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Sprüche und Widersprüche zur Planung


Zitatenschatz für Planer und Verplante

ausgewählt und zusammengestellt von Robert Nef

Dezember 1975, Institut für Orts- Regional- und Landesplanung an der ETH Zürich

Mein Zitatenbüchlein war in erster Linie eine Art Parodie auf die wissenschaftliche Zitierwut bei der Konstruktion von Dissertationen, die eigentlich nur Standpunkte zelebrieren und neu kombinieren. Ich habe die kurzen Textes im Rahmen meiner jahrelangen Assistententätigkeit am Institut für Orts-Regional- und Landesplanung an der ETH Zürich auf Karteikarten festgehalten, und mein damaliger Chef, Professor Martin Lendi, ermunterte mich, die als Nebenprodukt der täglichen Knochenarbeit und als Fundgrube für Artikel und Vorträge sehr persönlich zusammengestellte Sammlung zu systematisieren und zu publizieren. Mit etwas Aufwand, hätte daraus eine wissenschaftliche Abhandlung zu den ausgewählten Stichworten verfertigt werden können. Nun muss eben die Leserschaft die Zwischentexte zu den offensichtlichen Widersprüchen der zitierten Blütenlese selbst improvisieren. Das Büchlein ist, neben einer umfangreichen Bibliographie des Schweizerischen Bau und Planungsrechts, die «Ausrede» für eine nicht zustande gekommene Dissertation.

Insgesamt stammen nur zwei Zitate von mir, aber eines davon ist beinahe sprichwörtlich geworden Die ironisch aufgeladene Definition der Planung als Ersetzung des Zufalls durch den Irrtum ist inzwischen zum viel zitierten Bonmot geworden, das vielerorts fälschlicherweise Albert Einstein, Absolvent der ETH, zugeschrieben wird. Was kann einem eigentlich Besseres passieren, als dass eine eigene Formulierung letztlich einem Nobelpreisträger in den Mund gelegt wird? Dies führt zur Frage, wem eigentlich eine Formulierung als «geistiges Eigentum» gehöre. Sie gehört jenem, der weiss, wo die ursprüngliche Quelle ist, aus der er geschöpft hat. Die ursprüngliche Quelle ist ein Zitat von Gottfried Herder: «Die zwei grössten Tyrannen der Welt: Der Zufall und die Zeit.» (Johann Gottfried Herder Ideen zur Philosophie der Geschichte der Menschheit, 1784-91). Die naheliegende Verknüpfung von Zeitdimension und Planung und der Hinweis auf die Tyrannei des Irrtums stammt tatsächlich von mir, aber es freut mich eigentlich, dass sie inzwischen mit unterschiedlichsten Urhebern verknüpft und entpersönlicht wird. Ist sie der ernüchternde Beitrag der ETH zur Planungseuphorie der Siebzigerjahre, verfasst von einem wissenschaftlichen Assistenten, der eher zufällig (aber nicht irrtümlich) an einer Technischen Hochschule Hilfsdienste leistete, die sein eigentliches Fachgebiet sprengten?

Für Planer, Planungsbegeisterte und Planungsverdrossene

Planung: das Problem in der Mitte

Motto:
«Hier aber, versetzte Wilhelm, sind so viele widersprechende Meinungen, und man sagt ja, die Wahrheit liege in der Mitte. Keineswegs, erwiderte Montan, das Problem liegt in der Mitte.»
Goethe: Wilhelm Meister

Inhaltsverzeichnis

Vorwort: Planung – das Problem in der Mitte

  1. Planung – Sprüche und Widersprüche
  2. Planung – Theorie und Praxis
    • Wort und Tat
  3. Planung – Ziel und Mittel
  4. Planung – Versuch und Irrtum
  5. Planung – Fortschritt und Bewahrung
  6. Planung – Anmassung und Bescheidenheit
  7. Planung – Technik und Methodik
  8. Planung – Lehren und Lernen
    • Bildung
    • Erfahrung
    • Kritik
  9. Planung – Erkenntnis und Bekenntnis
    • Wissen
    • Gewissen
  10. Planung – Zweifel und Hoffnung
    • Ungewissheit/offene Zukunft
    • Vergangenheit – Gegenwart – Zukunft
    • Hoffnung
  11. Planung – Wunsch und Wirklichkeit
    • Politik in Staat, Wirtschaft und Gesellschaft
  12. Planung – Ordnung und Freiheit

Nachwort
Literaturverzeichnis
Verzeichnis der Autoren

Vorwort

Wer sich mit Planung befasst, erliegt immer wieder der Versuchung, in einer Definition endgültig ‹Begriff und Wesen› der Planung zu ergründen. Die vorliegende Sammlung ist das Produkt dieses Suchens und heilsamen Scheiterns. Es wurden tatsächlich nur Sprüche und Widersprüche gefunden. Etwas Gemeinsames hat sich aber bei dieser Suche doch herauskristallisiert: Planung als Versuch, Raum und Zeit zu strukturieren, liegt immer dazwischen. Da der Planende immer Probleme in irgendeiner Weise rationalisieren will, steht er im Spannungsfeld von Erkenntnis und Interesse, von Rationalität und Herrschaft.

Wer in einem Spannungsfeld steht, ist versucht, sich blindlings dem dialektischen Prinzip von These und Antithese anzuvertrauen und Wahrheiten als Synthese in der Mitte zu suchen. Bei näherem Zusehen stellt sich aber sehr oft heraus, dass nur scheinbare Thesen und Antithesen gegenüberstehen und dass die Gegenüberstellung von Gegensätzen, zwischen denen Planung vermitteln müsste, der Wirklichkeit nicht immer gerecht wird. Beim Versuch, verschiedene Gedanken, die sich mit Planung im weitesten Sinne befassen, zu ordnen, wurden daher Begriffspaare gewählt, die keineswegs nur Gegensätze beinhalten; Lehren und Lernen sind sowenig Gegensätze wie Ordnung und Freiheit. Trotzdem hat die Planung ihre rationalisierende Vermittlerrolle innerhalb der zwölf ausgewählten Problemkreise. Die Planung kann jeweils als ‹das Problem in der Mitte› gedeutet werden, ohne dass durch Planung bereits eine Synthese sicherzustellen wäre. Wer die zwölf verschiedenen Deutungen der Zusammenhänge und die darunter gruppierten Gedanken liest, hat die Möglichkeit, selber nicht nur über Begriff und Wesen der Planung nachzudenken, sondern auch eine eigene Standortbestimmung vorzunehmen. Er wird vielleicht die verschiedenen Auffassungen über Planung, die in der Gruppierung (die nicht ohne Hintergedanken gewählt wurde…) zum Ausdruck kommen, mit eigenen Überlegungen konfrontieren und dabei jenes Mass an Beruhigung und Beunruhigung empfinden, das zur Planung, zur Entscheidung und zu schöpferischem Tun notwendig ist.

Der Aphorismus will auf engstem Raum ein Höchstmass an Wirkung entfalten. Darin liegt seine enge Verwandtschaft mit der Planung. Auch die Mischung von Vertrauen und Misstrauen in das Wort verbindet Aphorismus und Planung. Ein Wort hat mehrere Bedeutungsmöglichkeiten, die nicht definitiv fixiert werden können. Dies führt dazu, dass die Interpretation und somit auch der Interpret eine entscheidende Rolle spielt. Die aphoristische Vieldeutigkeit fordert den Interpreten auf, vieldeutige Phänomene seiner Anschauung gemäss zu beurteilen. Hiezu sei der Leser freundlich eingeladen.

Martin Lendi & Robert Nef

1. Planung – Sprüche und Widersprüche

Man schätzt den Aphorismus unter anderem deshalb, weil er eine halbe Wahrheit enthält. Das ist ein ungewöhnlich hoher Prozentsatz.

Gabriel Laub

Wir sollen Tatsachen als Tatsachen anerkennen und sollen wissen, dass Worte Worte sind und weiter nichts.

Daisetz T. Suzuki: Zen unlogisch, S. 84

Originelle Formulierungen sind noch nicht originelle Einsichten.

Ludwig Marcuse: Argumente und Rezepte, München 1967, S. 38

Nicht Sprüche sind es, woran es jetzt fehlt; die Bücher sind voll stoischer Sprüchlein. – Woran fehlt es also? – An solchen, die sie anwenden.

Epiktet: Unterredungen, 29. Hauptstück, 1./2. Jh. n. Chr.

Maximen sind für den Intellekt das, was Gesetze für die Handlungen sind: sie erleuchten nicht, aber sie leiten und führen, und obgleich selbst blind, sind sie Schutz.

Joseph Joubert

Man predigt wohl viel, aber sie halten es nicht; man sagt ihnen genug, aber sie wollen es nicht hören.

Altes Testament: Jesaja 42, 20

Alles Gescheite ist schon gedacht worden. Man muss nur versuchen, es noch einmal zu denken.

Johann Wolfgang Goethe: Maximen und Reflexionen

Zitate in meiner Arbeit sind wie Räuber am Weg, die bewaffnet hervorbrechen und dem Müssiggänger die Überzeugung abnehmen.

Walter Benjamin: Einbahnstrasse, 1928

Maxime: eine Regel, die die Willkür sich selbst für den Gebrauch der Freiheit macht.

Immanuel Kant

Ein Sprichwort ist eine allgemein bekannte Weisheit, an die sich niemand hält.

Wolfgang Herbst

Aphorismen sind transportierfähige Weisheiten, ausgesuchtester Extrakt des Denkens und Fühlens.

William Alger

Manchmal würde das Motto völlig genügen. Aber der Autor hat noch den lächerlichen Ehrgeiz, den Rest zu schreiben.

Aleksander Ziemny: Denkspiele, polnische Aphorismen, Frankfurt am Main 1974, S. 86

Eine Sentenz ist eine Anmassung oder eine Vorsicht.

Friedrich Nietzsche

Nahezu jedes weise Wort hat zum Ausgleich einen nicht weniger weisen gegensätzlichen Spruch.

Georg Santayana

Mach dir nichts aus Widersprüchen. Sie sind gut. Sie beweisen, dass der Geist der Gerechtigkeit noch in uns waltet.

Johannes Urzidil: Die verlorene Geliebte, Repetent Bäumel, 1956

Die ganze Welt besteht aus Machenschaften und Plänen, von denen die einen den anderen entgegengesetzt sind.

Miguel de Cervantes

Mit jedem Wort, das wir aussprechen, verzweigt sich in der Tiefe ein Gegenwort. Die gemeinhin verbindlichen Worte, die uns zur Verständigung dienen, wurzeln in einer Schicht, die von Fall zu Fall so verschieden ist, dass oft ein Wort, das gleiche Wort, wird es von mehreren Menschen ausgesprochen, bereits ein Gespräch ist.

Erika Burkart: Rufweite, Zürich 1975

Denn der Mensch hält ein inneres Zwiegespräch mit sich selbst.

Blaise Pascal

Wer kann was Dummes, wer was Kluges denken, das nicht die Vorwelt schon gedacht?

Johann Wolfgang Goethe: Faust II

Der Aphorismus funkelt und lügt durch seine Kürze.

Karol Irzykowski: Denkspiele, polnische Aphorismen, Frankfurt am Main 1974, S. 22

Der Aphorismus: die Kunst der Kürze. Kann auch Kunst der Zukurzgekommenen sein.

Ludwig Marcuse: Argumente und Rezepte, München 1967, S. 5

Am Anfang war das Wort – am Ende die Phrase.

Stanislaw J. Lec: Unfrisierte Gedanken, München 1960

2. Planung – Theorie und Praxis
Wort und Tat

Alle guten Grundsätze sind in der Welt schon vorhanden, was fehlt, ist deren Anwendung.

Blaise Pascal: Pensees

Jede Planung wird nämlich von der Absicht bestimmt, die Sachverhalte, auf die sie sich richtet, selbst hervorzubringen. In diesem Sinn gehört Planung weder in den Bereich der reinen Theorie noch in den Bereich der reinen Praxis; sie bewegt sich auch nicht in irgendeinem undurchsichtigen Zwischengelände, in dem sich Theorie und Praxis unkontrollierbar überschneiden. Planung gehört vielmehr in den noch viel zu wenig erforschten Bereich des dritten grossen Grundvermögens der menschlichen Vernunft: sie ist ein Akt der Produktion.

Georg Picht: Mut zur Utopie, München 1969, S. 22

Moral: Es ist besser, das Gute steht nur auf dem Papier – als nicht einmal dort.

Ludwig Marcuse: Argumente und Rezepte, München 1967, S. 88

Wenn das Herz den Plan beschlossen und das Wort ihn offenbart hat, muss die Tat ihn auch vollführen.

Mahâbhârata: Sâwitri, zweiter Gesang (Ernst Meier), Morgenländische Anthologie, S. 58

Das Denken, ich meine das wirkliche, nicht das Träumen und Spekulieren, ist die alleinige und einzig lebendige Wurzel jeder späteren Veränderung.

Alfred Döblin

Die Wissenschaft führt zur Voraussicht, Voraussicht führt zum Handeln.

Auguste Comte: Die Soziologie, 2. Kap., 1852

Ich glaube, dass der Gedanke alles besiegt – der Gedanke ist der kleine Arbeiter: der Grösste unter ihnen. (Der kleinste: aber deren Legion wird zur Verfügung über Weitestes.)

Ludwig Hohl: Vom Erreichbaren und Unerreichbaren, Frankfurt am Main 1972, S.26

Der Beweis für die Güte des Puddings findet sich im Essen, nicht im Kochbuch.

Aldous Huxley

Die letzte und heiligste Form der Theorie ist die Tat.

Nikos Kazantzakis: Askese, 1923

Man nennt einen Inbegriff selbst von praktischen Regeln alsdann Theorie, wenn diese Regeln, als Prinzipien, in einer gewissen Allgemeinheit gedacht werden und dabei von einer Menge Bedingungen abstrahiert werden, die doch auf ihre Ausübung notwendig Einfluss haben. Umgekehrt heisst nicht jede Hantierung, sondern nur diejenige Bewirkung eines Zwecks Praxis, welche als Befolgung gewisser im allgemeinen vorgestellten Prinzipien des Verfahrens gedacht wird. Dass zwischen der Theorie und Praxis noch ein Mittelglied der Verknüpfung und des Überganges von der einen zur anderen erfordert werde, die Theorie mag auch so vollständig sein, wie sie wolle, fällt in die Augen; denn zu dem Verstandesbegriffe, welcher die Regel enthält, muss ein Actus der Urteilskraft hinzukommen, wodurch der Praktiker unterscheidet, ob etwas der Fall der Regel sei oder nicht.

Immanuel Kant: Über den Gemeinspruch: Das mag in der Theorie richtig sein, taugt aber nicht für die Praxis, Werke in XII Bd., Frankfurt am Main 1964, Bd. XI, S. 127

Oft lag es dann nicht an der Theorie, wenn sie zur Praxis noch wenig taugte, sondern daran, dass nicht genug Theorie da war, welche der Mann von der Erfahrung hätte lernen sollen.

Immanuel Kant: Über den Gemeinspruch: Das mag in der Theorie richtig sein, taugt aber nicht fur die Praxis, Werke in XII Bd., Frankfurt am Main 1964, Bd. XI, S. 127

Der Wert der Praxis beruht gänzlich auf ihrer Angemessenheit zu der ihr unterlegten Theorie.

Immanuel Kant: Über den Gemeinspruch: Das mag in der Theorie richtig sein, taugt aber nicht für die Praxis, Werke in XII Bd., Frankfurt am Main 1964, Bd. XI, S. 129

Dass es leicht ist, die allgemeinen Grundsätze zu entdecken, und schwer ist, zu sehen, wie man sie anwendet, beweist die riesige Distanz, welche die theoretische Ordnung von der praktischen Ordnung trennt.

Maurice Blondel, Carnets intimes, 1889

Die Gegenüberstellung von Theorie und Praxis ist ein eitles Unterfangen. Was ist denn die Theorie anderes als die Kenntnis der Gesetzmässigkeiten, welche Folgen mit Ursachen verknüpfen, das heisst Tatsachen mit Tatsachen? Und was ist denn die Praxis ohne die Theorie, das heisst die Anwendung von Mitteln, ohne zu wissen, wie sie wirken? Das ist nichts als gefährlicher Empirismus.

Jean-Baptiste Say: Traite d’economie politique, 6e éd., p. 8

Es ist sehr leicht Prinzipien aufzusagen, wenn der andere in Not ist.

Franz Kafka

Man muss das Unglück mit Händen und Füssen und nicht mit dem Maul angreifen.

Heinrich Pestalozzi

Häufig ist Reden Tat und Schweigen Verbrechen.

Kazimirez Bartoszewicz: Denkspiele, polnische Aphorismen, Frankfurt am Main 1974, S. 16

Mag in der Gegenwart die Tat allein wichtig erscheinen das Wort gebietet über die Zukunft.

Charles Ferdinand Ramuz

Wachstum ist eine Verbindung von Wissen und Tat.

David S. Landes: Der entfesselte Prometheus, Köln 1973, S. 483

Ich kann leichter zwanzig lehren, was gut zu tun ist, als einer von den zwanzigen sein un meine eignen Lehren befolgen.

William Shakespeare: Der Kaufmann von Venedig, I, 2 (Porzia), (Schlegel), 1594

In der Politik übertreffen die von den Umständen geforderten Massregeln die hohen Eingebungen schlecht begründeter Theorien.

Auguste Comte: Die Soziologie, 17. Kap.: Wirkung der positiven Philosophie, 1852

Wozu führen denn letzten Endes die Erkenntnisse des Geistes, wenn man nicht einmal von den Höhen der Weisheit herunterklettert, ihre Erlebnisse auf das tägliche Leben anwendet und das zu formen versucht nach ihrem Ebenbilde?

Kurt Tucholsky

Handeln ist immer leicht. Ja wo es in gedrängtester Fülle, weil ununterbrochen, auftritt – ich meine den Fleiss -, da ist es nichts anderes als das Asyl der Leute, die gar nichts sonst zu tun haben.

Oscar Wilde: Lehren und Sprüche

Wer ungern denkt, handelt.

Unbekannt

Handeln – das heisst nicht mehr mit dem Gehirn allein denken, das heisst das ganze Wesen denken lassen.
Handeln – das heisst die tiefsten Quellen des Denkens im Traume verschütten, um sie in der Wirklichkeit zu eröffnen.
Handeln 1st nicht notwendig triumphieren.
Handeln – das ist auch versuchen, warten, sich gedulden.
Handeln – aas 1st auch h1nhoren, sich sammeln, schweigen.

Maurice Maeterlinck

Für das Können gibt es nur einen Beweis: das Tun.

Marie von Ebner-Eschenbach, Aphorismen, 1880

Wer überlegt, der sucht Bewegungsgründe, nicht zu dürfen

Gotthold Ephraim Lessing: Nathan, II, 9 (Al Hafi), 1779

Theorie: ein unbegrenzter Zitatenschatz für alle Gelehgenheiten.

Gabriel Laub

Über Planung wird gleich viel geredet wie über das Wetter und mit dem gleichen Resultat.

Nach Gerhard Kocher: Schweiz. Vereinigung für Zukunftsforschung, Zürich 1975

Ohne ein Bild der Zukunft läuft der Pragmatiker Gefahr, uns im Kreise herumzuführen, um am Ende noch zu behaupten, dass es nicht sein Fehler war, wenn wir nichts erreicht haben. Es ist sein Fehler. Eines der dringenden Erfordernisse der gegenwärtigen Politik ist die Ergänzung und Korrektur des Pragmatismus der Macher durch das Bewusstsein mittelfristiger Perspektiven. Jemand muss über den Rand der Untertasse hinausblicken, in der sich die meisten Politiker zusammengekuschelt haben, um ihnen zu sagen, was jenseits ihrer lokalen oder. nationalen Wahlkreise, ihrer Wahlperioden, ihres notwendigerweise und zuweilen weniger notwendigerweise begrenzten Horizonts geschieht.

Ralf Dahrendort: Die neue Freiheit, München 1975. S. 139

Das Gegenstück zum Utopismus ist nicht ein leerer und oft zynischer Pragmatismus, sondern ein klarer Richtungssinn, der offen bleibt für Zweifel, die eigenen und die der anderend, sich aber leiten lässt von einem Bild der Zukunft, dem erstrebten Ziel

Ralf Dahrendorf: Die neue Freiheit, München 1975. S. 115

Die Welt die Dinge, die Prozesse erkennen wir nur insoweit. als wir sie ‹gestalten›, das heisst so weit wir sie geistig reproduzieren. Doch diese geistige Reproduktion der Wirklichkeit ist lediglich eine Dimension der praktischen menschlichen Beziehung zur Wirklichkeit; die fundamentalste Dimension ist die Bildung der (gesellschaftlich-menschlichen) Wirklichkeit, ohne welche die geistige Reproduktion der Wirklichkeit nicht möglich wäre.

Karel Kosik: Dialektik des Konkreten, Frankfurt am Main 1967. S. 223

Prinzipien beeinflussen nicht einmal die Verkünder von Prlnzipien; wir sprechen von Prinzipien, aber handetn aus Interesse.

Walter S. Landor

Es kommt nicht darauf an, die Welt zu interpretieren. sondern sie zu ändern.

Karl Marx

3. Planung – Ziel und Mittel

Ein allgemeiner Fehler, dessen sich die Menschen bei ihren Unternehmungen schuldig machen: zu einem grossen Zwecke werden unzulängliche Mittel angewendet.

Johann Wolfgang Goethe

Gute Zwecke können nur durch Anwendung entsprechender Mittel erreicht werden. Der Zweck kann die Mittel nicht rechtfertigen, aus dem einfachen und einleuchtenden Grund, weil die angewendeten Mitel das Wesen der bewirkten Zwecke bestimmen.

Aldous Huxley: Ziele und Wege, 1. Kap., 1937

Der Intellekt hat ein scharfes Auge für Methoden und Werkzeuge, aber er ist blind gegen Ziele und Werte.

Albert Einstein: Das Ziel der menschlichen Existenz, 1943

Nun ist es jedoch offenbar, dass nicht nur ‹Zwecke› Gegenstand von Wertsetzungen sind, sondern auch ‹Mittel›. Die Mittel sind nicht wertmässig indifferent. Die Wertsetzung bezieht sich jeweils auf einen ganzen Verlauf und nicht nur auf sein antizipiertes Schlussresultat. Das Werturteil hat zu vergleichen und auszuwählen zwischen verschiedenen Verlaufsalternativen. Diese Einsicht ist zu simpel, um nicht immer im Hintergrunde geahnt worden zu sein, aber wir verstehen jetzt, warum sie niemals richtig ausgesprochen worden ist, sondern immer nur zu prinzipiellen Unklarheiten und Widersprüchen geführt hat.

Gunnar Myrdal: Zweck-Mittel-Denken in der Nationalökonomie, Zeitschrift für Nationalökonomie, Bd. IV, Nr. 3, 1933

Ohne uns über die Welt und über unser Leben ins klare kommen zu lassen, jagt uns der Geist unserer Zeit ins Wirken hinaus. Unablässig nimmt er uns für diese und jene Ziele und für diese und jene Errungenschaften in Dienst. Er erhält uns im Tätigkeitstaumel, damit wir ja nicht zur Selbstbesinnung kommen und uns fragen, was dieses rastlose Hingeben an Ziele und Errungenschaften eigentlich mit dem Sinn der Welt und dem Sinn unseres Lebens zu tun habe. So ziehen wir als heimatlose, trunkene Söldner im zunehmenden Dunkel der Weltanschauungslosigkeit dahin und lassen uns ebensogut für das Gemeine wie für das Hohe anwerben.

Albert Schweitzer: Verfall und Wiederaufbau der Kultur, 2. Kap., 1923

Unsere Gesellschaft wird in wachsendem Masse von einer industriellen Bürokratie und von Berufspolitikern geleitet. Die Menschen werden durch Massensuggestion beeinflusst; ihr Ziel ist es, mehr zu produzieren und mehr zu konsumieren, und zwar als Selbstzweck. Alle Aktivitäten sind wirtschaftlichen Zielen untergeordnet; die Mittel sind zum Zweck geworden. Der Mensch wird zum Ding, zum Automaten: gut genährt, gut gekleidet, aber ohne wirkliche und tiefe Sorge um die Entwicklung seiner spezifisch menschlichen Eigenschaften und Aufgaben. Wenn der Mensch fähig sein soll zu lieben, muss seine Entfaltung das höchste Ziel der Gesellschaft sein. Die Wirtschaftsmaschine muss ihm dienen, und nicht umgekehrt. Er muss in die Lage versetzt werden, mit anderen am Erleben und an der Arbeit teilzuhaben, nicht aber – bestenfalls – an den Gewinnen. Die Gesellschaft muss so organisiert werden, dass die soziale, liebende Natur des Menschen nicht von seiner gesellschaftlichen Existenz getrennt, sondern mit ihr vereint wird.

Erich Fromm: Die Kunst des Liebens, aus dem Amerikanischen übersetzt, München 1972, S. 170

Im sozialen Ganzen ist jedes Element sowohl Mittel als auch Zweck.

Dietrich Schindler: Verfassungsrecht und soziale Struktur, 3. Aufl., Zürich 1950, S. 68

Alle Teile eines Organismus bilden einen Kreis. Daher ist jeder Teil sowohl Anfang als auch Ende.

Hippokrates

Mittel nenne ich jenes Ziel, das seinerseits in einem andern Ziel enthalten ist, welches wiederum ein anderes Ziel in sich enthält und welches somit eine Zwischenstellung einnimmt.

Aristoteles

In der Philosophe ist nicht das Erreichen eines Ziels wesentlich, sondern das, was unterwegs nebenbei gefunden wird.

Havellock H. Ellis

Die Wissenschaft kann keine Ziele schaffen, noch Menschen dafür begeistern; die Wissenschaft kann höchstens die Mittel bereitstellen, mit welchen sich gewisse Ziele erreichen lassen. Aber die Ziele selbst werden von Persönlichkeiten mit hohen Idealen intuitiv erfasst.

Albert Einstein

Kein Ziel ist so hoch, dass es unwürdige Methoden rechtfertige.

Albert Einstein: Aus meinen späten Jahren, War Europa ein Erfolg?, 1934

Keine Ethik der Welt kommt um die Tatsache herum, dass die Erreichung ‹guter› Zwecke in zahlreichen Fällen daran gebunden ist, dass man sittlich bedenkliche oder mindestens gefährliche Mittel und die Möglichkeit oder auch die Wahrscheinlichkeit übler Nebenerfolge mit in den Kauf nimmt.

Max Weber: Politik als Beruf, 1919

Ziele setzen heisst glauben. Doch das ist kein echter Glaube, der, aus Wunschumkehrung einer zeitlichen Not stammend, das Bestehende verneint, um die Weltordnung in eine Massregel zu verwandeln. Echter Glaube stammt aus der Schöpferkraft des Herzens, aus der Phantasie der Liebe; er schafft Gesinnung, und ihr folgt willenlos das Geschehen.

Walther Rathenau: Von kommenden Dingen, Einleitung, 1917

Macht allein und Wissen allein erhöhen die menschliche Natur, aber segnen sie nicht. Wir müssen aus dem Schatz aller Dinge das zusammentragen, was im Leben am meisten von Nutzen ist.

Francis Bacon: The Advancement of Leaarning, 1605

Bei jeder Veränderung des Lebens, bei jeder Veränderung, der Welt treten auch Wirkungen ein, die wir nicht gewollt haben, die aber kausal anschliessen an das, was wir getan haben, das heisst, welche die Folge dessen sind, was wir getan haben. Und ob die gewollten Wirkungen eintreten, hängt wesentlich davon ab, ob die ungewollten Wirkungen gemeistert werden.

Car1 Friedrich von Weizsäcker: Gedanken über unsere Zukunft, Göttingen 1966, S. 7/8

Wer die heilsamsten Medizinen herstelten kann, kann auch die wirkungsvollsten Gifte brauen. Er braucht kein anderes Können, nur ein anderes Wollen.

Charles Tschopp: Kaleidoskop des Alltags, Basel 1967

Der Mensch ist die Medizin des Menschen.

Afrikanisches Sprichwort

Man prüft immer nur die Ziele des menschlichen Handelns, aber erst eine strenge Kontrolle der Mittel wird die Menschen auf den Weg der Moral zwingen.

Aleksander Swietochowski: Denkspiele, polnische Aphorismen, Frankfurt am Main 1974, S. 13

Jede gesellschaftlich-ethische Zielsetzung erfordert zugleich die Bereitstellung von Mitteln, mit deren Hilfe das Ziel verwirklicht werden kann. Die Relation von Zweck und Mittel lässt menschlicher Willkür einen breiten Raum. Immerhin ist nicht zu übersehen, dass zwiscehn Zweck und Mittel eine imnere Beziehung herrscht, wodurch auch die Mannigfaltigkeit der scheinbar unbegrenzten Mittel eingeschränkt wird.

Hans Barth: Wahrheit und Ideologie, 2. Aufl., Zürich 1961, unveränderter Nachdruck, Frankfurt am Main 1974, S. 187

Eine Futurologie, die sich – wie es öfters. der Fall ist – nicht des gesellschaftlichen Drucks, unter dem sie steht, und der Rolle, die sie in der Gesellschaft spielt, bewusst ist, wird dazu beitragen, eine Wissenschaft zu entwickeln, die der bestehenden Gesellschaft effizienter dient und die die Menschen zu blindan Werkzeugen des Systems macht, anstatt den Menschen bewusst zu machen. dass sie ihre Gesellschaft selbst verändern und gestalten können.

