Der Historiker Herbert Lüthy als Journalist
Die Arbeiten der Bergier-Kommission konfrontieren uns einmal mehr mit der Rolle der Schweiz während des Zweiten Weltkrieges. Der Historiker Herbert Lüthy gehört zu den wenigen noch lebenden Zeitzeugen, welche das damalige Geschehen als Journalist beobachtet und kommentiert haben, gestützt allein auf die schmale Basis von unmittelbar zugänglichen und allerseits propagandistisch verzerrten Informationen. Herbert Lüthy lebt heute hochbetagt in Basel, wo er zuletzt nach mehreren Jahren publizistischer Aktivität in Frankreich und nach langjähriger Lehr- und Forschungstätigkeit als Professor für Geschichte an der ETH Zürich und an der Universität Basel seinen Wohnsitz wählte. Er blieb aber mit St. Gallen, wo er die Kantonsschule besucht hat, und wo seine ersten Artikel und Bücher publiziert worden sind, stets verbunden. In einem Interview anlässlich seines 8O. Geburtstags hat er die Atmosphäre jener Zeit wie folgt in Erinnerung gerufen. «Mit fünfzehn Jahren kam ich nach St. Gallen, mit dem Blick in die Berge und in eine Welt, die immer enger wurde. Jenseits von Bodensee und Rhein lag das nun braune Deutsche Reich und das vorerst schwarze Österreich im permanenten Bürgerkrieg, nach Süden das längst lärmend diktatoriale Italien und nur noch fern im Westen die Schönheit der Dekadenz, das Land der Sehnsucht, Frankreich…» (Schweizer Monatshefte, Dez./Jan. 1997/98, S. 31).
Die damalige Presselandschaft unserer Stadt war geprägt von drei Tageszeitungen mit unterschiedlicher politischer und weltanschaulicher Ausrichtung: das freisinnig-demokratische, bürgerliche «St. Galler Tagblatt», die katholisch-konservative «Ostschweiz» und die sozialdemokratische «Volksstimme». Lüthy publizierte seine Kommentare und Karikaturen zunächst in der «Volksstimme», wurde dann aber – als Werkstudent – für die regelmässig erscheinende und damals viel beachtete Kolumne «Wochenschau» des «St.Galler Tagblatts» verpflichtet, eine Herausforderung, der sich heute kein Berufsjournalist mehr stellen will: Regelmässig das Weltgeschehen aus persönlicher Perspektive zu kommentieren und damit bei der Leserschaft jene Orientierung zu ermöglichen, die auf einem meinungsbildenden, oft auch kritischen Dialog mit einem Mitarbeiter der bevorzugten Zeitung beruht.
Dass sich solche Kolumnen immer auch dem kritischen Blick der Kollegen bei der politischen und publizistischen Konkurrenz stellen mussten, hat wohl deren Qualität ebenfalls gesteigert. Die Konzentration im Pressewesen hat nicht nur zu einem Verlust an Vielfalt geführt, sondern auch zu einem merklichen Rückgang der Qualität. Ein solches Urteil beruht nicht einfach auf einer nostalgischen Verherrlichung «alter Zeiten», es kann durch einen Textvergleich, (auch ohne den mühsamen Gang in die Archive), erhärtet werden, weil es glücklicherweise Verleger gab und gibt, welche Sammlungen journalistischer Texte in Buchform herausgeben. (Heute erleichtert die elektronische Speicherung den Zugang zu den Archiven der Tagespresse wohl auch auf längere Sicht; die Frage, ob sich das immer lohne, bleibt offen…) Nach dem Krieg war man mit gutem Grund beim «Verlag Zollikofer» auf die Leistung des inzwischen an der Universität Zürich zum Dr. phil. promovierten Jungjournalisten Lüthy so stolz, dass man die Texte unverändert unter dem Titel «Fünf Minuten vor Zwölf» und «Bis zur Neige» in Buchform herausgab, und damit auch der Kritik der «nachträglichen Besserwisser» aussetzte. Diese Spezies treibt in der Zeitgeschichte immer wieder ihr Unwesen. Man beurteilt das Verhalten unserer Vorfahren gern auf dem Hintergrund eines Wissens, das man erst nachträglich erworben hat und auf das die Entscheidungsträger von damals nicht zurückgreifen konnten. Auch die Arbeiten der Bergier-Kommission sind gegen solche Unfairness nicht völlig immun. Lüthy hat auf die Frage, was von dieser Kommission an grundlegend neuen Erkenntnissen über die Geschichte der Schweiz im Zweiten Weltkrieg zu erwarten sei, wie folgt geantwortet: «Ich glaube nicht, dass noch essentielle neue Fakten darüber auftauchen werden. Neue Deutungen gibt es natürlich immer. Der wichtigste Aspekt scheint mir eine Deutung der Quellen zu sein, die das damals geltende Völkerrecht berücksichtigt und nicht von heutigen Normen ausgeht.» Da äussert sich ein Historiker, der sich sehr wohl an seine journalistische Tätigkeit erinnert, wo man eben unter Zeitdruck, ohne zeitliche Distanz und auch ohne Einbezug von Sekundärliteratur über das Tagesgeschehen informieren muss und gleichzeitig auch längerfristig orientierende Perspektiven in die Kommentare einbeziehen sollte.
Die beiden Bände, welche Lüthys «Wochenschau» als Quelle und als Dokument eines hervorragenden, informierenden und kommentierenden Journalismus, den es in dieser Art heute kaum mehr gibt, wieder zugänglich machen, werden im Rahmen einer auf acht Bände konzipierten Ausgabe «Gesammelter Schriften» beim NZZ-Verlag neu herausgegeben (Erscheinungstermin ab 2001). Auch das in französischer Sprache abgefasste zweibändige Werk zur Geschichte der «Banque Protestante en France», inzwischen eine auf dem Antiquariatsmarkt gesuchte Rarität, wird damit wieder allgemein greifbar. Herbert Lüthy wählte für sein erstes Buch den Titel «Fünf Minuten nach Zwölf», und sein Verleger passte dann, ohne dies mit dem Autor abzusprechen (!), diesen Titel der Redensart «Fünf Minuten vor Zwölf» an, wohl in der Annahme, man dürfe bei Buchtiteln nicht allzusehr gegen den Strom des üblichen Sprachgebrauchs schwimmen. Der Historiker Lüthy hatte aber diese Gegenläufigkeit zum Sprachgebrauch bewusst gewählt, und er signalisierte damit etwas, das bis in den deutschen Historikerstreit hinein ein Thema blieb. War der «Zweite Weltkrieg» ein Krieg wie jeder andere, waren seine Verbrechen mit den Verbrechen anderer Konflikte vergleichbar, oder wurden damals nicht nur buchstäblich, sondern auch im übertragenen Sinn, menschheitsgeschichtliche Grenzen überschritten, die selbst den Zeitrahmen des menschlichen Masses sprengen? Totalitarismus und der damit verknüpfte «totale Krieg» haben im letzten Jahrhundert unauslöschliche, blutige Spuren hinterlassen. Es ist zu hoffen, dass es im 21. Jahrhundert nicht wieder zu jenen Exzessen kollektiver Gewalt kommt, die von Herbert Lüthy 1945 mit dem Buchtitel «Fünf Minuten nach Zwölf», hoffentlich zu Recht, als grenzüberschreitende und jeden Rahmen sprengende Katastrophe charakterisiert worden sind.
Leiter des «Liberalen Instituts»
Redaktor und Mitherausgeber der «Schweizer Monatshefte»
Publiziert in: «Das St.Galler Jahr 2000», St. Gallen 2001, S.48 -50