Afghanistan am Wendepunkt

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(Finanz und Wirtschaft – Meinungen)


Die Taliban herrschen nun – ob sie auch regieren und verwalten können? Die Aussicht auf ein aussen- und wirtschaftspolitisch schwaches Regime birgt Chancen. Ein Kommentar von Robert Nef.

«Offene Märkte und technische Zivilisation bewirken mehr als jedes Missionieren.»

Zwei wichtige Lehren lassen sich aus der gescheiterten Interventionspolitik des Westens in Afghanistan jetzt schon ziehen. Die erste liegt auf der Hand: Ein Land kann sich gegen äussere und innere Feinde auf die Dauer nicht durch Dritte verteidigen lassen, ohne von ihnen letztlich abhängig zu werden, selbst wenn diese Dritten behaupten, gute Freunde zu sein. Wer sich nicht selbst wehrt, wird von denen abhängig, die ihn unterstützen.

Auch die zweite Lehre ist alles andere als überraschend: Intrinsisch motivierte Kämpfer gewinnen immer gegen besoldete Sicherheitsfunktionäre, auch wenn diese von anderen besoldeten Sicherheitsfunktionären eines fremden Landes gut ausgebildet und teuer ausgerüstet worden sind. Ohne Kampfwillen gibt es auch bei bester Ausrüstung und Ausbildung keinen militärischen Erfolg, und Kampfwille kann von ausländischen Fachleuten und Beratern nicht wirksam vermittelt werden. Diese Erkenntnis gehört eigentlich zum Erfahrungsschatz jedes militärischen Führers, und es erstaunt, dass man sie vielerorts einfach nicht wahrhaben wollte. Die alte Streitfrage, ob man in militärischen Konflikten mehr auf die Politiker oder mehr auf die Generäle hören sollte, erübrigt sich im Falle Afghanistans. Falls es einen Dialog gegeben hat, haben sich offensichtlich stets die Falschen durchgesetzt.

Auch das politische Scheitern wäre nämlich eigentlich vorhersehbar gewesen. In der Politik zwischen Staaten gibt es keine Freundschaft, sondern nur mehr oder weniger gegenseitig abgestimmte Interessen. Aussenpolitik ist immer auch Machtpolitik. Diese Grunderfahrung werden die Taliban auch noch machen müssen, wenn sie sich in Zukunft auf «neue Freunde», besonders aus China, abstützen. Wurden die Taliban nicht früher einmal von den USA unterstützt, als es darum ging, die Kolonisierung durch die Sowjetunion zu verhindern? War dies nun «Freundschaft» oder doch eher auch nur zynisches Kalkül?

Austausch im wechselseitigen Interesse

Der Verfasser dieses Beitrags ist weder Experte der militärischen Strategie noch der internationalen Beziehungen, und die hier angestellten Überlegungen sind die eines historisch, ökonomisch und philosophisch interessierten langjährigen Beobachters der Weltpolitik und des menschlichen Verhaltens. Zwischen Menschen entsteht erst Friede, wenn man das primitive Freund-Feind-Schema überwindet und sich im wechselseitigen Interesse austauscht. Die Ökonomen nennen diese Art von Tausch Katallaxis, wörtlich das Sich-nach-unten-Anpassen, ein gegenseitiges Entgegenkommen im ureigenen Interesse. Man braucht sich deswegen nicht zu lieben, denn das ist nicht nur in Stammesgesellschaften eine Überforderung. Solidarität ist ebenfalls ein gefährliches Ziel, denn sie setzt ein Feindbild voraus. Das Feindbild der Taliban war und ist «die westliche, gottlose Lebensart», und dieses Feindbild wird sich, je sturer es verfolgt wird, auf längere Frist auch als eine empfindliche Schwäche erweisen.

Vor einer schrittweisen arbeitsteiligen und technischen Entwicklung kann nämlich heute kein Land mehr wirksam und dauerhaft abgeschottet werden. Das wissen auch die Taliban. Wer auf den Worst Case spekuliert, die jetzigen Sieger würden nun einen blutigen Rachefeldzug gegen die – sagen wir – 10% Zivilisierteren anzetteln und das ganze Land erneut mit einer Blutspur überziehen, erliegt der alten Drohkulisse des bisherigen Propagandaapparats. Der Feldzug der Taliban war ein Feldzug vom Land gegen die Städte, aber regieren werden auch sie nach der Eroberung von den Städten aus. Das bedingt eine gewisse Anpassung an städtische Lebensweisen, selbst wenn man ihnen kritisch gegenübersteht.