Bart van Steenbergen: Ansichten einer künftigen Futurologie, herausgegeben von Dietger Pforte und Olaf Schwenke, München 1973, S. 75

Mache deine Gegenwart zu keinem Mittel der Zukunft, denn diese ist ja nichts anderes als eine kommende Gegenwart. und jede verachtete Gegenwart war ja eine begehrte Zukunft.

Jean Paul

4. Planung – Versuch und Irrtum

Irren ist menschlich.

Nach Seneca

Ach, dass der Mensch so häufig irrt und nie recht weiss, was kommen wird.

Wilhelm Busch

Es irrt der Mensch, so lang er strebt.

Johann Wolfgang Goethe: Faust I

Ich beschwöre euch um Christi Barmherzigkeit willen, gebet zu, dass ihr euch möglicherweise irren könntet.

Oliver Cromwell: Briefe und Reden, deutsch von M. Stähelin, Basel 1911, (Brief vom 3.8.1650 an das schottische Kirchenkomitee), S. 248

Nach der strahlenden Sonne sieht keiner, aber nach der verfinsterten. Die gemeine Kritik der Welt wird dir nicht, was dir gelungen, sondern was du verfehlt hast, nachrechnen.

Baltasar Gracian: Handorakel und Kunst der Weltklugheit, 1647

Wir machen zuviel aus Fehlern; die Einzelheiten verhüllen den eigentlichen Mittelpunkt vor uns. Fehler? Der Fehler grösster, möchte ich sagen, ist, sich keiner bewusst zu sein.

Thomas Carlyle: Über Helden, 2. Vorlesung: Der Held als Prophet, 1841

Es ist ein Gesetz des menschlichen Geistes, dass man einen Irrtum nur dadurch überwinden kann, dass man ihn an sich erfährt, erlebt und wenigstens als vorläufige Annahme sich zu eigen macht.

Benedetto Croce: Geschichtlichkeit und Beharrungsvermögen, 1918

Planung ist die Ersetzung des Zufalls durch den Irrtum. Dem Zufall sind wir aber schutzlos ausgeliefert, während wir als Planende immerhin die Möglichkeit haben, vom grösseren zum kleineren Irrtum fortzuschreiten.

Robert Nef, Institut für Orts-, Regional- und Landesplanung, Zürich 1973

Was ich lehren will, ist: von einem nicht offenkundigen Unsinn zu einem offenkundigen übergehen.

Ludwig Wittgenstein

Denn vergeblich ist, zu tadeln,
was geschehn; und hart ist’s wohl,
wenn wer Trost und Hilfe suchte,
Zorn und Vorwurf finden soll.

Pedro Calderen: Drei Vergeltungen in einer, 3. Aufzug (Blanca), 1660

Unter allen menschlichen Entdeckungen sollte die Entdeckung der Fehler die wichtigste sein.

Stanislaw J. Lec: Letzte unfrisierte Gedanken, aus dem Polnischen übersetzt von K. Dedecius, München 1968

Misserfolge sind überaus kostbare Erfahrungen, denn in ihnen tut sich nicht nur der Weg zu einer besseren Wahrheit auf, sondern sie zwingen uns auch zur Veränderung unserer Auffassung und Methode.

Carl Gustav Jung

Zeitweilige Rückschläge tragen oft dazu bei, Probleme zu klären und das Rückgrat zu stählen.

Jawaharlal Nehru: Indiens Weg zur Freiheit (12.), 1934/36, S. 88

Jeder Irrtum hat drei Stufen:
auf der ersten wird er ins Leben gerufen,
auf der zweiten will man ihn nicht eingestehen,
auf der dritten macht nichts ihn ungeschehen.

Franz Grillparzer: Aus dem Nachlass, 1857

Alte Fehler zu korrigieren ist manchmal kostspieliger, als neue zu machen.
Den Fehlern der Jungen verdanken die Alten ihre Erfahrungen.

Wieslaw Brudzinski: Denkspiele. polnische Aphorismen, Frankfurt am Main 1974, S. 76

Das sind die Weisen, die durch Irrtum zur Wahrheit reisen. Die bei dem Irrtum verharren, das sind die Narren.

Friedrich Rückert

Vielleicht verschwindet mit dem letzten Irrtum einmal auch der letzte Trost.

Charles Tschopp: Kaleidoskop des Alltags, Basel 1967

Irrtum ist das notwendige Instrument der Wahrheit. Mit dem Irrtum mach ich Wahrheit; vollständiger Gebrauch des Irrtums – vollständiger Besitz der Wahrheit.

Novalis

Vielleicht bin ich zu optimistisch, aber ich würde lieber mein Bestes geben und dann scheitern, als mit dem sinnlosen Bewusstsein untergehen, dass alle meine düsteren Vorahnungen richtig waren.

Ralf Dahrendorf: Die neue Freiheit, München 1975, S. 25

Hoffentlich unterläuft dem Irrtum ein Fehler. Dann kommt alles von selbst in Ordnung.

Stanislaw J. Lec: Unfrisierte Gedanken, München 1960

Der Irrtum ist die tiefste Form der Erfahrung.

Martin Kessel

Ich glaube, dass die Ungeduld, womit man seinem Zwecke zueilt, die Klippe ist, woran gerade oft die besten Menschen scheitern.

Friedrich Hölderlin

Pläne tragen ja nichts, und voreilig Gesäetes geht nicht auf. Geduld und Arbeit aber sind wirklich und können sich jeden Augenblick in Brot verwandeln.

Rainer Maria Rilke: An Lou Andreas-Salomé. 12. Mai 1904

Beim Vorwärtstasten werden die Versuche durch die Umstände selektioniert, beim Denken durch die Überlegung.

Edouard Claparède: L’Education fonctionnelle, 1931, p. 145

Die Wissenschaft hat nur solange Macht und Interesse, als in ihr geirrt wird: sobald in ihr das Wahre gefunden ist, hört sie auf: sie ist daher das Werkzeug, das nur so lange von Wichtigkeit ist, als der Stoff, auf dessen Gestaltung es nur ankommt, dem Werkzeuge noch nicht widersteht.

Richard Wagner: Das Künstlertum der Zukunft, 1849

Kurswert: jeder ist so klein, wie der Misserfolg ihn gemacht hat.

Ludwig Marcuse: Argumente und Rezepte, München 1967, S. 75

Alle Entwicklung ist bis jetzt nichts weiter als ein Taumeln von einem Irrtum in den andern.

Henrik Ibsen

Den Zufall gibt die Vorsehung – zum Zwecke
Muss ihn der Mensch gestalten.

Friedrich Schiller: Don Carlos, 1787

Der Irrtum hat nichts Befremdliches; er ist der erste Schritt zu aller Erkenntnis.

Gaston Bachelard: Formation de l’ésprit scientifique, 1938, p. 242

5. Planung – Fortschritt und Bewahrung

Es ist mehr Positives in die Welt gekommen durch die, welche Ärgernis gegeben, als durch die, die Ärgernis genommen haben.

Walther Rathenau

Es ist leicht konservativ zu bleiben, wenn man selber gut steht und wenig berührt wird vom Unglück der andern.

André Gide

Das Alte kann man wohl zerstören, aber ob dann wirkiich das Neue werde, welches man anstrebt, ist eine andere Frage.

Jeremias Gotthelf

Wenn geschrien wird: ‹Es lebe der Fortschritt!› – frage ich stets: ‹Fortschritt wessen?›

Stanislaw J. Lec: Unfrisierte Gedanken, aus dem Polnischen übersetzt von K. Dedecius, München 1966

Die Zeit schreitet voran. Und du, Mensch?

Stanislaw J. Lec: Unfrisierte Gedanken, aus dem Polnischen übersetzt von K. Dedecius, München 1966

Angesichts der uns allen geläufigen exponentiellen ‹Fortschrittskurven› dieser kurzen Zeitspanne, die nicht Kurven des Wachtums, sondern einer Epidemie oder einer Kettenreaktion sind und deren Extrapolation über einige weitere Jahrzehnte hinweg zum schlechthin Absurden, zum Erstickungstod in Bevölkerungsdichte, Verkehrsdichte und Zivilisationsschutt führen müsste, wird der Historiker zum bescheidenen Zeitgenossen einer historischen Anomalie, vor der, wenn sie von Dauer wäre, tatsächlich alle historischen Massstäbe versagen würden; und nur als Zeitgenosse mit einiger Geschichtskenntnis wird er die Ansicht äussern, dass solche Kurven nie zu Ende gelaufen sind und dass diese gar nicht mehr lange so weiterlaufen können, weil, wenn alte andern Bremsen versagen, eine Kettenreaktion von Pannen und Katastrophen für ihre Unterbrechung sorgen wird; anders gesagt, dass diese technisch-wissenschaftliche Zivilisation nur dann eine Chance hat, wirklich zur für Menschen bewohnbaren und moralisch verbindlichen Zivilisation zu werden, wenn ihr der entscheidende Fortschritt gelingt, den technischen Fortschritt selbst zu bändigen und dem menschlichen Leben jenes Mindestmass an Besinnung, Kontinuität und fester Norm zu geben, ohne das keine Zivilisation zu entstehen und zu bestehen vermag.

Herbert Lüthy: Der entgleiste Fortschritt, Zürich 1973, S. 36

Der Fluch des unaufhaltsamen Fortschritts ist die unaufhaltsame Regression.

Max Horkheimer/Theodor Adorno: Dialektik der Aufklärung, 2. Aufl., Frankfurt am Main 1969, S. 42

Der moderne Mensch ist sich selbst wie auch seinen Mitmenschen und der Natur entfremdet. Er ist zu einer Ware geworden, erlebt seine Lebenskraft als eine Kapitalsanlage, die ihm unter den gegebenen Marktbedingungen ein Maximum an Gewinn einbringen muss. Die menschlichen Beziehungen sind im wesentlichen die entfremdeter Automaten, deren Sicherheit darauf beruht, möglichst dicht bei der Herde zu bleiben und sich im Denken, Fühlen oder Handeln nicht von ihr zu unterscheiden. Während jeder versucht, den anderen so nahe wie möglich zu sein, bleibt jeder doch völlig allein, durchdrungen von dem tiefen Gefühl von Unsicherheit, Angst und Schuld, das immer auftritt, wenn die menschliche Getrenntheit nicht überwunden wird. Unsere Zivilisation bietet jedoch verschiedene Möglichkeiten, damit die Menschen dieser Einsamkeit bewusst nicht gewahr werden: in erster Linie die strenge Routine der bürokratisierten, mechanischen Arbeit, die dazu verhilft, dass die Menschen ihr grundlegendstes menschliches Verlangen, die Sehnsucht nach Transzendenz und Einheit, nicht bewusst erleben. Da die Routine dazu allein nicht ausreicht, mildert der Mensch seine unbewusste Verzweiflung durch die Routine des Vergnügens, durch den passiven Konsum von Tönen und Bildern, die ihm die Vergnügungsindustrie anbietet. ferner aber auch durch die Befriedigung, immer neue Dinge zu kaufen und diese bald darauf durch andere auszuwechseln.

Erich Fromm: Die Kunst des Liebens, aus dem Amerikanischen ubersetzt, München 1972, S.116/117

An Fortschritt glauben heisst nicht glauben, dass ein Fortschritt schon geschehen ist. Das wäre kein Glauben.

Franz Kafka: Prosa aus dem Nachlass, 1917/18, Betrachtung 48, Frankfurt am Main, 1953, S. 44

Drei Kräfte wirken zusammen und zeitigen Ergebnisse. Es sind dies Schicksal, Zufall und Bemühung. Bemühung ist die Voraussetzung für alles gute.

Biren Roy: Das Mahâbhâtra, 2. Buch, S. 125 (E. Roemer), zwischen dem 5. Jh. v. Chr. und dem 5. Jh. n. Chr.

Den Fortschritt verdanken die Menschen den Unzufriedenen.

Aldous Huxley

Aus dem erbitterten Wettrennen um Macht und Einflusszonen strömt auch der immer reichere Segen auf Wissenschafts- und Forschungsbudgets nieder; selbst internationale Musikfestspiele und Dichterpreise sind, wie wir wissen, aus Offizinen des Kalten Krieges gespeist worden. Und von hier aus sind gewiss auch Prozesse der Selbstbeschleunigung des Fortschritts in Gang gekommen, darunter jenseits aller Konsuminflation und allen Konkurrenzzwangs jener eigentliche circulus vitiosus, in dem sich die technische Rationalität der höchstindustrialisierten Länder selber im Kreis dreht, weil ihre alle überlieferten Daseinsformen von Stadt, Landschaft und Zusammenhang der Generationen einebnende technische Kunstwelt immer höherer technischer Organisation und Manipulation und immer intensiveren Einsatzes von Individual- und Sozialtherapien bedarf, um das physische und psychische Überleben menschlicher Gesellschaften in ihren Ballungszentren überhaupt noch zu ermöglichen. Das moderne Fortschrittscredo, das uns täglich aus allen Massenmedien entgegenströmt, ist denn auch längst nicht mehr oder nur noch als Phrase, dass Fortschritt sein solle, um den Menschen zu dienen, sondern dass er unaufhaltsam und unerbittlich all jene, die den Wettlauf von Rekord zu Rekord nicht durchhalten, unterpflüge: Fortschritt als Fatalität und als ständige Flucht nach vorn.

Herbert Lüthy: Der entgleiste Fortschritt, Zürich 1973, S. 32

Das unumkehrbare Fortschreiten der Geschichte hat nichts mit dem systematischen Fortschrittsbegriff zu tun, den wir der Geschichte der Wissenschaft entliehen haben; es liegt dem Historiker ebenso nahe und ist ebenso seine Aufgabe, die Geschichte des Fortschritts von der Steinaxt des ersten Brudermörders bis zu Auschwitz, zur Atombombe und zur doomsday machine wie die vom Höhlenbewohner zum modernen Einwohner technisch perfekter Wohnmaschinen nachzuzeichnen.

Herbert Lüthy: Der entgleiste Fortschritt, Zürich 1973, S. 29

Die Liebe als Prinzip, die Ordnung als Basis, den Fortschritt als Ziel.

Auguste Comte

Alles, was sich durch den Fortschritt vollendet, geht auch durch den Fortschritt zugrunde.

Blaise Pascal: Pensées 371

Zivilisation ist das Fortschreiten von einer unbestimmbaren zusammenhanglosen Gleichartigkeit zu einer bestimmbaren zusammenhängenden Ungleichartigkeit.

Herbert Spencer

Ziel aller Fortschritte der Wissenschaft ist die Beherrschung der Materie; Ziel der Zivilisation ist die sinnvolle Ordnung des menschlichen Zusammenlebens. Wenn wir diese beiden Ziele verwechseln, wie es der moderne, rein wissenschaftliche Fortschrittsbegriff tut, dann wird die Gesellschaft selbst zur technisch beherrschbaren Materie – beherrschbar für wen und wozu? Darauf gibt uns die Wissenschaft keine Antwort.

Herbert Lüthy: Der entgleiste Fortschritt, Zürich 1973, S. 33

Erst wenn der Aufbau der zwischenmenschlichen Beziehungen derart beschaffen ist, wenn die Zusammenarbeit der Menschen, die die Grundlage für die Existenz jedes einzelnen bildet, derart funktioniert, dass es für alle, die in der reichgegliederten Kette der gemeinsamen· Aufgaben Hand in Hand arbeiten, zum mindesten möglich ist, dieses Gleichgewicht zu finden, erst dann werden die Menschen mit grösserem Recht von sich sagen können, dass sie zivilisiert sind. Bis dahin sind sie bestenfalls im Prozess der Zivilisation. Bis dahin werden sie sich immer von neuem sagen müssen: ‹Die Zivilisation ist noch nicht abgeschlossen. Sie ist erst im Werden.›

Norbert Elias: Über den Prozess der Zivilisation, 2. Aufl., Bd. II, Bern und München 1969, S. 454

Darin besteht der Fortschritt der Welt, dass jede ältere Generation von der Jugend behauptet, sie tauge nichts mehr.

Georg Christoph Lichtenberg

Fortschritt nennt man den Vorgang, bei dem es durch angestrengte Arbeit schliesslich gelingt, so wenig tun zu müssen, wie die Naturvölker schon immer getan haben.

David Frost

Reformer sind wir im Frühling und im Sommer; im Herbst und im Winter bleiben wir beim Alten; Reformer am Morgen, Bewahrer am Abend. Reform ist bejahend, Konservatismus verneinend; Konservatismus will Bequemlichkeit, Reform Wahrheit.

Ralph Waldo Emerson

Grossstädter sind Leute, die vom Land in die Stadt gezogen sind, um hier so hart zu arbeiten, dass sie es sich leisten können, aus der Stadt aufs Land zu ziehen.

Georg Mikes

Der Fortschritt ist das Ergebnis eines allgemein angeborenen Wunsches, der bewirkt, dass jeder Teil eines Organismus über seine Verhältnisse leben will.

Samuel Butler

Provisorisch – wörtlich übersetzt: vorläufig, in Wirklichkeit: beständig, unveränderlich.

Kazimierz Bartoszewicz: Denkspiele, polnische Aphorismen, Frankfurt am Main 1974, S. 17

Die Welt ist überhaupt nur dadurch weitergekommen, dass irgend jemand die Courage gehabt hat, an Dinge zu rühren, von denen die Leute, in deren Interesse das lag, durch Jahrhunderte behauptet haben, dass man nicht an sie rühren darf.

Arthur Schnitzler

Die Kunst des Fortschritts besteht darin, inmitten des Wechsels Ordnung zu wahren, inmitten der Ordnung den Wechsel aufrechtzuerhalten.

Alfred N. Whitehead

Wer will, dass alles bleibt, muss alles ändern.

Giuseppe Tomasi di Lampedusa

Fortschritt ist nichts als der Sieg des Lachens über ein Dogma.

Benjamin Decasseres

Fortschritt ist der Tausch eines Missstandes gegen einen anderen.

Henry H. Ellis

6. Planung – Anmassung und Bescheidenheit

Der Kosmos ist bestenfalls ein planlos aufgeschütteter Misthaufen.

Heraklit

Wir übertreiben die Wichtigkeit von allem, was wir tun, und wie vieles geschieht doch ohne uns!

Henry David Thoreau

Wir werden die Welt nicht ändern, nicht einmal, wenn wir einen Verein gründen.

Kurt Tucholsky

Ein Verzicht auf das Wirken ist unter Umständen ebenso verdienstlich wie das Wirken selbst.

Michel de Montaigne: Essais, Montaigne als Bürgermeister, 1580

Ein schöner Rückzug ist ebensoviel wert wie ein kühner Angriff.

Baltasar Gracian: Handorakel, Nr. 38, 1647

Sechsunddreissig Schlachtpläne sind nicht so gut wie die Flucht.

Japanisches Sprichwort

Die Stärke unserer Überzeugung ist schlechterdings kein Beweis für ihre Richtigkeit.

John Locke: Versuch über den menschlichen Verstand, Buch IV, 19. Kap., II, 1690

Je mehr die Menschen das Übel verfolgen, desto mehr Übel schaffen sie. Man darf also nicht das Übel durch Übel ausrotten wollen.

Leo N. Tolstoi: Der Taufsohn (7), 1885

Arbeiten wir also daran, unsere Gedanken zu erweitern, tun wir unserem Verstande Gewalt an; zerbrechen wir, wenn es nötig ist, unsere Denkformen, aber versuchen wir nicht, die Wirklichkeit in das Prokrustesbett unserer Ideen einzuzwängen, da es doch Aufgabe unserer Ideen ist, sich nach Massgabe der Wirklichkeit umzuformen und zu erweitern.

Henri Bergson: Die Philosophie von Claude Bernard, Rede am 30.12.1913

Der Skeptizismus des Lebens entsteht durch den Zusammenstoss von Vernunft und Willen. Aus diesem Zusammenstoss, dieser Umarmung von Verzweiflung und Skeptizismus entspringt die heilige, süsse, rettende Ungewissheit, die unser höchster Trost ist.

Miguel de Unamuno: Das tragische Lebensgefühl, 6. Kap., 1913

Bevor man die Welt vollendet, wäre es vielleicht doch wichtiger, sie nicht zugrunde zu richten.

Paul Claudel: Gedanken und Gespräche, IV. Samstag (St-Maurice), 1935

Mittlerweile hat sich als sicher herausgestellt, dass wir bei dem Versuch, unsere Welt oder einen Teil dieser Welt aus ihrer heutigen Verworrenheit herauszuretten, Gefahr laufen, sie in einen höllischen Zustand und schliesslich in völlige Vernichtung hineinzuplanen. Manche Heilmittel sind schlimmer als die Leiden selbst.

Aldous Huxley: Ziele und Wege, 5. Kap.: Die geplante Gesellschaft, 1937

Man muss sich ernstlich vorsetzen, alle Geschöpfe möglichst wenig zu plagen, wo immer man es vermeiden kann; das ist mehr wert als alle unsere positive Wohltätigkeit.

Carl Hilty

Ich glaube, ich sehe heute klarer als zuvor, dass alle unsere Nöte und Schwierigkeiten einen Ursprung haben, der bewundernswert und gesund, wenn auch sehr gefährlich, ist: sie sind die Folge unseres ungeduldigen Bemühens, das Los unserer Mitmenschen zu verbessern. Denn alle diese Schwierigkeiten sind eine Begleiterscheinung einer Bewegung, die vielleicht die grösste aller moralischen und geistigen Revolutionen unserer Geschichte darstellt, einer Bewegung, die vor dreihundert Jahren begann: Es ist das Bestreben ungezählter unbekannter Menschen, sich und ihre Seelen von der Herrschaft der Autorität und des Vorurteils zu befreien; ihr Versuch, eine offene Gesellschaftsordnung aufzubauen, die die absolute Autorität des bloss Vorhandenen und des bloss Traditionellen ablehnt, jedoch alte und neue Traditionen zu erhalten und fortzuentwickeln strebt, welche ihren Forderungen von Freiheit, Menschlichkeit und vernünftiger Kritik entsprechen; ihre Weigerung, sich passiv zu verhalten und alle Verantwortung für die Lenkung der Welt einer menschlichen oder übermenschlichen Autorität zuzuschieben; ihre Bereitwilligkeit, die drückende Last der Verantwortung für vermeidbares Leid mitzutragen und es nach Möglichkeit zu lindern. Die zerstörenden Kräfte, die durch diese Revolution entfesselt wurden, sind erschreckend; aber sie könnten wohl noch gebändigt werden.

Karl R. Popper: Die offene Gesellschaft und ihre Feinde, Bd. 1, London 1944/Bern 1958, Vorwort, S. 8

Meine Erfahrung hat dazu geführt, nicht so sehr das Übel selbst zu fürchten als tyrannische Versuche, Gutes zu schaffen.

Rabindranâth Tagore: Meine Lebenserinnerungen (I), S. 2 (Helene Meyer-Frank), 1912

Glücklich bist du nicht:
was du nicht hast, dem jagst du ewig nach,
vergessend, was du hast.

William Shakespeare: Mass für Mass, 1603

Ist man im Zweifel, ob man etwas tun oder unterlassen soll, dann ist es meist besser, es nicht zu tun.

Yoshida Kenko: Tsurezuregusa, S. 71, (Oscar Benl). 1324/31

Unrecht tut oft derjenige, der etwas nicht tut, nicht nur der, der etwas tut.

Marc Aurel

Die ganz grosse Gemeinheit entsteht heutzutage nicht dadurch, dass man sie tut, sondern dadurch, dass man sie gewähren lässt.

Robert Musil

Der Ausdruck ‹ein Wunder› entlockt mir immer ein innres Lächeln über Mangel an Logik, denn in jeder Minute sehen wir Wunder und nichts als solche. Die, gegen welche wir durch die tägliche Gewohnheit abgestumpft sind, rechnen wir als den natürlichen Lauf der Dinge, dem jeder altkluge Tor auf den Grund zu sehn meint; tritt uns aber etwas Neues, dem bisher beobachteten, aber doch unerklärten Lauf des grossen Räderwerks anscheinend Fremdes entgegen, dann rufen wir über Wunder, als ob nur diese Erscheinung uns begrifflich wäre.

Otto von Bismarck: An seine Braut, 4. März 1847

Wir machen Pläne, damit wir Pläne haben, die wir verwerfen können.

Konfuzius: zit. in Carl J. Friedrich: Demokratie als Herrschafts- und Lebensform, 2. Aufl., Heidelberg 1966, S. 95

Die Schaffung und Gestaltung von menschlichen Wesen als menschliche Wesen steht in unserer Macht als menschliche Wesen. Weil dem so ist, steht die Bestimmung der menschlichen Entwicklung, der menschlichen Entfaltung in unserer Macht als menschliche Wesen – zum Guten wie zum Schlechten. Es ist darum notwendig, dass wir uns dafür einsetzen, damit die Entwicklung positiv verläuft und weder verderblich noch verworren.

Ashley Montagu: The direction of human development, 2. Aufl., New York 1970, p. 293

Und lehr uns, dass eine Gottheit unsre Zwecke formt, wie wir sie auch entwerfen.

William Shakespeare: Hamlet V, II, 1602

Des Menschen Tun steht nicht in seiner Gewalt und steht in niemand’s Macht, wie er wandle oder seinen Gang richte.

Altes Testament: Jeremia, 10, 23

Ist dein Wirken wider den Himmel und flickst du nur mit der Kraft der Erde und nicht, nachdem du den Himmel betrachtet hast, so brich alle deine Arbeit wieder ab.
Darum hat man auch in einem Jahr mehr Glück zu heilen als in einem anderen, darum hat eine Zeit mehr Bedeutung als die andere.

Paracelsus (Aschner), Bd. 1, 1926, S. 447

Selbstbewusstsein ist für den Menschen, was der Ballast für das Schiff. Ist es zu schwer geladen, sinkt es, zu leicht, schwankt es.

Lisa Wenger

Das ist schön bei uns Deutschen: Keiner ist so verrückt, dass er nicht einen noch Verrückteren fände, der ihn versteht.

Heinrich Heine: Reisebilder: Die Harzreise, 1824

Aber der Weltweise muss nie aus der Acht lassen, dass seine Meinung nur seine Meinung sei und dass andere vernünftige Geschöpfe, die von einem andern Punkte ausgegangen und einem andern Leitfaden gefolgt sind, ganz entgegengesetzter Meinung sein können.

Moses Mendelssohn: An den Herrn Diaconus Lavater zu Zürich, Nacherinnerung (2. Bd., S. 531), 6. April 1770

Hieraus können wir auf die Macht des Verhängnisses schliessen, dem man, auch wenn man es im voraus kennt, nicht zu entgehen vermag, das vielmehr die Gemüter der Menschen nur deshalb mit trügerischer Hoffnung umschmeichelt, um sie dahin zu locken, wo es sie treffen kann.

Flavius Josephus: Jüdische Altertümer, 8. Buch, 15, 6, etwa 70 n. Chr.

Nicht jeder, der zuviel weiss, weiss dies.

Stanislaw J. Lec: Unfrisierte Gedanken, München 1960

Willst du mit den Kinderhänden
in des Schicksals Speichen greifen?
Seines Donnerwagens Lauf
hält kein sterblich Wesen auf.

Franz Grillparzer: Die Ahnfrau IV (Graf), 1817

Pläne machen ist die Stärke des Menschen;
die Ausführung ist in den Händen des Himmels.

Chinesisches Sprichwort

Der Plan, den Sie mir zeigen, erschreckt und – reizt mich auch zugleich.

Friedrich Schiller: Don Carlos, 1787

Ein feiner Plan! Fein zugespitzt! Nur schade, zu fein geschärfet, dass die Spitze brach.

Friedrich Schiller: Maria Stuart, 1800

Eng ist die Welt, und das Gehirn ist weit.
Leicht beinander wohnen die Gedanken,
doch hart im Raume stossen sich die Sachen.

Friedrich Schiller: Wallensteins Tod II, 2 (Wallenstein), 1799

Alles ist wichtig nur auf Stunden,
Ärger ist Zehrer und Lebensvergifter,
Zeit ist Balsam und Friedensstifter.

Theodor Fontane: Überlass es der Zeit, 1850

Leicht ist’s, mit starken Konsequenzen
als neuer Philosoph zu glänzen;
doch ist’s ein schwerer Unterwinden,
die rechten Voraussetzungen zu finden.

Emanuel Geibel: Juniuslieder, Sprüche (3), 1848

Nur wer bescheiden ist, wird nicht aufgeben.

Ludwig Marcuse: Argumente und Rezepte, München 1967, S. 12

Des Menschen Willen vermag den Lauf der Welt nicht zu bestimmen.

Japanisches Sprichwort

Die Zivilisation ist nichts ‹Vernünftiges›; sie ist nichts ‹Rationales›, sowenig sie etwas ‹Irrationales› ist. Sie wird blind in Gang gesetzt und in Gang gehalten durch die Eigendynamik eines Beziehungsgeflechts, durch spezifische Veränderungen der Art, in der die Menschen miteinander zu leben gehalten sind. Aber es ist durchaus nicht unmöglich, dass wir etwas ‹Vernünftigeres›, etwas im Sinne unserer Bedürfnisse und Zwecke besser Funktionierendes daraus machen können. Denn gerade im Zusammenhang mit dem Zivilisationsprozess gibt das blinde Spiel der Verflechtungsmechanismen selbst allmählich einen grösseren Spielraum zu planmässigen Eingriffen in das Verflechtungsgewebe und den psychischen Habitus, zu Eingriffen aufgrund der Kenntnis ihrer ungeplanten Gesetzmässigkeiten.

