Handel schafft und braucht Vertrauen

(Finanz und Wirtschaft – Meinungen)

Was Käufer und Verkäufer verbindet, ist nicht Liebe, sondern Abwesenheit von Hass. Im Handel wird stets eine Mischung von Vertrauen und Misstrauen bewirtschaftet.

«Vertrauen ist gut, Kontrolle ist besser; Kontrolle ist gut, Freiheit ist besser.»

Handel ist für alle Beteiligten eine permanente Auseinandersetzung mit Vertrauen und Misstrauen. Das Thema kann in einem kurzen Artikel nicht ausgelotet werden, und es geht im Folgenden nur um einige Reflexionen zum historisch tief verankerten Misstrauen gegenüber Händlern. Wichtig ist das deutsche Sprichwort «Trau, schau wem», das auch in der Politik eine entscheidende Rolle spielt. Vertrauen ist immer anfällig für Missbrauch. Dies gilt auch in engen persönlichen Vertrauensverhältnissen, in denen ein Missbrauch besonders schmerzt. Je zahlreicher und enger die Interaktionen sind, desto mehr spielen gute und schlechte persönliche Erfahrungen eine Rolle. Vertrauen und Misstrauen sind in persönlichen Netzwerken aufeinander abzustimmen. Auch hier gibt es einen Grundsatz mit einer liberalen Steigerungsform: Vertrauen ist gut, Kontrolle ist besser; Kontrolle ist gut, Freiheit ist besser.

In der Politik ist dies ein Motiv für kleinere und überschaubarere Gebietskörperschaften, in denen man sich Freiheit zugesteht, aber gegen­seitig besser auf die Finger schauen kann. Man kann dort durch Mitbestimmung, Loyalität oder Wegzug sein Vertrauen dosieren und allenfalls auch entziehen. Vertrauen ist auch bei allen personenbezogenen Dienstleistungen wichtig, und es wird damit zur ökonomischen Basis einer durch Dienstleistungen und Elektronik immer ­enger vernetzten Gesellschaft. Massgeschneiderte Vertrauensverhältnisse sind vorzugsweise nicht durch allgemein verbindliche Gesetze, sondern durch angepasste und gegenseitig kündbare Verträge zu regeln.

Staatliches Recht nicht überschätzen

Lug und Betrug haben umso kürzere Beine, als sich die Beteiligten persönlich kennen. Vertrauen lässt sich letztlich nicht erzwingen, aber eine allgemein verbindliche Rechtsordnung, die Minimalstandards des Zusammenlebens regelt, schafft eine gewisse gegenseitige Verlässlichkeit. Man sollte das staatliche Recht als Grundstock einer Minimalmoral nicht überschätzen. Es ist mit dem Rechtsstaat wie mit der Demokratie: Er funktioniert nur in einem durch Traditionen, Erziehung und Bildung gestützten Umfeld und garantiert als solcher recht wenig.

Das allgemein verbindliche Recht schafft primär einmal Vertrauen, aber je detaillierter es gesetzt wird, desto mehr wird es auch anfällig für Rechtsverletzungen aller Art, die diese Verlässlichkeit schmälern. Was nur auf dem Papier steht, schafft kein dauerhaftes Vertrauen. Ein «Weltrechtsstaat» ist eine riskante Illusion, und die Vorstellung, man könne die ganze Welt unter dem Gesichtspunkt der eigenen, absolut gesetzten Rechtsvorstellungen beeinflussen, ebenfalls.

Was Verkäufer und Kunden verbindet, ist nicht die Liebe, wie schon Adam Smith richtig bemerkte, es ist die Abwesenheit von Hass als Resultat eines Waffenstillstands, der eine Vorstufe des Friedens wie auch eine Vorstufe des Kampfes sein kann. Die Römer kannten eine Stufenleiter des Vertrauens von Pax (Friede) zur Amicitia (Freundschaft) bis hin zur Societas (Gemeinschaft). Im weltweiten Handel wird stets die jeweilige Mischung von Vertrauen und Misstrauen bewirtschaftet. Niemand kennt das ­jeweilige Optimum, und niemand kann es sicher prognostizieren, aber der Erfolg winkt denjenigen, die diesbezüglich richtig spekulieren.

Der Verfasser dieses Artikels stammt von Mutter- und Vaterseite aus Händlerfamilien und ist selbst als Think Tanker und Publizist so etwas wie ein Ideenhändler, der weiss, dass man ihm nie alles abkauft. Handel beruht auf einer Mischung von Ehrlichkeit, Zufall und auch Täuschung, aber er beruht nicht auf einem Sich-gegenseitig-übers-Ohr-Hauen, wie alle händlerfeindlichen Ideologien dies unterstellt haben und immer noch unterstellen. Handel ist mehr als Sich-gegenseitig-Bescheissen, wie ihn ein Kardinal im Mittelalter einmal charakterisierte.

