Gallus und der Bär

Lesedauer: 13 Minuten

(aus: Gallusstadt 1983, St. Gallen 1984)

English version

Das Tiersymbol der elementaren Kraft setzt den Anfang der st. gallischen Geschichte
Dem Andenken an meinen Freund Hermann Jöhr gewidmet, der mich auf die Bedeutung der Symbole aufmerksam gemacht hat und dem ich dafür in Dankbarkeit verbunden bleibe.

Tutilo um 890, Evangelium Longum

Geschichte ist das, was eine Epoche an einer andern interessiert. Dieses Interesse wandelt sich nicht nur, wie E. G. Rüsch anhand des Charakterbildes von Gallus aufgezeigt hat, im Lauf der Generationen, sondern auch innerhalb der persönlichen Entwicklung eines einzelnen Menschen. Gallus und der Bär1 stehen am Ursprung der st. gallischen Geschichte. Die anschauliche und unmittelbar einleuchtende Erzählung ist bei Kindern beliebt, und sie hat zu Recht ihren festen Platz in der Heimatkunde. Im Geschichtsunterricht an der Mittelschule erscheint die Bärengeschichte allenfalls am Rande, als eine für das mittelalterliche Weltbild typische Legende, die historisch-wissenschaftlich und vor allem naturwissenschaftlich nicht ganz ernst zu nehmen ist. Vielleicht braucht es – wie beim Schreibenden2 – ein wiederholtes Weitererzählen der Geschichte an Kinder, bis sich die Fülle höchst aktueller Bedeutungsinhalte, die hinter dem unmittelbaren Sinn verborgen sind, neu erschliesst. Der Bär ist nicht nur für Gallus ein „hilfreiches Tier“…

Nach der Jungschen Schule stellen Märchen, Sagen und Legenden sehr häufig Entwicklungs- und Reifungsvorgänge dar, die nicht die Pubertät betreffen, sondern die Lebensmitte. Das „Geschichtenerzählen“ kann also für den erwachsenen Erzähler noch bedeutsamer sein als für das zuhörende Kind. Der Märchenforscher Max Lüthi bemerkt hiezu folgendes: „Die Anstrengungen zwischen Zwanzig und Vierzig richten sich darauf, in der Welt Fuss zu fassen und sich in ihr einzurichten. In der Mitte des Lebens aber tritt die Wirklichkeit des Todes ins Blickfeld. Die jenseitige Welt, die Tiefen der eigenen Seele werden neu und machtvoll erfahren. Der bisher stark nach aussen gewandte Mensch tritt den Weg nach innen an. In der Reife finden Bewusstsein und Unbewusstes eine neue Verbindung, die Beziehungen zur äusseren und inneren Welt kommen zum Einklang. Für Jung und seine Schüler ist der alte, oft kranke König des Märchens ein Bild einer alt gewordenen, erneuerungsbedürftigen Lebenseinstellung, der Sohn, der Prinz oder Dummling Bild eines neuen, werdenden Bewusstseins, das den Zugang zum Unbewussten sucht und schliesslich findet.“3

Der Bär als Symbolgestalt in seiner Vieldeutigkeit

Der Bär verkörpert und versinnbildlicht als Symbolgestalt unsere Instinkte, die sich von den höheren menschlichen Eigenschaften des Intellekts, der Vernunft, der Willenskraft und des guten Willens unterscheiden. Heinrich Zimmer hat in seiner subtilen Deutung von keltischen Sagenmotiven die kulturgeschichtliche Loslösung des Menschen vom Tier nachgezeichnet. Der archaische Mensch, zwischen mächtigen Göttern und Tieren stehend, konnte unter dem Einfluss jüdischer, griechisch-römischer und christlicher Kultur einerseits das Göttliche vermenschlichen und andererseits das Gefühl der wesensmässigen Verwandtschaft mit dem Tier überwinden. Dadurch verschüttete er allerdings auch die helfenden und heilenden Verbindungen zum Natürlichen, Animalischen. Die Natur empfand er immer mehr als Gegner, den es galt, sich untertan zu machen. Das animalische im Menschen, die Triebe, wurden daher zum Unterdrückungs- und Verdrängungsobjekt. Die keltische Überlieferung, die an eine Identifikation mit Naturwelt und Tiernachbarn anknüpft, konnte über ihre Sagenwelt einen „anderen Weg“ weisen als die tendenziell naturfeindliche, antik-humanistische, christliche Tradition. „Es gilt nicht, die Tierseele in uns zu töten und von uns abzutun, sondern das Tier zur Sache des Menschen zu bekehren, es für uns zu gewinnen, damit es uns Helfer sei bei der grossen, so überaus schwierigen Aufgabe: dem Zusammenschmieden der menschlichen mit den aussermenschlichen Kräften, die nicht nur dem Kosmos, sondern auch uns selbst innewohnen.“4