Norbert Elias: Über den Prozess der Zivilisation, 2. Aufl., Bd. II, Bern und München 1969, S. 316

Pläne und Handlungen, emotionale und rationale Regungen der einzelnen Menschen greifen beständig freundlich oder feindlich ineinander. Diese fundamentale Verflechtung der einzelnen menschlichen Pläne und Handlungen kann Wandlungen und Gestaltungen herbeiführen, die kein einzelner Mensch geplant oder geschaffen hat. Aus ihr, aus der Interdependenz der Menschen, ergibt sich eine Ordnung von ganz spezifischer Art, eine Ordnung, die zwingender und stärker ist als Wille und Vernunft der einzelnen Menschen, die sie bilden. Es ist diese Verflechtungsordnung, die den Gang des geschichtlichen Wandels bestimmt; sie ist es, die dem Prozess der Zivilisation zugrunde liegt.
Diese Ordnung ist weder ‹rational›, wenn man unter ‹rational› versteht: entstanden in der Weise einer Maschine aus der zweckgerichteten Überlegung einzelner Menschen, noch ‹irrational›, wenn man unter ‹irrational› versteht: entstanden auf unbegreifliche Weise.

Norbert Elias: Über den Prozess der Zivilisation, 2. Aufl., Bd. II, Bern und München 1969, S. 312

Humor ist Erkenntnis der Grenze, verbunden mit grenzenloser Erkenntnis.

Gerhart Hauptmann: Festspiel in deutschen Reimen, Erkenntnis, 1913

Der Mensch hat tausend Pläne, der Himmel hat nur einen!

Chinesisches Sprichwort

Die besten Einfälle werden uns von der Wirklichkeit gestohlen.

Stanislaw J. Lec: Denkspiele, polnische Aphorismen, Frankfurt am Main 1974, S.68

Sei nicht stolz auf dein Wissen, und vertraue nicht darauf, dass du ein Gelehrter seiest. Hole dir Rat bei dem Unwissenden wie bei den Wissenden; denn es gibt keine Grenze für die Kunst, und kein Künstler besitzt Vollkommenheit. Eine gute Rede ist versteckter als der grüne Edelstein, und doch findet man sie bei den Sklavinnen über den Mühlsteinen.

Die Lehre des Ptahhotep (Adolf Erman: Die Literatur der Ägypter, S. 88, I), Ende der 5. Dynastie, um 2650 v. Chr.

Für die Katz

Obwohl die Katz anerkanntermassen etwas wie für die Bildung eine Gefahr ist, scheint man ohne sie nicht existieren zu können, denn sie ist die Zeit selbst, in der wir leben, für die wir arbeiten, die uns Arbeit gibt, die Banken, die Restaurants, die Verlagshäuser, die Schulen, das Immense des Handels, die phänomenale Weitläufigkeit des Warenfabrikationswesens, alles dies und noch mehr, falls ich, was 1n Betracht kommen könnte, der Reihe nach aufzählen wollte, was ich für überflüssig halten würde, ist Katz, ist Katz. Katz ist für mich nicht nur das, was für den Betrieb taugt, was für die Zivilisationsmaschinerie irgendwelchen Wert hat, sondern sie ist, wie ich bereits sagte, der Betrieb selber, und bloss das dürfte sich eventuell herausnehmen, nicht für die Katz bestimmt sein zu wollen, was sogenannten Ewigkeitswert aufweist, wie beispielsweise die Meisterwerke der Kunst oder die Taten, die hoch über das Summen, Brummen, Sausen, Brausen des Tages hinausragen.
Ich nenne die Mitwelt Katz; für die Nachwelt erlaube ich mir nicht, eine familiäre Bezeichnung zu haben.
Oft wird die Katz missverstanden, man rümpft die Nase über sie, und gibt man ihr etwas, so begleitet man diese Beschäftigung mit durchaus nicht wohlangebrachter Auffassung indem man hochmütig sagt: ‹Es ist für die Katz›, als wären nicht Alle Menschen von jeher für sie tätig gewesen.
Alles, was geleistet wird, erhält zuerst sie; sie lässt sich’s schmecken, und nur was trotz ihr fortlebt, weiterwirkt, ist unsterblich.

Robert Walser: Prosa aus der Berner Zeit (III), 1928/29, S. 432

Was ist’s, das geschehen ist? Eben das hernach geschehen wird. Was ist’s, das man getan hat? Eben das man hernach wieder tun wird: und geschieht nichts Neues unter der Sonnne.

Altes Testament: Prediger Salomo, Kap. I (Martim Luther), 3. Jh. v. Chr.

Das Denken unserer Zeit orientiert sich überall, auch wo nichts mehr zu ‹machen› ist, am ‹Machen›. Es will die Rettung finden durch eine technische Überwindung der Technik. Daher gibt es die optimistische Erwartung, der Friedenszustand könnte als solcher für sich allein, ohne Veränderung des gesamten Lebens, zweckhaft gemacht werden. Viele aber durchschauen den Wahn, verzweifeln und sehen nur den Abgrund. Denn blinde, in Zwecken gefangene, zumal masslos gesteigerte Tätigkeit führt ins Nichts. Die Wendung unseres Schicksals wird die Folge der Einsicht sein, dass alle Technik, alles Machenkönnen, alle Leistung nicht genügt. Der Mensch muss Wissenschaft und Technik einfügen in ein Umgreifendes. An der Grenze unseres Machens liegt erst der ganze Ernst unseres Denkens. Unser Zeitalter muss lernen, dass nicht alles zu ‹machen› ist.

Karl Jaspers: Die Atombombe und die Zukunft des Menschen, Vorwort, 1958

Wer zwingen will die Zeit, den wird sie selber zwingen; wer sie gewähren lässt, dem wird sie Rosen bringen.

Friedrich Rückert: Die Weisheit des Brahmanen, V, 29, 1836/39

Ja, mach nur einen Plan, sei nur ein grosses Licht, und mach noch einen zweiten Plan, gehn tun sie beide nicht.

Bert Brecht: Dreigroschenoper, 1928

Statt also mit den Plänen und Sorgen für die Zukunft ausschliesslich und immerdar beschäftigt zu sein oder aber uns der Sehnsucht nach der Vergangenheit hinzugeben, sollten wir nie vergessen, dass die Gegenwart allein real und allein gewiss ist; hingegen die Zukunft fast immer anders ausfällt, als wir sie denken; ja auch die Vergangenheit anders war; und zwar so, dass es mit beiden im ganzen weniger auf sich hat, als es uns scheint.

Arthur Schopenhauer: Aphorismen zur Lebensweisheit, V, B, 5, 1851

Es heisst zwar: ‹der kluge Mann baut vor›, aber der klügere, scheint mir, wartet ab und ist auf alles gefasst.

Gustav Meyrink: Der Golem, 1915

Soviel Dinge, des Untergangs wert, kommen am besten zu ihrem Ende, wenn man sie gewähren lässt. Sie sind ja ohnehin immerfort dabei, sich abzuleben.

Rainer Maria Rilke: An Gräfin Sizzo, 17. März 1922

Eines Tages wachen Menschen auf und bemerken, dass, was gestern wichtig war, was sie beschäftigte und zerstritt, nicht mehr dieselbe Bedeutung hat. Wir reiben uns die Augen und entdecken, dass wir das Problem, das uns in der letzten Nacht wachhielt, nicht dadurch lösen, dass wir noch mehr oder Besseres dazutun, sondern dadurch, dass wir uns einem anderen Problem zuwenden, das wichtiger scheint und vielleicht ist, das es uns aber jedenfalls erlaubt, voranzukommen.

Ralf Dahrendorf: Die neue Freiheit, München 1975, S. 32

Grenzen zeigen, was noch zu tun wäre, Schranken, was nicht versucht werden soll. Jenseits der Grenzen liegt das, was noch besser wäre. Innerhalb der Schranken liegt das, was gut genug ist. Grenzen stehen fest, Schranken werden gesetzt. Ob die Schranken gut sind, hängt davon ab, wer sie setzt.

Ivan Illich in: Medizin statt Gesundheit, Zürich 1975, S. 18 f.

Die Grenzen, die das mythische Bewusstsein setzt und durch die sich ihm die Welt räumlich und geistig gliedert, beruhen nicht darauf, dass, wie in der Geometrie, gegenüber den fliessenden sinnlichen Eindrücken ein Reich fester Gestalten entdeckt wird, sondern darauf, dass der Mensch, in seiner unmittelbaren Stellung zur Wirklichkeit, als Wollender und Handelnder sich begrenzt – dass er dieser Wirklichkeit gegenüber für sich bestimmte Schranken aufrichtet, an die sein Gefühl und sein Wille sich bindet. Der primäre räumliche Unterschied, der sich in den komplexeren mythischen Bildungen nur immer aufs neue wiederholt und immer mehr sublimiert, ist deser Unterschied zweier Bezirke des Seins: eines gewöhnlichen, allgemein zugänglichen, und eines andderen, der, als heiliger Bezirk, aus seiner Umgebung herausgehoben, von ihr abgetrennt, gegen sie umhegt und beschützt erscheint.

Ernst Cassirer: Philosophie der symbolischen Formen, 2. Teil, Berlin 1925, S. 109

Allein die Wissenschaft ist befähigt, ihre eigenen Grenzen zu ziehen. Freilich heisst für den wissenschaftlichen Geist, deutlich eine Grenze ziehen bereits, sie zu überschreiten. Die wissenschaftliche Grenze ist nicht so sehr eine Barriere als ein Bereich besonders aktiver Gedanken, eine Zone der Assimilation. Im Gegensatz dazu erscheint die vom Metaphysiker errichtete Grenze dem Forscher als eine neutrale, verlassene, indifferente Grenze.

Gaston Bachelard: Concept de frontière, VIIIe Congrès international de Philosophie, 1934

Normalerweise wird aber die paradoxe Wahrheit, dass die ‹wahrscheinliche› Zukunftsentwicklungen ermittelnde Zukunftsforschung nur unter unwahrscheinlichen Voraussetzungen ‹richtige› Resultate produziert, von den Exploratorikern nur an verschwiegener Stelle ausgesprochen.

Helmut Klages: Ansichten einer künftigen Futurologie, herausgegeben von Dietger Pforte und Olaf Schwencke, München 1973, S. 97

Nur der ist ein guter Jurist, der mit schlechtem Gewissen Jurist ist.

Gustav Radbruch: Rechtsbrevier, Göttingen 1954

Abwandlung:
Nur der ist ein guter Planer, der mit schlechtem Gewissen Planer ist.

Der Planer als ‹Arzt›:
Der Arzt muss das Vergangene erklären, das Gegenwärtige erkennen und das Künftige voraussagen. Hierüber muss man nachforschen und zwei Dinge in den Krankheiten sorgfältig üben: helfen oder doch nicht schaden

Hippokrates, erstes Buch: von den Landseuchen (II), (J. Fr. K. Grimm) (I. Bd.), um 400 v Chr.

Wird häutig folgendermassen zitiert:
In erster Linie: nichts schaden.

Hippokrates

Die meisten Menschen sterben an ihren Arzneien und nicht an ihren Krankheiten.

Jean Baptiste Molière: Oer eingebildete Kranke, III, 3 (Beroald), (Ludwig Wolde), 1673

Ärzte verschreiben Medikamente, von denen sie wenig wissen, gegen Krankheiten, von denen sie noch weniger wissen, für Menschen, von denen sie überhaupt nichts wissen.

Voltaire

7. Planung – Technik und Methodik

Alle Methode ist Rhythmus: hat man den Rhythmus der Welt weg, so hat man auch die Welt weg. Jeder Mensch hat seinen individuellen Rhythmus. Rhythmischer Sinn ist Genie.

Novalis

Wenn man die Menschen lehrt, wie sie denken sollen, und nicht ewighin, was sie denken sollen: so wird auch dem Missverständnis vorgebeugt.

Georg Christoph Lichtenberg: Aphorismen, F 438, 1776/79

Wenn ich dem Menschen misstraue, dann kann ich nicht umhin, ihn mit Information meiner eigenen Wahl vollzustopfen, damit er nicht einen falschen Weg geht. Wenn ich dagegen auf die Fähigkeit des Individuums vertraue, sein eigenes Potential zu entwickeln, dann kann ich ihm viele Möglichkeiten anbieten und ihm erlauben, seinen eigenen Lernweg und seine eigene Richtung zu bestimmen.

Carl R. Rogers: Lernen in Freiheit, aus dem Amerikanischen übersetzt, München 1974, S. 116

So weit ich mich davon entfernt weiss, das Problem der Methode im allgemeinen zu überschätzen, so sicher bin ich, dass es nach einer bestimmten Richtung hin von grösster Bedeutung ist. Ich meine nämlich die Grenzgebiete jener Disziplinen, die in bezug auf ihren Gegenstand miteinander in Berührung stehen, durch die Verschiedenheit ihrer Betrachtungsweisen aber voneinander getrennt sind. Hier wird man des zuverlässigen Kompasses einer wissenschaftlichen Methode kaum entbehren können, ohne Gefahr zu laufen, den Bereich der eigenen Disziplin unversehens zu verlassen und in ein Nachbargebiet zu geraten, das heisst mit den gewohnten Mitteln der Wissenschaft, deren Boden man verloren hat, eine Frage zu beantworten versuchen, die man – der geänderten Wegrichtung entsprechend -, ohne es zu wissen, schon im Sinne einer ganz anderen Disziplin, die natürlich wiederum mit ihren spezifischen Mitteln arbeitet, gestellt hat. Dass Frage und Antwort nicht zueinander stimmen könnnen , dass dieser Synkretismus der Methoden, von dem ichnoch Beispiele zu geben haben werde, zu wissenschaftlich haltbaren Resultaten nicht führen kann, ist selbstverständlich.

Hans Kelsen: Über Grenzen zwischen juristischer und soziologischer Methode, Tübingen 1911, S. 2/3

Skepsis, wenn sie der Vorsicht entspringt, ist der Kompass der Zivilisation. Die meisten gegenwärtigen akuten Wirrnisse der Welt entstehen aus dem Verfolgen neuer Ideen ohne vorhergehende sorgfältige Prüfung, ob diese Ideen auch gut sind.

Henry Ford: Mein Leben und Werk: Mein Leitgedanke, 1922

Wenn man an ein Problem herangeht, so ergibt sich dabei fast zwanglos eine Vierteilung des Vorgehens, und zwar: 1. eine klare und konkrete Definition des Problems; 2. eine Untersuchung der bisher versuchten Lösungen; 3. eine klare Definition des Behandlungsziels (der Lösung); 4. die Festlegung und die Durchführung eines Plans zur Herbeiführung dieser Lösung (Erst lange nach dieser Systematisierung unseres Vorgehens legten wir uns darüber Rechenschaft ab, dass wir dabei ohne blasphemische Absicht die sogenannten vier heiligen Wahrheiten des Buddhismus plagiert hatten; nämlich 1. vom Leiden, 2. von der Entstehung des Leidens, 3. von der Aufhebung des Leidens, und 4. vom Wege zur Aufhebung des Leidens. Nachträglich erscheint dies nicht allzu überraschend, da die Grundlage der buddhistischen Glaubenslehre eminent praktisch und existentiell ist.)

Paul Watzlawick/John Weakland/Richard Fisch: Lösungen, Zur Theorie und Praxis menschlichen Wandels, aus dem Amerikanischen übersetzt, Bern 1974, S. 135

Das Dogma ist die Bestätigung der Seele in der Vergangenheit; das Axiom ist die Bestätigung des Verstandes ebenfalls in der Vergangenheit; Problem und Sehnsucht sind Bestätigungen des Verstandes und der Seele, die in die Zukunft streben. Die Gesellschaft vergräbt sich in Dogmen und Tatsachen; an Sehnsucht und Problemen lebt sie wieder auf.

Adam Mickiewicz: Der Sozialismus, II, 1849

Die den Begriff des Zwischen begründende Anschauung ist zu gewinnen, indem man eine Beziehung zwischen menschlichen Personen nicht mehr, wie man gewohnt ist, entweder in den Innerlichkeiten der einzelnen oder in einer sie umfassenden und bestimmenden Allgemeinwelt lokalisiert, sondern faktisch zwischen ihnen. Das Zwischen ist nicht eine Hilfskonstruktion, sondern wirklicher Ort und Träger zwischenmenschlichen Geschehens; es hat die spezifische Beachtung nicht gefunden, weil es zum Unterschied von Individualseele und Umwelt keine schlichte Kontinuität aufweist, sondern sich nach Massgabe der menschlichen Begegnungen jeweils neu konstituiert; man hat daher naturgemäss, was ihm zukommt, an die kontinuierlichen Elemente, Seele und Welt, angeschlossen.

Martin Buber: Das Problem des Menschen, 1961

Die Regel nützt nur dem, der sie entbehren kann; den aber verdirbt sie, der sich in ihr weise glaubt; jede Regel ist ein Rätsei, das durch andere Rätsel forthilft.

Achim von Arnim: Kronenwächter, Abschnitt: Der Bau, 1820

Unsere Vorsätze sollen nie ins Allgemeine gehen, sondern sie müssen immer auf etwas Bestimmtes gerichtet sein und vor allem gegen das, was uns am meisten im Wege liegt.

Thomas von Kempen: Nachfolge Christi, I. Buch, 23. Kap., 2, nach 1400

Wer keinen Charakter hat, muss sich wohl oder übel eine Methode zulegen.

Albert Camus: Der Fall, 1956

Ein falscher Schritt und du bist am Ziel anderer.

Stanislaw J. Lec: Unfrisierte Gedanken, Munchen 1960

Wenn über das Grundsätzliche keine Einigkeit besteht, ist es sinnlos, miteinander Pläne zu machen.

Konfuzius: Gedanken und Gespräche, I. Buch, 16 (Hans O. Stangel), XV, 39, um 500 v. Chr.

Hat man die Wahl zwischen zwei Alternativen, selbst wenn sie einander widersprechen, so entscheidet man sich für die eine und nach Möglichkeit auch für die andere.

Karol Irzykowski: Denkspiele, polnische Aphorismen, Frankfurt am Main 1974, S. 20

Jede Wissenschaft ist das Ergebnis einer Verknüpfung von Tradition und den Anforderungen, die an diese Tradition gestellt werden. Neue Ansätze verlangen eine gründliche Beherrschung der traditionellen Methoden.

Carl J. Friedrich: Tradition und Autorität, München 1974, S. 21

Wir können dann den Inhalt unserer Erkenntnis mit einem Netze von Fäden vergleichen, in welchem die festen Knotenpunkte die Begriffe darstellen, die Fäden dagegen, die von einem Knoten zum anderen gehen, die Beziehungen zwischen den Begriffen, das heisst die Urteile bezeichnen sollen. Betrachtet man die Fäden als in der Richtung auf ihren Knotenpunkt begriffen, so hat man die Analogie für die synthetische Definition; denn hier sind Urteile, die sich zu einem Begriff zusammenschliessen. Andererseits kann man die Sache aber auch so auffassen, dass die Fäden von dem Knotenpunkt gewissermassen nach den verschiedenen Richtungen ausstrahlen, und dies würde das Gleichnis für die analytische Definition abgeben; denn hier wird der Begriff in seine Urteile zerlegt. Das menschliche Denken würde, wenn wir uns die wissenschaftliche Systematisierung seines Inhalts vollzogen denken, diesen ja niemals in seiner Totalität ‹anschauen› oder intuitiv erfassen, sondern ihn immer nur so durchlaufen können, dass es bald aus den aufeinander bezogenen Elementen, das heisst Urteilen, Begriffe bildet, bald diese Begriffe wieder in Urteile auflöst, also stets ‹diskursiv› verfährt. Es würde sich also überhaupt, genau genommen, immer nur in Urteilen bewegen, und diese Tatsache wirft Licht auf die Lehre vom Begriff.

Heinrich Rickert: Zur Lehre von der Definition, 3. Aufl., Tübingen 1929, S. 50

Wie wir gesehen haben, verwendet die Wissenschaft Definitionen nicht, um den Sinn ihrer Begriffe festzustellen, sondern nur, um handliche abkürzende Etiketten einzuführen. Und sie hängt nicht von Definitionen ab; alle Definitionen können ohne Verlust der gegebenen Information weggelassen werden. Daraus folgt, dass in der Wissenschaft alle wirklich notwendigen Begriffe undefinierte Begriffe sein müssen.

Karl R. Popper: Die offene Gesellschaft und ihre Feinde, Bd. II, London 1944/Bem 1958, S. 26

Die Idee, dass die Genauigkeit der Wissenschaft oder der wissenschaftlichen Sprache von der Genauigkeit ihrer Begriffe abhängt, ist sicher sehr plausibel, aber ich halte sie nichtsdestoweniger für ein blosses Vorurteil. Die Präzision einer Sprache hängt vielmehr gerade davon ab, dass sie sich sorgfältig bemüht, ihre Begriffe nicht mit der Aufgabe zu belasten, präzise zu sein.

Karl R. Popper: Die offene Gesellschaft und ihre Feinde, Bd. II, London 1944/Bern 1958, S. 27/28

Indem sie die Methoden wechselt, wird die Wissenschaft immer methodischer. Wir bwfinden uns im Zustand des anhaltenden Rationalismus.

Gaston Bachelard: Epistomologie, Ausgewählte Texte, Frankfurt am Main 1974, S. 146

Es mag sein, dass der richtige Massstab absolut ist, und er mag unveränderlich sein; nur ist die Wissenschaft nicht in der Lage zu sagen, ob es einen absoluten Massstab gibt und welcher das ist. Aus diesem Grunde – und nur aus diesem – muss sich die wissenschaftliche Methode darauf beschränken, sich mit Massstäben in relativen Begriffen zu befassen.

Arnold Brecht: Politische Theorie, aus dem Amerikanischen übersetzt, Tübingen 1961,S.190

Es gehört oft mehr Mut dazu, seine Meinung zu ändern, als ihr treu zu bleiben.

Friedrich Hebbel

Wir sind so gewohnt, uns vor den anderen zu verstellen, dass wir es schliesslich auch vor uns selber tun.

François de Larochefoucauld: Reflexionen (119), 1665

Nicht jedes Fehlerchen sollst du berichtigen; es wird sich auch manches von selbst verflüchtigen.

Talmud: Spruchborn der Weisen, II, 30 (Sanhedrin 8), um 190 n. Chr. redigiert

Statistik ist ein Verfahren, welches gestattet, geschätzte Grössen mit der Genauigkeit von Hundertstelprozenten auszudrücken.

Helmar Nahr

Ein Ziel ist: der ganze Weg zusammengerollt.

Vilhelm Ekelund

Vom mystischen Wesen jeder ernsten menschliehen Anstrengung: Sie ist nicht ein gerader Weg, wie die Jugend meint; ihre Frucht (des Weges Ziel) ist nicht zu erblicken: nicht den Gipfel, den es zu erreichen gilt, sehen wir, sondern eine Aushängefahne, uns auf den Weg zu locken, und im besten Falle einen Vorgipfel von keiner Bedeutung. – Auf dem Weg finden wir dann Edelsteine – oder sehen wir den immer wahreren Gipfel: unser eigetliches Ziel ist der Weg.
Die Grössten sind nur die grössern Wegkundigen.

Ludwig Hohl: Vom Erreichbaren und Unerreichbaren, Frankfurt am Main 1972, S. 26

Strategie ist die Wissenschaft des Gebrauchs von Zeit und Raum.

August Neithart von Gneisenau

Strategie ist ein System von Notbehelfen.

Helmuth von Moltke

Das vernünftige Denken ist ein Interpretieren nach einem Schema, welches wir nicht abwerfen können.

Friedrich Nietzsche

Denken, das heisst eingesehen haben, dass das Wissen zu Ende geht.

Hans Lohberger

Dumme Gedanken hat jeder, nur der Weise verschweigt sie.

Wilhelm Busch: Nachlass

Ein guter Mensch bleibt immer ein Anfänger.

Martial: Epigramm, 12. Buch, 51, 2. Hälfte des 1. Jh. n. Chr.

Wir sollten uns mit grossen Problemen beschäftigen, solange sie noch ganz klein sind.

Jadwiga Rutkowska: Denkspiele, polnische Aphorismen, Frankfurt am Main 1974, S. 72

Technik ist die bewusste Herstellung und Anwendung von Mitteln, mit denen wir Wirkungen willentlich erzielen können, die nicht von selbst eingetreten wären.

Carl Friedrich von Weizsäcker: Gedanken über unsere Zukunft, Göttingen 1966, S. 7

Aus einem immanenten Gesetzen gehorchenden Prozess von Forschung und Technik fallen sozusagen ungeplant die neuen Methoden heraus, für die wir erst dann Verwendungszwecke finden; uns wächst durch einen automatisch gewordenen Fortschritt in immer neuen Schüben abstraktes (das heisst anderweitig verfügbares) Können zu.

Hans Freyer: Über das Dominantwerden technischer Kategorien in der Lebenswelt der industriellen Gesellschaft; Veröffentlichungen der Mainzer Akademie der Wissenschaft und Literatur 1963 in einer Paraphrase von Jürgen Habermas in seinem Aufsatz: Vom sozialen Wandel akademischer Bildung, Merkur 1963, S. 423

Planung ist eine Methode der bewussten, das heisst rationalen Erfassung und Beeinflussung der Gesellschaft durch bürokratische Massnahmen. Die offensichtliche Diskrepanz des Planens als Ergebnis der Bemühungen einer intellektuellen Oberschicht zu seinem Durchführungsinstrument, das heisst zur Bürokratie, und zu den kulturellen Normen und Verhaltensweisen der Gesamtgesellschaft kann durch voluntaristische Gewaltakte der Eliten keineswegs gelöst werden.

Theo Pirker in: Der Griff nach der Zukunft, Modelle für eine neue Welt, München 1964, S. 438

Eine langfristige Entwicklung ist nicht im voraus voll determinierbar und soll nicht formal, sondern funktionell geplant sein. Die ‹Pläne› können also nicht eine fertige Beschreibung der Form liefern, sondern sie sind eher als ein System von Anweisungen zur Steuerung der Entwicklung zu betrachten; Anweisungen, welche das Eingreifen der Bürger, das kontinuierliche Verwerten von Erfahrungen erlauben und fordern. Das bedeutet keine Degradierung des Planers, sondern eine Sicherung des Spielraumes für jenen Teil des gesellschaftlichen Lebens, der nicht determinierbar ist.

Felix Schwarz in: Der Griff nach der Zukunft, Modelle für eine neue Welt, München 1964, S. 493

Kassandra erfüllt eine unentbehrliche Rolle, obwohl, ja weil sie – ausser in der Mythologie – niemals ganz recht behalten kann. Denn Prognosen – ganz besonders sogar düstere, Unheil verkündende – müssen stets im Zusammenhang mit denen gesehen werden, auf die sie sich beziehen. Sie sind Instrumente der Erkenntnis, die lebendigen Widerspruch, aktive Sorge und unaufhörliche Voraussorge hervorrufen sollen. Nur dann können sie sinnvoll sein.

Robert Jungk: Ansichten einer künftigen Futurologie, herausgegeben von Dietger Pforte und Olaf Schwencke, München 1975, S. 122

Eine sichere Methode, die Dinge schlimmer zu machen, als sie sind, ist zu behaupten, sie seien schlimmer, als sie sind.

Lord Hailsham

Sei nicht misstrauisch, suche nicht überall nach einem Sinn.

Wieslaw Brudzinski: Denkspiele, polnische Aphorismen, Frankfurt am Main 1974, S. 78

Entwicklungshilfe ist die Methode, Armen in einem reichen Land Geld wegzunehmen und es Reichen in einem armen Land zu geben.

ABC der goldenen Worte, Gütersloh 1975

Jede Methode ist unausweichlich ein Rückgriff auf Handlungen, die schon vollzogen sind.

Gaston Berger: Prospective, I, p. 1, Paris 1958

Technik ist rationalisierte Kunst.

Andre Siegfried: Progrès technique et progrès morale, Genève 1948

Alle menschlichen Fehler sind Ungeduld, ein vorzeitiges Abbrechen des Methodischen, ein scheinbares Einpfählen der scheinbaren Sache.

Franz Kafka: Prosa aus dem Nachlass, 1917-1919, Frankfurt am Main 1953, S. 72

Die Dinge entstehen entweder durch techne (Kunstfertigkeit) oder durch physis (Natur) oder durch Zufall oder spontan (aus sich selbst). Techne ist Hervorbringung im anderen, physis Hervorbringung am selben (der Mensch zum Beispiel bringt den Menschen hervor); die anderen beiden Ursachen (der Entstehung) sind Formen der Beraubung der ersteren.

Aristoteles: Metaphysik 1070 a, 6 ff.

‹Denkgebäude› – ein architektonisches Paradox: Zuerst wird der First gezimmert, zuletzt der Keller gebaut„ Thesen suchen verzweifelt ihre Gründe.

Hans Kudszus

Man sollte immer von hinten anfangen.

Stanislaw J. Lec: Unfrisierte Gedanken, München 1960

Das Ziel muss man früher kennen als die Bahn.

Jean Paul

Zur Sicherung grosser Erfolge gehört, dass eine Seele den Plan entwerfe, den Entschluss fasse und diesen selbst ausführe.

August Neithardt von Gneisenau: An seine Frau, 13. 6. 1809

Jedes Schloss hat seinen eigenen Schlüssel.

Chinesisches Sprichwort

Jede Generation lacht über die alte Mode und folgt andachtsvoll der neuen.

Henry David Thoreau

Um an die Quelle zu kommen, muss man gegen den Strom schwimmen.

