(Finanz und Wirtschaft, 1. Mai 2026)
Warum die Verheissung der «Fülle für alle» eine gefährliche Illusion ist
Knappheit bestimmt die menschliche Existenz und lässt sich weder durch Sozialismus noch durch Technologie überwinden. Über die Ursprünge von Staat, Macht und das Scheitern der Gleichheitsutopie.
Kommentar von Robert Nef

Der Mensch ist mit guten Gründen als «Mängelwesen» definiert worden. Knappheit ist das lebensbestimmende Element, und die politisch-ökonomische Verheissung einer definitiven «Fülle für alle» ist eine gefährliche Illusion, die allerdings weltweit von «Sozialisten aller Parteien» und zunehmend auch von Technologie-Utopisten beharrlich und zum Teil auch erfolgreich verbreitet wird.
Der Mensch hat sich als «Mängelwesen» mit hohem Wachstumspotenzial im Lauf der Jahrtausende schliesslich «die Erde untertan gemacht». Der Soziologe und Geschichtsphilosoph Franz Oppenheimer hat in seinem 1909 erstmals publizierten und erst nach dem Zweiten Weltkrieg wissenschaftlich diskutierten Werk «Der Staat» die Knappheit als Triebfeder der Entstehung von Staaten zutreffend beschrieben.
Nach der Theorie von Thomas Malthus («An Essay on the Principle of Population», 1798) ist die Geschichte der Menschheit die Geschichte von wachsenden Populationen, die unweigerlich in das Dilemma der «Verteilung von Volk und Raum» münden. Die zunehmende Knappheit von kultivierbaren Lebensräumen führt zunächst zur Migration und schliesslich zum Krieg um «mehr Lebensraum» für das eigene Volk zulasten anderer Populationen.
Nomaden und Sesshafte
Um angesichts wachsender Populationen der Knappheit zu entgehen, haben die Menschen schon in vorhistorischer Zeit zwei entgegengesetzte Verfahren gewählt. Die einen haben sich als Nomaden auf den Weg gemacht, um bessere Lebensverhältnisse zunächst durch Wanderung und später durch Eroberung zu finden. Das Motto der Nomaden lautet: Überall ist es besser als hier. Die Sesshaften haben durch eine organisierte Bewirtschaftung den Ertrag in ihrem angestammten Territorium gesteigert und ihr Land gegen Eindringlinge verteidigt, nach dem Motto: Nirgends ist es besser als hier.
Staaten sind nach Franz Oppenheimer, wohl unter Bezugnahme auf die Theorie von Malthus, dadurch entstanden, dass erfolgreiche aggressive Nomaden oder Piraten die Gebiete von sesshaften Ackerbauern eroberten und dort ein Herrschaftssystem aufbauten und stabilisierten, in dem die erfolgreichen Eindringlinge dauerhaft über die eroberten Sesshaften dominierten.
In Nordamerika stiessen die Kolonisatoren auf intern rivalisierende Nomadenstämme, was die Eroberung erleichterte. Aus dieser Sicht ist jede politische Herrschaft die mehr oder weniger kultivierte Stabilisierung einer Fremdherrschaft, die entweder im Lauf der Jahrhunderte als «normal» empfunden oder durch neue Eroberer erfolgreich abgelöst worden sind.
Vor allem die Geschichte Asiens, des Nahen Ostens und auch Europas ist eine Geschichte der Völkerwanderung mit erfolgreichen Eroberungen und nachträglichen Stabilisierungen der politischen Herrschaft.
«Sozialistische Experimente haben die Armut nicht beseitigt. Diese verführerische Utopie hat bisher weltweit Schiffbruch erlitten.»
Oppenheimers fundamentale Analyse der Staatsentstehung als Sieg des aggressiven politischen Mittels über das friedliche ökonomische Mittel erklärt tatsächlich sehr viele Entwicklungen, aber nicht alle. Es gibt in der Geschichte auch die friedliche Landnahme in unbesiedelten Gebieten durch Urbarisierung und gemeinsame Bewirtschaftung auf genossenschaftlicher Basis (z.B. in der Urschweiz als Eidgenossenschaft) und die erfolgreiche Sezession als Befreiung von politischer Fremdherrschaft.
Neben der Definition des Staates als erfolgreiche Unterdrückungsorganisation gibt es auch die Definition des Staates als Hüter und Beschützer der Freiheit seiner Bürger. Man kann die eine als «realistisch pessimistisch» charakterisieren und die anderer als «idealistisch optimistisch», aber dies ist für Freunde der Freiheit kein Grund zur Resignation.
