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Saitenspiel und Flötenspiel: Geist und Natur

Lesedauer: 4 Minuten


(Eigentümlich frei – Nr. 217 – November 2021)

Über das Apollinische und Dionysische in der Musik – und Nietzsche

Im berühmten Musikstreit zwischen Apollon und Pan amtet König Midas, der den Satyr gefesselt und wieder freigelassen hat (und damit die Beherrschung der Triebe in den Grundzügen erlernt hat), als Schiedsrichter. Als immer noch naturgebundener Mensch gibt er in diesem Wettstreit der dionysischen Musik des Pan (der U-Musik) vor der apollinischen Musik des Gottes der Schönen Künste (der E- Musik) den Vorrang. Als Strafe für diesen Fehlentscheid wuchsen ihm dann Eselsohren. Der Esel gilt allerdings in der Antike (und auch bei Shakespeare) nicht als besonders störrisch und dumm, sondern als besonders geil.

Interessant ist auch das Detail, dass Midas seine Eselsohren unter der “phrygischen Mütze” verbirgt und glaubt, dass dieses Merkmal der Geilheit öffentlich nicht wahrgenommen werde. Aber er wird von seinem Barbier verraten, der das Geheimnis des „Königs mit Eselsohren“ dem fliessenden Wasser anvertraut. Das “Geflüster” des Wassers macht dann seine Schande öffentlich: König Midas hat Eselsohren, – ich weiss nicht wie dies akustisch auf Griechisch (oder in einem kleinasiatischen Dialekt?) tönt.

Die zweite Midas Geschichte, der Musikwettstreit, hat natürlich mit der ersten Geschichte, bei der sich Midas wünscht, dass sich alles, was er berührt in Gold verwandle, einen ganz subtilen Zusammenhang. In der zweiten Geschichte geht es um die triebzähmende oder trieberregende Kraft der Musik – und letztlich um das, was Nietzsche „Die Geburt der Tragödie aus dem Geist der Musik“ genannt hat. Nietzsche versucht, wie einst Midas, dem Dionysischen wieder zu seinem Recht zu verhelfen, und viele haben ihm das sehr übel genommen.

Die ganze Auseinandersetzung zwischen Saiten- und Blasinstrumenten wird in Platons Erziehungslehre, die er in seinem „Staat“ entwickelt, abgehandelt. Pädagogisch wertvoll war für ihn nur das Saiteninstrument, die Leier. Die mit den Lippen geblasene Flöte (Doppelflöte = Aulos) war das Instrument der Hetären. Apollons Leier veredelt, Pans Flöte erregt. Diese Dialektik wird besonders komplex, wenn das tendenziell rationalisierende Saiteninstrument von einer Frau und das tendenziell emotionalisierende Blasinstrument von einem Mann gespielt wird.

Bach hat den Streit zwischen Phoebus und Pan in einer weltlichen Kantate vertont.

Mozart hat in seinem Konzert für Flöte und Harfe die beiden Instrumente mindestens gleich behandelt, möglicherweise die Flöte sogar bevorzugt. Aber er soll Flöte, trotz Zauberflöte, im Gegensatz zur Klarinette, nicht besonders geschätzt haben. Ob er Platon kannte? In der Zauberflöte spielt der apollinische Tamino die sinnliche Flöte und der dionysische Papageno (der unbestrittene Publikumsliebling) das rational „geschlagene“ Glockenspiel. Jeder spielt das Instrument das in seinem Charakter fehlt. Eine gewollte Paradoxie? Sie wäre sowohl Schikaneder als auch Mozart zuzutrauen.

Was soll man davon halten? Zu weit hergeholt?

