Das goldene Kalb und der Kapitalismus

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(Frankjordanblog)

Von Robert Nef

Der Tanz ums goldene Kalb wird heute häufig mit der gemeinsamen Verehrung des Kapitalismus gleichgesetzt. Und Kapitalismus gilt seinerseits als eiskalter Materialismus, der mit Egoismus, Geldgier und Abzockerei verknüpft wird. Wer die im 2. Buch Mose im 32 Kapitel überlieferte Geschichte vorurteilslos und im grösseren Zusammenhang nachliest, kommt zu völlig anderen Schlüssen. Das «goldene Kalb» ist das kollektivierte Privateigentum um das ein magischer Solidaritätstanz veranstaltet wird.

Die Geschichte von den 10 Geboten, die Moses auf dem Berg Sinai direkt von Jahwe empfangen hat, ist für die Juden, für die Christen und für die Muslime zentral, und sie hat nicht nur die Religionsgeschichte, sondern auch die Wirtschafts- und Sozialgeschichte massgeblich beeinflusst. Zum ökonomischen Kerngehalt der 10 Gebote gehört der Schutz des individuellen Lebens durch das Verbot des Tötens, der Schutz des Privateigentums durch das Verbot des Stehlens, der Schutz der Familie durch das Verbot des Ehebrechens, sowie die Verpönung der Verleumdung durch falsche Zeugenaussagen und des Neides auf die Nachbarn. Alle diese Gebote sind gleichzeitig Grundpfeiler einer funktionierenden Marktwirtschaft und sind aus heutiger Sicht eine Art Proto-Kapitalismus.

Als Moses mit seinen Gesetzestafeln vom Berg heruntersteigt, trifft er auf ein vom kollektivierten Privateigentum geblendetes Volk im tanzenden Solidaritätsrausch, eine aus heutiger Sicht kollektivistische, frühsozialistische Manifestation, die das Gegenteil von dem praktiziert, was, weit über das Bildnisverbot hinaus, in den 10 Geboten steht. Das «goldene Kalb» symbolisiert darum weder «das Kapital», noch «den Privatkapitalismus», sondern das pure Gegenteil. Es wurde aus dem zwangsweise kollektivierten Privateigentum, dem Goldschmuck der Nomaden, gegossen, und als magischer Fetisch kollektiv und kultisch verehrt, gewissermassen als Ersatz für den privaten und individuell «ungerecht verteilten» Goldschmuck. Dieser wurde vor der Kollektivierung über Generationen in Familien oder Sippen vererbt. Er spielte wahrscheinlich neben oder über seiner Schmuckfunktion auch beim Ehevertrag und in anderen Tauschgeschäften eine Rolle und diente der privaten Vermögensaufbewahrung. All dies sind ziemlich rationale, frühkapitalistische Funktionen eines Metalls, das knapp und dauerhaft ist und erst noch transkulturell begehrt wird. Ein zentral positioniertes goldenes Kalb, um das getanzt wird, hat zwar eine religiöse Funktion, aber es nützt ökonomisch kaum etwas, ausser vielleicht den Veranstaltern.  

Fetischismus, kollektiv praktizierte Magie, öffentliche Opferkulte, Kollektivierung von Privateigentum und kollektiv veranstaltete Manifestationen, an denen alle teilnehmen müssen, sind anti-individualistisch und anti-kapitalistisch. Eine zentral veranstaltete Solidarisierungskultur erzeugt ausser der kollektiven Gleichheits-Berauschung keinerlei dauerhaften, kollektiven oder privaten Nutzen. Sie ist eine Täuschung, die den Keim der Enttäuschung bereits in sich trägt. Kein Wunder, dass der ziemlich rationale, dem personenbezogenen Vertragsdenken gegenüber Gott und den Mitmenschen verpflichtete Moses, davon nicht angetan war.

Der Grundkonflikt zwischen Moses und Aron war auch ein Grundkonflikt zwischen individualistischer Vertragskultur («10 Gebote», als Basis des Proto-Kapitalismus) und kollektivistischer Zwangskultur («goldenes Kalb» als Basis des Proto-Sozialismus).

Ein Artikel, in dem ich diese Deutung vertrete und begründe, wurde schon vor 7 Jahren, nämlich am 26. Mai 2013 in der Sonntagsausgabe der Frankfurter Allgemeinen Zeitung publiziert. Er hat aber kaum Spuren hinterlassen. Der Sinn der Geschichte wird immer noch penetrant als Kritik am Kapitalismus und damit in sein Gegenteil umgedeutet. Darum stelle ich meine These hier noch einmal zur Debatte. Es geht beim «Tanz ums goldene Kalb» nicht in erster Linie (und nur im weitesten Sinn) um einen Verstoss gegen das Bildnis- und Gleichnisverbot. Es geht um den Kampf gegen das Fehlkonzept der Kollektivierung des breit gestreuten Privateigentums, das zum kollektiven und ökonomisch unproduktiven Fetisch gemacht wird.

Rober Nef (robertnef@bluewin.ch) ist Autor und Publizist und hat Rechtswissenschaften in Zürich und Wien studiert. Zwischen 1961 und 1991 war er wissenschaftlicher Mitarbeiter am Lehrstuhl für Rechtswissenschaft an der ETH Zürich. Zwischen 1979 und 2007 leitete er das Liberale Institut, dem er später präsidierte. Gegenwärtig ist er Mitglied des Stiftungsrats des Instituts.

Quelle: https://frankjordanblog.wordpress.com/2020/04/07/das-goldene-kalb-und-der-kapitalismus/

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