz verbindet, verliert Europa jenen umfassenden Unternehmergeist, der seinen historischen Stellenwert in der Welt ausmacht.

Die Öffnung von wirtschaftlichen Grenzen – an sich etwas sehr Liberales – darf nicht mit einer Abschliessung Europas gegen aussen erkauft werden. Die drei liberalen Prinzipien Offenheit, Vielfalt und Freiwilligkeit könnten für eine Integration Europas wegleitend sein. Ich befürchte aber, dass die Entwicklung nicht in diese Richtung tendiert.

Als zweites Beispiel erwähne ich unser Gesundheitswesen. Es kann nur im liberalen Geist aus dem Teufelskreis herausgeführt werden, in dem es steckt. Was als «Malaise» der Kostenexplosion wahrgenommen wird, ist eine sehr tief sitzende Krise. Die Privatisierung von Nutzen und die Sozialisierung von Kosten muss schrittweise durch einen neuen Organismus von «checks and balances» zwischen allen Beteiligten und Betroffenen ersetzt werden. Hinter dem Schlagwort «Kostenexplosion» lauert das Gespenst einer sozialistischen Sano-Diktatur. Ich glaube, dass das Thema Krankheits- und Altersversorgung bzw. -vorsorge bald auf die obersten Ränge der politischen Traktandenliste gelangen wird, und zwar nicht als quantitatives finanzielles Problem, sondern als ein qualitatives. Das Schlimmste ist, dass unser Gesundheitswesen die Lernfähigkeit verloren hat.

5. Gibt es andere Probleme (Umweltzerstörung, Armut und Oberschuldung der dritten Welt, Drogenprobleme), welche Grenzen der Problemlösungskapazität oder gar negative Auswirkungen des Liberalismus zeigen?

Als Liberaler sollte man keine Mühe haben mit der Existenz von letztlich unlösbaren Problemen. Alle drei Bereiche können dazu gezählt werden. Vielleicht gehört auch die gesellschaftliche Rollenteilung zwischen Mann und Frau zu den nie definitiv und allgemein befriedigend lösbaren Problemen. Sie darf aber kein Alibi für die politische Passivität bzw. für die reine Defensive sein. Auch die Nichtlösung von Problemen kann besser oder schlechter erfolgen. Wichtig ist hier die antike Maxime des Hippokrates «in erster Linie nicht schaden». Wir müssen aufhören zu schaden, und wir müssen auf alles zwar Gut-Gemeinte, politisch Attraktive, aber im Effekt Kontraproduktive verzichten lernen.

Es ist vielleicht kein Zufall, dass die erwähnte Maxime des Hippokrates in allen erwähnten Bereichen neue Koalitionen ermöglicht. Es finden sich für eine «Politik der aktiven Zurückhaltung» z.B. in der Entwicklungspolitik heute Leute aus den verschiedensten politischen Lagern. Das Links-Rechts-Schema ist hier erfreulicherweise überwunden. Dies ist ein Hoffnungsschimmer bei der Verbesserung der Nichtlösung dieser Probleme. Die Prinzipien der Offenheit, Vielfalt und Freiwilligkeit sind vielleicht konsensfähiger als die politische Etikette «Liberalismus». Allerdings genügt dieser Slogan nicht. Er muss ergänzt werden durch das Anerkennen von Grenzziehungen und durch das Akzeptieren von wirklich notwendigem Zwang. Markt und Vertrag können ohne den Schutz durch Polizeirecht, Verfahrensrecht und Vollstreckungsrecht nicht überleben. Das hat der Liberalismus stets anerkannt. Aber das Polizeirecht selbst und der Zwang ganz allgemein ist für die Lösung der angeführten Probleme nur sehr beschränkt geeignet. Die Verhinderung der Umweltzerstörung durch die Motive des marktorientierten Eigeninteresses und durch ein Preissystem, das die Zusammenhänge von «umweltschädlich» und «teuer» verdeutlicht, ist erfolgversprechender als ein ökosozialistisches Verbots- und Plansystem mit seinen programmierten Vollzugskrisen. Solche Verbote werden immer mit dem Versprechen verbunden, dass es schliesslich für alle einmal mehr materiellen Wohlstand geben wird, weil ja die Ausbeutung der Natur nur eine Folge der Ausbeutung des Menschen durch den Menschen sei und nach deren Oberwindung von selbst aufhöre…