Die mit dem Anreissen (oder beim Klavier Anschlagen) gespannter Saiten (ursprünglich Schafs- oder Ziegendärme, oder gar Katzendärme) erzeugte Musik ist “schmerzgeboren”. Man “schlägt” die Leier, und die Laute, und man zupft die Harfe mit den Fingern oder mit dem Plektron, einer kleinen Scheibe aus Schildplatt. Der Ton entsteht beim Saiteninstrument durch gewaltsame Ingangsetzung der Vibration nach erzeugter Spannung zwischen zwei Polen (unten und oben – bzw. nahe bei der Hand und nahe beim Kopf).

Der Mensch ist wie eine Saite unten an der Materie, die er sinnlich wahrnimmt, fixiert, und oben an den Idealen, an die er glaubt, die er erhofft und erträumt zurückgebunden (Religio). Dazu ein Zitat des wenig bekannten Schweizer Dichters Adrien Turel: „Weltsaite Mensch. Du spannst und leidest, bersten darfst Du nicht“.

Anders entsteht der Ton bei der Flöte, dem klassischen Blasinstrument, vor allem bei der Panflöte aus unterschiedlichen Schilfrohren die mit dem Mund durch die Lippen, ziemlich lustvoll, geblasen wird. Auch hier gibt es eine Analogie von Musikinstrument und Mensch. Von Pascal stammt das berühmte Zitat : „L‘ homme n‘ est qu‘ un roseau, le plus faible de la nature, mais c’est un roseau pensant.“ Ob er neben der Fähigkeit zu denken auch das Erzeugen von Tönen miteinbezogen hat ?

Aus der Panflöte hat sich später die Orgel entwickelt, ein durch und durch sinnliches Instrument, das dann zwar im Lauf der technischen Entwicklung durch die Mechanik und später durch die Pneumatik und durch die Elektronik zum Teil „rationalisiert“ worden ist.

Die Streichinstrumente sind Streichelinstrumente. Man streicht über die schmerzvoll gespannten Saiten und reizt sie zum Tönen. Schmerzgeborene Töne gegen lustgeborene Töne. Bei der Orgel drückt man zwar mechanisch Tasten, die Töne entstehen aber durch das Gebläse in den Pfeifenzungen – eine interessante Mischform von Ratio und Emotio.

Die Mauern von Jericho sind übrigens nicht durch Saitenspiel, sondern durch Posaunentöne zum Einsturz gebracht worden. Dahinter steckt folgende Botschaft:
Die Mauern einer etablierten Stadtkultur können letztlich nicht allein mit der Gewalt der erobernden Nomaden gebrochen werden, sondern nur durch eine – auch emotional – überlegene Kultur.

Die symphonische (=zusammenklingende) Musik entsteht im Dialog zwischen Saiten- und Blasinstrumenten, Schmerz und Lust, untermalt mit der Vibration gespannter Tierfelle (Pauken und Trommeln) auf die man, teils gewaltsam, teils lustvoll einschlägt. Das erinnert an den „Dialog“ von Pfeifen und Trommeln an der Basler Fasnacht, in der musikalische Landsknechts-Traditionen wieder aufleben. Des Landsknechts letzter Wunsch (im Lied „Vom Barette schwankt die Feder“) lautet: „Ja, ja mit Tromm-eln vi – i -iel, und Pfei-ffenspi – i – iel, sollt ihr, ja sollt ihr mich begra- a- a aben.“

Die Violine ist ein Saiteninstrument, das nicht rational gezupft, sondern emotional gestrichen wird. Dies verleiht dem Augenblick Dauer. Die Orgel ist ein Blasinstrument, dessen Töne nicht mit Mund und Lippen ausgelöst werden, sondern durch Tastendruck mechanisch (heute elektronisch) ausgelöst werden. Das Emotionale des Luftstroms wird mittels Registrierung durch die rationale Dosierung und Färbung ergänzt. Beide Instrumente kombinieren und überwinden die platonische Zweiteilung auf ihre besondere Weise. Apollon versöhnt sich mit Pan, das Apollinische mit dem Dionysischen. Das hätte Nietzsche gefallen.

Eigentümlich frei – Nr. 217 – November 2021 – Seite 50-51

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