Es bleibe dahingestellt, ob die Geschichte von Gallus und dem Bären tatsächlich mit der keltisch-irischen Sagenwelt verknüpft werden kann oder ob das Symbol des „hilfreichen Tiers“ direkt der unerschöpflichen Quelle des kollektiv Unbewussten entsprungen ist. Losgelöst von der Frage nach der Herkunft der Geschichte und ihrer Hauptperson, ist die Tatsache sicher bedeutsam, dass unsere Gegend von Glaubensboten christianisiert worden ist, die mit Irland direkt verbunden waren. Wir haben dadurch einen persönlich fassbaren Bezug zur keltischen Überlieferung, die nebst der jüdisch-römisch-christlichen Tradition einen weiteren, höchst bedeutsamen Weg offenhält.5

Der Bär als „hilfreiches Tier“6 ist ein überaus starkes Sinnbild. Wie alle Symbole ist es unendlich vieldeutig und hat sowohl positive als auch negative Aspekte. In der keltischen Religion verkörpert der Bär die königliche Funktion. In der Alchemie entspricht er den Instinkten und den Anfangsphasen der Entwicklung. Der schwarze Bär symbolisiert den Zustand der „nigredo“, der zwischen dem natürlichen Ursprung („prima materia“) und der Wandlung zum Weissen, Hellen und Bewussten („albedo“) steht. Mächtig, gewalttätig, gefährlich und unkontrolliert, als primitive Kraft ist er traditionellerweise das Emblem der Grausamkeit, der Wildheit und der Brutalität gewesen. Aber, und darin zeigt sich die andere Seite des Symbols, der Bär kann in gewissem Ausmass gezähmt werden: er tanzt und macht Kunststücke. Man kann ihn anlocken mit Honig, den er heiss begehrt. Welcher Unterschied zwischen der Leichtigkeit der Biene, deren Honig er liebt, und der Tänzerin, deren Schritt er imitiert, und seiner ursprünglichen Plumpheit! Summa summarum symbolisiert der Bär die elementaren Kräfte, welche der kulturellen Verfeinerung zugänglich sind, die aber immer auch zur zweifelhaften Regression verleiten.

Victor Wallgren hat in einer Diplomarbeit des C. G. Jung-Instituts7 den Bären als ein Symbol der Wandlung beschrieben. Für ihn verkörpert der Bär jenes unbeschreibliche Etwas, das unsere Einstellung in der Verzweiflung zur Hoffnung führen kann. Die „Bärenkraft“ setzt neue Ziele und ermöglicht die Überwindung von Leid und Schmerz. Dadurch wird der Bär zum Sinnbild des Selbst, das dem Ich in jenen Situationen hilft, in denen es an seine Grenzen gelangt. Allerdings muss das bewusste Ich anerkennen, dass es durch ein spontanes Regulationszentrum im kollektiv Unbewussten geleitet wird. In existentiellen Krisen ermöglicht die helfende Kraft des Bären dem Ich, seine angestammte Funktion wahrzunehmen.

Als „Selbst“ bezeichnet C. G. Jung die „übergeordnete Persönlichkeit“8. Es macht eine scharfe Trennung zwischen dem Ich, das nur soweit wie das Bewusstsein reicht, und dem Ganzen der Persönlichkeit, die Bewusstes und Unbewusstes mit einbezieht.