Stanislaw J. Lec

Eine wissenschaftliche Methode ist eine Methode, die das Risiko sucht. Des Erworbenen sicher, begibt sie sich in die Gefahr der Erwerbung. Der Zweifel steht vor ihr und nicht hinter ihr wie im cartesianischen Leben. Deswegen könnte ich, ohne bombastisch zu werden, sagen, das wissenschaftliche Denken sei ein engagiertes Denken. Es setzt unaufhörlich seine eigene Konstitution aufs Spiel.
Mehr noch. Es scheint, dass der wissenschaftliche Geist durch ein bedeutendes Paradox in der seltsamen Hoffnung lebt, dass die Methode selbst ein totales Scheitern erfahren wird. Denn ein Scheitern, das bedeutet ein neues Faktum, eine neue Idee.

Gaston Bachelard: Epistemologie, Ausgewählte Texte, Frankfurt am Main 1974, S. 142

Jede (Denk-)Methode ist die Reaktion auf einen Zweifel.

Ortega y Gasset

Es ist eine allgemeine Wahrheit, dass man, um Erfolg zu haben, wohl daran tut, die Ziele etwas höher zu stecken, als sie schliesslich erreichbar sind.
Im Lichte dieser Betrachtung erscheinen uns die wissenschaftlichen Ideen von einer ganz neuen Seite. Wir sehen, dass die Bedeutung einer wissenschaftlichen Idee häufig nicht sowohl in ihrem Wahrheitsgehalt als vielmehr in ihrem Wertgehalt liegt.

Max Planck: Ursprung und Auswirkung wissenschaftlicher Ideen, 1933

Will man vieles erreichen, so halte man immer das grosse Ideal vor Augen, aber man begnüge sich jedesmal mit kleinen Erfolgen.

Ulrich Wille

8. Planung – Lehren und Lernen

Bildung

Viel Büchermachens ist kein Ende und viel Studieren macht den Leib müde. Lasst uns die Hauptsumme aller Lehre hören.

Altes Testament: Prediger Salomo, 12, 12

Wäre es möglich, alles zu ergreifen und zu schreiben, so würde es wohl dreimal mehr und tiefer gegründet, aber es kann nicht sein. Und darum werden mehr als ein Buch gemacht, mehr als eine Philosophie und immer tiefer, also dass dasjenige, was in einem (Buch) nicht hat mögen ergriffen werden, in dem andern gefunden werde.

Jakob Böhme: De tribus principiis, 1619

Du wirst kein Buch finden, da du die göttliche Weisheit mehr könntest inne finden zu forschen, als wenn du auf eine blühende Wiese gehest, da wirst du wunderliche Kraft Gottes sehen, riechen und schmecken, wiewohl es nur ein Gleichnis ist (…). Aber dem Suchenden ist’s ein lieber Lehrmeister. Er findet viel allda.

Jakob Böhme: De tribus principiis, 1619

Gelehrte sind Menschen, die sich von normalen Sterblichen durch die anerworbene Fähigkeit unterscheiden, sich an weitschweifigen und komplizierten Irrtümern zu ergötzen.

Anatole France

Bei gewissen Büchern genügen einige Kostproben, andere muss man verschlingen, und einige wenige verdienen es, dass man sie sorgfältig kaut und verdaut.

Francis Bacon

Unsere Zeit liest viel zuviel, schreibt viel zuviel, verdaut viel zuwenig und denkt viel zuwenig.

Jakob Bosshart

Das Vaterunser hat 56 Wörter. Die Zehn Gebote haben 297 und die amerikanische Unabhängigkeitserklärung 300 Wörter. Eine Verordnung der EWG-Kommission über den Import von Caramel-Produkten zieht sich über 26911 Wörter hin.

Alwin Münchenmeyer, zit. in: Jahrbuch der ‹Neuen Helvetischen Gesellschaft› 1975, Aarau 1975, S. 313

Leute, die über den Wissensdurst getrunken haben, sind eine gesellschaftliche Plage.

Karl Kraus

Das Vorurteil gegen Bücherwissen entstand aus der Beobachtung der Dummheit von Leuten, die nur Bücher gelesen hatten.

Ezra Pound: ABC des Lesens, 6. Kap., 1934

Man müsste Kolleg halten an Feiertagen, ausserhalb des Schulkomplexes. Draussen unter Bäumen, bei Tieren, an Strömen. Oder auf Bergen im Meer. Es wären Aufgaben zu stellen wie etwa: die Konstruktion des Geheimnisses. Sancta ratio chaotica! Schulisch, und zum Lachen! Und doch wäre es die Aufgabe, wenn Konstruktiv für Total gilt.

Paul Klee: Das bildnerische Denken, 3. Aufl., Basel 1953, S. 70

Nicht dass einer alles wisse, kann verlangt werden, sondern dass er, indem er um eins weiss, um alles wisse.

Hugo von Hofmannsthal: Buch der Freunde, 1921

Zu vieles Lesen tötet das Denken. Soll das Lesen wirklich dem Zweck entsprechen, so darf man nicht gedankenlos ohne Plan lesen. Lesen und Denken muss eins sein.

Johann Peter Hebel

Es bedarf grosser Geduld, um sie zu lernen.

Stanislaw J. Lec: Unfrisierte Gedanken, aus dem Polnischen übersetzt von K. Dedecius, Munchen 1966

Es genügt nicht, zur Sache zu reden, man muss zu den Menschen reden.

Stanislaw J. Lec: Unfrisierte Gedanken, aus dem Polnischen übersetzt von K. Dedecius, München 1966

Alles in allem habe ich zu zeigen versucht, dass wir solche Bürger, die in dieser sich kaleidoskopartig ändernden Welt ein konstruktives Leben führen können, nur bekommen können, wenn wir ihnen eigenverantwortliches, selbstinitiiertes Lernen ermöglichen. Letztlich war es meine Absicht zu zeigen, dass diese Art des Lernens sich nach dem Stand unseres heutigen Wissens am besten in der Beziehung zu einer Person entwickelt – in einer Beziehung, die Entfaltung anregt und Lernen erleichtert.

Carl R. Rogers: Lernen in Freiheit, aus dem Amerikanischen übersetzt, München 1974, S. 129

Erziehen ist die organisierte Verteidigung der Erwachsenen gegen die Jugend.

Mark Twain

Ein einziges Wort, gesprochen mit Überzeugung, in voller Aufrichtigkeit und ohne zu schwanken, während man Auge in Auge einander gegenübersteht, sagt bei weitem mehr als einige, Dutzend Bogen beschriebenen Papiers.

Fjodor Dostojewski: Als schwanke der Boden unter mir, Brief an Apollon N. Majkow, 18. Jan. 1856

Der Mensch leidet an einer doppelten Unfähigkeit: die Wahrheiten, die allzu kompliziert sind, kann er nicht für sich behalten, und die Wahrheiten, die allzu einfach sind, vergisst er.

Rebecca West

Ihr müsst die Menschen lieben, wenn ihr sie ändern wollt. Euer Einfluss reicht nur so weit wie eure Liebe.

Heinrich Pestalozzi

Die Bestimmung der menschlichen Entwicklung liegt in der Liebe und erfolgt durch sie, alles andere ist sekundär. Der Vorrang der Liebe ist unbestritten – und steht unbestreitbar fest als erste Bedingung aller menschlichen Entwicklung. Alle Vermittlung von gesellschaftlicher Anpassung sollte von dieser Tatsache ausgehen. Da alle Vermittlung von gesellschaftlicher Anpassung erzieherisch ist, ist die Erziehung der Schlüssel für die Lösung aller Schwierigkeiten der Menschheit; sie ist das Mittel, durch welches alle Möglichkeiten des Organismus zum Menschsein eröffnet werden. Darum ist es so wichtig, dass die Bedeutung des Menschen für die Erziehung und die Bedeutung der Erziehung für den Menschen erkannt wird.

Ashley Montagu: The direction of human development, 2. Aufl., New York 1970, p. 300

Für mich ist die Förderung des Lernens als Ziel der Erziehung die Art und Weise, wie wir den lernenden Menschen zur Entfaltung bringen können, wie wir lernen können, als Individuen in prozesshafter Entwicklung zu leben. Die Förderung des Lernens sehe ich als die Tätigkeit, die vielleicht Antworten auf einige der schwerwiegendsten Probleme in sich birgt, die heutzutage den Menschen bedrängen: konstruktive, tastende, sich ändernde, sich prozesshaft entwickelnde Antworten.

Carl R. Rogers: Lernen in Freiheit, aus dem Amerikanischen übersetzt, München 1974, S. 106

Bildung ist das, was die meisten empfangen, viele weitergeben und wenige haben.

Karl Kraus

Wer andern etwas vorgedacht,
wird jahrelang erst ausgelacht;
begreift man die Entdeckung endlich,
so nennt sie jeder selbstverständlich.

Wilhelm Busch

Der Schenkende, der Schaffende, der lehrende – sind Vorspiele des Herrschenden.

Friedrich Nietzsche

Lass dir von keinem Fachmann imponieren, der dir erzählt: ‹Lieber Freund, das mache ich schon seit zwanzig Jahren so!› – Man kann eine Sache auch zwanzig Jahre lang falsch machen.

Kurt Tucholsky

Man kommt auf langen, spitzfindigen Umwegen oft zu Feststellungen des einfachen, gesunden Menschenverstandes. Das gibt ihnen, es ist wahr, einen besonderen Wert. Das Pech ist nur, dass man die Anstrengung, die dabei draufgegangen ist, nicht buchen kann, weil sie nicht in Erscheinung tritt.

Charles Ferdinand Ramuz

Lebe mit deinem Jahrhundert, aber sei nicht sein Geschöpf: leiste deinen Zeitgenossen, aber was sie bedürfen, nicht was sie loben.

Friedrich Schiller: Über die ästhetische Erziehung des Menschen, 9. Brief, 1793/94

Bildung ist die Fähigkeit, Wesentliches von Unwesentlichem zu unterscheiden und jenes ernst zu nehmen.

Paul Lagarde: Deutsche Schriften: Die graue Internationale, 1881

Niemand ist so befliessen, neue Eindrücke zu sammeln wie der, der die alten nicht zu verarbeiten versteht.

Marie von Ebner-Eschenbach: Aphorismen, 1880

Je mehr man schon weiss, je mehr hat man noch zu lernen. Mit dem Wissen nimmt das Nichtwissen in gleichem Grade zu oder vielmehr das Wissen des Nichtwissens.

Friedrich Schlegel: Kritische Fragmente: Lyceum, 1797

Die Vielwisserei ist noch nicht Vielseitigkeit; die wahre Vielseitigkeit bedeutet schöpferisches Gleichgewicht in der Weltanschauung.

Peter Rosegger: Mein Weltleben, 1898

Sobald man in einer Sache Meister geworden ist, soll man in einer neuen Schüler werden.

Gerhart Hauptmann: Festspiel in deutschen Reimen, Weisungen, 1913

Angesichts einer Behauptung, Anschauung, Hypothese, Überzeugung – einer eigenen oder fremden – wendet der Aufrichtige einen Kanon an, der von uns verlangt, sieben Fragen zu stellen: (1) Was bedeutet das? (2) Was spricht dafür? (3) Was dagegen? (4) Was für andere Möglichkeiten gibt es? (5) Was spricht für jede von diesen? (6) Was jeweils gegen sie? Und: (7) Welche Möglichkeiten sind im lichte dieser Betrachtungen am einleuchtendsten?

Walter Kaufmann: Jenseits von Schuld und Gerechtigkeit, aus dem Amerikanischen übersetzt, Hamburg 1974, S. 144

Für uns ist es klar: Nur wenn wohltrainierte Vorstellungskraft und geschulte Intelligenz sich frei auswirken können, darf die Menschheit hoffen, in den kommenden Jahrhunderten die verdiente Erfüllung zu finden. Aber wir wollen trotzdem anerkennen, dass, wer sich jetzt über Ungerechtigkeit beschwert, meint, er rede von Tatsachen. Und so wollen wir schliesslich auch noch zu verstehen versuchen, wie es kommt, dass etwas, was wir für Unsinn halten, anderen ganz sinnvoll erscheint.

Michael Young: Es lebe die Ungleichheit, aus dem Englischen übersetzt, Düsseldorf 1961, S. 18

Schwer, sich selbst die Wahrheit zu sagen, wenn man sie kennt.

Stanislaw J. Lec: Denkspiele, polnische Aphorismen, Frankfurt am Main 1974, S. 66

Die wahre Universalität besteht nicht darin, dass man vieles weiss, sondern dass man vieles liebt.

Jacob Burckhardt

Wichtige Prinzipien müssen flexibel sein.

Abraham Lincoln, Rede 1865

Allem Leben, allem Tun, aller Kunst muss das Handwerk vorausgehen, welches nur in der Beschränkung erworben wird. Eines recht wissen und ausüben gibt höhere Bildung als Halbheit im Hundertfältigen.

Johann Wolfgang Goethe: Wilhelm Meisters Wanderjahre, 1. Buch, 12, 1821

Man vergisst allzu häufig, dass Wissenschaften Handwerke sind wie alle Künste und dass wenig Gescheites zustande kommen kann, wenn die Handwerkerkunst als solche bestritten wird. Das Verderben speziell der Sozialwissenschaften besteht in der untraditionellen Handhabung des begrifflichen Rahmens, die eine Veränderung der Begriffe mit echter Entdeckung und neuen Einsichten verwechselt.

Carl J. Friedrich: Tradition und Autorität, München 1974, S. 21

Mathematik und Physik liefern die Handhabe in Form von Regeln für die Innenhaltung und für die Abweichung. Heilsam ist hier der Zwang, sich zunächst mit den Funktionen zu befassen und zunächst nicht mit der fertigen Form. Algebraische, geometrische Aufgaben, mechanische Aufgaben sind Schulungsmomente in der Richtung zum Wesentlichen, zum Funktionellen gegenüber dem Impressiven. Man lernt hinter die Fassade sehen, ein Ding an der Wurzel fassen. Man lernt erkennen, was darunter strrömt, lernt die Vorgeschichte des Sichtbaren. Lernt in die Tiefe graben, lernt blosslegen. Lernt begründen, lernt analysieren.
Man lernt Formalistisches gering achten und lernt vermeiden, Fertiges zu übernehmen. Man lernt die besondere Art des Fortschreitens nach der Richtung kritischen Zurückdringens, nach der Richtung zum Früheren, auf dem Späteres wächst. Man lernt früh aufstehen, um mit dem Ablauf der Geschichte vertraut zu werden. Man lernt Verbindliches auf dem Wege von Ursächlichem zu Wirklichem. Lernt Verdauliches. Lernt Bewegung durch logischen Zusammenhang organisieren. Lernt Logik. Lernt Organismus. Lockerung des Spannungsverhältnisses zum Ergebnis ist Folge. Nichts Überspanntes, Spannung im Inneren, dahinter, darunter. Heiss nur zuinnerst. Innerlichkeit.
Das alles ist sehr gut, und doch hat es eine Not: Die Intuition ist trotzdem ganz nicht zu ersetzen. Man belegt, begründet, stützt, man konstruiert, man organisiert: gute Dinge; aber man gelangt nicht zur Totalisation.

Paul Klee: Das bildnerische Denken, 3. Aufl., Basel 1953, S. 69

Sollst deine Lehren deutlich fassen
und nichts daran zu deuteln lassen;
denn dunkler Lehren Verkündigung
führt leicht zu arger Versündigung.

Talmud: Spruchborn der Weisen, X, 10 (Aboth II, 5) um 190 n. Chr. redigiert

Ich lese nichts lieber als Bücher von einigen Seiten. Sprachkürze gibt Denkweite.

Jean Paul (Verfasser zahlreicher umfangreicher Romane und Erzählungen!)

Wer sich um die Wahrheit bemüht, darf seine Sprache nicht mit sorgfältiger Überlegung gestalten, sondern muss versuchen, das, was er sagen will, so einfach auszudrücken, wie er es eben kann.

Clemens von Alexandria: Paidagogos, 2. Buch, I (3, 1), etwa 190 n. Chr.

Wenn der Prophet tendelet und süss schwetzlet, gaht all Grechtigkeit und Fryheit z’grund.

Huldrych Zwingli

Es ist ein Beweis hoher Bildung, die grössten Dinge auf die einfachste Art zu sagen.

Ralph Waldo Emersen

Was sich. überhaupt sagen lässt, das lässt sich klar sagen; und wovon man nicht reden kann, darüber muss man schweigen.

Ludwig Wittgenstein: Tractatus logico-philosophicus, Einleitung, Wien 1918

Wer mich gelesen hat, kennt meine Überzeugung, dass die Welt, die vergängliche Welt, auf einigen wenigen, sehr einfachen Gedanken ruht, Gedanken von einer solchen Einfachheit, dass sie so alt sein müssen wie die Berge. Sie ruht unter anderem sehr merklich auf dem Gedanken der Treue.

Joseph Conrad: Über mich selbst, Vorrede, 1919

Die Kunst der Weisheit besteht darin, zu wissen, was man übersehen muss.

William James

Das eindrücklichste Modell für das Planen könnte die Erziehung sein: sie will innerhalb der bekannten Möglichkeiten des Alten die noch unbekannten Möglichkeiten des Neuen offenhalten. Sie ist, wo sie sich selbst richtig versteht, die wahre Vollstreckerin des (wahren) Liberalismus: sie schafft in den Menschen die Voraussetzungen dafür, dass Zwang nicht notig wird. Das gleiche tut die Planung, die sich nicht selbst aufhebt, indem sie Ziele erfüllt, sondern es möglich macht, weiterzuplanen: sie entwickelt eine Mentalität, in der Freiheit nicht das Opfer des Fortschritts werden kann, weil sie seine Bedingung ist.

Hartmut von Hentig in: Der Griff nach der Zukunft, Modelle für eine neue Welt, München 1964, S. 180

Erfahrung

Wir wollen durch Erfahrung nicht sowohl klug (für ein andermal) als weise (für immer) werden.

Jacob Burckhardt, Weltgeschichtliche Betrachtungen, 1871

Man muss damit rechnen, dass die meisten Menschen nur durch Erfahrungen am eigenen Leibe klug werden. So erklärt sich erstens die erstaunliche Unfähigkeit der meisten Menschen zu präventivem Handeln jeder Art – man glaubt eben selbst immer noch, um die Gefahr herumzukommen, bis es schliesslich zu spät ist; zweitens die Stumpfheit gegenüber fremden Leiden; proportional mit der wachsenden Angst vor der bedrohlichen Nähe des Unheils entsteht das Mitleid. Es lässt sich manches zur Rechtfertigung dieser Haltung sagen, ethisch: man will dem Schicksal nicht in die Räder greifen; innere Berufung und Kraft zum Handeln schöpft man erst aus dem eingetretenen Ernstfall; man ist nicht für alles Unrecht und Leiden in der Welt verantwortlich und will sich nicht zum Weltenrichter aufwerfen; psychologisch: der Mangel an Phantasie, an Sensitivität, an innerem Auf-dem-Sprunge-Sein wird ausgeglichen durch eine solide Gelassenheit, ungestörte Arbeitskraft und grosse Leidensfähigkeit. Christlich gesehen können freilich alle diese Rechtfertigungen nicht darüber hinwegtäuschen, dass es hier entscheidend an der Weite des Herzens mangelt.

Dietrich Bonhoeffer: Nach zehn Jahren, 1943

In Hinsicht auf den Begriff ‹Erfahrung›, gibt es zwei unangenehme Sorten von Leuten: die, denen Erfahrung mangelt, und die, welche sich aus Erfahrung zuviel zugute tun.

Hugo von Hofmannsthal: Buch der Freunde, 1921

Erfahrung ist der Name, den die Menschen ihren Torheiten und Sorgen geben.

Alfred de Musset

Ich kenne Folgen, die sich jedes Jahr eine neue Ursache erfinden.

Stanislaw J. Lec: Letzte unfrisierte Gedanken, aus dem Polnischen übersetzt von K. Dedecius, München 1968

Irgendwo und irgendwie ist alles schon gesagt worden.

Hans A. Moser: Thomas Zweifel, Zürich 1968, S. 54

Erfahrung ist ein Phänomen, das uns lehrt, neue Fehler zu begehen, statt die alten zu wiederholen.

ABC der goldenen Worte, Gütersloh 1975

Erfahrung ist der Name, mit dem jeder seine Dummheiten bezeichnet.

Oscar Wilde: Lady Windermeres Fächer, 1892

Wenn die erste, grundlegende Vorbedingung der Geschichte die Tatsache ist, dass der Mensch die Geschichte schafft, so ist die zweite, ebenso grundlegende Vorbedingung die Notwendigkeit, dass dieses Schaffen Kontinuität besitzt. Geschichte ist überhaupt nur deshalb möglich, weil der Mensch nicht immer neu und von Anfang an beginnt, sondern an die Arbeit und die Ergebnisse der vergangenen Generationen anknüpft.

Karel Kosik: Dialektik des Konkreten, Frankfurt am Main 1967, S. 235

Die klugen Menschen suchen sich selbst die Erfahrungen aus, die sie zu machen wünschen.

Aldous Huxley

Zögern ist die Kunst, mit dem Gestern Schritt zu halten.

ABC der goldenen Worte, Gütersloh 1975

Was heute jeder als wahr nachplappert oder stillschweigend geschehen lässt, kann sich morgen als falsch erweisen.

Henry David Thoreau

Unsere Weisheit kommt aus unserer Erfahrung. Unsere Erfahrung kommt aus unseren Dummheiten.

Sacha Guitry

Das Heute geht gespeist durch das Gestern in das Morgen.

Bertolt Brecht

Wer nichts weiss, ist nicht so beschränkt wie der, welcher, eingeschlossen in ein Gedankenkorsett, keine Erfahrungen mehr macht.

Ludwig Marcuse: Argumente und Rezepte, München 1967, S. 42

Erfahrung kommt erst mit der Zeit, und mit ihr kommt Bescheidenheit.

Friedrich Bodenstedt

Schlussfolgerung: Gäbe es nicht das Poetische und Prophetische, so würde das Philosophische und Erfahrungsmässige bald die Eigenschaft aller Vernunft ausmachen und stillstehen, unfähig, etwas anderes zu tun, als sich sinnlos im Kreise herumzudrehen.

William Blake: Es gibt keine natürliche Religion, 1. Teil, 1788

Kritik

Kritik ist die Voraussetzung und die Methode der Wissenschaft und der Wissenschaftlichkeit; Kritik ist die Voraussetzung und die Methode der demokratischen Politik.

Thomas G. Masaryk: Die Weltrevolution, X, 125, 1927

Den meinigen widersprechende Urteile regen mich nicht auf und beleidigen mich nicht; sie regen mich nur an und setzen mich in Tätigkeit.

Michel de Montaigne: Weitherzigkeit und. geistige Freiheit, 1580

Öffentliche Angelegenheiten gehören in die Öffentlichkeit. Was alle in gleichem Masse angeht, mögen alle ausrichten oder wenigstens davon wissen

Johann Amos Comenius: Allgemeine Beratung über die Verbesserung menschlicher Dinge: Vorrede an die Europäer (15), 1666

Aufregung ist kein Programm. Wir brauchen eine ruhige und aufrichtige Analyse und Kritik unserer Kultur und aller ihrer Elemente und müssen uns zu einer konzentrischen Besserung auf allen Gebieten des Denkens und Handelns entschliessen.

Thomas G. Masaryk: Die Weltrevolution, VIII, 93, 1927

Was wir gut oder dumm machen, das haben wir auszubaden, nicht diejenigen, die uns den guten oder dummen Rat erteilen.

Friedrich Nietzsche

Das ist die klarste Kritik von der Welt, wenn neben das, was ihm missfällt, einer was Eigenes, Besseres stellt.

Emanuel Geibel: Juniuslieder, Sprüche (28), 1848

Widersprechen können. – Jeder weiss jetzt, dass Widerspruchvertragenkönnen ein hohes Zeichen von Kultur ist. Einige wissen sogar, dass der höhere Mensch den Widerspruch gegen sich wünscht und hervorruft, um einen Fingerzeig über seine ihm bisher unbekannte Ungerechtigkeit zu bekommen. Aber das Widersprechenkönnen, das erlangte gute Gewissen bei der Feindseligkeit gegen das Gewohnte, Überlieferte, Geheiligte – das ist mehr als jenes beides und das eigentlich Grosse, Neue, Erstaunliche unserer Kultur, der Schritt aller Schritte des befreiten Geistes: wer weiss das?

Friedrich Nietzsche: Die fröhliche Wissenschaft, 1882

Gebildete widersprechen anderen, der Weise widerspricht sich.

Oscar Wilde: Lehren und Sprüche (Franz Blei)

Eine falsche Antwort ist leicht festzustellen, aber es braucht Originalität, eine falsche Frage zu entdecken.

Antony Jay: Management and Macchiavelli

Nur die haben ein Recht zu kritisieren, die zugleich ein Herz haben: zu helfen.

William Penn

9. Planung – Erkenntnis und Bekenntnis

Wissen

Unsere gesamte Erkenntnis der Welt ist an einem dünnen Faden aufgehängt: der Re-gel-mäs-sig-keit unserer Erfahrungen.

Luigi Pirandello: Das Vergnügen, anständig zu sein, 1. Akt (Maurizio), 1925

Die Wissenschaft ist die Methode, viele kleine Unklarheiten auf ein einziges grosses Rätsel, dem man einen Namen gibt, zurückzuführen.

Hans Lohberger

Wissenschaft ist nichts anderes als äusserst kritischer, stark verfremdeter ‹common sense›.

Gunnar Myrdal: Objektivität in der Sozialforschung, Frankfurt am Main 1971, S. 118

Darin besteht eigentlich der Unterschied zwischen Wissenschaft und Klugheit, dass in der Wissenschaft diejenigen gross sind, die von einer einzigen Ursache möglichst viele Wirkungen in der Natur ableiten, in der Klugheit aber diejenigen Meister sind, die für eine Tatsache möglichst viele Ursachen aufsuchen, um dann zu erschliessen, welche die wahre ist. Und das ist so, weil die Wissenschaft auf die obersten, die Klugheit auf die untersten Wahrheiten blickt.

Gianbattista Vico: Vom Wesen und Weg der geistigen Bildung, VII, nach 1700

Im Verlauf von hundertsechsundsiebzig Jahren hat sich der untere Mississippi um zweihundertzweiundvierzig Meilen verkürzt. Das ergibt einen Durchschnitt von etwas über eineindrittel Meile pro Jahr. Also kann selbst ein Blinder mit Krückstock sehen,. dass der Unterlauf des Mississippi im alten Oolieth-Silur, nächsten November vor genau einer Million Jahren, wenigstens eine Million dreihunderttausend Meilen lang war und wie eine Angelrute über den Golf von
Mexiko hinausragte. Ebenso muss es jedem einleuchten, dass es in siebenhundertzweiundvierzig Jahren von Kairo bis New Orleans bloss noch eindreiviertel Meilen sein werden und beide Städte ihre Strassen zusammengelegt haben und sich unter nur einem Bürgermeister und nur einem Magistraten gemütlich weiter abrackern. Mit der Wissenschaft ist es irgendwie faszinierend. Aus der kleinsten Kapitalsanlage in Fakten lassen sich da Riesenprofite in Mutmassungen rausholen.

Mark Twain

Die Metaphysik ist die Suche in einem schwarzen Zimmer nach einer schwarzen Katze, die nicht drin ist.

Aristide Briand: Cri de Paris, 5. Februar 1928, nach Max Seheler

Philosophie ist die Suche in einem schwarzen Zimmer nach einer schwarzen Katze.
Metaphysik ist die Suche in einem schwarzen Zimmer nach einer schwarzen Katze, die nicht drin ist.
Ideologie ist die Suche in einem schwarzen Zimmer nach einer schwarzen Katze, die nicht drin ist, und der Ruf: ‹Ich hab sie!›

Neuere Erweiterung des Ausspruchs (aus der ČSSR)

Je mehr man erkennt, so weniger versteht man.

Meister Eckhart

Das ist die Schwäche unserer Vernunft: wir bedienen uns ihrer meist nur zur Rechtfertigung unseres Glaubens.

Marcel Pagnol: Marcel, 1961

Der Mythus von einer reinen, ungedeuteten und – vom ideologischen Standpunkt – neutralen Information ist eine ‹gefährliche Illusion›.

Jacques Ellul

Alles Wissen geht aus einem Zweifel hervor und endigt in einem Glauben.

Marie von Ebher-Eschenbach

Im Gegensatz zu der ursprünglichen Deutung Marxens (Ideologie – ein falsches Bewusstsein) bedeutet ‹Ideologie› heute einen geistigen Aufbau, in welchem das Wissen um die wirkliche Sachlage in einer solchen Weise ausgelegt wird, dass es die in Frage kommenden Daten gleichfalls einer Veränderung aussetzt.

Pavel Apostol: Ansichten einer künf11gen Futurologie, herausgegeben von Dietger Pforte und Olaf Schwencke, München 1973, S. 58

Ideologie ist der Versuch, die Strassenbeschaffenheit zu ändern, indem man neue Wegweiser aufstellt.

Carlo Manzoni

Die grössten Bretter vor dem Kopf sind die Reissbretter.

Nach Gerhard Kocher, Schweizerische Vereinigung für Zukunftsforschung, Zürich 1975

Das Feld der Philosophie in dieser weltbürgerlichen Bedeurung lässt sich auf folgende Fragen bringen:

1. Was kann ich wissen?
2. Was soll ich tun?
3. Was darf ich hoffen?
4. Was ist der Mensch?

Die erste Frage benatwortet die Metaphysik, die zweite die Moral, die dritte die Religion und die vierte die Anthropologie. Im Grunde könnte man aber alles dies zur Anthropologie rechnen, weil aich die drei ersten Fragen auf die letzte beziehen.

