Nachhaltigkeit ohne Zwang

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Robert Nef
Der Jurist und Publizist ist Mitglied der liberalen Mont Pèlerin Society und ein pointierter Verfechter freiheitlicher Positionen.

Robert Nef gehört zu den engagiertesten liberalen Vordenkern im deutschsprachigen Raum. Unter anderem war er viele Jahre lang Mitherausgeber der «Schweizer Monatshefte» und Leiter des Liberalen Instituts, Zürich.

Haben Unternehmen eine soziale Verantwortung?

Dafür wird aktuell ja gerne der Ausdruck «Corporate Social Responsibility» verwendet. Ich halte viel von der Sache, aber wenig vom Begriff. Verantwortung ist auch ohne Adjektiv ihrem Wesen nach sozial. Und das unternehmerische Verhalten unterscheidet sich nicht grundsätzlich vom menschlichen Verhalten schlechthin. In beiden Fällen muss das Ziel sein, nicht auf Kosten anderer zu leben und – vor allem – niemandem zu schaden. Übrigens auch nicht sich selbst. Es geht hier nicht um neue betriebswirtschaftliche Entdeckungen als schmückenden und publikumswirksamen Zusatz im Managementmodell einer Firma. Die jeweils optimale Verknüpfung von Freiheit und Verantwortung, von Innovation und Tradition, gehört vielmehr seit jeher zu den anthropologisch verankerten Überlebens- und Geschäftsprinzipien.

Im Vordergrund steht dabei letztlich nicht die Gesinnung. Diese kann nämlich ohnehin weder von aussen noch von den Handelnden selbst je vollständig entschlüsselt werden. Entscheidend ist stattdessen, welche tatsächlichen Folgen ein Verhalten zeitigt. Und diesbezüglich ist es richtig, wenn eine Unternehmung in erster Linie an ihre dauerhafte Existenzsicherung durch das Verbleiben in der Gewinnzone denkt, denn wenn sie nicht mehr existiert, dann ist auch Schluss mit allem firmenbezogenen Verantwortungsbewusstsein.

Die Forderung, dass Unternehmen moralisch handeln sollten, heisst ja noch nicht zwingend, dass sie dies auch tun. Woher kommt die Moral in der Marktwirtschaft? Schafft der Markt Moral oder verbraucht er sie? Und zahlt sich moralisches Handeln unterm Strich aus?

«Der Markt» ist kein Akteur und auch kein politisches Konstrukt, sondern ein komplexes Geschehen, das in diesem Sinn nichts «schaffen» kann. Aber innerhalb dieses Geschehens werden die an ihm Beteiligten und die von ihm Betroffenen natürlich beeinflusst, und sie werden durch die Impulse, die Erfolge und Misserfolge vermitteln, geprägt und verändert. Es wäre nun naiv, zu behaupten, dass auf Märkten nur moralische Akteure Erfolg haben und sich moralisches Fehlverhalten nicht gelegentlich ebenfalls lohnt, vor allem, wenn es nicht publik wird. Es fragt sich nur, wie nachhaltig ein solcher Erfolg ist und ob er eher die Regel oder die Ausnahme bildet. Nach meiner Erfahrung trifft Letzteres zu. Ich kenne viele erfolgreiche Unternehmer, die sich gegenüber Mitarbeitern und Kunden korrekt verhalten haben, und nach meiner Erfahrung sind Schaumschläger und Lügner im Geschäftsleben stets schneller entlarvt worden als in der Politik. Tauschprozesse werden immer von allen Beteiligten ausgewertet und die Kommunikation darüber lässt sich kaum unterdrücken. Dies führt dazu, dass betrügerische und ausbeuterische Akteure permanent riskieren, entlarvt zu werden und einen schlechten Ruf zu bekommen, der letztlich geschäftsschädigend ist. Ob sich moralisches Handeln immer sofort «auszahlt», bleibt offen, aber unmoralisches Verhalten ist kein erfolgreiches Geschäfts- und Kommunikationsmodell. «Beschiss kommt auf den Tisch» ist eine Regel, die bereits Kinder untereinander lernen und nicht von Lehrpersonen oder Geistlichen vermittelt bekommen. Märkte für Waren und Dienstleistungen müssen darum mit offenen Meinungsmärkten verknüpft sein. Unter solchen Bedingungen werden Märkte zu «Schulen ohne Lehrer», in denen das «Fach Ethik» und eine spezifische gesellschaftsfreundliche Moral nicht separat «von aussen» vermittelt werden müssen. In Marktprozessen wird, wenn man auch die Kommunikationsmärkte miteinbezieht, mehr an Moral geschaffen als verbraucht. Es gibt meines Erachtens zahlreiche rein ökonomische Anreize für Fairness und gegen Betrug und Lüge. Ob sie auch überall hinreichend sind, vor allem im Zusammenhang mit einer längerfristigen Menschheitsmoral im Bereich der Ökologie, weiss ich nicht. Wahrscheinlich sind Anreize aber insgesamt wirksamer als staatlicher Zwang, der zum Ausweichen und Ausscheren verleitet und einen schwer zu kontrollierenden und kaum zu limitierenden Kontrollbedarf auslöst.

