Kapitalismus geschieht einfach

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(Frankjordanblog)

Notizen zu einem kaptialistischen Manifest. Kapitalismus und Sozialismus sind inkommensurabel – – von Robert Nef>

Soll man die beiden -ismen, Kapitalismus und Sozialismus, einander einfach «mit umgekehrten Vorzeichen gegenüberstellen»? Eine solche dialektische Konfrontation führt in die Irre. Der Kapitalismus im Sinn des freien und freiwilligen Tauschs von Gütern und Leistungen ist im Gegensatz zum Sozialismus keine Ideologie. Er geschieht einfach, sobald Menschen Privateigentum, Arbeitsteilung und Gelder erfunden beziehungsweise entdeckt haben. Was es dazu an «Recht», «Staat» und «Religion» zusätzlich allenfalls auch noch braucht, ist ein dauernd offenes Experiment. Ob der Kapitalismus von Voraussetzungen lebt, die er selbst nicht schaffen kann und auf die er dennoch angewiesen wäre, wage ich zu bezweifeln. Entscheidend ist eine Tradition, die den Abbau des Neides ermöglicht. Möglicherweise ist er auch auf die Institution «Familie» angewiesen, die aber vielfältig, adaptierbar und wandelbar sein kann.

Der Kapitalismus ist mit Judentum, Christentum und Islam kompatibel, was für alle drei Religionen ein Pluspunkt ist. Er ist aber auch unter vernünftigen Agnostikern praktizierbar. Man braucht keine Zwangsphase, um den Kapitalismus «einzuführen», man muss ihn lediglich zulassen und gegenseitig dulden. Sozialismus ist hingegen ohne das revolutionäre Startprinzip «Und willst du nicht mein Bruder sein, so schlag ich dir den Schädel ein» schwer einführbar und kaum nachhaltig praktizierbar. Die Schädel braucht man allerdings heute nicht mehr einzuschlagen oder abzuschlagen, man kann sie auch zwangsweise indoktrinieren, und dies geschieht weltweit mit Hilfe von Staat, Staatsschulen und Politik, unterstützt von verschiedensten Seiten, unter anderem auch von christlichen Kirchen.

Der kapitalistische Kampf gegen die sozialistische Indoktrination hat eine andere Qualität als der Kampf für die Doktrin des Sozialismus. Der Vorteil des Kapitalismus besteht darin, dass er auch in unvollkommener Ausprägung und in Kombination mit anderen Ideologien unter sehr unterschiedlichen Menschen (so wie sie eben sind) friedlich praktizierbar ist. Die kapitalistischen Menschen brauchen sich weder zu kennen noch zu lieben, sie sollten (im eigenen Interesse) einfach nicht aggressiv aufeinander losgehen und ihren Neid im Zaum halten. Der Sozialismus funktioniert erst mit umfassend «sozialisierten Menschen» (so wie sie sein sollten) und ist mit anderen Menschenbildern kaum kombinierbar. Darum ist er bisher stets an der sozialen, ökonomischen traditionellen Realität gescheitert. Der real existierende Sozialismus hat via Korruption und kombiniert mit Bürokratie und Schwarzmärkten kapitalistische Elemente derart assimiliert, dass man es im Realsozialismus nicht mehr mit Sozialismus sondern mit einem neuen Parteifeudalismus zu tun hatte beziehungsweise zu tun hat.

Ideologien sind an sich nicht schädlich, wenn sie

erstens nicht sämtlichen anthropologischen Voraussetzungen und soziokulturellen Traditionen widersprechen und wenn sie zweitens nicht zwangsweise allgemeinverbindlich erklären will und schliesslich wenn sie drittens ein opting out zulassen, ohne dass Abtrünnige verbannt, verbrannt oder zwangsweise umerzogen werden. Diese Art von Verbreitung und Mission hat der historische Jesus meinee Erachtens keinesfalls beabsichtigt, auch wenn das Christentum im Lauf der Geschichte oft auch zwangsweise «eingeführt» worden ist. Im Zentrum steht nach judeo-christlicher Auffassung nicht die Unterwerfung, sondern der freie Mensch und seine vor Gott und den Mitmenschen zu verantwortenden Entscheidungen. Kapitalisten brauchen keine Metaphysik. Es gibt keinen Zwang zum Glauben. An den Kapitalismus muss man nicht glauben. Auch hier gilt: er geschieht einfach (it happens!), wenn er nicht zwangsweise verhindert wird.

Diese Notiz ist etwas plakativ und im Nef’schen Staccato hingeschrieben, aber ich stelle sie ja nur zur Diskussion.

Robert Nef (robertnef@bluewin.ch) ist Autor und Publizist und hat Rechtswissenschaften in Zürich und Wien studiert. Zwischen 1961 und 1991 war er wissenschaftlicher Mitarbeiter am Lehrstuhl für Rechtswissenschaft an der ETH Zürich. Zwischen 1979 und 2007 leitete er das Liberale Institut, dem er später präsidierte. Gegenwärtig ist er Mitglied des Stiftungsrats des Instituts.

Quelle: https://frankjordanblog.wordpress.com/2020/03/06/kapitalismus-geschieht-einfach/

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