Immanuel Kant: Werke, herausgegeben von der Königlich Preussischen Akademie der Wissenschaften, Berlin 1910, Bd. 9, S. 24 ff.

Um den Menschen zu verstehen, muss man etwas von der Erkenntnistheorie wissen, und um diese zu verstehen, muss man etwas vom Menschen wissen.

Papert, zitiert nach Jean Piaget: Erkenntnistheorie, Frankfurt am Mein 1971, S. 292

Die gefährlichsten unserer Vorurteile herrschen in uns selber gegen uns selber. Sie-aufzulösen ist das Schöpferische.

Hugo von Hofmannsthal: Buch der Freunde, 1921

Jeder findet in seinem Gehirn das Mass des Möglichen, und die Menschen, die denken, sind Verrückte für die, die nicht denken.

Charles Secrétan: Mon Utopie, Lausanne 1892, p. 41 (zitiert nach Felix Lehner)

Denken ist für viele Leute nichts anderes als die Umgruppierung ihrer Vorurteile.

William James

Die Menschen irren aber nicht, weil sie etwas nicht wissen, sondern weil sie sich für wissend halten.

Jean-Jacques Rousseau

Was untersucht und in einem bestimmten Sinn als krankhaft befunden wird, ist nicht das Wissen als solches, es sind die unbewussten Zwecke, die bei der Jagd nach Wissen in der modernen Zivilisation dominieren; genauer: das Streben nach Besitz oder Objektbeherrschung (Freud) und das Prinzip, die Mittel sparsam zu verwenden (Ferenczi). Das Krankhafte an diesen Schemata – im Zusammenhang mit der gesamten Libidotheorie gedeutet – ist der Umstand, dass die besitzgierige Beherrschung der Natur und das brutale Wirtschaftsdenken als Teiltriebe des menschlichen Wesens (des menschlichen Körpers) in der modernen Zivilisation zu tyrannischen Organisatoren des gesamten Lebens geworden sind. Von der Wirklichkeit des Leibes als eines Ganzen abzusehenh und abstrakte Impulse fur die ganze W1rklichkeit zu nehmen, das sind die typischen Kennzeichen des homo oecnomicus.

Norman O. Brown: Zukunft im Zeichen des Eros, aus dem Amerikanischen übersetzt, Pfullingen 1962, S. 293

Die Welt, sie muss romantisch werden,
Der Natur Grammatik, Konsonanten und Vokale,
Okkult und eigenartig, sind zu entdecken als Medizin
Auf dass der Mensch hinaufgehoben werde über sich,
Hinauf zur Klangwelt seiner Seele
– Eine Musik aus Sinnlichkeit, vermischt mit Geisteskraft,
Leib-und-Seelen-Geometrie in Worten,
Wo Technik und Einbildungskraft verschmelzen,
Unsicherheiten, Einsamkeiten aller Wege.
Nehmt euch in acht vor den Exzessen abendländischer

Kein Mensch träumt Träume – lediglich Statistiken erhalten
Ein Geschlecht, entfremdet der Natur, am Leben,
Des Intellektes kalte Feststellungen,
Des Herzens kummervolles Spüren,
Das tiefe Unbefriedigtsein der Seele,
Das verschlingende und gebärende.

Peter Russell: Paysages légendaires (aus dem Englischen übersetzt), London 1971

Ein Grundsatz ist oft nur die bibliophile Ausgabe eines eines Vorurteils.

Boy Gobert

Unser Denken wird bestimmt durch das Vorurteil des schon Gedachten.

Hans A. Moser: Thomas Zweifel, Zürich 1968, S. 50

Das Gehirn: die Apparatur, mittels derer wir denken, wir denken.

Julian Tuwim: Denkspiele, polnische Aphorismen, Frankfurt am Main 1974, S. 44

Realität: der Unterschied zwischen dem, was uns freut, und dem, womit wir uns trösten.

Gabriel Laub

Wir alle sehen ja nur, was wir sehen wollen.

Kurt Tucholsky

Der Wille ist das eigentliche Haus, in dem der Mensch wohnt; der Verstand ist der Vorhof, durch den er ein- und ausgeht.

Emanuel Swedenborg: Die wahre christliche Religion (Gollwitzer: Herz und Lunge), 1771

Der Mensch ist eine wissenschaftliche Kreatur. Er etikettiert seine Unkenntnis und versorgt sie.

James Stephens

Wenn ich nicht weiss, dass ich nicht weiss, glaube ich zu wissen;
Wenn ich nicht weiss, dass ich weiss, glaube ich nicht zu wissen.

Ronald D. Laing: Knoten, aus dem Englischen übersetzt, Reinbeck 1972, S. 61

Kenntnisse bedeuten nichts ohne Macht.

Tausendundeine Nacht: 18. Nacht: Geschichte von den drei Äpfeln, 1. Bd., I. (Henning), S. 157

Wissen ist Macht.

Francis Bacon

Wissen ist stets Mass.

Nikolaus von Kues

Das Beste für den schwachen Verstand ist sein Glaube an das Gesetz von Ursache und Wirkung.
Das Beste für den Durchschnittsverstand ist die Erkenntnis des in und ausser sich selbst wirkenden Gesetzes der Gegensätze.
Das Beste für den Verstandesmächtigen ist das völlige Begreifen der Untrennbarkeit von Erkennendem, Gegenstand der Erkenntnis und Vorgang des Erkennens.

Dvagpo-Lharje in: Yoga und Geheimlehren Tibets (Ursula von Mangoldt), um 1150, S. 82

Die Wirkung ist nie von der Ursache verschieden, sondern ist nur ein Wiedererstehen der Ursache in veränderter Form.

Swâmi Vivekânanda: Inana-Yoga: Der Pfad der Erkenntnis, 1. Band, S. 5 (Frank Dispeker), 1893

Man muss über den Dingen stehen, wenn man hinter sie kommen will.

Jacob Lorenz: 12 Dutzend Sinnsprüche, Buochs CH, 1943

Das Gewicht eines Problems wird brutto notiert. Wir sind darin inbegriffen.

Stanislaw J. Lec: Unfrisierte Gedanken, aus dem Polnischen übersetzt von K. Dedecius, München 1966

Unser gewöhnliches Wissen stellt sich nur den Gegenstand vor, denn es weiss, nicht aber zugleich sich, nämlich das Wesen selbst. Das Ganze aber, was im Wissen vorhanden ist, ist nicht nur der Gegenstand, sondern auch Ich, der weiss, und die Beziehung meiner und des Gegenstandes aufeinander: das Bewusstsein.

Georg Wilhelm Friedrich Hegel: Philosophische Propädeutik II, 1. Abteilung, Phänomenologie des Geistes oder Wissenschaft des Bewusstseins, Einleitung, 1807

Darin liegt in der Tat die Tragik aller Wissenschaft: Wir kommen unmöglich von dem rein aproristischen Element los. Die unübersehbar grosse Menge sogenannter roher Tatsachen ordnet sich nicht von selbst, und ohne ein Ordnungsprinzip ist wissenschaftliche Beobachtung unmöglich.

Gunnar Myrdal: Das Zweck-Mittel-Denken in der Nationalökonomie, in: Zeitschrift für Nationalökonomie, Bd. IV, Nr. 3, 1933

Ohne ein Prinzip der Auswahl verliert die Trennung des Wesentlichen vom Unwesentlichen ihren Sinn, und ohne diese Trennung gibt es keine Wissenschaft.

Heinrich Rickert: Zur Lehre von der Definition, 3. Aufl., Tübingen 1929, S. 40

Nicht Voraussetzungslosigkeit ist die Tugend der Wissenschaft, wohl aber Selbstkritik ihrer Grundlagen.

Eduard Spranger: Der Sinn der Voraussetzungslosigkeit in den Geisteswissenschaften, Berlin 1929

Aus der Feststellung einer Tatsache lässt sich niemals ein Satz herleiten, der eine Norm, eine Entscheidung oder einen Vorschlag für ein bestimmtes Vorgehen ausspricht. Und das ist nur ein anderer Ausdruck dafür, dass es unmöglich ist, Normen oder Entscheidungen oder Vorschläge aus Tatsachen herzuleiten.

Karl R. Popper: Die offene Gesellschaft und ihre Feinde, Bd. I, London 1944/Bern 1958, S. 100

Wenn du an eine bestimmte letzte Wertordnung glaubst, wird dir Gerechtigkeit nach dieser Ordnung unveränderlich und ‹standardisiert› erscheinen. Für einen anderen aber, der an eine andere Ordnung glaubt, wird Gerechtigkeit anders aussehen. Triff deine Wahl. Sage mir, aber sage mir aufrichtig und ehrlich, wie deine höchsten Werte aussehen, und ich will dir sagen, was für dich Gerechtigkeit ist. Ehe du mir nicht das eine sagst, kann ich dir das andere nicht sagen. Aber wenn du es mir sagst, kann ich dir vielleicht auch sagen, welche Konsequenzen deine Wahl haben wird, welche Risiken du eingehst; und dann wirst du vielleicht deine Wahl ändern. Auch kann es sich für dich selbst herausstellen, dass du dich in deiner Ansicht darüber, welches deine höchsten Werte sind, geirrt hast.
Das Problem, ob es einen ‹richtigen› letzten Massstab gibt und welcher das ist, liegt also ausserhalb der Reichweite der Wissenschaft. Die Auswahl muss anderen Methoden überlassen bleiben, wie zum Beispiel religiöser Offenbarung oder ethischer Intuition oder der philosophischen Spekulation oder der individuellen oder gemeinschaftlichen politischen Entscheidung, die auf die genannten Quellen oder auf blosse Zweckmässigkeitsüberlegungen zurückgeht, oder – nicht zuletzt – der juristischen Feststellung, was schon heute gültiges Recht ist im Unterschied zur wissenschaftlichen Entdeckung dessen, was es sein sollte.

Arnold Brecht: Politische Theorie, aus dem Amerikanischen übersetzt Tübingen 1961, S. 190

Was heissen wir die Wirklichkeit? Die zur Gewohnheit gewordene Sicht der Dinge.

Hans A. Moser: Thomas Zweifel, Zürich 1968, S. 50

Die Suche nach dem Wahren ist nicht immer die Suche nach em Wünschenswerten.

Albert Camus

‹Zeige mir›, kann man darum dem Menschen sagen, ‹woran du nicht glaubst, so will ich dir zeigen, woran du glaubst: zeige mir, was du nicht weisst, so will ich dir zeigen, was du weisst oder zu wissen meinst; zeige mir, wem du nicht dienst, so will ich dir zeigen, wem du dienst.›

Franz von Baader: Zwiespalt des Glaubens und Wissens, 1833

Nicht das Bewusstsein bestimmt das Leben, sondern das Leben bestimmt das Bewusstsein.

Karl Marx: Thesen über Feuerbach, II, 4 b, 1845

Verstehen heisst, sich eine Frage stellen, die durch das, was man versteht, genau beantwortet wird.

André Gide

Dialektik die Kunst (oder der Trick), zu zwei Seiten das Ding zu erdenken, das sie hat.

Hans Kudszus

Er ist ein Denker: das heisst, er versteht sich darauf, die Dinge einfacher zu nehmen, als sie sind.

Friedrich Nietzsche

Aus grossen Zweifeln kommt grosse Einsicht; aus kleinen Zweifeln kommt kleine Einsicht.

Chinesisches Sprichwort

Vier Epochen der Wissenschaften: kindliche: poetische, abergläubische; empirische: forschende, neugierige; dogmatische: didaktische, pedantische; ideelle: methodische, mystische.

Johann Wolfgang Goethe

Es geht in der reinen Wissenschaft um Erkenntnisse, die für jeden genügend vorgebildeten Verstand einsichtig und nachprüfbar sind.
Es gibt aber auch noch eine andere Art von Erkenntnissen über den Menschen. Auch sie sind der Ertrag einer Verarbeitung unbezweifelbarer Erfahrungen. Sie vollzieht sich auf einem Weg der Erkenntnis, den jeder Mensch, auch der wissenschaftlich ungeschulte, unbewusst geht, insofern er das, was er erlebt, innerlich verabreitet. Tut er das, so entsteht in ihm im Laufe seines Lebens Erkenntnis in Gestalt eines ‹Lebenswissens›. Dieser Weg geht aus vor allem von den Glücks- und Leidenserfahrungen eines Menschen, mündet aber nicht in einem gegenständlich geordneten Wissen oder in einem System von Begriffen, sondern, wenn er erfolgreich zu Ende gegangen wird, in geläuterter Lebensweisheit, die sich im rechten Verhalten erweist. Er mündet also in der seelischen Wirklichkeit selbst. Die Erkenntnis erscheint dann nicht in einer theoretischen Ordnung, sondern als praktisch sich bewährende Neuordnung des seelischen Gefüges selbst. Sie ist nicht Gegenstand des theoretischen Bewusstseins, sondern ein Zustand des ‹praktischen Inneseins›.

Karlfried Graf von Dürckheim: Im Zeichen der grossen Erfahrung, München 1951, S. 25/26

Wissenschaft ist biologisch gesehen sowohl ein Prozess von Anpassung an die Umwelt als auch der Umgestaltung von Umwelt – und beides in enger Wechselwirkung. Mit einer solchen Betrachtung stehen wir ‹jenseits des Empirismus›.

Nach Jean Piaget, zitiert in: Ansichten einer künftigen Futurologie, herausgegeben von Dietger Pforte und Olaf Schwencke, München 1973, S. 154

Wissenschaft ist eine Sammlung erfolgreicher Rezepte.

Paul Valéry

Wissenschaft ist ein Friedhof toter Ideen.

Miguel de Unamuno

Das Problem der Wissenschaft ist: die Welt zu erklären, ohne zu Emfindungen als Ursache zu greifen.

Friedrich Nietzsche

Die Wissenschaft war bisher die Beseitigung der Verworrenheit der Dinge durch Hypothesen.

Friedrich Nietzsche

Die Vorstellung eines rationalen Kosmos beruhte (…) auf vereinfachenden Annahmen, die nur in einem Spezialfall gültig waren. Jetzt ringt man sich zur Einsicht durch, es lediglich mit einer rationalen Möglichkeit, der jede äussere Bestimmtheit fehlt, zu tun zu haben. Bestenfalls kann es sich jetzt – wenn von einer äusserlichen Wirklichkeit die Rede ist – nur noch um Wahrscheinlichkeiten handeln, die in einer Theorie der Spiele durchgerechnet werden. Eine jede Bestimmtheit löst sich in dem Begriff der Rationalität überhaupt auf. Es wird damit nur der Begriff verwirklicht, der schon zugrunde lag, nämlich dass die Datensetzung in einem Modell überhaupt irrational ist. Diese Irrationalität erscheint jetzt darin, dass die Möglichkeit der Datenkombination unendlich gesteigert wird. Ein Ergebnis, das deshalb eindeutig ist, weil es eine bestimmte Notwendigkeit in der Datenkombination ausdrückt, kann vor der Kritik nicht mehr bestehen, da an ihm die fremde Setzung unmittelbar erscheint, während ein Ergebnis, das aufgrund blosser Wahrscheinlichkeit zustande kommt, weil es nicht den Anspruch erhebt, auf eine notwendige Datenkombination zurückzugehen, dem absoluten Skeptizismus systematisch entspricht. Der Begriff der leeren Rationalität, des Bestimmens überhaupt geht in der blossen Wahrscheinlichkeit in sich selbst zurück. In ihr wird der Schein einer äusseren Bestimmtheit zerstört.

Friedrich Jonas: Sozialphilosophie der industriellen Arbeitswelt, 2. Aufl. Stuttgart 1974, S. 199

Die Wissenschaft nötigt uns, den Glauben an einfache Kausalitaten aufzugeben.

Friedrich Nietzsche

Wie wir bereits gesehen haben, führt die Wissenschaft gewöhnlich nur zum Erkennen von Anomalien und Krisen. Und diese werden dann nicht durch Überlegung und Deutung behoben, sondern durch ein verhältnismässig plötzliches und unstrukturiertes Ereignis, eine Art von Sprung zu einer neuen Gestalt. Wissenschafter sprechen dann oft davon, dass ihnen die ‹Schuppen von den Augen fallen›, oder von einem ‹Blitz›, der das bis dahin unklare Puzzle ‹überflutet› und es nun ermöglicht, seine Teile zum erstenmal in einem neuen Zusammenhang zu sehen, der die Lösung ergibt.

Thomas Kuhn: Structure of Scientific Revolutions, 2. Aufl., Chicago 1972, S. 122

Man darf der Wissenschaft keine zu hohe Verantwortung aufbürden. Die Menschheit muss ihre Ziele schon selber setzen, ihre Wertmassstäbe selbst entwickeln – das kann ihr nicht von der Wissenschaft abgenommen werden. Aber die Wissenschaft kann Informationen liefern, zum nüchternen rationalen Denken erziehen, bei der Erreichung technischer Ziele mitwirken. Nur kann sie nicht als Grundlage für die Gestaltung des ganzen menschlichen Lebens ausreichen. Das rationale Denken ist nur ein Bereich aus den vielen geistigen Möglichkeiten des Menschen, wir dürfen es jedoch gegenüber den anderen Bereichen nicht überbewerten.

Werner Heisenberg: Die Evolution ist kein Betriebsunfall, Zürich 1972, S. 25

Der moralische Rationalist betet die Vernunft als etwas über die subjektiven Wertungen Hinausgehendes an – aber er sorgt dafür, dass sie diesen nicht widerspricht. So sorgt er dafür, dass er seine eigenen moralischen Ideen mit Autorität ausgestattet zurückbekommt.

Walter Kaufmann: Jenseits von Schuld und Gerechtigkeit, aus dem Amerikanischen übersetzt, Hamburg 1974, S. 82

Manche sehen mit dem rechten und mit dem linken Auge genau dasselbe und glauben, dies sei Objektivität.

Stan1slaw J. Lec: Unfrisierte Gedanken, München 1960

Pläne sind die Träume der Verständigen

Ernst von Feuchtersleben. Aphorismen

Wissenschaft:
Wissenschaft steht im Dienste eines Ideals und im Dienste einer herrschenden Gruppe.
Im Pathos ‹Wissenschaft› stecken viele Ideale und viele Herrschaftsgelüste und auch eine Menge ganz gedankenloser, aber gut eingefuhrter Emotionen.

Ludwig Marcuse: Argumente und Rezepte, München 1967, S. 156

Die Wissenschaft überbrückt nicht die Abgründe des Denkens, sie steht bloss als Warnungstafel davor. Die Zuwiderhandelnden haben es sich selbst zuzuschreiben.

Karl Kraus

Als absurd bezeichnen wir, was nicht möglich ist und trotzdem passiert; was möglich ist, aber nicht passiert, bezeichnen wir als typisch.

Gabriel Laub

Klar nennt man Ideen, die dasselbe Mass an Verwirrung haben wie unser eigener Geist.

Marcel Proust

Das ist das alte Lied und Leid,
dass die Erkenntnis erst gedeiht,
wenn Mut und Kraft verrauchen;
die Jugend kann, das Alter weiss;
du kaufst nur um des Lebens Preis
die Kunst, das Leben recht zu brauchen.

Emanuel Geibel: Sprüche (6), Spätherbstblätter: Distichen a.d. Wintertagebuch (II), 1877

Denken, das heisst eingesehen haben, dass das Wissen zu Ende geht.

Hans Lohberger

Forschen heisst sehen, was alle sehen, und denken, was keiner denkt.

Unbekannt

Der Wissenschaftler flüchtet in das Spezialistentum, derPoli~ tiker in die sogenannte ‹Realpolitik›, der Träumer flüchtet in den Terror, das öffentliche Bewusstsein in die Konsumkultur.

Georg Picht: Mut zur Utopie, München 1969. S. 70

Die blosse Mahnung an die Richter, nach bestem Wissen und Gewissen zu urteilen. genügt nicht. Es müssten auch Vorschriften erlassen werden, wie klein das Wissen und wie gross das Gewissen sein darf.

Karl Kraus

Gewissen

Das Gute – dieser Satz steht fest – ist stets das Böse, was man lässt!

Wilhelm Busch: Die fromme Helene, Epilog, 1872

Ich kann freilich nicht sagen, ob es besser wird, wenn es anders wird; aber so viel kann ich sagen, es muss anders werden, wenn es gut werden soll.

Georg Christoph Lichtenberg

Wie zum Werden das Sein, so verhält sich zum Glauben die Wahrheit.

Platon: Timaios, 3. Bd.

Die Wahrheit besteht in dem Wagestück, das objektiv Ungewisse mit der Leidenschaft der Unendlichkeit zu wählen.

Sören Kierkegaard, zitiert in Weizel: Naturrecht und materiale Gerechtigkeit, 4. Aufl. 1962, S. 210

Herr, wir dürfen ja nicht alles lassen durch die Zeit bewirken; etwas müssen wir auch tun.

Pedro Calderen: Der Richter von Zalamea, 3. Aufzug (Crespo), 1651

Selbst das Schweben in höhern Kreisen des Denkens spricht nicht los von dieser allgemeinen Verbindlichkeit, seine Zeit zu verstehen. Alles Höhere muss eingreifen wollen auf seine Weise in die unmittelbare Gegenwart.

Johann Gottlieb Fichte: Reden an die deutsche Nation, 12. Rede, 1808

Deer Wunsch ist ein Wille, der sich selbst nicht ganz ernst nimmt.

Robert Musil

Die Verarmung eines Menschen oder einer Region verwandelt seine Freunde in Ratgebende, Kritiker und Richter.

François Mauriac: Noch ist es Zeit: Die Freunde Jobs, 1946

Hilfe ist oft nur eine raffinierte Art, sich aufzudrängen.

Charles Tsohopp: Kaleidoskop des Alltags, Basel· 1967

Mit unberufenem Helfenwollen kann man ebensoviel verderben als mit rücksichtslosem Hindern.

Jeremias Gotthelf

Wenn die Zeit kommt, in der man könnte, ist die vorüber, in der man kann.

Marie von Ebner-Eschenbach

Welche Tüchtigkeit in einem Individuum ist, kann man ermessen daran, wie weit es vom Verstehen zum Wollen hat. Was ein Mensch verstehen kann, das zu wollen muss er auch sich zwingen können. Zwischen Verstehen und Wollen liegen die Entschuldigungen und die Ausflüchte.

Sören Kierkegaard

Man muss nicht das Gescheiterte tun, sondern das Bessere.

Jakob Bosshart

Die ethische Vermittlung in den verschiedenen Bezirken unserer Wirklichkeit zu leisten ist und bleibt unsere eigentliche Aufgabe. Und hier zeigt sich die schärfste Form der Dialektik: man muss sich der Bedingtheit und Unzulänglichkeit des eigenen Tuns und der Ungewissheit des Erfolges bewusst sein und dennoch so handeln, als ob eines Tages eine bessere Menschheit Wirklichkeit würde.

Walter Schulz: Philosophie in der veränderten Welt, Pfullingen 1972, S. 854

Das Geschehen im grossen lässt sich nicht zur Seite schieben, denn die Gestaltung des Lebens im Nahhorizont hängt wesentlich vom Weltgeschehen ab. Man kann der Verantwortung vor der Geschichte und für die Geschichte also gar nicht entrinnen. Ebenso wahr ist es jedoch, dass wir der Geschichte nie Herr werden, weil wir nie wissen, ‹in welche Richtung das Ganze geht›. Diese Einsichtnicht zu verdrängen und dennoch sich für das Geschehen verantwortlich zu wissen, dies ist wohl die schwerste Aufgabe, die einer politischen Ethik auferlegt ist.

Walter Schulz: Philosophie in der veränderten Welt, Pfullingen 1972, S. 840

Der wahre Verrat besteht darin, die Welt hinzunehmen, wie sie ist, und den Verstand dafür zu verwenden, sie zu rechtfertigen.

Jean Guéhenno: Caliban parle, Paris 1928

Das eben ist der Fluch der Macht, dass sich
dem Willen, dem leicht widerruflichen,
ein Arm gleich beut, der fest, unwiderruflich
die Tat ankettet. Nicht ein Zehnteil würd’
ein Herr des Bösen tun, müsst er es selbst
mit eignen Händen tun. Es heckt sein blosser
Gedanke Unheil aus, und seiner Knechte
geringster hat den Vorteil über ihn
dass er das Böse wollen darf.

Heinrich von Kleist: Familie Schroffenstein IV, 1 (Rupert), 1803

Suche erkannte Wahrheiten zu verwirklichen, nicht als Forderungen an andere, sondern als Forderung an dich selbst.

Hermann Hesse

Der Mensch entwickelt nur dann ein Gewissen, wenn er in seiner Abhängigkeit vertrauen kann; vertrauen auch sich selber, was ihn zugleich vertrauenswürdig macht; und erst wenn er hinsichtlich einer Reihe grundlegender Werte völlig zuverlässig ist, kann er Unabhängigkeit entwivkeln die Überlieferung weiterreichen.

Erik H. Erikson: Identität und Lebenszyklus, aus dem Amerikanischen übersetzt. Zürich 1974, S. 94

Zuspruch aus der Ferne:
Trost und Rat sind oft die Abwehr eines Nichtbetroffenen gegen das Leid eines Betroffenen. Trost und Rat sind, neben anderem, auch eine Maske der Distanz.

Ludwig Marcuse: Argumente und Rezepte, München 1967, S. 163

Der ist ein wahrer Freund, welcher uns aus dem Unglück befreien kann, nicht der, welcher nur Dinge, die nicht geändert werden können, zu tadeln versteht.

Hitopadesha, 1. Buch (27), S. 19, 10. Jh. n. Chr.

Im Leben sind Ethik und Metaphysik innerlich voneinander abhängig. Die Ethik schliesst aber auch Politik und Wirtschaft ein, und ob ethische Prinzipien gut oder schlecht oder überhaupt nicht angewendet werden, hängt, soweit sie ein System der Selbsterziehung sind, von der Erziehung und der Religion ab. Wir sehen also, jede Handlung der Einzelmenschen und der Gesellschaften steht durch die Ethik mit ihrem grundlegenden Glauben über das Wesen der Welt in Verbindung.

Aldous Huxley: Ziele und Wege, 15. Kap., 1937

Der Mensch muss die Dunkelheit des Geschehens auf sich nehmen und daran mit viel Wagemut ein wenig Wahrheit erzeugen.

Maurice J.-J. Merleau-Ponty: Die Abenteuer der Dialektik, Frankfurt am Main 1968, S. 139

Das Hauptproblem von Ethik und Politik besteht darin, auf irgendeine Weise die Erfordernisse des Gemeinschaftslebens mit den Wünschen und Begierden des Individuums in Einklang zu bringen.

Bertrand Russel

Vernunft und Wille sind es, die die neuen Assoziationen schaffen. Diese Leistung der vernünftigen Einsicht wird, wie immer, so auch in diesem Falle, zur Folge haben, dass die gefühlsmässige Bindung an den kleineren Verband nicht schwächer, sondern kräftiger wird. Je stärker das Verhältnis zum neuen, grösseren Verband durch das (rationale)Denken geprägt wird, um so mehr nimmt die Beziehung zum kleineren, älteren Kreis die Züge der (irrationalen) Liebe und Treue an.

Karl Schmid: Europa zwischen Ideologie und Verwirklichung, Zürich 1966, S. 140

Der kühne Mut, der Weltgebieter Stärke,
Entschlossenheit und Lust an dem, was ist,
und Phantasie, hold dienend, wie sie soll,
sie schmücken dieses Lebens rauhe Pfade,
und leben ist ja doch des Lebens höchstes Ziel!

Franz Grillparzer: Sappho I, 3, (Sappho), 1818

Die meisten jagt eine irre, wechselvolle und ihrer selbst überdrüssige Oberflächlichkeit ohne festes Ziel von Plan zu Plan; manche entschliessen sich überhaupt zu keinem Lebensplan, sondern werden inmitten ihrer Schlaffheit und ihres Schwankens vom Tode ereilt.

Seneca

Gerechtigkeit ist nichts anderes als die Nächstenliebe des Weisen.

Gottfried Wilhelm Leibniz

Ob individuelle, soziale und kulturelle Planung die Menschen besser oder schlechter macht, ob alle Reform- und Kontrollversuche als undelikate, subversive und entheiligende Übergriffe verdammt werden, jedenfalls steht es fest, dass die Möglichkeit geplanter technologischer und psychologischer Beeinflussung notwendig, schon weil sie da ist, zu deren Verwendung reizt und zwingt. Die einzig offene Frage ist lediglich: wer sie wie verwendet.

Friedrich Hacker in: Der Griff nach der Zukunft, Modelle für eine neue Welt, München 1964, S. 473

10. Planung – Zweifel und Hoffnumg

Ungewissheit/Offene Zukunft

Nichts ist mir sichrer als das Ungewisse
und dunkel dies mir nur, was offenbar,
hab keinen Zweifel ausser fürs Gewisse,
und Weisheit dünkt mich, was nur Zufall war.

François Villon: Ballade der Widersprüche, 2. Strophe, ca. 1460

Nix Gwisses woass ma net.

Bayrisch

Kühner, als das Unbekannte zu erforschen, kann es sein, das Bekannte zu bezweifeln.