«In Marktprozessen wird, wenn man auch die Kommunikationsmärkte miteinbezieht, mehr an Moral geschaffen als verbraucht.»

Gibt es eine universell gültige Ethik des Marktes, oder sind die moralischen Prinzipien evolutionär und an einen kulturellen Kontext gebunden?

Es gibt aus meiner Sicht einen gangbaren und offenen Weg vom «homo oeconomicus vulgaris » zum «homo oeconomicus cultivatus». Diese Entwicklung braucht aber Jahrhunderte, wenn nicht Jahrtausende, und es darf diesbezüglich durchaus auch aufklärend gewirkt, gelehrt, kommuniziert und bekehrt werden. Nur besteht diese Aufklärung nicht im aktiven Vermitteln einer wirtschaftsethischen Dogmatik, sondern in einem Abbau von Vorurteilen, Irrtümern und religiösen und politisch motivierten Spielarten des Aberglaubens. Kurz: in der Ermutigung, sich im eigenen längerfristigen Interesse seines Verstandes zu bedienen und die eigenen Erfahrungen und die Erfahrungen anderer klug – oder französisch: «prudent» – auszunützen. Das erinnert an die antike Spruchweisheit «Quidquid agis, prudenter agas, et respice finem», zu Deutsch: «Was immer du unternimmst, unternimm es klug und mit Respekt gegenüber den Folgen.» Diese im besten Sinn ökonomische Maxime hat auch eine moralische und eine ökologische Komponente. Die moderne Betriebswirtschaftslehre postuliert im Grunde genommen nichts anderes. Managementmethoden, von denen man glaubt, sie seien in neuester Zeit erst durch ausgedehnte empirische Verhaltensforschung oder gar durch die Aufschlüsselung neuronaler Prozesse entdeckt worden, stimmen mit alten überlieferten «Faustregeln» überein. Das spricht natürlich überhaupt nicht gegen die Betriebswirtschaftslehre, sondern zeigt vielmehr, wo diese auf dem richtigen Weg ist.

Im öffentlichen Diskurs werden ökonomische Akteure oft danach beurteilt, ob sie Arbeitsplätze schaffen oder vernichten. Wie beurteilen Sie das?

Hinter der Forderung nach dem Erhalt von Arbeitsplätzen steckt letztlich die Vorstellung, dass man jedem Menschen einen Arbeitsplatz bieten müsse und deshalb jede verloren gegangene Stelle dieses «Recht auf Arbeit» gefährde. Abgesehen davon, dass fixierte Arbeitsplätze einer funktionierenden Marktwirtschaft sehr bald den Todesstoss versetzen würden: Die Möglichkeit, etwas «schaffen» zu können, gehört zur Würde eines eigenständigen, freien Menschen. Das schweizerdeutsche Wort «schaffe» bringt das Wesen des auf Zeit einvernehmlich und gegen Entgelt für andere «Tätig-Werdens» besser zum Ausdruck als das Wort «arbeiten». Die Frage, ob dieses «Schaffen» einer anderen Person oder Gruppe aus freien Stücken und ohne jede Zwangsregulierung etwas wert ist und damit gegen Entgelt erfolgen kann, entscheidet darüber, ob es einen Lohn gibt und wie hoch dieser ist. Der natürliche Minimallohn auf dieser Ausgangsbasis wäre «Kost und Logis». Über Jahrtausende haben Menschen unter diesen Bedingungen arbeitsteilig überlebt, was selbstverständlich nicht bedeutet, dass dies in einer hoch arbeitsteiligen Zivilisation massgebend oder gar erwünscht wäre. Wahrscheinlich gäbe es mit dieser Ausgangsbasis aber überhaupt keine Arbeitslosigkeit mehr, und die Zahl derjenigen, die sich mit diesem Minimum der Existenzsicherung begnügen müssten, wäre – zumindest in entwickelten Ländern – nahe bei Null.

«Die Möglichkeit, etwas ‹schaffen› zu können, gehört zur Würde eines eigenständigen, freien Menschen.»

Eine Gesellschaft ohne Arbeitslosigkeit – das wird in Zukunft noch utopischer als heute, weil Computer und Roboter die meisten einfachen Arbeiten übernehmen, oder?