Die Begegnung mit dem Bären als Hilfe aus dem Unbewussten

Gallus ist seinem hilfreichen Bären in einer akuten Lebenskrise begegnet. Sein väterlicher Meister, Kolumban, der „Alte Weise“, ist nach einem nicht ganz geklärten Zerwürfnis (vielleicht ein Meister-/Schüler-Generationen-Konflikt?) ohne ihn weitergezogen9; er ist auf sich selbst angewiesen. Mit seiner Missionstätigkeit am oberen Zürichsee und am Bodensee, die als kompromissloser Kampf gegen das Heidentum charakterisiert wird, hatte sich Gallus wohl etwelche Anhänger, aber auch Feinde geschaffen. Sein Rückzug in den Arboner Forst trägt Züge der Resignation. Er strauchelt an einer Stelle, wo kein Weg mehr weiterführt. Den historisch so entscheidenden Sturz deutet er als Fingerzeig Gottes. Er kann auch als eine jener heilsamen psychischen Gleichgewichtsstörungen gedeutet werden, die oft wichtige Schritte in der Persönlichkeitsentwicklung einleiten. In dieser Situation wirft er sich vor dem Kreuz, das er aus einem Haselstock gefertigt hat, zum Gebet auf den Boden, und da erscheint das zugleich bedrohliche und hilfreiche Tier.

Der Bär – nicht nur die Bärin – wird in der Symbolforschung dem weiblichen lunaren Bereich zugerechnet. Er ist ein Attribut der Göttin Artemis/Diana und- wohl in Anknüpfung daran – der Jungfrau Maria. Die Kelten verehrten die Bärengöttin Artio.

Gallus, der Mönch, findet in dieser Begegnung mit den weiblichen Kräften in seinem Unbewussten, mit der Hilfe Gottes, ein neues Gleichgewicht. Er ist nun in der Lage, die vom Unbewussten aufsteigenden Inhalte zu assimilieren und zu verarbeiten. C. G. Jung bezeichnet diesen entscheidenden Entwicklungsschritt mit „Selbstwerdung“.10 Selbstwerdung heisst Ganzwerdung, heisst Vereinigung der Gegensätze, Verbindung von Geist und Natur und – für den Mönch Gallus in der Mitte seines Lebens wohl besonders bedeutsam – von Männlichem und Weiblichem. Der Bär erscheint ihm auch als Tieraspekt der „grossen Mutter“, des „Ewig-Weiblichen“. Darauf wird noch zurückzukommen sein. Das archetypische Bild, das aus der Verbindung der beiden psychischen Teilsysteme – des Bewusstseins und des Unbewussten – durch einen gemeinsamen Mittelpunkt führt, heisst das Selbst11. Dieser Mittelpunkt, der im Haselkreuz mit dem daran befestigten Reliquienkästchen symbolisiert ist, ermöglicht die harmonische Beziehung zwischen der inneren und der äusseren Wirklichkeit, mit der wir alle konfrontiert sind. Die Selbstwerdung, die Geburt des Selbst als Ursprung und Ziel – gibt es ein schöneres Symbol für den Anfang der st. gallischen Geschichte?

Der Bär als „hilfreiches Tier“ stellt den Kontakt her zu den Instinkten und wird daher zum Ausgangspunkt für die Ganzheit. Der Symbolgehalt der Geschichte ist aber damit noch längst nicht ausgeschöpft. Gallus befiehlt dem Bären „in Gottes Namen“ Holz zu bringen, den ursprünglichen und universellen Bau- und Brennstoff. Der Bär hilft ihm, das wärmende, erhellende und bannende Feuer, das zu den kulturellen Errungenschaften des Menschen gehört, zu unterhalten. Er wird dafür mit einem ganzen Brot belohnt. Das Teilen eines Brotes mit einem Tier wäre wohl eine unzulässige und gefährliche Annäherung an die Kommunion gewesen… Die Verbindung mit dem „hilfreichen Tier“ soll weder total noch dauernd sein. Sie ist ein begrenztes Geben und Nehmen. Während der Bär als Tier dem Feuer des Menschen mit einem Stück Holz Nahrung gibt, überreicht der Mensch dem „hilfreichen Tier“ einen Laib Brot. Holz als typisches Naturprodukt wird gegen Brot als typisches Kulturprodukt getauscht. Dieser bedeutungsvolle Tausch von Holz gegen Brot ist offensichtlich für Tutilo12 der Wesenskern der Bärengeschichte, deren meisterhafte Darstellung er auf seinen in Elfenbein geschnitzten Buchdeckeln mit folgendem Text überschreibt: „St. Gallus reicht dem Bären Brot.“13 Bevor die bedrohlichen Aspekte, die jeder Hilfe aus dem Unbewussten und vielleicht jeder Hilfe überhaupt innewohnen, sich auswirken können, fordert Gallus den Bären auf, sich „in Christi Namen“ aus dem Tal auf die umliegenden Berge und Hügel zurückzuziehen. Wie Jolande Jacobi feststellt, muss man sich den Impulsen des Unbewussten aussetzen, „ohne sich damit zu identifizieren und ohne davon zulaufen – eine Identifikation mit diesen Impulsen würde heissen, dass man seine Triebhaftigkeit hemmungslos ausleben, ein Davonlaufen vor ihnen, dass man sie verdrängen würde…“14