Josef Kaspar

Bei der Ungewissheit des menschlichen Lebens muss man besonders jene falsche Klugheit vermeiden, welche die Gegenwart der Zukunft aufopfert; damit opfert man das Bestehende dem auf, was nie sein wird. Machen wir den Menschen glücklich in allen Altern, damit er nicht nach so vielen Sorgen sterbe, bevor er glücklich gewesen.

Jean-Jacques Rousseau: Emile, 5. Buch, 222, 1762

Es g1bt in bezug auf die Möglichkeiten der Weltverbesserung, insofern diese politischer Natur sind, keine eindeutigen und zwingenden Anweisungen. Die politische Entscheidung ist, als auf Erfolg bezogen, immer ungewiss und nie im absoluten Sinne zu rechtfertigen oder zu verwerfen. Erfordert ist aber vom ethischen Aspekt her, dass man sich überhaupt politisch entscheidet und nicht in die Welt der Innerlichkeit zurückzieht und solchermassen die politische Ebene ausklammert.

Walter Schulz: Philosophie in der veränderten Welt, Pfullingen 1972•, S. 825

Von Zeit zu Zeit wird es uns immer wieder so vorkommen, als wäre alle Welt auf dem Holzwege – oder auch auf dem richtigen Wege, was ja ganz dasselbe ist. Denn es ist uns keine Wirklichkeit gegeben; wir müssen sie uns schaffen, wenn wir existieren wollen. Doch wird diese Wirklichkeit nie für alle Menschen und alle Zeiten übereinstimmend sein, sondern fortWährendem und unendlichem Wechsel unterworfen. Kann einer sich einreden, die Wirklichkeit von heute sei die einzig wahre, so gibt er sich damit vielleicht einen gewissen Halt. Aber er stürzt sich dafür jählings ins unendlich Leere, denn Wirklichkeit von heute trägt immer die Bestimmung in sich, morgen als Täuschung entlarvt zu sein.

Luigi Pirandello: Einer, keiner, hunderttausend, 3. Buch, 7, Notwendige Parenthese, 1926

Mit dem Unerwarteten ist schwer zu rechnen. Und doch ist es als Führer in Person immer weit vorne dran. Es sprengt voran in gleiche Richtung oder in andere Richtung. Vielleicht ist es heute schon in einer Gegend, an die man wenig denkt. Denn Genie ist zum Dogma oftmals Ketzer. Hat kein Prinzip ausser sich selber.

Paul Klee: Das bildnerische Denken, 3. Aufl., Basel 1953, S. 70

Setze das sichere Jetzt aufs Spiel, setze es ein für die unsichere Zukunft!

Nikos Kazantzakis: Askese, 1923

Bei aller Wissenschaft und Philosophie, bei aller Vernunft und Weisheit, bei aller Vorsicht und Voraussicht nimmt das Leben des Individuums und der Nation in bedeutendem Masse einen anderen Verlauf, als wir wünschen, wollen, erstreben; und trotzdem ist Logik darin, die wir ex post entdecken.

Thomas G. Masaryk: Die Weltrevolution, VIII, Die Weltrevolution und Deutschland, S. 83

Ein Narr, wem die Zukunft gesichert erscheint! Oft lacht noch am Freitag, wer Sonntag schon weint.

Jean Raeine: Die Kläger I, 1 (Petit Jean), (Wilhelm Willige), 1668

Auch glaube kein Staat, einen Entschluss fassen zu können, bei dem er sichergeht; er muss vielmehr damit rechnen, dass er bei jedem Gefahr läuft. Denn es liegt in der Natur der Dinge, dass man nie einen Nachteil vermeiden kann, ohne sich einem anderen auszusetzen. Die Klugheit besteht eben in der Fähigkeit, die Nachteile gegeneinander abzuwägen und das kleinere Übel zu wählen.

Niccolò Macchiavelli

Das Leben vor uns wird ein riskantes und immer provisorisches Experiment sein.

Johann Christiaan Hoekendijk

Der beste Seher ist, wer recht vermutet.

Euripides

Voraussagen heisst beobachten, was geschehen ist, und vermuten, dass es wieder geschehen wird.

Elbert Hubbard

Alles sah er voraus, ausser dass es sich erfüllen würde.

Wieslaw Brudzinski: Denkspiele, polnische Aphorismen, Frankfurt am Main 1974, S. 79

Es gibt kein Fatum – auch kein fromm angestrichenes (…) Die Geschichte ist nicht der Ablauf eines fertiggestellten Apparates.

Leonhard Ragaz, 1932

Wenn die Weissagung aus ist, wird das Volk wild und wüste; wohl aber dem, der das Gesetz handhabet.

Altes Testament: Sprüche, 29, 18

Niemand kennt sein Los, wenn er fur den nächsten Tag Pläne macht.

Ägyptische Weisheit, 3000-2000 v. Chr.

Am guten Tag sei guter Dinge, und den bösen Tag nimm auch für gut; denn diesen schafft Gott neben jenem, dass der Mensch nicht wissen soll, was künftig ist.

Altes Testament: Prediger Salomo, 7, 15

Jetzt sind wir Kinder Gottes, und noch ist nicht offenbar geworden, was wir sein werden.

Neues Testament: Johannesbrief, 3, 2

Was ist der Mensch, dass er Pläne macht!

Hugo von Hofmannsthal: Chandos Brief, 1901

Man macht sich immer übertriebene Vorstellungen von dem, was man nicht kennt.

Albert Camus

Das schwebend Ungewisse ist ja gerade das, was das Leben schön und lebenswert macht.

Hans A. Moser: Vineta, Zürich 1955, S. 404

Wir lieben das Leben nur, weil es uns ungewiss ist.

Yoshida Kenko: Tsurezuregusa (Paul Adler), Adler-Revon: Japanische Literatur, S. 262

Zufall ist die in Schleier gehüllte Notwendigkeit.

Marie von Ebner-Eschenbach

Der Reiche macht Pläne für die Zukunft, der Arme für die Gegenwart.

Chinesisches Sprichwort

Macht euch also keine Sorgen um den morgenden Tag! Denn der morgende Tag wird seine eigenen Sorgen haben: jeder Tag hat an seiner eigenen Mühsal genug.

Neues Testament: Matthäus 6, 34

Wer ein Programm für die Zukunft verfasst, ist ein Reaktionär.

Karl Marx

Hab ich deinen Plan gebilligt? Und zu leben eingewilligt?

August von Kotzebue: Ausbruch der Verzweiflung

Wenn doch der Mensch sich nicht vermessen wollte, irgend etwas für die Zukunft zu versprechen! Das Geringste vermag er nicht zu halten, geschweige wenn sein Vorsatz von Bedeutung ist.

Johann Wolfgang Goethe: Wilhelm Meisters Lehrjahre, 1894

So wenig als im Leben des einzelnen ist es für das Leben der Menschheit wünschenswert, die Zukunft zu wissen.

Jacob Burckhardt: Weltgeschichtliche Betrachtungen, Einleitung, 1905

Zukunft, das heisst: nutzbarer Wert, bezeichnender Wert, Einzigartigkeit.

Paul Valéry

Nichts Wahres lässt sich von der Zukunft wissen.

Friedrich Schiller: Braut von Messina, 1803

Vermauert ist dem Sterblichen die Zukunft.

Friedrich Schiller: Braut von Messina, 1803

Nach drüben ist die Aussicht uns verrannt.

Johann Wolfgang Goethe: Faust I

Das Merkwürdigste an der Zukunft ist wohl die Vorstellung, dass man unsere Zeit später die gute alte Zeit nennen wird.

John Steinbeck

Das Zweifeln kann als innerer Dialog aufgefasst werden. Fragen und Antworten werden auf einem innern Diskussionsforum ausgetauscht, wobei sich das Subjekt in zwei Gesprächspartner aufteilt, welche gegenseitig fragen und antworten. Eine Erfahrung, welche trotz ihrer Banalität ein Geheimnis enthält: welcher der beiden Gesprächspartner sind wir nun eigentlich wirklich?

Jean Pucelle: Le règne des fins, p. 176

Der Zweifel ist nicht unter, sondern über dem Wissen.

Alain: Saison de l’esprit, p. 138

Vergangenheit – Gegenwart – Zukunft

Zeit kennt nur eine Dimension: vorwärts. Viele aber treiben dahin, den Rücken gegen die Zukunft, den Blick in die Vergangenheit gewandt.

Prentice Mulford

Die Zeit ist Bewegung im Raum.

Joseph Joubert

Was keinen freien Raum mehr vor sich hat, ist seinem Zusammenbruch nahe.

Yoshida Kenko: Tsurezuregusa (Oscar Benl), S. 61, 1324/31

Wir fahren mit rasender Geschwindigkeit ohne Licht, und dieser Zustand ist weder zu verantworten noch zu ertragen.

Georg Picht: Mut zur Utopie, München 1969, S. 15

Zukunft ist Mode:
Ich werde von der Zukunft sprechen; weil man nicht von der Gegenwart sprechen kann. Die Zukunft ist Mode geworden, genau seitdem sie gefährdet ist. Früher hielt man sich lieber an die Vergangenheit, die kann einem niemand nehmen. Aber unser Verhältnis zur Vergangenheit ist so schwierig geworden, dass es heute wohl leichter ist, über die Zukunft etwas Genaues zu sagen als über die Vergangenheit. Zumindest lässt sich eine Aussage über die Zukunft später überprüfen. Eine Aussage über die Vergangenheit ist nie mehr überprüfbar. Überprüfbarkeit von Aussagen übt auf alle Leute, die wissenschaftlich oder technisch denken, eine ungeheure Faszination aus.

Walter Vogt: Zukunft der Psychiatrie, Sonntagsjournal, 5. Juli 1969

Die Zukunft ist als Raum der Möglichkeiten der Raum unserer Freiheit.

Karl Jaspers

Wir blicken so gern in die Zukunft, weil wir das Ungefähre, was sich in ihr hin und her bewegt, durch stille Wünsche so gern zu unsern Gunsten heranleiten möchten.

Johann Wolfgang Goethe: Wahlverwandtschaften, 1809

Wir neigen alle dazu, unsere volle Daseinsberechtigung in die Zukunft zu verlegen, das Morgen wichtiger zu nehmen als das Heute.

Willi Schohaus

Ich denke nie an die Zukunft. Sie kommt früh genug.

Albert Einstein

Eine Liebe in der Zukunft gibt es nicht; die Liebe ist immer eine Tätigkeit in der Gegenwart. Der Mensch aber, der keine Liebe in der Gegenwart kundgibt, besitzt keine Liebe.

Leo N. Tolstoi

Zukunft:
Zukunft – das war oft genug schon die Ausrede aller, die weder Vergangenheit noch Gegenwart hatten; und auch derer, die Vergangenheit und Gegenwart zu verbergen trachteten. Das Pathos für die Zukunft ist einer der zwielichtigsten Affekte aller Zeiten.

Ludwig Marcuse: Argumente und Rezepte, München 1967, S. 163

Für eine gegebene Person, die gleichzeitig wissendes und handelndes Subjekt ist, teilt sich die Zukunft in eine herrschende und eine beherrschbare Zukunft. Beherrschbar ist diejenige, die anders zu gestalten, als sie jetzt erscheint, mir freisteht. Ich führe ein ganz alltägliches Beispiel dafür an: Ich sehe voraus, dass ich vom Regen durchnässt werde; es genügt, mich mit einem Schirm zu versehen, um diese Vorausschau zu widerlegen. Dabei ist ‹es wird regnen› eine herrschende Zukunft, über die ich keinerlei Gewalt habe.

Bertrand de Jouvenel: Die Kunst der Vorausschau, Neuwied 1967, S. 68

Selbst die Ewigkeit war früher von längerer Dauer.

Stanislaw J. Lec: Unfrisierte Gedanken, München 1960

Die Zukunft kommt in Raten, das ist das Erträgliche an ihr.

Alfred Polgar

Geschichtsphilosophen suchen sich der Zukunft zu bemächtigen, ohne zu bedenken, dass wir, hätten wir das Wissen um die Zukunft, die Gegenwart kontrollieren und somit Aussagen über die Zukunft falsifizieren könnten, so dass folglich derartige Entdeckungen völlig nutzlos wären. Wir ergreifen die Zukunft erst, wenn es zu spät ist, in der Gegenwart, auf die es ankommt, noch etwas auszurichten, denn sie ist dann vergangen und unserer Kontrolle entzogen. Wir können nur herausfinden, worin ihre Bedeutung bestanden hat, und das ist die Arbeit der Historiker: Geschichte wird von ihnen gemacht.

Arthur C. Danto: Analytische Philosophie der Geschichte, aus dem Amerikanischen übersetzt, Frankfurt am Main 1965

Dass der geschichtsferne Techniker und der nur analysierende, gegenwartsfremde Historiker sich nicht verständigen können, liegt im Wesen ihrer verschiedenen Naturen begründet und ist nicht weiter erstaunlich. Wohl aber muss dargelegt werden, wie sich der Blick auf die europäische Vergangenheit bei denjenigen auswirkt, die – weder nur planend noch nur analysierend – ebenso von der Wirklichkeit der Geschichte wie von der Notwend1gke1t der Verwandlung Europas überzeugt sind.

Karl Schmid: Europa zwisch Ideologie und Verwirklichung, Zürich 1966, S. 36

Die Freiheit, Geschichte zu machen, deren sich der moderne Mensch rühmt, ist für fast alle Menschen illusorisch. Im äussersten Fall bleibt ihm die Möglichkeit, zwischen zwei Möglichkeiten zu wählen: 1. Er kann sich der Geschichte entgegenstellen, die von einer kleinen Minderheit gemacht wird. 2. Er kann sich in eine untermenschliche Existenz oder in die Emigrat1on flüchten. Eine Fre1heit, wie sie die ‹geschichtliche› Existenz einschliesst, war – und auch das nur in gewissen Grenzen – am Anfang unserer modernen Epoche möglich, aber sie tendiert dazu, immer unzugänglicher zu werden, je ‹geschichtllcher› diese Epoche, mit andern Worten: je fremder sie jedem übergeschichtlichen Modell, wird.

Mircea Eliade: Der Mythos der ewigen Wiederkehr, aus dem Französischen übersetzt, Düsseldorf 1953, S. 225

Sich seiner Vergangenheit bewusst zu sein heisst Zukunft haben.

Hans Lohberger

Unser Geist, dieses Wesen, dessen vornehmste Eigenschaft es ist, sich selbst wahrzunehmen, was ibm gegenwärtig ist, besitzt noch zwei weitere Fähigkeiten, die Erinnerung und die Vorausschau. Die eine ist Rückkehr in die Vergangenheit, die andere Vorwegnahme der Zukunft. Es scheint, dass es diese beiden Fähigkeiten sind, die den Geist des Menschen am meisten von dem des Tieres unterscheiden.

Maupertius: Briefe, Brief II, Bd. II, S. 222 der Gesamtausgabe, 1768

Das Vergangene abgetan sein lassen, die Zukunft der Vorsehung anheimstellen – beides heisst den eigentlichen Sinn der Gegenwart nicht verstehen, die überhaupt nur so weit als Realität gelten kann, als sie durch Treue des Gedächtnisses das Vergangene zu bewahren, durch Bewusstsein der Verantwortung die Zukunft in sich einzubeziehen versteht.

Arthur Schnitzler

Kann man aber das Vergangene kennen, wenn man das Gegenwärtige nicht einmal versteht? – Und wer will vom Gegenwärtigen richtige Begriffe nehmen, ohne das Zukünft1ge zu wissen? Das Zukünftige bestimmt das Gegenwärtige und dieses das Vergangene wie die Absicht Beschaffenheit und den Gebrauch der Mittel.

Johann Georg Hamann: Kleeblatt hellenistischer Briefe, 2, 1762

Ein Gegensatz zu schaffen zwischen der Zukunft und der Vergangenheit ist sinnlos. Die Zukunft bringt uns nichts, sie gibt uns nichts. Wir sind es, die ihr alles geben müssen, um sie zu bauen. Aber zum Geben muss man besitzen, und wir besitzen kein anderes Leben, keine andere Kraft als den Reichtum der Vergangenheit.

Simone Weil

Die Tradition ist eine der grossen Leistungen, in der die Beziehung des menschlichen Lebens auf seine Grundlagen realisiert wird. Sie ist die lebendige Berührung, in der der Mensch die uralte Wahrheit ergreift und über alle Geschlechter hin in der Zwiesprache des Gebens und Nehmens sich mit ihr verbindet.

Gershom Scholem: Über einige Begriffe des Judentums, Frankfurt am Main 1970, S. 120

Jede Meinung ist ebenso eine Spekulation auf die Zukunft wie eine Beurteilung der Vergangenheit.

David S. Landes: Der entfesselte Prometheus, Köln 1973, S. 441

Dies neue Buch will keines jener alten Bücher missen;
Es fügt und formt in seinem Bau ihr angehäuftes Wissen.

Die Weltgeschichte übersteigt die Summe des Geschehens;
Erfahrung braucht Belehrung durch die Einsicht des Verstehens.

Die Weltgeschichte lebt in abertausend Einzelheiten;
Doch ihr Verständnis will vom Ganzen zu den Teilen schreiten.

Die Weltgeschichte ist kein Alles, doch sie ist das Ganze;
Das All ist mattes Nichts, der Teil glänzt in des Ganzen Glanze.

Nicht aus Verallgemeinerung von Einzelfällen kommt
Die Wahrheit, da ihr nur Erkenntnis aus dem Ganzen frommt.

So sei auch nicht das einzelne gewaltsam ins Gedachte
Gepresst. Erfahrung nur verkettet, Einsicht bindet sachte.

Wer Weltgeschichte ganz verstanden, folgt den Weisheitslehren;
Wer Teile nur begriffen, muss den Aberwitz vermehren.

Dem Nahblick bleibt Geschichte fern; doch schauen wir sie ganz,
Gewinnt sie bindende Präsenz aus lösender Distanz.

Bruno Carl: Programm der Weltgeschichte, I, Prolog, Zürich 1970

Der Spruch der Vergangenheit ist immer ein Orakelspruch, und nur als Baumeister der Zukunft werdet ihr ihn verstehen.

Friedrich Nietzsche: Wom Nutzen und Nachteil der Historie für das Leben, 1874

Um zu wissen, was etwas ist, müssen wir uns erkundigen, wie es geworden ist und zu was es werden kann. Wenn man die Zukunft abstrahiert, ist die Gefahr sehr gross, dass man die bestehenden gesellschaftlichen Strukturen und Institutionen mystifiziert, dass man sie als ewige, natürliche, unvermeidliche Formen menschlichen Lebens auffasst. Nur ein gedankliches Erfassen möglicher Zukünfte erlaubt es uns, die gegebenen Formen in ihrer geschichtlichen Dimension zu erfassen und eine kritische Distanz zur Gegenwart zu entwickeln.

Mihailo Marković: Ansichten einer künftigen Futurologie, herausgegeben von Dietger Pforte und Olaf Schwencke, München 1973, S. 68

Die Geschichte, sagte Stephan, ist ein Alptraum, aus dem ich zu erwachen versuche.

James Joyce: Ulysses, 1922

Ich respektiere das Gegebene. Daneben aber freilich auch das Werdende, denn eben dies Werdende wird über kurz oder lang abermals ein Gegebenes sein. Alles Alte, soweit es Anspruch darauf hat, sollen wir lieben, aber für das Neue sollen wir recht eigentlich leben. Und vor allem sollen wir, wie der Stechlin uns lehrt, den grossen Zusammenhang der Dinge nie vergessen. Sich abschliessen heisst sich einmauern, und sich einmauern ist Tod.

Theodor Fontane: Der Stechlin, 1898

Das Wirkliche ist Prozess; dieser ist die weitverzweigte Vermittlung zwischen Gegenwart, unerledigter Vergangenheit und vor allem: möglicher Zukunft.

Ernst Bloch: Das Prinzip Hoffnung, Bd. I, Frankfurt am Main 1959, S. 225

Die Zukunft hängt von uns selbst ab, und wir sind von keiner historischen Notwendigkeit abhängig.

Karl R. Popper: Die offene Gesellschaft und ihre Feinde, Bd. I, London 1944/Bern 1958, S. 23

Die Erforschung der Vergangenheit und des Raumes an sich ist leer und enttäuschend, denn die wahre Wissenschaft ist die Wissenschaft der Zukunft, die nach und nach durch das Leben verwirklicht wird.

Pierre Teilhard de Chardin

Die Zukunft ist die Ausrede aller jener, die in der Gegenwart nichts tun wollen.

Harold Pinter

Wer das Morgen nicht bedenkt, wird Kummer haben, bevor das Heute zu Ende geht.

Konfuzius

Jede Epoche ist ein Knotenpunkt der Dreidimensionalität der Zeit: mit ihren Voraussetzungen greift sie in die Vergangenheit zurück, mit ihren Folgen reicht sie in die Zukunft hinein, und durch ihre Struktur ist sie in der Gegenwart verankert.

Karel Kosik: Dialektik des Konkreten, Frankfurt am Main 1971, S. 234/235

Es ist ganz wahr, was die Philosophie sagt, dass das Leben rückwärts verstanden werden muss. Aber darüber vergisst man den andern Satz, dass vorwärts gelebt werden muss.

Sören Kierkegaard

… ‹Etwas Vorhandenes zu beschreiben ist viel einfacher, als etwas zu beschreiben, was noch nicht vorhanden ist, aber ohne Zweifel einmal vorhanden sein wird. Das, was wir heute mit blossem Auge sehen, braucht nicht unbedingt die Wahrheit zu sein. Wahrheit ist das, was sein müsste, was morgen sein wird. Eben unser wundervolles ‚Morgen‘ muss beschrieben werden…› – ‹Und was wird man morgen beschreiben?› fragte der stumpfsinnige Bengel und runzelte die Stirn.
‹Morgen? … Nun, morgen werden wir das Übermorgen beschreiben.› Argumente an das beschränkte Bürschchen zu verschwenden lohnte sich nicht.

Alexander Solschenizyn: Krebsstation, 1968

Im Moment wird die Zukunft von der Industrie ‹kolonisiert›, zukünftige Machtgebiete werden schon heute okkupiert. Diese beiden Dinge zusammen, die Notwendigkeit der Planung und die Notwendigkeit des Kolonialismus in der Zukunft, haben ein neues Phänomen geschaffen, nämllch den Plankapitalismus.

Bart van Steenbergen: Ansichten einer künftigen Futurologie, herausgegeben von Dietger Pforte und Olaf Schwencke, München 1973, S. 74

Hoffnung

Es wäre gut, wenn die Hoffnung etwas seltener wäre im Gemüte der Menschen. Er waffnete sich dann zu rechter Zeit gegen die Zukunft.

Friedrich Hölderlin

Wenn alles andere verloren ist, die Zukunft bleibt stets noch übrig.

Christian N. Bovee

Die unwillkürliche Schöpfung ist nach vorn, in die Zukunft, offen. Sie lebt aus ihren eigenen Überraschungen, anstelle ein nach vorgefasstem Plan vollendeter Tatbestand zu sein, der als Perpetuum mobile nach innewohnenden Gesetzen weiterliefe. Die Schöpfung ist ein Prozess, der in immer neuen Ansätzen den ganzen Bestand der Welt, das Weltspiel durchzieht und begleitet; Schöpfung und Bestand sind nicht zwei verschiedene Phasen, die jede ihren eigenen Stil hätten. Die sinnende Bemühung des Anfangs, die Überraschung, die dazwischenfährt, und die sinngebende Erkenntnis, die das Unwillkürliche ins Spiel verwebt, indem sie ihm seinen Ort anweist, sind Stilelemente des ganzen Weltlaufs, des Bestandes, der ‹dauernde Schöpfung› ist.

Heinrich Zimmer: Abenteuer und Fahrten der Seele, Zürich 1961, S. 269

Eros, Mythos und Zukunftserwartung sind offenbar verschiedene Bezeichnungen für dieselbe Sache denn sie weisen dieslben Merkmale auf: die Begeisterung, die Unbewusstheit, die Mischung von Wissen und Unwissenheit sowie von Illusion und Enttäuschung.

Eugen Böhler: Die Zukunft als Problem des modernen Menschen, Freiburg i.Br. 1966, S 80

Auch erscheint mir die Forderung absolut inkorrigibler Erkenntnisse als ein philiströses Verkennen davon, dass der Mensch, seiner ganzen Weltstellung nach, das wagende Wesen ist, dass er es in jeder, auch der theoretischen Hinsicht ‹darauf ankommen lassen› muss. Und im letzten Grunde hat der Mensch, der mit einer Unsicherheit des Theoretischen und Praktischen, mit der Unumgehbarkeit der Chance rechnet, eine viel grössere Gewissheit, ein viel tieferes Zutrauen zum Leben als der, der eine hundertprozentige Garantie verlangt, ehe er den ersten Schritt unternimmt.

Georg Simmel: Kant-Vorlesungen, 4. Aufl., 1918

Der Plan des modernen Abenteuers der Selbstgestaltung bedarf des passionierten Geistes und des leidenschaftlichen Verstandes im Mythos der Vernunft und in der Vernunft des Mythos.

Friedrich Hacker in: Der Griff nach der Zukunft, Modelle für eine neue Welt, München 1964, S. 483

Lasst uns die Zukunft voraussehen, damit sie nicht über uns hereinbricht!

Jadwiga Rutkowska: Denkspiele, polnische Aphorismen, Frankfurt am Main 1974, S. 72

Die Zukunft der Menschheit beruht auf einer menschlichen Zukunft.

Boguslaw Woynar: Denkspiele, polnische Aphorismen, Frankfurt am Main 1974, S. 90

Wenn es auch beim Bau blosser Luftschlösser auf ein Mehr oder Weniger an Unkosten wenig ankommt, woraus dann eben die fehlgeleiteten, schliesslich betrügerisch gebrauchten Wunschträume resultieren, so ist die Hoffnung mit Plan und mit Anschluss ans Fällig-Mögliche doch das Stärkste wie Beste, was es gibt.

Ernst Bloch: Das Prinzip Hoffnung, Bd. III, Frankfurt am Main 1959, S. 1618

Nur Luftschlösser haben wir planmässig gebaut.

Zarko Petan

Es ist gesünder, nichts zu hoffen und das Mögliche zu schaffen, als zu schwärmen und nichts zu tun.

Gottfried Keller: An Eduard Vieweg, 26. April 1850

Du sollst weniger schwarzsehen! Es mit Grau probieren!

Ludwig Marcuse: Argumente und Rezepte, München 1967, S. 24

Optimistische Schwarzseher:
Die grosse Mode ist jetzt pessimistischer Optimismus: Es ist zwar alles heilbar, aber nichts heil.

Ludwig Marcuse: Argumente und Rezepte, München 1967, S. 96

Ich sage mich los: von der leichtsinnigen Hoffnung einer Errettung durch die Hand des Zufalls; von der dumpfen Erwartung der Zukunft, die ein stumpfer Sinn nicht erkennen will; von der kindischen Hoffnung, den Zorn eines Tyrannen durch freiwillige Entwaffnung zu beschwören, durch niedrige Untertänigkeit und Schmeichelei sein Vertrauen zu gewinnen; von dem unvernünftigen Misstrauen in die uns von Gott gegebenen Kräfte. Ich glaube und bekenne, dass ein Volk nichts höher zu achten hat als die Würde und Freiheit seines Daseins.

Carl von Clausewitz: Aus den Bekenntnissen, Februar 1812

Immer zieht man das Unbekannteste der ungünstigen Erfahrung vor, indem man dem verhassten Gegenstande gegenüber grosse Hoffnung auf das Ungewisse setzt.

Dion Cassius: Römische Geschichte, 1. Bändchen, fr. 29 (Leonhard Tafel), nach 200 n.Chr.

Je planmässiger die Menschen vorgehen, desto wirksamer vermag sie der Zufall zu treffen. Planmässig vorgehende Menschen wollen ein bestimmtes Ziel erreichen. Der Zufall trifft sie dann am schlimmsten, wenn sie durch ihn das Gegenteil ihres Ziels erreichen: das was sie befürchten, was sie zu vermeiden suchten.

Friedrich Dürrenmatt: Die_ Physiker, These 8 und 9, 1962

Klage nicht, dass dir im Leben
ward vereitelt manches Hoffen.
Hat, was du gefürchtest eben,
doch auch meist dich nicht betroffen.

Friedrich Rückert: Vierzeilen, I, 94

Es gibt keine andere Hoffnung für den Weiterbestand der Menschheit, als genug über die Menschen zu wissen, aus denen sie sich zusammensetzt.

Elias Canetti: Das Gewissen der Worte, München 1975, S. 57

Das neue Zeitalter, in das die Epoche der dynamischen Entfaltung der Menschheit schliesslich übergehen mag, könnte im Zeichen einer neuen Stabilität und einer neuen Synthese des ‹westlichen› männlichen und des ‹östlichen› weiblichm-ütterlichen Menschen stehen. Einiges spricht in der Tat dafür, dass die Zukunft des Menschen – wenn er Zukunft hat! – nicht dem zerstörenden, erobernden, zwingenden Einzelnen, sondern dem geniessenden, bewahrenden und pflegenden Mitmenschen gehören wird.

Ossip K. Flechtheim: Futurologie als ‹Dritte Kraft›, Zürich 1973, S. 42

Die Geschichte ist im Grunde ein Opfer auf dem Altar der Hoffnung. Diese heisst, dass der Mensch eines Tages mehr über den Menschen wissen und dazu fähig sein wird, sich selbst so zu beherrschen, wie er heute die Natur beherrscht.