Polizeilicher und fiskalischer Umweltschutz können also zunächst zu Lasten der «Reichen» (der «Ausbeuter») und der «übermässigen Umweltverschmutzer» propagiert werden. Schliesslich wird aber die sogenannte Umverteilung in eine grosse allgemeine Plünderung einmünden, mit der man das Versprechen «allen immer mehr zu geben» einlösen muss. Alle werden dann gleich, indem alle alles ausbeuten… Die langfristige Problemlösungskapazität des mit Demokratie verbundenen Sozialismus, der ein «Leben zum Nulltarif» in Aussicht stellt, ist aus dieser Sicht viel beschränkter als die des Liberalismus, der weiss, dass Knappheit und Leistung notwendigerweise zur Weltordnung gehören, und welcher mit dem Preis als Indikator der Knappheit ein international und interkulturell verständliches und kommunizierbares Verteilungsprinzip anbietet, das zwar unter verschiedensten Gesichtspunkten nicht «gerecht» ist, aber doch «umweltgerecht» ausgestaltet werden kann.

Die unbestrittenermassen notwendige Verstärkung der Knappheitssignale (bzw. der Abbau der antiökologischen politisch gesetzten «Gegensignale»), geht heute nicht ohne neue bzw. andere rechtlich erzwingbare Rahmenbedingungen. Die Vertreter der ökologischen Marktwirtschaft haben dies schlüssig nachgewiesen Was in diesem Bereich fehlt, ist ein politisch praktikables konsensfähiges Realisierungskonzept.

6. Gibt es politische Differenzen innerhalb des schweizerischen Liberalismus evtl auch mit regionalen Antagonismen («Anti-Zürcher-Reflex») verbunden – welche Sie beschäftigen?

Als engagierter Befürworter der Vielfalt freue ich mich zunächst einmal über alle Differenzen Es gibt keinen Schweizerischen Ordonnanz-Liberalismus und ich habe es oft erlebt, dass liberale und unliberale Ideen unabhängig von der Parteizugehörigkeit vertreten und – seltener – realisiert werden. Das Liberale Institut erhebt nicht den Anspruch zu wissen, was von Fall zu Fall die liberalste Lösung ist… Trotzdem betrachten wir es als unsere Aufgabe, nach solchen Lösungen zu suchen. Neu war für mich bei dieser Suche zunächst die Tatsache, welche «alten Füchsen» längst bekannt ist, nämlich dass «Wirtschaft» und «Wirtschaftsliberalismus» zwei verschiedene Bereiche sind. Vertreter der Wirtschaft sind nicht notwendigerweise Vertreter des Wirtschaftsliberalismus, und die «Lobby» des Liberalismus ist nicht besonders mächtig. Wirtschaftsvertreter stehen begreiflicherweise oft ihren Firmen- und Brancheninteressen näher als den Prinzipien der Wirtschaftsfreiheit. In der Politik dürfen und müssen Interessen vertreten werden, aber der Kampf der Interessen darf sich nicht als Auseinandersetzung von Prinzipien ausgeben. Die Auseinandersetzung muss – in Ergänzung zum politischen Interessenausgleich – dauernd gesucht und gefördert werden, weil sie für das Überleben von Ideen und speziell von der Idee der Freiheit lebenswichtig ist.

