Chancen der Dienstleistungsgesellschaft

(Leader – 7.12.2020)

Arbeit müsse nicht nur einfach Mühsal und Stress bedeuten, sondern könne auch eine Quelle vielfältigster und freundschaftlicher Beziehungen sein, ist unser Gastautor Robert Nef überzeugt.

Pax, Amicitia, Societas, Friede, Freundschaft, Gemeinschaft, das waren für die Alten Römer die Stufen eines guten Zusammenlebens, die man auch «die Himmelsleiter» genannt hat. Gilt sie nur für das gesellige Zusammenleben oder haben die Begriffe auch eine ökonomische Bedeutung?

Die Vorstellung, dass Arbeitsverhältnisse stets dazu tendieren, Machtverhältnisse zu sein und zu bleiben, ist ein Relikt aus dem Fabrikzeitalter, das von der restlosen Austauschbarkeit von Arbeitskräften ausging.

Aus dieser Zeit stammt auch das böse Wort «Ausbeutung», wobei schon immer klar war, dass auf die Dauer die Produktivität einer Firma von einer motivierten, positiv eingestellten und zufriedenen Arbeitnehmerschaft abhing. Aber die wichtigste Schnittstelle war die zwischen Mensch und Maschine. Davon zeugt noch der Slogan der Arbeiterbewegung: «Alle Räder stehen still, wenn Dein starker Arm es will».

Heute arbeiten Menschen zusammen, die über elektronische Netzwerke verbunden sind, und bei denen die wechselseitige Kooperation einen höheren Stellenwert hat als die technische Beherrschung des Werkzeugs, selbst wenn sie dabei grössere räumliche Distanzen überwinden müssen. Menschen leisten andern Menschen Dienste und die Qualität dieser Dienstleistung ist wiederum davon abhängig, wie gut die Dienstleister untereinander intern kooperieren.

«High tech» ist wichtig, aber «high touch» wird dadurch nicht ersetzt, sondern gewinnt an Stellenwert. Die personenbezogene Arbeitsteilung wird deshalb zunehmend gegenseitig ausgehandelt, und es ist wichtig, dass sie nicht bürokratisch verwaltet, sondern ökonomisch bewirtschaftet wird.

Dies ist mit ein Grund zur Hoffnung, dass die Menschen in einer offenen Dienstleistungsgesellschaft im eigenen Interesse friedlicher und freundschaftlicher miteinander umgehen, weil sie persönlich enger aufeinander angewiesen sind. Dahinter steckt eine menschliche Weisheit, die schon vor dem Industriezeitalter entdeckt worden ist. Beim deutschen Dichter Hölderlin findet sich der vieldeutige und vielversprechende Satz: «Die Liebe gebar die Welt, die Freundschaft wird sie wieder gebären».

Dienstleistungen, auch bezahlte Dienstleistungen, können eine Vorstufe der Freundschaft sein, und Arbeit bedeutet aus dieser Sicht nicht nur einfach Mühsal und Stress, sondern auch eine Quelle vielfältigster und auch freundschaftlicher Beziehungen.

Der St.Galler Publizist und Autor Robert Nef (*1942; Bild) hat Rechtswissenschaften in Zürich und Wien studiert. Zwischen 1961 und 1991 war er wissenschaftlicher Mitarbeiter am Lehrstuhl für Rechtswissenschaft an der ETH Zürich. Zwischen 1979 und 2007 leitete Nef das Liberale Institut; gegenwärtig ist er Mitglied des Stiftungsrats des Instituts. Von 1994 bis 2008 war er Mitherausgeber der Schweizer Monatshefte. Nef ist Mitglied der Mont Pelerin Society sowie der Friedrich August von Hayek-Gesellschaft. 2008 wurde er mit der Friedrich A. von Hayek-Medaille ausgezeichnet, 2016 mit der Roland-Baader-Auszeichnung. Robert Nef ist regelmässiger LEADER-Kolumnist.

Quelle: https://www.leaderdigital.ch/news/chancen-der-dienstleistungsgesellschaft-5115.html

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