Was den Händlern stets zum Vorwurf gemacht wurde: Sie verdienen ihr Geld ohne körperliche An­strengung; das stört diejenigen, die «im Schweisse ihres Angesichts» als Bauern, Handwerker und Arbeiter (mit Sichel und Hammer) ihr Brot verdienen. Händler können zwar in wenigen Minuten durch ein gutes Geschäft ein Vermögen verdienen, müssen jedoch auch Zeiten schlechter Konjunktur und sinkender Nachfrage durchstehen und haben keine Erfolgsgarantie und – ausser dem eigenen Kapital – keine materielle Sicherheit. Dieses Kapital weckte und weckt oft Neid und Missgunst gegen die Händler und gegen Bevölkerungsgruppen, die sich vorzugsweise dem Handel widmen. Der Judenhass der Nazi war nicht nur ein Rassenhass, sondern auch ein Händlerhass, der im Marxismus noch nachwirkt.

Die Abneigung gegen Händler war auch bei den alten Griechen und Römern weit verbreitet. Sie setzten mehr auf Eigentum, Familie, Herrschaft und Sklaverei als auf einvernehmliche Arbeitsteilung, Austausch und Handel. Persönliche Dienstleistungen wurden vorzugsweise an Frauen und Sklaven delegiert. Möglicherweise ist dies ein indoeuropäisches Erbe von ursprünglich kriegerischen Nomaden, das erst nach dem Sesshaftwerden durch die traditionelle Händlerethik aus dem Mittleren Osten und dem Mittelmeerraum kultiviert worden ist.

Glücklicherweise hat das Judäo-Christentum den Handel nicht verdammt, sondern die dabei unabdingbare Vertragstreue ins Zentrum gestellt. Auch der Islam ist nicht händlerfeindlich. Im Dekalog des Alten Testaments ist der Handel nicht verpönt. Interessanterweise ist das Lügen als solches in den zehn Geboten nicht verboten, weil beim Tauschen nie völlig auszuschliessen ist, dass auch Unwahres behauptet wird. Händler nennen das dann Schönfärberei, Übertreibung oder tendenziöse Darstellung. Nur die Lüge vor Gericht (falsches Zeugnis gegen einen Mitmenschen) verletzt ein fundamentales Gebot. Der judäo-christliche Gott ist getreu, und die Menschen sind es häufig nicht, aber in der Regel zu ihrem eigenen Nachteil. Der griechisch-römische Handelsgott Hermes/Merkur war hingegen als Gott des Handels auch Schutzpatron der Diebe und der Betrüger.

Binnenmoral in Gruppen

Es ist für eine Bevölkerungsgruppe wichtig, (seien es nun Schweizer oder Deutsche, Japaner oder Juden), dass sie eine Spur mehr Vertrauen haben in «Eigene» als in «Fremde». Das ist wohl auch ein Grund für die weite Verbreitung der Xenophobie und für die Popularität einer restriktiven Einwanderungs- und Einbürgerungspolitik. Um ein qualifiziertes Binnenvertrauen zu begründen, braucht es, wie die Juden in ihrer Jahrtausende alten Geschichte zeigen, keine eigenen Territorien, aber eine eigene traditionelle Religion und eine Spurenverfolgung bei der Zugehörigkeit. Die Spekulation, dass die Binnenmoral in einer Gruppe, der man zugehört, etwas höher sei als die globale Normalverteilung, ist viel wert, und sie ist in einer personenbezogenen Dienstleistungsgesellschaft noch wichtiger als im Fabrikzeitalter.

Die Vorstellung, Arbeitsverhältnisse tendierten stets dazu, Machtverhältnisse zu sein, ist ein Relikt aus dem Fabrikzeitalter, das von der restlosen Austauschbarkeit von Arbeitskräften ausging. Sie führte zu allgemein verbindlichen, kollektiv ausgehandelten Arbeitsverhältnissen. Die personenbezogene Arbeitsteilung wird jedoch zunehmend gegenseitig ausgehandelt, wenn sie nicht bürokratisch verwaltet, sondern ökonomisch bewirtschaftet wird. Arbeitgeber und -nehmer nähern sich aufgrund wechselnder Angebote und Nachfrage den Händlern an, die gegenseitig persönliche Vertrauensverhältnisse bewirtschaften, in denen sie wechselseitig, aber nicht immer synchron vernetzt sind. Dies ist ein Grund zur Hoffnung, dass die Menschen in einer offenen Dienstleistungsgesellschaft im eigenen Interesse friedlicher und freundschaftlicher miteinander umgehen, weil sie persönlich enger aufeinander angewiesen sind.

Zum Autor
Robert Nef ist Stiftungsratsmitglied des Liberalen Instituts Zürich.

Quelle: https://www.fuw.ch/article/handel-schafft-und-braucht-vertrauen/

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