(Leserzuschrift NZZ 5.8.26, Seite 18)
Wer den sich selbst verteidigenden neutralen Staat als Rückzug aus der aussenpolitischen Verantwortung und als «Abkapselung» deutet, hat das Wesenselement der aussenpolitischen Neutralität missverstanden. (Blocher spricht von Tell, Jans von Europa und Parmelin von der Konkordanz, NZZ 3.8.26)
Es geht nicht um die Abkapselung als weltfremder «Sonderling, sondern um die grösstmögliche Offenheit, indem man den Anschluss an bereits existierende Machtblöcke und Bündnissysteme verweigert und sich Kooperationen im Fall des tatsächlichen Angegriffen-Werdens vorbehält. Auch die Skepsis gegenüber einem teilweisen oder vollständigen Beitritt zur EU ist beileibe keine Absage an globale Optionen des Freihandels. Im Gegenteil.
Die Mittel, die nach dem Fall des Eisernen Vorhangs von Westeuropa nach Osteuropa flossen, sind längst zu einem durch verantwortungslose Verschuldung finanzierten kontinentalen Machtgerangel geworden, bei dem «Brüssel» die Richtung weist, die eher mehr innere Geschlossenheit als mehr handelspolitische globale Offenheit zum Ziel hat.
Es gibt also gute Gründe für eine weltoffene Skepsis gegenüber der EU. Die zunehmenden Spannungen innerhalb der traditionell als «freier Westen» wahrgenommenen Nationen sind heute gerade für wirtschaftlich erfolgreiche Staaten, die auf eine globale Offenheit in Kombination mit möglichst hoher Eigenständigkeit setzen, eine zukunftsträchtigere Option als die Eingliederung in ein kontinentales Machtgefüge von Nettozahlern und Nettoempfängern mit wachsenden Schuldenbergen.
Robert Nef, St. Gallen