Kritik am «politischen Mandat» der Kirchen

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Robert Nef, NOTIZ, 02. 11. 2020, Kritik erwünscht: robertnef@bluewin.ch

Unabhängig vom Ausgang der Abstimmung über die Konzernverantwortungsinitiative sollte uns die Frage nach einem politischen Engagement der Kirchen weiterhin beschäftigen. Es geht dabei einerseits um eine Grundsatzfrage, und wenn diese bejaht wird, um die Anschlussfrage, wie denn die Meinungsbildung intern korrekt ablaufen solle. Gibt es in Fragen des persönlichen Bekennens sowie in Wissens- und Gewissensfragen so etwas wie einen Vorrang der Mehrheit, der sich die Minderheit dann zu fügen hat? Dürfen Landeskirchen im Namen einer irgendwie durch Abgeordnete ermittelten Mehrheit Parolen fassen und sich damit über die Minderheitsmeinungen hinwegsetzen? Es geht also auch um das Problem des legitimen Zustandekommens eines inhaltsbezogenen Mandats zum «politischen Mandat»., falls man ein solches befürwortet.

«Das Kirchenvolk», das sich politisch verbindlich demokratisch einen kollektiven Willen bildet und ihn dann wie eine Partei «politisch einbringt», gibt es m.E. weder aus evangelisch-reformierter noch aus katholischer Sicht. Dass sich die Evangelische Kirche der Schweiz mit der Bischofskonferenz vor mehr als einem Jahr auf eine entwicklungspolitische Grundsatzerklärung geeinigt haben, bedeutet nicht, dass sie nun legitimiert sind, «im Namen beider Konfessionen» (oder gar im Namen aller Christen der Schweiz!) an eine grössere politische Öffentlichkeit zu treten und eine politische Parole zu fassen.

Beim heutigen Entscheidungsverfahren unterstellt eine fragwürdig mandatierte aktive Minderheit tatsächlich einer passiveren Mehrheit eine angebliche Kollektivmeinung und stempelt jene, die diese nicht teilen zu Opponenten und Dissidenten. Das ist eine Anmassung, die m.E. noch schwerer wiegt als die ebenfalls unchristliche Verletzung eines Minderheitenschutzes.

Ich meine sowieso, das Mehrheitsprinzip sei ein Notbehelf der kollektiven Willensbildung in der säkularen politischen Gemeinschaft, stehe aber mit christlichen Werten in einem Widerspruch. Hier die christlichen Gutmenschen, dort die profitgierigen «Halunken», – und eine Mehrheit entscheidet, wer zu welcher Gruppe gehört…

Vor Gott gibt es m.E. keine «gute Mehrheit» und auch keine «schlechte Minderheit» – es ist möglicherweise eher umgekehrt, was aber keineswegs zu einer Umkehr der Mehrheitsvermutung führt, sondern einfach zum Verzicht auf jede Art von Rechthaberei Anlass gibt. Der Satz «vox populi – vox Dei» ist eine unzulässige Vereinnahmung Gottes. Und auch bei einer aufgrund eines persönlichen Entscheids gelebten «Glaubenspraxis», gibt es keine Mehrheiten, die den von ihnen gewählten Weg als den «einzig richtigen» rechtfertigen könnten.

Das entwicklungspolitische Engagement der Kirchen kann als Ersatz für die über Jahrhunderte mit zum Teil fragwürdigen Methoden praktizierte christliche Weltmission gedeutet werden oder als eine Wiedergutmachung. Es steht aber wohl nur bei einer Minderheit im Vordergrund. Die herkömmlichen Aufgaben der Kirchen bei der Verkündigung von Gottes Wort in Gottesdiensten, bei der Seelsorge und bei der Jugendarbeit haben wohl für eine Mehrheit immer noch Priorität.

Pfarrer Sigrist, Grossmünsterpfarrer in Zürich betonte zwar in seinem Doppelinterview in der NZZ, man müsse als Christ in der Nachfolge Jesu politisch «für die Armen» und darum «links» sein. Sein Kollege, Pfarrer Honegger stellte aber die Gegenfrage, was Jesus wohl mit «Armut» wirklich gemeint haben könnte. Ging es ihm tatsächlich um Mitmenschen, die im Vergleich zu andern weniger Geld haben, wie «Armut» heute offiziell definiert wird? Im Zusammenhang mit der KoVI stellt sich m.E. eine dritte, verantwortungsethische Frage: Welche Politik wirkt sich weltweit und innerhalb eines Landes und einer Gemeinde effektiv nachhaltig und tatsächlich nachweisbar zugunsten von Bedürftigen aller Art aus?

Könnte es nicht sein, dass eine Annahme der KoVI Initiative auch Auswirkungen hat, die weltweit tatsächlich arme Menschen hart treffen, nur damit in der Schweiz einige Gutmenschen sagen können, sie seien an gewissen Handelsketten nicht «mitschuldig» und hätten «eine weisse Weste»?

Diese Mentalität, die sich nur an der Gesinnung orientiert und die tatsächlichen Folgen ausblendet, ist nicht besonders «christlich». Wer Probleme lösen will, muss oft auch die damit verbundenen negativen Verknüpfungen mittragen und nicht einfach «auslagern», um ja nichts mehr damit zu tun zu haben. Es wird nicht bestritten, dass der persönliche Aufruf zur Nachfolge Christi auch sehr persönlich beantwortet werden kann und beantwortet werden soll. Keiner soll da seinen Mitchristen verbindliche politische Vorgaben machen, auch nicht solche, die angeblich von Mehrheiten abgesegnet sind.

P.S.: Ich habe mir die Gewissensfrage gestellt, ob ich mich ähnlich engagieren würde, falls die Kirchen aufgrund von Mehrheitsentscheiden in ihren Gremien beschlossen hätten, die Initiative zur Ablehnung zu empfehlen. Mein Befund: Ich hätte mich emotional weniger geärgert, aber ich wäre rational auch zum Resultat gekommen, dass die Kirchen kein diesbezügliches politisches Mandat haben, weder zu einer Ja-Empfehlung noch zu einer Nein-Empfehlung.

Quelle:

Kritik am «politischen Mandat» der Kirchen
Robert Nef, NOTIZ, 02. 11. 2020, Kritik erwünscht: robertnef@…

Posted by Robert Nef on Thursday, 5 November 2020

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