Ökonomie und Moral

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(Frankjordanblog)

Von Robert Nef

Ökonomie und Moral, werden häufig gegeneinander ausgespielt, wie wenn Ökonomie per se schon unmoralisch wäre. Bis weit in bürgerliche Kreise hinein gilt das marxistische Vorurteil, jedes Geldverdienen gehe zu Lasten von Ausgebeuteten und sei in erster Linie ein Dienst an sich selbst und zu Lasten der Gemeinschaft mit ihren „öffentlichen Interessen“. Es gelte darum, den Geist des Profites durch Moral zu zähmen. Und wenn dies allein nicht hilft, will man die allzu knappe Moral durch mehr staatlichen Zwang und durch mehr Zwangsabgaben in ordentliche gemeinnützige Bahnen lenken.

Die „soziale Marktwirtschaft“, so wird argumentiert, werde erst aufgrund einer vom Staat erzwungenen Ordnung wirklich sozial. Das Schlimme daran ist nicht, dass dies dem sozialistischen Parteidenken entspricht, sondern dass es in Form von „schlechtem Gewissen“ auch breite Kreise von Befürwortern der Marktwirtschaft befällt, die man eben deshalb durch möglichst zentrale Gesetze, durch Besteuerung und durch staatlichen Zwang vom Eigennutz zum Gemeinnutz umpolen will.

Der englische Komödiendichter und Aphoristiker Oscar Wilde war mehr Dandy als Sozialist. Er fand es aber wunderbar, dass man sich durch das Bezahlen von Steuern davon dispensieren konnte, selbst wohltätig zu sein. Er empfand die Delegation des sozialen Umverteilens an bezahlte Fachleute (an die „Sozialindustrie“, wie man heute sagen würde) als grosse menschliche Entlastung und als entscheidenden Fortschritt. Dies ist nachzulesen in seinem Essay “The Soul of Man under Socialisms”, 1891. Allerdings muss man bei Wilde stets in Rechnung stellen, dass der Text auch das Salz der Selbstironie enthalten könnte, das bei der Leserschaft bewusst Widerspruch erzeugen will. In meinem Fall wäre ihm dies gelungen.

Ich persönlich empfinde nämlich diese moralische „Enthaftung“ als die verhängnisvollste Komponente des Sozialstaates. Die Menschen verlieren dabei schrittweise die Fähigkeit, Not (als physisches oder als psychisches Phänomen) überhaupt wahrzunehmen und die Linderung von Not als persönliche Herausforderung zu sehen. Nicht zufällig gehört die Formel „das ist doch nicht mein Problem“ zum kommunikativen Alltag. Wenn die Instinkte der persönlichen Hilfsbereitschaft völlig verkümmern, braucht es Generationen, bis sie wieder entstehen.

Quelle: https://frankjordanblog.wordpress.com/2019/08/30/okonomie-und-moral/

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