Als gebürtiger Appenzeller habe ich einen starken antizentralistischen Reflex. Zürich ist ein Zentrum, und es birgt die Chancen und Gefahren jedes städtischen Zentrums. Man kann aber die positiven Seiten nicht nutzen, ohne auch viel Negatives in Kauf zu nehmen, und für mich überwiegt das Positive an der Stadt. Ich habe keinen Anti-Zürich-Komplex, und ich halte solche Reflexe oder Komplexe für höchst problematisch. Es ist zu billig und auch gefährlich, wenn ein ganzes Land seine echten und seine vermeintlichen Schattenseiten in einen begrenzten Raum hinein verdrängt: Züricn als «Sündenbabel des Kapitalismus» und die übrige Schweiz als «heile Welt»… Wir haben als Schweizer alle Teil an den Vor- und Nachteilen einer kapitalistischen Wirtschaftsordnung, und an der mit ihr verknüpften internationalen Arbeitsteilung, innerhalb der wir eine für eine grosse Zahl von Leuten besonders attraktive Nische nutzen. Weder das Personalisieren noch das Lokalisieren der damit verbundenen Probleme sind ein Beitrag zu deren Lösung.

Die liberalen Prinzipien «Offenheit» und «Vielfalt» habe ich als Weltoffenheit und als urbane Vielfalt in Zürich kennen und schätzen gelernt. Ich versuche mir meinen kleinregional geprägten Glauben an die Kraft der eigenständigen Freiwilligkeit und an das eigensinnige antiarbeitsteilige Milizprinzip zu bewahren

7. Was gefällt, was missfällt Ihnen an der Politik des Freisinns, und welche Reformen schlagen Sie vor?

Den Freisinn gibt es so wenig wie den Liberalismus. Dieser Pluralismus und auch die Heterogenität gefällt mir an der FdP. Diese Partei wird immer wieder daran erinnert, dass sie dauernd reformbedürftig ist, aber sie zieht manchmal zu wenig Konsequenzen daraus. Ich glaube, dass zurzeit für die FdP mehr vorliegt, als nur ein «Image-Problem~ (das mit PR-Mitteln behoben werden könnte), aber weniger als eine Grundsatzkrise. Die ideelle Basis stimmt. Der Liberalismus ist den ideologischen Gegenpositionen wegen seiner anthropologischen Realitätsnähe und wegen seiner inhärenten Lernfähigkeit überlegen. Es handelt sich nicht um eine Überlegenheit von Personen, sondern z.T. auch um eine Oberlegenheit trotz Personen. Es gilt nun die in einem demokratischen Rechtsstaat organisch gegebene Lernfähigkeit optimal zu nutzen und zu erhöhen.

Der Freisinn ist eng mit der kapitalistischen Wirtschaft verknüpft und diese ist wiederum eine der Hauptkomponenten des Liberalismus – aber nicht die einzige! Die Verknüpfung von Freisinn, kapitalistischer Wirtschaft und Liberalismus darf weder geleugnet noch verdrängt werden. Die sog. Filz-These ist nicht aus der Luft gegriffen. Aber: keine Partei kommt ohne Filz aus. Die etatistisch orientierten Sozialdemokraten möchten ja den «Filz» zwischen dem ökonomischen und dem politischen System sogar zum Prinzip erheben, indem das erste in das zweite integriert werden soll; sie wollen also den «Filz» durch den «Superfilz» überwinden.

Auch die Arbeiter, Bauern und Handwerker, die Sparer und Konsumenten, die Rentner und Subventionsempfänger sowie die fleissigen Propagierer und Benützer öffentlicher Dienstleistungen gehören zum grossen mit mehr oder weniger sauberem Geld verwobenen «Filz».

Der Kapitalismus darf in seiner allgemeinen Tragweite mit all seinen Chancen und Gefahren nicht unterschätzt werden, und die peinliche Vermeidung dieses Begriffs bannt die Probleme nicht. Die grösste Bedrohung für den Kapitalismus ist nicht dessen Kritik, sondern – und darauf haben berühmte Verfechter des Kapitalismus immer wieder hingewiesen – dessen Tendenz zur Selbstzerstörung.