David S. Landes: Der entfesselte Prometheus, Köln 1973, S. 510

Des Menschen ganzes Glück besteht in zweierlei:
dass ihm gewiss und ungewiss die Zukunft sei.

Friedrich Rückert: Weisheit des Brahmanen

Planung – Wunsch und Wirklichkeit

Planung ist Politik.

»Neue Zürcher Zeitung«, 27. Aug. 1974 (Christoph Lanz)

Politik ist Verständigung über das Wirkliche.

Hugo von Hofmannsthal: Buch der Freunde, 1921

Politik ist Kunst des Umgangs auf höherer Stufe.

Hugo von Hofmannsthal

Politik ist die Wissenschaft von den Erfordernissen.

Theodore Parker

Politik ist die Kunst, das Unmögliche möglich zu machen.

Arnold Bergstraesser

Politik ist die Kunst, das Notwendige zu ermöglichen.

Paul Valéry

Die Politik hat nicht zu rächen, was geschehen ist, sondern zu sorgen, dass es nicht wieder geschehe.

Otto von Bismarck

Politik ist der Spielraum, den die Wirtschaft ihr lässt.

Hildebrandt: jn einem Silvesterdirektprogramm 1969 anlässlich der Regierungsübernahme der SPD

Politik ist die Kunst, die Leute daran zu hindern, sich um das zu kümmern, was sie angeht.

Paul Valéry

Politik ist die Kunst, der Masse das auszureden, was ihr andere eingeredet haben.

Jacob Lorenz: 12 Dutzend Sinnsprüche, Buochs CH, 1943

Politik ist das Gegenstück zu ‹Herrschaft›. Sie kann und wird sich der Herrschaft bedienen (worunter dann institutionalisierte, legitimierte und kontrollierte Macht zu verstehen ist). Aber wo Herrschaft selbst das bestimmende Prinzip ist, gibt es in meinem Sinn keine Politik, sondern nur Verwaltung, Ausführung, Dienst- und Privatsein. Als solche ist Politik das Mittel der Selbstbestimmung und Mitbestimmung im Rahmen einer Gemeinschaft, sei es von Individuen oder von Gruppen oder von ganzen Völkern… (Sie ist) …gemeinsame bewegliche Regelung gemeinsamer Angelegenheiten.

Hartmut von Hentig: Die Wiederherstellung der Politik, Stuttgart 1974, S. 60

Politik ist die Kunst, die Menge zu leiten: nicht wohin sie gehen will, sondern wohin sie gehen soll.

Joseph Joubert

Politik ist die Kunst, alle lebendigen Kräfte zu sehen, die dasind, und sie zu verbinden.

Romano Guardini: Briefe über Selbstbildung: Vom ritterlichen Manne, 1930

Politik ist ein Streit der Interessen, der sich als Wettstreit der Prinzipien maskiert hat.

Ambrose Bierce

Politik besteht nicht selten darin, einen simplen Tatbestand so zu komplizieren, dass alle nach einem neuen Vereinfacher rufen.

Giovanni Guareschi

Alle grosse politische Aktion besteht in dem Aussprechen dessen, was ist, und beginnt damit. Alle politische Kleingeisterei besteht in dem Verschweigen und Bemänteln dessen, was ist.

Ferdinand Lassalle

Die herrschenden Ideen einer Zeit waren stets nur die Ideen der herrschenden Klasse.

Karl Marx: Manifest der kommunistischen Partei, 1848

Politik ist eine Kunst, von den Reichen das Geld und von den Armen die Stimmen zu erhalten, beides unter dem Vorwand, die einen vor den anderen schützen zu wollen.

Unbekannt

Der Staat ist die Allianz der vorangegangenen Generation mit den nachfolgenden und umgekehrt.

Adam Müller

Politik: Derby trojanischer Pferde.

Stanislaw J. Lec: Unfrisierte Gedanken, München 1960

Politik ist die Wissenschaft davon, wie wer was wann und warum bekommt.

Günter Hillmann

Regieren, das heisst vorausschauen.

Emile de Girardin

Die Natur der Staatsgeschäfte verlangt, dass derjenige, der sich um die öffentlichen Angelegenheiten kümmert, häufig nachdenkt, um vorauszusehen, was geschehen könnte, und Pläne schmiedet, welche der Gegenwart erlauben, ohne Bruch mit der Zukunft verbunden zu sein.

Richelieu

Siehe, ihr seid aus nichts, und euer Tun ist auch aus nichts, und euch wählen ist ein Greuel.

Altes Testament: Jesaja 41, 24

Politik: wer bekommt was wann wie.

Titel eines Buches von Harold D. Lasswell

Regieren ist die Kunst, Probleme zu schaffen, mit deren Lösung man das Volk in Atem hält.

Ezra Pound

Regierungskunst ist die Kunst des Auswählens.

Emile de Girardin

In der Politik kannst du den verletzten Finger getrost übersehen. Dein Enkel wird schon merken, dass er einen abgestorbenen Arm hat.

Wincenty Rzymowski: Denkspiele, polnische Aphorismen, Frankfurt am Main 1974, S. 32

Die zentralen Zukunftsaufgaben unserer Welt liegen nicht auf dem Gebiet von Wissenschaft und Technik, sondern auf dem Gebiet der Politik.

Georg Picht: Mut zur Utopie, München 1969, S. 33

Nicht Politik ist unser Schicksal, sondern die Wirtschaft.

Walther Rathenau

Regieren hiess vor hundert Jahren verwalten; das ist: eine meinungslose und bildungslose Menge mit oder gegen ihren Willen befriedigen, schlichten, lenken, erziehen und schützen. Heute heisst regieren: Gesetze durchführen, Ziele schaffen und Geschäfte machen.

Walther Rathenau

Das Rechte und das Gute muss man auch dann tun, wenn man sich keinen Erfolg davon verspricht.

Ulrich Wille

Solange das Gute Erfolg hat, können wir uns den Luxus leisten, den Erfolg für ethisch irrelevant zu halten. Wenn aber einmal böse Mittel zum Erfolg führen, dann entsteht das Problem. Angesichts solcher Lage erfahren wir, dass weder theoretisch zuschauendes Kritisieren und Rechthabenwollen, also die Weigerung, sich auf den Boden der Tatsachen zu stellen, noch Opportunismus, also die Selbstpreisgabe und Kapitulation angesichts des Erfolges, unserer Aufgabe gerecht werden. Weder beleidigte Kritiker noch Opportunisten wollen und dürfen wir sein, sondern an der geschichtlichen Gestaltung – von Fall zu Fall und in jedem Augenblick, als Sieger oder als Unterlegene – Mitverantwortliche.

Dietrich Bonhoeffer: Nach zehn Jahren, 1943

Das Mögliche ist nur erreichbar durch Erstreben des Unmöglichen. Die realisierte Möglichkeit ist die Diagonale von Unmöglichkeiten.

Karl Liebknecht: Studien über die Bewegungsgesetze der gesellschaftlichen Entwicklung, München 1922, S. 358

Wir streben nach dem Unerreichbaren und verhindern so die Verwirklichung des Möglichen.

Robert Ardrey

Ich sehe keine andere Rettung für die Menschheit als die Wiedergeburt der Nächstenliebe. Das hört sich kindlich an, beinahe sentimental vielleicht. Ich sehe die Politiker die Achseln zucken: schöne Worte waren von jeher billig. Was wir brauchen, ist Realpolitik. Ja, Realpolitik. Auch ich bin Realpolitiker – mit meinem ganzen Wesen. Ich interessiere mich lebhaft und ausschliesslich für die Wirklichkeit.
Aber keine Realpolitik ist denkbar ohne die Grundlage der Nächstenliebe, der Gegenseitigkeit, des Vertrauens. Das ist der Fels, auf dem alles menschliche Zusammenleben bauen muss: das Materielle wie das Geistige, Handel und Industrie ebenso wie Kunst und Wissenschaft…

Fridtjof Nansen

Wer wagt, gewinnt – besonders mit einer erdrückenden Ubermacht.

Ödön von Horváth: Ein Kind unserer Zeit: Der Hauptmann, 1938

Wir dagegen, die wir am Eigentum festhalten, wir, die wir nicht aufhören, den Reichtum der Gesellschaft in der Summe der privaten Vermögen zu sehen, und die wir nicht aufhören, im privaten (materiellen) Interesse den Anreiz zur Produktion zu sehen, wir können vom Staat nur die Wiedergutmachung seiner Ungerechtigkeiten, der beabsichtigten und der nicht beabsichtigten, verlangen.

Charles Secretan: Etudes Sociales, Lausanne 1889, p. 208 (zitiert nach Felix Lehner)

Darum sollt ihr das Land nicht verkaufen
ewiglich, denn das Land ist mein, und
ihr seid Fremdlinge und Gäste von mir.

Altes Testament: 3. Buch Moses (Leviticus), 25, 23

Die ungleiche Verteilung der Güter dieser Welt unter einer bevorrechteten Minderheit und einer entrechteten Mehrheit wurde durch die jüngsten technischen Erfindungen des westlichen Menschen aus einem unvermeidlichen Übel zu einer unerträglichen Ungerechtigkeit.

Arnold J. Toynbee: Kultur am Scheidewege: Wo stehen wir heute in der Geschichte?, 1948

Wehe denen, die ein Haus an das andere ziehen und einen Acker zum andern bringen, bis dass kein Raum mehr da sei, dass sie allein das Land besitzen.

Altes Testament: Jesaja 5, 8

Oben brennt es im Dach, und unten rauchen die Minen, aber mitten im Haus schlägt man sich um den Besitz.

Friedrich Hebbel: Gedichte, Politische Situation, 1857

Bald wird der politische Kampf zwischen den Besitzenden und den Besitzlosen ausbrechen, das Eigentum wird das grosse Schlachtfeld bilden, und die hauptsächlichen politischen Streitfragen werden sich um die mehr oder weniger tiefgreifenden Veränderungen drehen, denen die Rechte der Eigentümer unterworfen werden sollen.

Alexis de Tocqueville: Erinnerungen, 1. Teil, I, 1848

Wir wollen nicht streiten, wie eine Feuersbrunst entstand. Lasst uns lieber an die Arbeit gehen, sie zu löschen!

Johann Arnos Comenius: Allgemeine Beratung über die Verbesserung menschlicher Dinge, Weckruf an alle, Kapitel XI (26), 1666

Es ist unmöglich, eine herrschende Gruppe davon zu überzeugen, dass ihre Privilegien ungerechtfertigt sind und dass sie davon ablassen müssen. Individuen kann man manchmal, wenn auch selten, überzeugen, ganze Gruppen niemals.

Jawaharlal Nehru: Indiens Weg zur Freiheit, S. 1092, 1933

In der Organisation wird das Bekannte in ein rationales Schema gebracht, wodurch es berechenbar wird. Die Organisation ist die wirkliche Negation des Eigentums, ein Gedanke, der in dem bekannten Buch von Burnham nur undeutlich ausgedrückt wird. Sie verweist das Eigentum, das sich zu dem Anspruch, die allgemeine Macht zu sein, aufgeworfen hatte, in den Bereich des Privaten, der Meinungen und Täuschungen. Sie ist die Negation des Endlichen als eines selbständigen Gegenstandes, denn jede Eigenständigkeit würde eine Unbekanntheit enthalten, die sie nicht zulässt. Die Organisation reisst alles in einen rationalen Zusammenhang hinein, in dem das Eigentum nur noch die Bedeutung der Verwaltung einer bestimmten Funktion haben kann. Sie ist der Versuch, den rationalen Kosmos, an den man bisher nur geglaubt hatte, herzustellen und so die Entfremdung des Aufenthaltes der Menschen zu überwinden. Sie ist die bewusste Anwendung der Technik auf sich selbst und damit deren eigentliche Verwirklichung, denn diese ist ihrem Wesen nach nicht das Hervorbringen dieses oder jenes Seienden, sondern wissende Überschau über das Vorliegende, die Feststellung der Identität in Kausalzusammenhängen, wodurch Welt erst Welt als rational eröffneter Zusammenhang ist. Dies ist die Einsicht, die sich in der Produktion ausbreitet, und die Grundlage derselben. Es ist dieser Hinausriss über das substantielle Leben, der im Namen irgendwelcher Ideologien, die diese Tatsachen zu verbergen suchen, jetzt ausgehalten wird.

Friedrich Jonas: Sozialphilosophie der industriellen Arbeitswelt, 2. Aufl., Stuttgart 1974, S. 208/209

In der Politik muss man nichts für unmöglich halten, indem ein gewagter Mann alles durchsetzen kann.

Kaunitz nach Hofmannsthal: Buch der Freunde, 1921

Seid euch bewusst, dass die Rettung nur von euch selbst kommen kann. Es ist sinnlos, dazusitzen und auf Hilfe von draussen zu warten.

Mustafa Kemâl Atatürk: Aufruf an die Bevölkerung Anatoliens (J. Benoist-Méchin: Mustafa Kemal, S. 186) (Günther Vulpius), Juni 1919

Das ist das Bitterste für einen Menschen: bei allem Wissen keine Macht zu haben.

Herodot: Historien, 9. Buch, 16, 5. Jh. v. Chr.

Wille ist also wirkungslos ohne Macht; aber Macht ist ohne Willen nur eine Wirkung ohne Ziel. Macht kann nur eine Reihe von zufälligen Einwirkungen auf die Umwelt erzeugen, solange kein relativ fixiertes Ziel, keine Zweckbestimmung, keine Entscheidung oder strategische Entscheidungslinie oder Entscheidungsreihe gegeben ist, die bei der Anwendung von Macht als Richtschnur und Anleitung dienen kann. Eine solche Anleitung ist unentbehrlich für jedes System, dessen Macht nachhaltig und eindrücklich auf seine Umgebung einwirken soll; und jedes System dieser Art muss seine Anleitung aus seinem Gedächtnis, aus seinen früheren Entscheidungen, aus seinem Willen oder, etwas allgemeiner ausgedrückt, aus seinem Charakter selbst beziehen.
Die Beziehung der Macht zum Willen und Charakter – also zum mehr oder weniger stabilen inneren Programm eines Systems, eines individuellen Menschen, einer Organisation, einer Regierung – ist vielleicht am besten geeignet, das Wesen der Macht jedes einzelnen dieser Akteure verständlich zu machen und unser Verständnis des Problems gegenwärtig überhaupt weiterzubringen.

Karl W. Deutsch: Politische Kybernetik, aus dem Amerikanischen übersetzt, 2. Aufl., Freiburg 1970, S. 170 f.

Der Mensch ist immer parteiisch und tut sehr recht daran. Selbst Unparteilichkeit ist parteiisch. Er war von der Partei der Unparteiischen.

Georg Christoph Lichtenberg: Aphorismen, 573, 1776/79

Es ist eine grosse Torheit, sich einzubilden, dass man Menschen von Handlungen, wozu sie ihre Natur anspornt, durch die Gewalt der Gesetze oder durch andere harte Mittel abhalten könne.

Thukydides: Geschichte des Peloponnesischen Krieges, 3. Buch, 45, etwa 430 v. Chr.

Beim Himmel, der weiss nicht, was er sündigt, der den Staat zur Sittenschule machen will. Immerhin hat das den Staat zur Hölle gemacht, dass ihn der Mensch zu seinem Himmel machen wollte!
Die rauhe Hülse um den Kern des Lebens und nichts weiter ist der Staat. Er ist die Mauer um den Garten menschlicher Früchte und Blumen.

Friedrich Hölderlin: Hyperion I, 1. Buch, 1797

Man soll nicht durch die Gesetze regeln wollen, was durch die Sitten geregelt werden kann.

Montesquieu

Das Recht ist immer nichts als Kritik; diese soll so allgemein und grundsätzlich als möglich sein, und das produktive Leben, der Gegenstand dieser Kritik ist es, welcher allzeit naturwüchsig und individuell sein soll.

Gottfried Keller: Der grüne Heinrich, 1879

Gesetze, die nicht die öffentliche Meinung verkörpern, können niemals durchgesetzt werden.

Elbert Hubbard

Der Staat ist die grosse Fiktion, mit deren Hilfe sich alle bemühen, auf Kosten aller zu leben.

Frédéric Bastiat

Ein Wohlfahrtsstaat ist ein Staatsgebilde, das für alle vorbildlich sorgt – ausser für den Steuerzahler.

ABC der goldenen Worte, Gütersloh 1975

Die Grösse der Demokratie liegt in der Tatsache, dass sie sich nie erfüllt. In dieser Hinsicht gleicht sie dem Menschen. Ein Mensch kann immer ein besserer Mensch werden, und die Demokratie ist das menschlichste Prinzip eben deshalb, weil sie immer den Himmel offenlässt für eine neue Hoffnung.

Jean Guéhenno

Die Demokratie ist im besonderen Masse in der Lage, Planung zu vollziehen, weil gerade sie im Hinblick auf die Reaktionen der Öffentlichkeit den Plan laufend ändern und abwandeln kann, ihn also an die laufende Entwicklung anpasst.

Carl J. Friedrich: Demokratie als Herrschafts- und Lebensform, 2. Aufl., Heidelberg 1966, S. 98

Planung als pluralistische Gemeinschaftsgestaltung ist die Lenkung und Koordinierung der Tätigkeit des Gemeinwesens durch ein Gesamtprogramm, insbesondere hinsichtlich der Verwendung der wirtschaftlichen Hilfsquellen. Diese Lenkung erfolgt in Übereinstimmung mit dem durch die Verfassung und durch die repräsentativen Körperschaften zum Ausdruck gebrachten Willen der Gemeinschaft. Wenn man die Planung so auffasst und nach dieser Charakteristik verfährt, dann ergibt sich aus ihr nicht eine Schwächung, sondern eine Stärkung und Ergänzung der Demokratie; ja ich stehe nicht an zu behaupten, erst durch eine solche Planung wird die Demokratie wirtschaftlich durchgeführt und vollendet.

Carl J. Friedrich: Demokratie als Herrschafts- und Lebensform, 2. Aufl., Heidelberg 1966, S. 99

Es ist also offensichtlich, dass ein Budget, sofern es im Lichte der uns heute zur Verfügung stehenden Kenntnisse gemacht wird, eine einjährige Planung ist. Niemandem ist bisher eingefallen zu behaupten, dass man in der Demokratie die Budgetierung aufgeben müsse, weil sonst die Demokratie in Gefahr geraten würde. Hat man aber eine einjährige Planung akzeptiert, dann kann man auch eine fünfjährige Planung akzeptieren; denn im Prinzip besteht zwischen einer fünfjährigen und einer einjährigen Planung kein Unterschied, sondern es ist nur eine Frage der Zweckmässigkeit, ob man sie versuchen soll oder nicht.

Carl J. Friedrich: Demokratie als Herrschafts-und Lebensform, 2. Aufl., Heidelberg 1966, S. 97

Die Demokratie ist nicht nur eine Staatsform, sondern auch eine Methode des ganzen privaten und öffentlichen Lebens, sie ist eine Weltanschauung. Das Wesen der Demokratie ist das Einvernehmen zwischen Menschen, ihr friedlicher Umgang, Liebe, Menschlichkeit. Der wahren Demokratie genügt nicht die Verfassung, sie braucht Menschen, lebendige Menschen, die durch eine Idee verbunden sind… Daher muss unsere Demokratie eine ständige Reform, eine ständige Revolution sein, aber eine Revolution der Hirne und Herzen.

Thomas G. Masaryk

So mancher sagt, er sei für die Demokratie, und später stellt er fest, dass die Demokratie nicht für ihn ist.

Zarko Petan: Verbotene Parolen, 1966

In den freien Ländern hat jedes Individuum das Recht, seine Meinung zu sagen, und alle anderen haben das Recht, ihm nicht zuzuhören.

Winston Churchill

Eine Kommission ist eine Sackgasse, in die Ideen hineingelockt und dann in Ruhe erdrosselt werden.

John A. Lincoln

Eine Kommission ist eine Gruppe von Menschen, die – einzeln – nichts tun können, aber zusammenkommen und entscheiden, dass nichts getan werden kann.

Unbekannt

Die beste Kommission besteht aus zwei Personen, von denen eine nicht anwesend ist.

Edward V. Lucas

Eine Kommission besteht aus Unfähigen, die von Unwilligen bestimmt werden, Unnötiges oder Unmögliches zu tun.

Aus dem amerikanischen Geschäftsleben

Eine Konferenz ist eine Sitzung, bei der viele hineingehen und wenig herauskommt.

Werner Finck

Konferenz: ein Treffen, wo entschieden wird, wann das nächste Treffen stattfinden wird.

Henry Ginsberg

Alle grossen Ideen scheitern an den Leuten.

Bertolt Brecht

Wir brauchen Bürokratien, um unsere Probleme zu lösen. Aber wenn wir sie erst haben, hindern sie uns daran, das zu tun, wofür wir sie brauchen.

Ralf Dahrendorf: Die neue Freiheit, München 1975, S. 71

Wer Politik treibt, erstrebt Macht, Macht entweder als Mittel im Dienst anderer Ziele – idealer oder egoistischer – oder Macht ‹um ihrer selbst willen›: um das Prestigegefühl, das sie gibt, zu geniessen.

Max Weber: Politik als Beruf, 1919

Sine ira et studio, ‹ohne Zorn und Eingenommenheit›, soll der Beamte seines Amtes walten. Er soll also gerade das nicht tun, was der Politiker, der Führer sowohl wie seine Gefolgschaft, immer und notwendig tun muss: Kämpfen. Denn Parteinahme, Kampf, Leidenschaft – ira et studium – sind das Element des Politikers. Und vor allem des politischen Führers.

Max Weber: Politik als Beruf, 1919

Die Planungsexperten sind ein ganz bestimmter Menschenschlag, die im Augenblick des Nachdenkens sicher sind, das gesamte System im Griff zu haben. Sie verdienen es, dass man ihnen zuhört, bevor man sie verurteilt.

C. West Churchman: Einführung in die Systemanalyse, New York 1968, aus dem Amerikanischen übersetzt, Zürich 1974, S. 148

Der Experte ist ein Mensch, der die kleinen Irrtümer vermeidet, während er dem grossen Trugschluss entgegentreibt.

Benjamin Stolberg

Experte: Ein Spezialist, der über etwas alles weiss und über alles andere nichts.

Ambrose Bierce

Der Experte ist ein gewöhnlicher Mann, der – wenn er nicht daheim ist – Ratschläge erteilt.

Oscar Wilde

Spezialist ist jemand, der sich auf eine von ihm gewählte Form der Unwissenheit beschränkt hat.

Elbert Hubbard

Gelehrten, welche Politiker werden, wird gewöhnlich die komische Rolle zugeteilt, das gute Gewissen einer Politik sein zu müssen.

Friedrich Nietzsche

Das Zufällige beherrscht die Politik. Der Experte ist ein Mann, der mit dem Zufälligen in grösserer Vertrautheit lebt als jemand anderer.

Carl J. Friedrich: Tradition und Autorität, München 1974, S. 58

Der Planer soll nicht die Regie führen im Theater des zukünftigen Geschehens, er hat aber für eine Bühne zu sorgen, auf der verschiedene Zukunftsgestaltungen möglich sind.

Der Planer soll keine Zukunftsmusik komponieren, aber er ist für den Konzertsaal und für geeignete Instrumente mitverantwortlich.

Robert Nef: Institut für Orts-, Regional- und Landesplanung, Zürich 1975

Berater – ein Mann, der auf deine Uhr blickt, dir die Zeit sagt und dir dafür eine Rechnung schickt.

ABC der goldenen Worte, Gütersloh 1975

Sie wissen nichts und verstehen nichts, denn sie sind verblendet, dass ihre Augen nicht sehen und ihre Herzen nicht merken können, und gehen nicht in ihr Herz, keine Vernunft und kein Witz ist da…

Altes Testament: Jesaja 44, 18, 19

Phasen der Planung:
1. Begeisterung
2. Ernüchterung
3. Suche der Schuldigen
4. Bestrafung der Unschuldigen
5. Auszeichnung der Nichtbeteiligten

Ouelle: Nebelspalter Nr. 38/1971

Die drei Grundsätze der Verwaltung:
1. Das haben wir schon immer so gemacht.
2. Das haben wir noch nie so gemacht.
3. Da könnte ja jeder kommen.

Unbekannt

Für die Güte der Republik könnte man denselben Beweis anführen, den Boccaccio für die Religion anführt: sie besteht trotz ihrer Beamten.

Heinrich Heine: Gedanken und Einfälle: Staat und Gesellschaft, 1853/56

Es ist nicht möglich, die Sorge um die Zukunft auf die Wissenschaftler und die Politiker abzuschieben; unsere Zukunft ist eine viel zu ernste Sache, als dass wir sie den blassen Experten und den sogenannten Praktikern überlassen dürften. Wenn es wahr ist, dass die Menschheit heute die Verantwortung für ihre zukünftige Geschichte trägt, so ist damit zugleich gesagt, dass sie diese Verantwortung nicht an eine kleine Zahl von Professionellen delegieren kann.

Georg Picht: Mut zur Utopie, München 1969, S. 19

Um ein öffentliches Amt glänzend zu verwalten, braucht man eine gewisse Anzahl guter und schlechter Eigenschaften.

Marie von Ebner-Eschenbach

Während die Menschen, die in öffentlichen oder privaten Bürokratien arbeiten, durchaus willens sein mögen zu dienen, hat die innere Schwerkraft ihrer Funktionen ihre Organisationen zu einer Pufferzone zwischen gewählten Führern und Wahlbürgern gemacht, die beide zuerst voneinander trennt und dann gemeinsam entmachtet.

Ralf Dahrendorf: Die neue Freiheit, München 1975, S. 70

Verfallen wir nicht in den Fehler, bei jedem Andersmeinenden entweder an seinem Verständnis oder an seinem guten Willen zu zweifeln.

Otto von Bismarck

Nur so geht es, sagen wir. Es geht aber auf so vielerlei Weise, als wir Radien von einem Zentrum ziehen können.

Henry David Thoreau

Glücklicherweise bleibt uns zuletzt die Überzeugung, dass gar vieles nebeneinander bestehen kann und muss, was sich gerne wechselseitig verdrängen möchte: der Weltgeist ist toleranter, als man denkt.

Johann Wolfgang Goethe

Wo nur immer eine Zwietracht einetreten ist, da muss man nicht hoffen, dadurch, dass man nur von aussen oder einseitig dem einen oder dem anderen der Sich-Widerstreitenden zu Hilfe kommt, dem Übel abhelfen zu können, sondern nur durch Wiederbelebung und Erstarkung beider zugleich und von ihrer gemeinschaftlichen Mitte heraus.

Franz von Baader, Zwiespalt des Glaubens und Wissens, 1833

Einer der landläufigsten Irrtümer über das Wesen des Wandels ist die naive Annahme, dass die Herbeiführung des Gegenteils dessen, was geändert werden muss, die Lösung darstellt.

Paul Watzlawick (u.a.): Lösungen: Zur Theorie und Proxis menschlichen Wandels, aus dem Amerikanischen übersetzt, Bern 1974. S. 38

Du sollst dich einmischen. wo Toleranz unmoralisch ist.

Ludwig Marcuse: Argumente und Rezepte, München 1967, S. 25

Toleranz ist die Eigenschaft, die dem Reichen zu erklären erlaubt. Armut sei keine Schande.

Robert E. Lembke

Der Gescheitere gibt nach! Eine traurige Wahrheit; sie begründet die Weltherrschaft der Dummheit.

Marie von Ebner-Eschenbach: Aphorismen, 1880

Der Geist lebt von der Pendelbewegung zwischen Konzept und Wirklichkeit dadurch, dass das Ziel des Hinpendelns immer das Herpendeln erklärt und das Ziel des Herpendelns das Hinpendeln in Gang hält.

Louis Lavelle: Traité de methode dialectique, Presses Universitaires de France, 1962, p. 149

Wer warten kann, braucht keine Konzessionen zu machen.

Sigmund Freud

Die einzige Möglichkeit für einen Mann, inmitten sich wandelnder Umstände konsequent zu bleiben, ist es, sich mit ihnen zu wandeln, während er demselben alles beherrschenden Ziel treu bleibt.

Winston S. Churchill: Gedanken und Abenteuer: Konsequenz in der Politik, 1932

Gewiss, Gebote gibt’s, die uns, so scheint es, binden;
doch weiss ein kluger Kopf sich damit abzufinden.
Sehr dehnbar ist zum Glück das menschliche Gewissen,
drum findet sich auch stets ein Weg zu Kompromissen.

Jean Baptiste Molière: Tartuffe, IV, 5 (Tartuffe), 1664

Der vernünftige Kurs setzt sich aus einer Reihe von Kompromissen zwischen der Freiheit, dem unveränderlichen Ziel, und dem Zwang der Tatsache, die zu Umwegen zwingen…, zusammen.

Charles Secrétan: Etudes sociales, Lausanne 1889, p. 208 (zitiert nach Felix Lehner)

Ein Kompromiss, das ist die Kuast, einen Kuchen so zu teilen dass jeder meint, er habe das grösste Stück bekommen.

Ludwig Erhard

Kompromiss: der Ausgleich widerstreitender Interessen, wobei jeder die Genugtuung hat, zu meinen, er erhalte, was er eigentlich nicht haben dürfte, und ihm sei nur das vorenthalten, was ihm rechtens zukäme.

Ambrose Bierce

Der Kompromiss ist eine Fehlrechnung. Den Nutzen von heute bezahlt er teuer mit dem Schaden von übermorgen.

Aleksander Swietochowski: Denkspiele, polnische Aphorismen, Frankfurt am Main 1974, S. 12

Es geht immer auch anders.