Die Gefahr, dass Rechtsstaaten durch Mehrheiten, auch ohne Invasion von aussen, schrittweise in Bevormundungsstaaten verwandelt werden, ist allerdings nicht von der Hand zu weisen, nur sind es in diesem Fall keine Nomaden und Piraten, die eindringen, sondern eine neue Klasse von Bürokraten, die schrittweise ihre Macht zulasten der Freiheit aufbauen und ausbauen und dies als «sozialen Fortschritt» bezeichnen.
Fülle für alle
Die Überwindung der Knappheit im Sinn eines definitiven Siegs über alle Arten von Armut war und ist das Leitthema der Sozialisten und der Kommunisten aller Länder. Nachdem in der Französischen Revolution die Vorrechte des Adels beseitigt worden sind, geht es den Sozialisten aller Schattierungen darum, auch die «Vorrechte der Besitzenden gegenüber den Besitzlosen» durch eine kollektiv organisierte Verteilung und Umverteilung zu ersetzen, bis es dann letztlich zu einer allgemeinen gleichen Teilhabe aller an den materiellen Gütern dieser Welt kommen könne.
Die in der Vergangenheit durch Ungleichheit der Besitzesverteilung und durch Ausbeutung geschaffenen Knappheiten sollten nach dem Ideal einer «klassenlosen Gesellschaft» weltweit durch eine gemeinsame Verwaltung aller Güter ersetzt werden. Der technische Fortschritt werde, so lautet die optimistische Prognose, nach einem Sieg im Klassenkampf letztlich eine Fülle für alle ermöglichen und die bisher ungerecht bewirtschaftete und verteilte Knappheit definitiv überwinden.
Diese verführerische Utopie hat bisher weltweit Schiffbruch erlitten. Sozialistische Experimente haben die Armut nicht beseitigt, und die politischen Vorkämpfer haben sich in allen bisherigen sozialistischen Staaten als neue Klasse etabliert, die neue Mischformen von Feudalismus und Staatskapitalismus praktizierte und zum Teil immer noch praktiziert.
Das Scheitern der Gleichheitsidee und die Unmöglichkeit, bestehende Knappheiten durch zentrale Planung zum Verschwinden zu bringen, werden allerdings nie dem System angelastet, sondern feindlich gesinnten Mächten und einer internen Opposition, die man kriminalisiert. Die Transformation gescheiterter sozialistische Experimente hat zu zentral verwalteten Mischformen von Markt und Staatswirtschaft geführt, bei denen die politische Führung ihre systembedingten Probleme irgendwelchen feindlichen gesinnten Staaten in die Schuhe zu schieben versucht.
Diese Erfahrung hat lediglich das Verständnis dafür geschärft, dass die schrittweise Rückkehr zu einem staatlich organisierten Kapitalismus die Knappheit weder abschaffen noch verleugnen kann. Für viele bleibt die Knappheit auch weiterhin die Ursache für ständige Frustration und Verbitterung, weil sie niemals alle in gleicher Weise herausfordert und sich einer zentral geplanten Verteilung und Umverteilung widersetzt. Das ist der Grund, warum viele Menschen dem Nachdenken über die Ursprünge der Knappheit ausweichen und sie immer noch als Bedrohung und nicht als existenzielle Herausforderung wahrnehmen.
Der positive Umgang mit dem Phänomen Knappheit wird auch von einer vermeintlichen technologischen Drohkulisse beeinträchtigt. Es geht um die Angst, dass in einer von zunehmend künstlicher Intelligenz gesteuerten Arbeitswelt der Arbeitsgesellschaft früher oder später die Arbeit ausgehen könnte, weil die Technologie den Einsatz menschlicher Kräfte überflüssig mache.
Tatsache ist, dass die Industriegesellschaft, in der sehr viele Menschen in Fabriken Maschinen bedienten, abgelöst wird von einer Arbeitswelt, in der vor allem diejenigen Dienstleistungen im Zentrum stehen, die Beziehungen zwischen Menschen und Menschen und ihrer Mitwelt und Umwelt betreffen.
Sinnvolle Angebote an Diensten und Leistungen werden in einer arbeitsteiligen, global vernetzten, sich wandelnden Welt stets nachgefragt werden. Das Wahre, Schöne, Gute, Gesunde und Wohltuende wird neben dem unmittelbar Notwendigen immer knapp bleiben.
Quelle: https://www.fuw.ch/knappheit-warum-sozialistische-utopien-scheitern-muessen-687198683425