Vollständig verjagt hat Gallus seinen hilfreichen Bären glücklicherweise nicht. Er begleitet ihn als Attribut, als „inneres Tier“, bis heute; und die Stadt St. Gallen wie auch die beiden Appenzeller Halbkantone haben ihn als Wappentier, obwohl es in unserer Gegend längst keine frei lebenden Bären mehr gibt. Heinrich Zimmer erinnert uns mit folgenden Worten an die bleibende und zunehmende Aktualität des „hilfreichen Tiers“: „Wenn das Tier in uns durch übereifriges Moralisieren getötet oder auch nur durch eine vollkommene gesellschaftliche Routine zum Winterschlaf abgekühlt wird, kann die bewusste Persönlichkeit niemals von den verborgenen Kräften, die ihr zugrunde liegen, Belebung empfangen. Das innere Tier will anerkannt werden und mit uns leben dürfen als ein etwas sonderbarer und oft verblüffender Gefährte. Wenn auch stumm und starrköpfig, weiss es doch vieles besser als unsere bewusste Persönlichkeit, und wir würden sein besseres Wesen erkennen, wenn wir bloss lernen könnten, seiner nur schwach hörbaren Stimme zu lauschen. Diese Stimme ist der Drang des Instinkts; sie ist das einzige, was uns retten kann aus den Ausweglosigkeiten, in die unsere bewusste Persönlichkeit uns ständig führen wird, solange wir befangen sind im Hochmut, ganz menschlich zu sein, solange wir uns durch unsere Verachtung von jedem intuitiven Kontakt mit dem verborgenen Lebensquell der Welt abschneiden.“15

Die Bedeutung des Bären in der christlichen Bildsymbolik

Der Bär hat in der christlichen Bildsymbolik noch eine weitere Bedeutung, die an einen Zusammenhang anknüpft, der nicht ohne weiteres sichtbar ist. Im Altertum und im Mittelalter glaubte man, dass junge Bären formlos als Klumpen zur Welt kämen und dass sie von der Mutter nach ihrem Bild geformt würden. Erst ein sorgfältiges, liebevolles Lecken verlieh den Jungen nach dieser Auffassung das Aussehen der Eltern. Das schöpferische, erzieherische, im ursprünglichen Sinn bildende Verhalten der Bärenmutter wurde so zu einem Sinnbild für die bildende Kraft der Zuwendung. Für S. Golowin ist die Sage von der Bärin, die sorgfältig ihrem Nachwuchs die Gestalt verleiht, ein „Symbol der Überzeugung, dass die Mächtigen als ihre Hauptaufgabe zu sehen hätten, die Schwächeren, Hilflosen in ihrer Umgebung zu behüten und ihnen die Möglichkeit zu geben, sich langsam zu entwickeln.“16

Es ist auf diesem Hintergrund einleuchtend, wieso der Bär in mancher Heiligenlegende (er ist auch ein Attribut des heiligen Kolumban und des heiligen Romedius) zu einem Symbol der Bekehrung und Wiedergewinnung von Ungläubigen geworden ist. Im Zusammenhang mit Gallus und mit seiner Lebensgeschichte lassen sich daraus wesentliche Einsichten gewinnen:

Durch die Begegnung mit dem Bären in einer entscheidenden Lebensphase wandelte sich auch die Auffassung von seinem Missionsauftrag. Der eifrige und feurige Prediger und Kämpfer, der engagierte Zerstörer von Götzenbildern kommt zur Einsicht, dass allein das demütige (ursprünglich: „dienstmutige“) Vorbild, die liebende, pflegende und heilende Zuwendung zu hilfebedürftigen Mitmenschen, den neuen Glauben an das Evangelium begründen und festigen könne. Der Bezug des neuen Wegs zur Christianisierung seiner Mitmenschen und zum innerlichen Erlebnis der Selbstwerdung ist offensichtlich. Das zu sich selbst gelangte, integrierte Individuum ist der Ausgangspunkt jeder wirksamen Verkündigung. Die kleine lebendige Zelle des Einsiedlers hat schliesslich eine grössere Ausstrahlung als jede wortreiche Publizität der „neuen Lehre“ im grösseren Rahmen. Nicht der Kampf gegen das Animalische, Magische, Heidnische, sondern der kultivierende Umgang mit ihm und die stets Distanz wahrende, aber doch teilnehmende und teilgebende, pflegende und bildende Zuwendung war der richtige Weg.17

Die Deutung des Bären als jenes „hilfreiche Tier“, das dem Manne Gallus die Integration des Weiblichen in den unbewussten Bereich seiner Seele ermöglichte, mag auf den ersten Blick eher konstruiert erscheinen. Sie könnte leicht als modernes Produkt einer allzu deutungsfreudigen psychologisierenden Betrachtungsweise abgetan werden. Wie zu zeigen sein wird, sind solche Zusammenhänge aber schon in den frühesten künstlerischen Auseinandersetzungen mit der Bärengeschichte dargestellt worden. Emma Jung hat in einem Aufsatz die Anima, welche die dem Manne zugehörige Weiblichkeit ausdrückt, die ihn stets begleitet, ergänzt und gelegentlich auch beherrscht, als Naturwesen beschrieben.18 Es scheint ihr wichtig, die Naturseite derselben hervorzuheben, da diese so ausgesprochen zum Wesen des Weiblichen gehöre.

„Mit der Anerkennung und Integration entsteht eine veränderte Einstellung zum Weiblichen überhaupt. Die neue Bewertung des weiblichen Prinzips bedingt, dass auch der Natur wieder die ihr gebührende Ehrfurcht zukommt, nachdem der in der Ära der Wissenschaft und Technik vorherrschende Standpunkt des Intellekts mehr zur Ausbeutung derselben geführt hat als zu ihrer Verehrung. Glücklicherweise lassen sich aber heute auch Zeichen beobachten, welche in letztere Richtung weisen. Das gewichtigste und bedeutsamste ist wohl das neue Dogma der Assumptio Mariae (Himmelfahrt Mariä) und die Erklärung derselben zur Herrin der Schöpfung. In unserer Zeit, wo trennende Gewalten so bedrohlich am Werke sind und Völker, Individuen und Atome spalten, ist es doppelt notwendig, dass auch diejenigen des Verbindens und Zusammenhaltens zur Wirkung gelangen; denn das Leben beruht auf dem Zusammenspiel männlicher und weiblicher Kräfte, auch innerhalb des einzelnen Menschen.“

Gallus hat nach seiner Begegnung mit dem Bären (der Naturseite seiner Anima) eine Abwendung von der männlich-kämpferischen Aktivität vollzogen und sein Leben auf die eher weiblichen Grundwerte des Verzichts, der Einkehr und der helfenden Zuwendung abgestützt. Es ist daher wohl in verschiedener Hinsicht kein Zufall, dass Tutilo über der Darstellung der Bärengeschichte ausgerechnet die Himmelfahrt Mariä abbildet.19 Maria kann hier als höhere Erscheinungsform der Anima aufgefasst werden…