Thomas Mann

Planung – Ordnung und Freiheit

Notwendigkeit und Freiheit schlisssen sich gegenseitig nicht aus. Unsere Freiheit besteht darin, dass wir der Notwendigkeit in uns anders begegnen als der Notwendigkeit ausserhalb uns. Die Freiheit stützt sich auf die Notwendigkeit, um sie zu überwinden.

Gustave Thibon: Dict. de spiritual, II, p. 126

Wenn wir Menschen bleiben wollen, dann gibt es nur einen Weg, den Weg in die offene Gesellschaft. Wir müssen ins Unbekannte, ins Ungewisse, ins Unsichere weiterschreiten und die Vernunft, die uns gegeben ist, verwenden, um, so gut wir es eben können, für beides zu planen: nicht nur für Sicherheit, sondern zugleich auch für Freiheit.

Karl R. Popper: Die offene Gesellschaft und ihre Feinde, Bd. 1, London 1944/Bern 1958, S. 68

Das Erdreich ordnen wollen mit Gewalt: es misstingt, wie die Erfahrung zeigt. Das Erdreich untersteht einer geistigen Kraft, der man nicht mit Gewalt beikommen kann.

Laotse

Die Beziehungen zwischen Ordnung und Vernunft sind äusserst eng. Ordnung kann nur durch Vernunft in die Dinge gebracht werden und nur durch sie verstanden werden. Sie ist der Freund der Ordnung. und ihr eigentliches Objekt.

Jacques Bossuet: Connaissance de Dieu, I, VIII

Nicht der Determinismus, sondern der Fatalismus ist das Gegenteil der Freiheit.

Jean-Paul Sartre: L’imaginaire, 1940, p. 68

Freiheit ist ohne Ordnung nicht möglich, und die Ordnung ist ohne Fre1heit wertlos.

Alain: Politique, 1951, p. 27

Wir haben in diesen hundert Jahren uns und die Natur und alles sehr viel besser kennengelernt, aber der Erfolg ist sozusagen, dass man alles, was man an Ordnung im einzelnen gewinnt, am Ganzen wieder verliert, so dass wir immer mehr Ordnungen und immer weniger Ordnung haben.

Robert Musil

Jede Hoffnung, das Chaos von dieser Welt abzuwenden, liegt seit der Heraufkunft und Vollendung des Skeptizismus, der seine gegenständliche Darstellung in der Organisation findet, darin, den Kreis des Bekannten ständig zu erweitern und keinerlei Unklarheit über die weltlichen Vorgänge mehr zuzulassen. Die Welt ist nicht mehr ein Geschenk, in das man sich einfügt, sondern ein Plan, den der Mensch entwirft und zugleich mit entworfen wird. Die Organisation ist die Weise, in der über das Bekannte nicht mehr hinausgegangen und alles Vorfindliche auf es zugetrieben wird. Sie ist es, die das Bekannte des Bekannten ausdrückt, aus einer Summe von Apparaten eine automatische Fabrik, aus unbestimmten Beständen Arbeits- und Materialpotentiale macht, die schliesslich den einzelnen als solchen schafft, indem sie ihm Anerkennung und Würde zuteilt.

Friedrich Jonas: Sozialphilosphie der industriellen Arbeitswelt, 2. Aufl., Stuttgart 1974, S. 209/210

Das erste Bedürfnis der Seele, das am meisten mit ihrer ewigen Bestimmung zusammenhängt, ist die Ordnung, das heisst ein derart beschaffenes Gewebe sozialer Verhältnisse, dass niemand gezwungen ist, unabdingbare Verpflichtungen zu verletzen, um anderen Verpflichtungen nachzukommen.

Simone Weil

Man darf die Dinge nicht von aussen, sondern man muss sie von innen her ordnen.

Charles Ferdinand Ramuz

Ordnung ist Macht.

Henri-Frédéric Amiel

Eine gute Verwirrung ist mehr wert als eine schlechte Ordnung.

Ludwig Tieck

Vom höchsten Ordnungssinn ist nur ein Schritt zur Pedanterie.

Christian Morgenstern

Die wichtigste Aufgabe der Planung besteht nicht mehr darin, Ordnung zu schaffen, sondern Unordnung zu erhalten.

Nach Gerhard Kocher: Schweizerische Vereinigung für Zukunftsforschung, Zürich 1975

Wie viele Menschen behaupten doch, sie hingen an der Ordnung, und verteidigen dabei nur Gewohnheiten.

Georges Bernanos

Um in jedem Augenblick so frei wie möglich zu sein, braucht es viel Ordnung. Die Unordnung macht uns zu Sklaven. Die Unordnung von heute beladet die Freiheit von morgen.

Henri-Frédéric Amiel

Ordnungen menschlichen Zusammenlebens können nur auf moralischen Grundlagen errichtet werden. In einer geschlossenen, physikalisch-naturwissenschaftlich determinierten Welt ist aber für moralische Vorschriften gar kein Raum. Aus der technischen Welt der Zivilisation sind keinerlei Normen für das menschliche Zusammenleben zu gewinnen.

Peter Bamm: Ex Ovo: Krankheitsbild der Technik, 1948

Die Welt bedarf nicht einer Verminderung, sondern erheblicher Vermehrung der uneigennützigen Bemühungen zum Wohl anderer. Aber selbstloses Wohlwollen kann andere Mittel finden, um Mitmenschen zu ihrem Besten zu überreden, als Peitsche und Geissel, wörtlich oder bildlich genommen. Ich bin der letzte, der die Pflichten gegen das eigene Selbst unterschätzen möchte; sie stehen an Wichtigkeit nur den sozialen Pflichten nach, wenn sie ihnen überhaupt nachstehen. Es ist Aufgabe der Erziehung, beide Arten von Pflichten zu pflegen. Aber selbst die Erziehung wirkt ebensosehr durch Überzeugung und Überredung wie durch Zwang, und wenn das Stadium der Erziehung vorbei ist, sollten die Tugenden, die dem eigenen Selbst gelten, allein durch Überredung und Überzeugung eingeprägt werden. Menschliche Wesen sollten einander helfen, das Bessere von dem Schlechteren zu unterscheiden, und es sollte einer den anderen ermutigen, das Bessere zu wählen und das Schlechtere zu meiden. Sie sollten unaufhörlich einander anstacheln, immer stärkeren Gebrauch von ihren höheren Fähigkeiten zu machen… Aber weder eine einzelne Person noch eine Personenzahl hat die Vollmacht, einem anderen reifen Menschen vorzuschreiben, dass er zu seinem Heil etwas anderes mit seinem Leben anfangen solle, als was er selbst für richtig hält.

John Stuart Mill

Es ist ein Sophismus, das absolute Laisser-faire im Namen der individuellen Freiheit in Verhältnissen zu verlangen, die nicht das Werk des Laisser-faire sind.

Charles Secrétan: Etudes sociales, Lausanne 1869, p. 5 (zitiert nach Felix Lehner)

Freiheit bedeutet: imstande sein, darauf zu zählen, wie andere Leute sich benehmen werden.

Bernard Shaw

Und ihr werdet die Wahrheit erkennen, und die Wahrheit wird euch frei machen.

Neues Testament: Johannes, 8, 32

Auf der Erkenntnis beruht die Freiheit.

Ernst von Feuchtersleben: Aphorismen

Die Willensfreiheit besteht darin, dass zukünftige Handlungen jetzt nicht gewusst werden können. Nur dann könnten wir sie wissen, wenn die Kausalität eine innere Notwendigkeit wäre.

Ludwig Wittgenstein

Menschen können nicht zu ihrem Heil gezwungen werden. Und daher müssen sie ihrem eigenen Gewissen überlassen werden.

John Locke: Ein Brief über die Toleranz: Die Toleranzpflicht, 1689

Alles zu planen würde vermutlich heissen, die Menschheit wegzuplanen, würde vermutlich heissen, das Menschliche, eben gerade die Freiheit, definitiv zu zerstören. Den Raum, in dem Freiheit möglich ist, müssen wir aber planen.

Carl Friedrich von Weizsäcker: Gedanken über unsere Zukunft, Göttingen 1966, S. 20

Das Kennwort der Organisationsideologie lautet ‹totale Planung›; in ihrer Extremform möchte sie alles mitmenschliche Leben nach dem Muster der Organisation, also des Heeres oder des kapitalistisch durchrationalisierten Betriebes, gestalten. Die völlige Verwirklichung dieses Fehlideals wäre die ‹totale› Arbeitswelt, in welcher alle Formen und Gebilde menschlichen Zusammenlebens verstanden und gestaltet würden als Funktionen des rational gesetzten, allbestimmenden Staatszweckes… Das würde die Zerstörung alles Privaten bedeuten, die Verneinung aller persönlichen Freiheit und die Aufhebung alles über-rationalen, in sich ruhenden Gemeinschaftslebens.

Josef Pieper: Grundformen sozialer Spielregeln: Die Notwendigkeit der konkreten Verschränkung, 1933

Nach meiner Erfahrung ist der ärgste Feind und Verderber der Menschen der auf Denkfaulheit und Ruhebedürfnis beruhende Drang nach dem Kollektiv, auch Gemeinschaften mit absolut fester Dogmatik, sei diese nun religiös oder politisch.

Hermann Hesse: An einen ‹einfachen Mann›, 15.4.1950

Für seine Handlungen sich allein verantwortlich fühlen und allein ihre Folgen, auch die schwersten, tragen, das macht die Persönlichkeit aus.

Ricarda Huch: Entpersönlichung (1), 1921

Das sittliche Leben ist Wagnis und erfordert Mut in allen Stücken. Neben dem Mut zur Tat steht der Mut zum Wort, zur eigenen Überzeugung, Meinung, der Mut zur Wahrheit, zum Bekenntnis, ja schon. zum Gedanken; nicht weniger der Mut zum eigenen Selbst und zu seinem wahren Empfinden, zur Persönlichkeit, der Mut zum grossen Gefühl, zur Liebe, zur schicksalhaften Leidenschaft (hier besonders gibt es die falsche Scham, Menschenfurcht, das feige Sichverstecken); ja es gibt den Mut zum Leben, zum Erleben, zum Durchmachen und Auskosten, nicht weniger als den Mut zum Glück.

Nicolai Hartmann

Freiwillig ist alles, was wir tun ohne Zwang, aber mit Bewusstsein.

Plotin: 6. Enneade, 8. Buch (Otto Kiefer), Bd. I, S. 89

Der Preis der Freiheit ist die Freiwilligkeit.

Gottlieb Duttweiler

Freiheit ist die Fähigkeit, eine Wahl zu treffen, deren Gefangener man hinterher ist.

Heinrich Wiesner: Lakonische Zeilen, 1972

Jeder, der sich nicht davor fürchtet, verschiedenen Möglichkeiten ins Auge zu sehen, muss sich zwischen gegensätzlichen Zielen entscheiden.

Walter Kaufmann: Jenseits von Schuld und Gerechtigkeit, aus dem Amerikanischen übersetzt, Hamburg 1974, S. 81

Der Preis der Freiheit ist die Ungleichheit, der Preis der Gleichheit die Unfreiheit.

Wernhard Möschel: Rechtsordnung zwischen Plan und Markt, Tübingen 1975, S. 12

Entfremdung war schon immer der Preis der Autonomie.

Walter Kaufmann: Jenseits von Schuld und Gerechtigkeit, aus dem Amerikanischen übersetzt, Hamburg 1974, S. 125

Das einzige, was noch schwieriger ist, als e!n geordnetes Leben zu führen: es andern nicht aufzuzwingen.

Marcel Proust

Der Geist der Freiheit ist der Geist, der nicht allzu sicher ist, recht zu haben.

Learned Hand: Das Wesen der Freiheit, aus dem Amerikanischen übersetzt, Frankfurt am Main 1953, S. 103

Die Freiheit ist die Möglichkeit, zu zweifeln, die Möglichkeit, sich zu irren, zu suchen und zu experimentieren, ist die Möglichkeit, jeder Autorität – sei es nun eine literarische, künstlerische, philosophische, religiöse, soziale oder gar politische Autorität – mit einem ‹Nein› zu antworten.

lgnazio Silone

Freiheit ist politische Macht, geteilt in kleine Stücke.

Thomas Hobbes

Macht ist an sich böse.

Schlosser nach Jacob Burckhardt: Weltgeschichtliche Betrachtungen, 1905

Der Mensch wird begreifen müssen, dass Macht offen bleiben muss, fliessend und frei. Sein Ziel wird es sein, nicht Macht zu besitzen, sondern auszustrahlen.

Henry Miller: Sunday after the War, New York 1944, p. 154/155

Macht ist wesensmässig eine psychologische Kategorie. Um den Spuren der Macht zu folgen, müssen wir in ihren eigenen Bereich vordringen und offen zugeben: Alle Macht ist wesentlich sakrale Macht.

Norman O. Brown: Zukunft im Zeichen des Eros, aus dem Amerikanischen übersetzt, Pfullingen 1962, S. 311

Macht ist jene unpersönliche Form der Gewalt, die durch Schaffung schmerzhafter Bedingungen statt durch direkt schmerzhaftes Handeln Gewalt ausübt.

Ralf Dahrendorf: Die neue Freiheit, München 1975, S. 53

Die Menschen existieren als solche in der Differenz zwischen dem, was ist, und dem, was noch nicht ist, dieses können sie also zum Gegenstand planender Veranstaltungen machen, sie können bestimmen, was wird, und nur in dieser Differenz ist so etwas wie Freiheit und Autonomie konzipierbar.

Bernhard Willms: Planungsideologie und revolutionäre Utopie, Stuttgart 1969, S. 48

Die Alternative ist nicht: Plan oder kein Plan. Die Frage ist: Wessen Plan? Soll jedes Mitglied der Gesellschaft für sich planen, oder soll nur die Regierung für alle planen?

Ludwig von Mises: zitiert nach Frankfurter Allgemeine Zeitung, 18. September 1962

Der Plan macht vollen Ernst mit der Befreiung vom Zufall und bedarf dazu der schärfsten bisher bekannten Organisationsform. Damit stellt sich beim Plan – und bei jedem Plan – eigentlich erstmalig in voller Schärfe die Frage, ob der Zufall nicht mehr wert sein kann als die Ordnung, die ihn abschaffen will. Gewöhnlich wird diese Frage umgekehrt und damit schwächer formuliert: ob Freiheit (Beliebigkeit) der Preis für Sicherheit sein dürfe. Aber uns scheint die erste Fassung stichhaltiger zu sein; zeigt sie doch, dass im Instrument des Plans zwei Kategorien unvermittelt zusammenstossen, deren Vermittlung bisher zu den wesentlichsten Leistungen heiler politischer Ordnungen zählte: Technik und Ethik.

Hans-Joachim Arndt: Die Figur des Plans als Utopie des Bewahrens, in: Säkularisation und Utopie, Erbacher Studien, Ernst Forsthoff zum 65. Geburtstag, Stuttgart 1967, S. 134

Das Leben führt uns nicht wie Kinder in einen Bäckerladen, in dem wir uns ein Stück Kuchen aussuchen dürfen. Solange man sich auf die Möglichkeiten beschränkt, die sich innerhalb eines bestimmten Rahmens ergeben, und diesen selbst nicht in Frage stellt, keine anderen Möglichkeiten betrachtet, so lange ist man nicht frei.

Walter Kaufmann: Jenseits von Schuld und Gerechtigkeit, aus dem Amerikanischen übersetzt, Hamburg 1974, S. 184

So stossen wir hier auf die politische Freiheit. An sich ist sie nichts. Nur ein der Seele offener Raum, kaum ein wenig Luft, die sie atmen kann. Genau gesagt ist sie nicht Freiheit, sondern nur die Möglichkeit freier Gegenwart. Sie schützt eine unerlässliche Leere. Sie hat keine Fülle. Die Glaubensbekenntnisse, die Dogmatismen haben hingegen Substanz. Die Formeln, in denen sie sich fixieren, sind wie die dürftigen Umrisse der unsagbaren, doch ontologisch gegebenen Fülle, die ihnen transzendent bleibt und der sie ihren Einfluss auf die Seelen verdanken. Im Gegensatz dazu ist die politische Freiheit tatsachhch – wie ihr das auch im abwertenden Sinn von ihren Lästerern vorgeworfen wird – formal: denn sie ist schützende und heilige Form der Leere, die unerlässlich ist für das andere: die konkrete Freiheit, die einzige menschliche Fülle.

Jeanne Hersch: Die Ideologien und die Wirklichkeit, aus dem Französischen übersetzt, 2. Aufl., München 1973, S. 254

Es ist eine Tatsache, die all die grossen Vorkämpfer der Freiheit, ausserhalb der rationalistischen Schule, nicht müde wurden zu betonen, dass Freiheit ohne tief eingewurzelte moralische Überzeugungen niemals Bestand gehabt hat und dass Zwang nur dort auf ein Mindestmass herabgesetzt werden kann, wo zu erwarten ist, dass die Individuen sich in der Regel freiwillig nach gewissen Grundsätzen richten.
Es ist von Vorteil, wenn die Befolgung solcher Regeln nicht erzwungen wird, nicht nur weil Zwang an sich etwas Schlechtes ist, sondern auch weil es oft wünschenswert ist, dass Regeln nur in den meisten Fällen befolgt werden und der einzelne die Möglichkeit hat, sie zu übertreten, wenn es ihm wert scheint, den Tadel seiner Mitmenschen auf sich zu nehmen, den dies hervorrufen wird.

Friedrich A. von Hayek: Die Verfassung der Freiheit, Tübingen 1971, S. 79

Je mehr Grenzen, um so mehr Grenzfälle, je mehr Grenzfälle, um so mehr Streitfragen, je mehr Streitfragen, um so mehr Rechtsunsicherheit.

Gustav Radbruch

Die neue Freiheit bedeutet also, dass es Gleichheit gibt, damit Menschen verschieden sein können, und nicht, um die Unterschiede zwischen ihnen zu leugnen und zu beseitigen.

Ralf Dahrendorf: Die neue Freiheit, München 1975, S. 76

Wir alle sind Narren, es hat keiner das Recht, einem andern seine eigentümliche Narrheit aufzudrängen.

Georg Büchner

Nirgends ist die Freiheit wichtiger als dort, wo unsere Unwissenheit am grössten ist – mit anderen Worten, an den Grenzen des Wissens, wo niemand voraussagen kann, was einen Schritt vor uns liegt.

Friedrich A von Hayek: Die Verfassung der Freiheit, Tübingen 1971, S. 480

Das Ideal, dass es den Menschen erlaubt sein soll, ihre eigenen Ziele zu verfolgen, wird oft dahin missverstanden, dass er dann ausschliesslich seine egoistischen Ziele verfolgen wird oder sogar soll. Die Freiheit, seine eigenen Ziele zu verfolgen, ist jedoch für den altruistischen Menschen, in dessen Wertskala die Bedürfnisse anderer Menschen einen sehr hohen Platz einnehmen, ebenso wichtig wie für den Egoisten. Es gehört zu der Natur des Mannes (und vielleicht noch mehr der Frau) und bildet die Hauptgrundlage seines Glückes, dass er das Wohlergehen anderer zu seiner Hauptaufgabe macht. Das ist eine der uns offenstehenden Möglichkeiten und oft die Entscheidung, die im allgemeinen von uns erwartet wird.

Friedrich A. von Hayek: Die Verfassung der Freiheit, Tübingen 1971, S. 97

Nachwort

Nachworte sind die letzte Gelegenheit, das nachzuholen, was im Text versäumt wurde. Sie werden oft aus der Einsicht geschrieben, dass es ein Postulat der Vorsicht ist, an die Nachsicht der Leser zu appellieren. Im Nachwort kann auch einer möglichen Kritik vorgegriffen werden, indem man selber auf die zahlreichen Fehler und Versäumnisse hinweist und – wie die Floskel heisst – ‹selbstverständlich die volle Verantwortung dafür übernimmt›. Durch diesen Vorgriff auf Mögliches hat sogar dieses Nachwort noch etwas mit Planung zu tun. Planung vermittelt nur im besten Fall zwischen Sprüchen und Widersprüchen. Häufig ist sie, obwohl sie ja besondere Zukunftsträchtigkeit verspricht, nur ein Nachwort auf Versäumnisse.

Was Nietzsche über Sentenzen sagt, gilt in noch höherem Ausmass auch für die Sammlung und Zusammenstellung von Gedankensplittern; sie sind immer Ausdruck von Anmassung oder Vorsicht – in einer mehr oder weniger abwechslungsreichen Mischung. Der Leser darf das Spiel durchschauen, er soll mitspielen und all die angefangenen Gespräche und Selbstgespräche weiterführen, ohne sich dabei im innern Stimmengewirr hoffnungslos zu verirren. Vielleicht können ihm da einige Hinweise über die Auswahlkriterien und über die Zitierweise helfen, sich im Dickicht der Sprüche und Widersprüche zurechtzufinden, und vielleicht kann durch die Angabe von Quellen auch eine gewisse Nachsicht bei jenen Autoren geweckt werden, die das Auseinanderreissen ihrer Texte als Schandtat empfinden oder empfinden würden.

Tatsächlich sind viele Gedankensplitter festgehalten worden, die auf den ersten Blick mit Planung wenig oder nichts zu tun haben. Darin mag man eine Anmassung sehen, es ist aber aus Vorsicht geschehen, aus Vorsicht beim gefährlichen Unternehmen des Definierens. Die zahlreichen verschiedenen Aspekte sollen ‹das Problem in der Mitte› gleichsam von aussen her einfangen und von innen her bis in die wichtigen und entscheidenden Grenzbereiche hinein aufspüren. So kann man in der Sammlung sowohl Hinweise dazu finden, was Planung ist und sein soll als auch dazu, was Planung nicht ist und nicht sein soll.

Die Zusammenstellung ist zunächst nichts anderes als ein Zitatenschatz für Planer und Verplante ‹in allen Lebenslagen›. Sie kann von Rednern und Artikelschreibern als Belegsammlung und als Bestätigung ihrer Meinungen und Vorurteile, aber auch als Anstoss für neue Überlegungen verwendet werden. Die Gliederung soll vor allem letzteres begünstigen. Die Motive der Auswahl und Zusammenstellung sind zwischen Scherz und Ernst anzusiedeln, mit deutlicher Schlagseite zum Ernst hin, vor allem in den humoristischen Zitaten. Die Sammlung kann daher auch als eigentliches ‹Trostbüchlein› für allzu Planungsbegeisterte und allzu Planungsverdrossene betrachtet werden. Beide werden in Zukunft Trost brauchen.

Schliesslich wird noch ein drittes Ziel verfolgt. Auf der Suche nach einer Definition der Planung zeigte es sich, dass die Rationalität für die Planung von essentieller Bedeutung ist. Nutzen und Gefahr der Rationalität – was auch immer darunter verstanden wird – sind in der Planung inbegriffen. Eine Philosophie der Planung hätte sich mit der Rationalität als Kernfrage auseinanderzusetzen. Die zahlreichen Gedankensplitter sind etwas wie ein ‹Anmerkungsapparat ohne Text› eines nicht geschriebenen – aber teilweise gedachten – Entwurfs fur eine ‹Philosophie der Planung›. Diesen Entwurf in seiner unfertigen Form niederzuschreiben wäre anmassend; aus verschiedenen Gründen wurde der vorsichtigere Weg gewählt, bei dem nur die Anmerkungen festgehalten sind und er verbindende Text offenbleibt und vom Leser frei erfunden werden kann. Niemand sollte bei der Lektüre ‹verplant› werden. Eine bestimmte Tendenz in Auswahl und Gliederung ist immerhin unverkennbar: Die ethischen Dimensionen der Planung sollen neben den technischen in den Vordergrund gerückt werden. Dies ist der ‹rote Faden› der Zusammenstellung.

Der Text lädt den Leser ein, selber das Risiko vorausschauenden und kritischen Denkens zu übernehmen und somit selber zu planen statt als Verplanter über andere – selbstverständlich viel weniger qualifizierte – Planer und über die Planung schlechthin verdrossen zu sein. Natürlich gibt es Planer, die meinen, sie hätten das Denken und Planen für sich allein gepachtet. Ihnen ist mit Widerspruch und nicht mit Verdrossenheit entgegenzutreten. Planung ist Politik. Wer nicht geplant werden will, muss planen.

Die Gedanken sind frei, aber wo es um Gemeinsames geht, ist auch das Denken nicht ausschliesslich Privatsache. Planung besteht aus der dauernden Konfrontation von vorausschauendem Denken und politischem Handeln. Sie kann als Versuch gedeutet werden, gemeinsam aus vorausschauendem Denken fortwährend provisorische, aber doch festgelegte Schlüsse zu ziehen, die zu gemeinsam verantworteten Beschlüssen führen.

Mit Vorbedacht wurden neben zahlreichen kurzen und prägnanten Sprüchen auch längere Texte, mit weniger konzentrierter Aussagekraft aufgenommen. Die zu Kristallen verfestigten Weisheiten müssen gelegentlich auch sprachlich wieder verflüssigt und aufgelöst werden, dazu ist oft ein etwas grösserer Wortschwall nötig.

Die Sammlung erhebt in keiner Weise den Anspruch auf Vollständigkeit. Es sind lange nicht alle Autoren vertreten die Entscheidendes über Planung und Rationalität formuliet haben. Es eignen sich auch nicht alle Texte für eine Aufsplitterung in Sentenzen, sodass oft Wertvolles der gewählten Darstellungsweise zum Opfer fallen musste. Die Auswahl folgte dem nicht immer ganz blinden Prinzip des Zufalls und der subjektiven Vorliebe bei der persönlichen Lektüre, die – glücklicherweise – immer beschränkt bleibt.

In einigen Fällen wurde die Gelegenheit benützt, mitten in ‹klassischen Sentenzen› auch persönlich geschätzte, weniger bekannte Autoren zum Wort kommen zu lassen. Die Zusammenstellung und Gliederung ist von jeder traditionellen Wissenschaftlichkeit weit entfernt; sie entstand aus Freude an der Entdeckung des immer Vorläufigen und niemals Endgültigen im Prozess des Erkennens. ‹In diesem Büchlein ist mein eigener Prozess›, könnte man in Anlehnung an Jakob Böhme sagen.

Nebst der Auswertung einer nicht immer sehr fachbezogenen persönlichen Lektüre wurden auch einige Spruch- und Aphorismensammlungen durchgeackert, auf die im Literaturverzeichnis hingewiesen wird. Fremdsprachige Texte wurden ins Deutsche übertragen, aus Freude am Übersetzen und um den allzu bequemen Zitatenjäger wenigstens dann zu den Quellen zurückzuschicken, wenn er sich mit den Federn eines fremdsprachigen Zitats schmücken will. Quellenangaben wurden dort vermerkt, wo sie beim Sammeln bereits vorhanden oder leicht greifbar waren. Wenn sie bei zahlreichen Zitaten fehlen, so mag dies für jene ärgerlich sein, die sie wissenschaftlich verwerten wollen, und auch für jene, die sich nach der Lektüre eines Kalenderzettelspruchs wenigstens den Anstrich geben wollen, tatsächlich z.B. Kants gesammelte Werke in der Ausgabe der Königlich Preussischen Akademie der Wissenschaften durchgearbeitet zu haben. In diesen Fällen bleibt dem Beflissenen nichts anderes übrig, als mit Glück und Spürsinn auf die Suche zu gehen. Es ist zu hoffen, dass er auf dieser Suche recht viele wertvolle Quellen ausschöpfen kann, bevor er resigniert den bequemeren, aber auch aufrichtigeren Weg beschreitet mit der Feststellung ‹Aristoteles soll einmal gesagt haben…›

Ein beinahe vollständiges Verzeichnis der Autoren soll den Lesern den Weg erleichtern, tatsächlich zu den Quellen zu gelangen, es soll auch die ausserordentlich wichtigen zeitlichen und persönlichen Zusammenhänge des Gedachten mit dem Denkenden wenigstens andeuten.

Sancta ratio chaotica.
Sapiente sat.

Literaturverzeichnis

  • ABC der goldenen Worte,
    kleines Lexikon der Definitionen,
    zusammengestellt von P.P. Furten,
    Präsentverlag, Gütersloh 1974
  • Denkspiele, polnische Aphorismen,
    herausgegeben von Anton Marianowicz und Ryszard Marek Gronski,
    Insel-Verlag, Frankfurt am Main 1974
  • Führende Worte, Band 1-5,
    herausgegeben von Hans Eckart, bearbeitet von Alfred Grunow,
    6. Aufl., Haude und Spener, Berlin 1961
  • Dictionnaire de la langue philosophique,
    Paul Foulquié et Raymon Saint-Jean,
    Presses Universitaires de France, II, Paris 1969
  • Hochverrat ist eine Frage des Datums,
    Definitionen, Aphorismen, Maximen,
    herausgegeben von Lothar Schmidt, dtv, München 1966
  • Der Kern der Dinge,
    kleines Lexikon der Aphorismen,
    zusammengestellt von P.P. Furten,
    Präsentverlag, Gütersloh 1974
  • Lec, Stanislaw J.:
    Das grosse Buch der unfrisierten Gedanken,
    herausgegeben und aus dem Polnischen von Karl Dedecius,
    Hanser-Verlag, München 1971
  • Schlagfertige Definitionen von Aberglaube bis Zynismus,
    ausgewählt von Lothar Schmidt,
    rororo, Reinbek bei Hamburg 1974
  • Zitate und Sprichwörter von A bis Z,
    ausgewählt und nach Schlagwörtern geordnet von Gerhard Hellwig,
    Bertelsmann, Gütersloh/Berlin/München/Wien 1974