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Anpassung und Widerstand

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(Leader August 2022, Seite 10)


Das Heranwachsen und Erwachsen-Werden besteht aus Anpassung und Widerstand. Anpassung wird in der Regel belohnt, Widerstand bestraft.

Widerstand hat aber auch eine kreative Seite. Wer sich an alles anpasst, riskiert, alle bisher praktizierten Fehler zu wiederholen. Das Heranwachsen einer neuen Generation ist auch für die Elterngeneration eine Chance, weil auch sie durch den Widerspruch und den Widerstand, den sie erwecken, ihr eigenes Verhalten überprüfen und verändern können. Bildung beruht immer auch auf Gegenseitigkeit. Eine total angepasste und pädagogisch und politisch gesteuerte Gesellschaft stagniert und verliert die gemeinsame Lernfähigkeit im Hinblick auf neue Herausforderungen. Grundsätzliche Totalopposition im Sinne einer revolutionären Abkehr von allem Bisherigen ist hingegen erfahrungsgemäss überwiegend destruktiv.

Kreative Dissidenz ist das Bestreben junger Menschen, anders zu sein als die Erwachsenen und den eigenen Willen durchzusetzen. Bei Kleinkindern ist dieser Widerstand oft stark ausgeprägt. Mit Lust und Beharrlichkeit sagen sie oft Nein, zu dem, was man von ihnen verlangt. Sogenannt «brave Kinder» haben mit ihrem Widerstand früh resigniert.

Die Anpassungsbereitschaft bei Heranwachsenden ist heute allgemein gross, und viele Jugendliche und vor allem Studenten adaptieren und assimilieren sich übermässig, sowohl gegenseitig als auch gegenüber Lehrenden. Der Schatten davon ist das andere Extrem: Widerstand aus Prinzip, und je aggressiver desto attraktiver. Radikales Verweigern, Stören und Zerstören ist kein Programm, und wer dies propagiert und praktiziert, hat das schöpferische Gleichgewicht zwischen Anpassung und Widerstand verloren.

Robert Nef, Publizist, St.Gallen

Leader August 2022, Seite 10

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