Wir wollen hier in der Deutung der Bärengeschichte und ihrer künstlerischen Darstellung durch Tutilo innehalten und mit Heinrich Zimmer schliessen, der zu Recht bemerkt: „Wer Symbole bereden will, sagt erklärend mehr über die eigene Grenze und Befangenheit aus, gerade wenn er sich an ihrem Sinn entzündet, als dass er deren Tiefe ausschöpfen könnte.“20 Meint die Darstellung im obersten Drittel von Tutilos Meisterwerk etwas Ähnliches? Der verstandesmächtige Löwe21 soll das wunde, himmelwärts blickende Wild nicht ganz zerreissen…



***

1 Das Charakterbild des Gallus im Wandel der Zeit, 99. Jahresblatt des Historischen Vereins des Kantons St. Gallen, St. Gallen 1959.
Ders., Gallus und der Bär, Geschichte und Legende, St. Gallen 1950.
Rüsch geht es in seinen fundierten Beiträgen in erster Linie um den objektivierbaren historischen Wahrheitsgehalt. Im vorliegenden Aufsatz, zu dem mich die Lektüre des überzeugten und überzeugenden Dilettanten Heinrich Zimmer angeregt hat, steht dagegen die Feststellung historisch fassbarer, quellenmässig belegter Tatsachen nicht im Vordergrund. Es soll vielmehr eine persönlich gedeutete, individuelle Wirkung der Geschichte zum Ausdruck kommen. Ob Gallus seinem Bären tatsächlich begegnete (was Rüsch nicht ausschliesst) oder ob sich die Begebenheit in der Innenwelt der Menschen, die sie erlebt, erzählt und auch mit- und nachempfunden haben, abspielte und abspielt (was ich für wahrscheinlich halte), ist für ihre Wahrheit und Wirklichkeit nicht entscheidend. Auch die Innenwelt ist wirklich und macht Geschichte, selbst wenn wesentliche Teile davon stets ein Geheimnis bleiben, in welches bildende und erzählende Kunst nur kleine Einblicke gewähren. Legenden sind immer auch Geschichte, und Geschichte ist immer auch Legende.
2 Den Zugang zur Welt der Symbole hat mir vor Jahren mein Freund Hermann Jöhr eröffnet. Ich möchte an dieser Stelle meiner dankbaren Verbundenheit mit ihm, der nicht mehr unter uns weilt, Ausdruck geben.
3 Lüthi, Max, Psychologie des Märchens, abgedruckt in: Märchenforschung und Tiefenpsychologie, Hrsg. van Wilhelm Laiblin, Darmstadt 1975, S. 424.
4 Zimmer, Heinrich, Abenteuer und Fahrten der Seele, Zürich 1961, S. 136f.
5 Erst nach der Niederschrift dieses Textes wurde ich auf die ebenfalls persönlich gefärbte, in den Grundzügen ähnliche Deutung der Geschichte von Gallus und dem Bären von Margrit Burri aufmerksam gemacht. Vgl. Margrit Burri, Germanische Mythologie zwischen Verdrängung und Verfälschung, Zürich 1982, S. 82ff. Leider hält sich die Autorin zu wenig an die historisch überlieferten Texte. Sie spricht von einer ‚Verirrung’ im Wald, was den Sinngehalt der Geschichte in mancherlei Hinsicht beeinträchtigt.
6 Dictionnaire des Symbols, Paris 1969, Stichwort ‚ours’.
7 Wallgren, Victor, The bear as a symbol of change, C. G. Jung-Institut 1973, Masch. Schrift.
8 Jung, Carl Gustav, Zum psychologischen Aspekt der Korefigur, Ges. Werke, Bd. 9 I, S. 204.
9 Stricker, Hans, Unsere Stadt St. Gallen, eine geographisch-geschichtliche Heimatkunde, St. Gallen 1970, S. 145ff.
Ich knüpfe bewusst an die volkstümliche, schulbuchmässige Wiedergabe der Geschichte an. Für eine wissenschaftliche und quellenkritische Darstellung sei auf die Abhandlung von E. G. Rüsch (s. Anmerkung 1) verwiesen, der seinerseits u. a. auf das St. Gallus Gedenkbuch, St. Gallen 1952, und auf J. Duft und P. Meyer. Die irischen Miniaturen in der Stiftsbibliothek st. Gallen, St. Gallen 1953, hinweist.