Ein entscheidendes Mittel gegen Selbstzerstörung ist die dauernde Konfrontation der ökonomischen mit den politischen und mit den kulturellen Komponenten des Liberalismus. Max Weber hat zu Recht auf die Zusammenhänge zwischen Kapitalismus und Calvinismus hingewiesen. Auch wenn seine These historisch fragwürdig bleibt, hat er doch etwas sehr Wesentliches und auch für die Zukunft Wichtiges entdeckt. Nicht die materiellen Verhältnisse allein beherrschen den Geist, sondern der Geist – auch der religiöse – vermag auf die materiellen Verhältnisse einzuwirken. Der Kapitalismus muss mit den ethischen Prinzipien der ökologischen und der sozialen Verantwortung verknüpft bleiben, und dazu kann auch der Liberalismus Wesentliches beitragen. Wir brauchen also nicht weniger Filz zwischen «Wirtschaft» und «Politik», sondern mehr Filz zwischen «Politik» und «Ethik» und zwischen «Wirtschaft» und «Ethik». Unter Ethik verstehe ich nicht einfach eine Sammlung frommer Sprüche und Wünsche und unwirksamer Appelle. Ich verstehe darunter eine persönlich praktizierte Bereitschaft zum Verzicht auf eigene Vorteile zu Lasten Dritter und zu einem frei bestimmten Einsatz zugunsten der Hilfebedürftigen, jene Art von altruistischer Selbstverwirklichung, die nach einem Wort von F. von Hayek «das Wohlergehen anderer zu seiner Hauptaufgabe macht.»

Ich weiss, dass solche Reformvorschläge nicht einfach via Traktandenliste in ein Parteiprogramm eingebracht werden können. Es ist vielleicht noch mehr eine Angelegenheit der Personalpolitik, als der Programmatik. Verantwortlichkeit und Verzicht können nicht einfach jenen gepredigt werden, die eben erst in den Genuss von vergrösserlen Konsum- und Freizeitmöglichkeiten gekommen sind. Sie müssen praktiziert werden und zwar von jener Elite, die ein entsprechendes Verzichtpotential hat, und die dafür in die Rolle eines Vorbilds hineinwachsen kann. (Basel, Bern und Genf liefern in dieser Hinsicht in ihrer Geschichte evtl. bessere Beispiele als das Zürich von gestern und heute, in dem die Maxime «enrichissez-vous» doch recht stark im Vordergrund steht.) Ethische Postulate können nur Gegenstand langfristiger Lernprozesse sein, und Parteien sind so «schwererziehbar» wie es alle menschlichen Organisationen sind. Weil sie aber aus Menschen bestehen, gibt es auch gute Gründe für einen gemässigten Optimismus. Ich habe in der FdP immer wieder Persönlichkeiten kennengelernt, die für mich in irgendeiner Weise vorbildlich waren.

8. Wo sehen Sie den Beitrag des Liberalen Instituts zur Reform des schweizerischen Uberalismus?

Das Liberale Institut ist gemessen am Schweizer Freisinn etwas sehr kleines und dieser ist wiederum gemessen an der Ideenwelt des Liberalismus sehr klein. Ich betrachte es als eine unserer Aufgaben, die FdP immer wieder auf die liberalen Prinzipien der Offenheit, der Vielfalt und der Freiwilligkeit hinzuweisen.

Gleichzeitig versuche ich der Herausforderung gerecht zu werden, die Tauglichkeit liberaler Lösungsansätze anhand von konkreten politischen Problemen immer wieder zu überprüfen. Die Überwindung der Kluft zwischen Theorie und Praxis gelingt dabei leider nur allzu selten und bleibt stets unvollkommen. Glücklicherweise und richtigerweise gibt es aber innerhalb und ausserhalb der politischen Organisationen eine ganz grosse Zahl von Leuten, die – ebenfalls mit mehr oder weniger sichtbarem Erfolg – ähnliche Ziele anstreben.

Weil der Liberalismus voller unerfüllter Herausforderungen steckt, kann er nicht nach der Formel «Liberalismus nach wie vor» konserviert werden Er hat seine Zukunft vor sich und nicht hinter sich. Darin liegen seine Chancen, und diese Chancen gilt es wahrzunehnen und zu verbessem.

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