Die Führung der Taliban wehrt sich aber wahrscheinlich mit guten Gründen dagegen, dass notwendige, doch eben zeitraubende Entwicklungen durch irgendwelche «besserwisserischen» Helfer aus dem Westen weiterhin wohlwollend implantiert werden. Sie wollen das Heft selbst in die Hand nehmen, aber sie werden das Rad der Zeit trotzdem nicht Jahrzehnte oder gar Jahrhunderte zurückdrehen können. Der Preis, den die bisherige Führung für eine wahrscheinlich zu schnelle Gangart bezahlt hat, waren eine zunehmende internationale Abhängigkeit und eine intern auseinanderdriftende Gesellschaft. Das kann nicht das Ziel eines langjährigen, beharrlich geführten Feldzugs der Taliban sein.

Handelspartner statt Helfer

Ab sofort werden von den Taliban Handelspartner und Investoren mit sehr offen kommunizierten eigenen Interessen angeblich wohlwollenden «Freunden und Helfern» wohl vorgezogen. Man kann und wird mit ihnen über Nehmen und Geben hart verhandeln und möglicherweise auch den einen gegen den andern geschickt ausspielen.

Die gut gemeinte bisher praktizierte milliardenschwere Entwicklungshilfe ist von den Taliban, die als «Befreier» auftreten, als Bevormundung, als Verderbnis und als ein schrittweises Abhängigmachen empfunden worden. Wahrscheinlich hat bisher auch nur eine Minderheit davon profitiert. Effektiv war sie eine Unterstützung der von aussen gesteuerten Machthaber, die sich zuletzt selbst desavouiert haben. Das ist eine bittere Erfahrung, die mit extern gestützten und intern mit Entwicklungshilfe «beglückten» Regimen weltweit gemacht worden ist.

Wirtschaft wuchern lassen

Die Taliban waren mit ihrer perfiden Strategie der Kombination von Kleinkrieg und Terror erfolgreich. Ob sie auch ein Land regieren und administrieren können, ist fragwürdig. Aber muss ein Land wie Afghanistan überhaupt zentral regiert werden? Die Aussicht auf ein aussen- und wirtschaftspolitisch schwaches Regime birgt auch Chancen. Im besten Fall werden sich die neuen Machthaber um das kümmern, was sie «die Wiederherstellung von Sitten und Gebräuchen» nennen, die Wirtschaft mehr oder weniger «wuchern lassen» und die Politik auf regionale und lokale Ebenen verlagern, wo eine bewaffnete Bevölkerung immer auch über lokale Gegenmacht verfügt.

Der Aufbau eines Sozialstaats mit funktionierendem Steuer- und Umverteilungssystem ist unter den gegebenen Umständen unmöglich und aus freiheitlicher Sicht auch gar nicht erwünscht. Je regulierter eine Wirtschaft ist, desto anfälliger wird sie für Korruption, die oft nur der Versuch ist, mehr oder weniger unzeitgemässe oder unsinnige Regulierungen durch Bestechung rückgängig zu machen.

Offene Märkte und technische Zivilisation, verbunden mit interregionalen und internationalen Kommunikationsnetzen, bewirken als «Sturzbach der Freiheit» mehr als jedes Missionieren mit politischen ethisch-moralischen Modellen, die ja auch in zivilisatorisch fortgeschrittenen Ländern den Test der ökonomischen, ökologischen und soziokulturellen Nachhaltigkeit noch nicht bestanden haben. Es gibt gewiss Gründe zur grossen Besorgnis, aber auch Gründe zur Hoffnung, dass diese «Eroberung von innen» auch zu einer inneren Entwicklung führt, die der Geschichte dieses grossen, zerklüfteten, vielfältigen und niemals vollständig unterworfenen Berg-, Täler- und Passlandes besser gerecht wird als jedes angeblich wohlwollende Regime irgendwelcher Kolonisatoren aus allen Himmelsrichtungen.

Zum Autor

Robert Nef ist Stiftungsratsmitglied des Liberalen Instituts Zürich.

Quelle: https://www.fuw.ch/article/afghanistan-am-wendepunkt/

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