10 Jung, Carl Gustav, Die Beziehungen zwischen dem Ich und dem Unbewussten, Ges. Werke, Bd. 7, S. 186.
11 Jacobi, Jolande, Die Psychologie von C. G. Jung, Olten 1971, S. 197.
12 Leider hat der Zollikofer-Verlag trotz ausdrücklicher gegenteiliger Weisung auf den Abdruck einer Photographie der ganzen Tutilo-Tafel verzichtet und das Kunstwerk nur in verstümmelter Form wiedergegeben. Ich hoffe, dass eine grössere Zahl der Leser das ganze Bild in Erinnerung hat, sodass das symbolische Bild wenigstens in Gedanken wieder zur ursprünglichen Ganzheit gefügt werden kann. Sollten diese Zeilen zu einem persönlichen Augenschein beim Original in der Stiftsbibliothek anregen, so hätte die verlegerische Panne sogar noch eine positive Wirkung.
13 Überzeugende Ausführungen dazu finden sich bei E. G. Rüsch, Tutilo, Mönch und Künstler, St. Gallen 1953, S. 16-29.
Vgl. zum neuesten Stand kunstwissenschaftlicher Forschung, darüber Marguerite Menz-Von der Mühll, Die St. Galler Elfenbeine um 900, in: Frühmittelalterliche Studien, Jahrbuch des Instituts für Frühmittelalterforschung der Universität Münster, hrsg. Von Karl Hauck, Bd. 15, Berlin 1981, S. 387ff.
Die riesige Fülle des darin verarbeiteten Materials von möglichen Einflüssen und Vorbildern, lässt vielleicht vergessen, dass der Künstler und gläubige Mönch Tutilo auch aus den unmittelbaren Quellen des gestalterisch wollenden, denkenden, fühlenden und intuierenden Menschen geschöpft haben mag.
14 Jacobi, Jolande, a.a.O., S. 197.
15 Zimmer, Heinrich, a.a.O., S. 137.
16 Golowin, Sergius, in: Lexikon der Symbole, Wiesbaden 1980, S. 240.
17 Interessante religionshistorische Parallelen zum Rückzug in den Wald und zur mystischen Begegnung mit Tieren finden sich bei Mircea Eliade, Schamanismus und archaische Ekstasetechnik, Zürich 1954, S. 106: Der indianische Schamane zieht sich zur Gewinnung eines Hilfsgeistes ins Gebirge zurück. Dort wird er durch Tiere eingeweiht, welche seine Schutzherren werden. Neben der Verbindung mit dem „hilfreichen Tier“ spielt auch die Meisterschaft über das Feuer und die Himmelfahrt der Seele eine wesentliche Rolle. Sie ist für die Bären-Zeremonie in China ausdrücklich belegt (a.a.O., S. 426-429). Ein historisch fassbarer Zusammenhang des sogenannten Schamanismus mit Gallus und seinem Bären besteht wohl kaum. Es ist aber eindrücklich, wie starke religionsgeschichtliche Parallelen zwischen heidnischen und christlichen Erscheinungen der Mystik und der Ekstase, zwischen magisch-religiös begabten Medizinmännern und Heiligen feststellbar sind.
18 Jung, Emma, Die Anima als Naturwesen, in: Märchenforschung und Tiefenpsychologie (s. Anmerkung 3), S. 282.
19 Nach einem Hinweis, für den ich Herrn Stiftsbibliothekar Dr. Ochsenbein zu Dank verpflichtet bin, hat die Darstellung der Himmelfahrt Mariä auch einen durchaus objektiv fassbaren Grund, der auf die Weihung der Stiftskirche zurückzuführen ist. Vgl. dazu auch Marguerite Menz-Von der Mühll, a.a.O. (s. Anmerkung 13), S. 400ff.
20 Zit. in: Kast, Verena (et al.), Das Böse im Märchen, Fellbach 1978, S. 17.
21 Zur Symbolik von Löwe und Hirsch vgl. Heinrich und Margarethe Schmidt, Die vergessene Bildsprache christlicher Kunst, München 1981, S. 15, 67ff., 78ff.

Ein Gedanke zu „Gallus und der Bär“

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