Da bin ich anderer Meinung. Sehr viele wichtige und unverzichtbare Dienstleistungen verlangen menschlichen «high touch» und können durch maschinellen «high tech» nicht ersetzt werden. Ein Roboter kann keinen originellen Leitartikel schreiben und auch kein raffiniertes Essen zubereiten. Auch ein Pflegeroboter mag in Japan Akzeptanz finden, in der Schweiz wohl nicht. Eine Nachfrage nach individuell gestalteter Originalität und hoher Qualität wird es immer geben. Der Einwand, das schaffe nur Arbeit für besonders Qualifizierte, trifft nicht zu. Wir sind heute als Individuen in einer technischen Zivilisation bezüglich kleiner, alltäglicher und nicht maschinell verrichtbarer Dienstleistungen unterversorgt – vor allem im höheren Alter. Dass Menschen zu solchen Dienstleistungen nur noch Zugang haben, wenn sie staatlich subventionierte Institutionen beanspruchen, ist entmündigend und beweist die mangelnde Flexibilität der Arbeitsmärkte.

Würde ein deregulierter Arbeitsmarkt nicht zu einem Anwachsen des Billiglohn-Segments führen?

Es gibt keine «Billiglohn-Arbeit». Jeder Lohn ist «billig», wenn er allen Beteiligten einvernehmlich etwas wert ist. Jede zwangsweise Lohnregulierung, vor allem der Mindestlohn, ist Gift für einen offenen Arbeitsmarkt und schafft jene Arbeitslosigkeit, die mit dem Verlust eines Teils der Menschenwürde verknüpft ist. Auch das Verteilen von staatlichen Arbeitslosenrenten und das damit verknüpfte Abhängigmachen der Empfänger ist menschenunwürdig. Wie erwähnt: Es gibt eine zunehmende Nachfrage nach persönlichen und häuslichen Dienstleistungen, deren Entstehung aber durch arbeitsrechtliche und sozialversicherungsrechtliche Hürden erschwert wird. Die Entlöhnung für einfache Hilfsarbeiten ist zunächst bescheiden, aber sie hat ein Wachstumspotenzial, vor allem, wenn die Qualität stimmt und optimal auf die Bedürfnisse der jeweiligen Nachfrager abgestimmt ist.

Diese Aussage könnte die minderjährige Arbeiterin in einem südostasiatischen «Sweat Shop» als zynisch empfinden.

Ich bestreite nicht, dass es Extremfälle gibt. Wir leben nicht in einer idealen Welt, und die Überwindung der Massenarmut hat auch in der Schweiz drei Generationen gedauert. Sie ist indes nicht trotz des Kapitalismus, sondern wegen des Kapitalismus möglich geworden. Das polemisch aufgeladene Bild von Ausbeutern und Ausgebeuteten ist durch Tauschprozesse auf einem relativ freien Arbeitsmarkt ersetzt worden, in dem einvernehmlich Verträge abgeschlossen werden. Das gegenseitige Aufeinanderabstimmen von unterschiedlichen Angeboten und Nachfragen ist für keinen der Beteiligten «entwürdigend». Arbeitsnachfrager sind nicht automatisch in der stärkeren Position. In der Schweiz werden z.B. mehr Arbeitsverträge von Arbeitnehmern gekündigt als umgekehrt, oft in einem für den Arbeitgeber sehr ungünstigen Moment. Ungleichheit bei Angeboten und Nachfragen ist kein Fluch, sondern ein Segen, weil sie jene Unterschiede schafft, die Tauschpotenziale auslösen. Deshalb sollte Ungleichheit im Sinn von Vielfalt auch in der Familie und im Bildungswesen gefördert werden. Ungleichheit ist hier nicht vertikal im Sinn von «oben» und «unten» zu verstehen, sondern horizontal, im Sinn einer prinzipiell gleichberechtigten Vielfalt. Die Auswahl und die Bezahlung erfolgt dann nach dem Prinzip «je knapper, desto wertvoller». Was knapp und wertvoll ist, das kann sich in einer heterogenen Dienstleistungsgesellschaft sehr rasch verändern, und das Arbeitsrecht sollte diese neue Flexibilität nicht behindern oder gar blockieren. Solche Eingriffe wirken sich im Effekt übrigens häufig gegen die Arbeitnehmer aus. Viele «gut gemeinte» Schutzvorschriften nützen der Arbeitgeberseite mehr als der Arbeitnehmerseite, eine Materie, zu der aufgrund vorherrschender Interessen und alter Vorurteile viel zu wenig geforscht wird.

Kommen wir nochmals zurück auf die Frage der weltweiten Ungleichheit: Die Einkommensunterschiede haben faktisch durch die Globalisierung zugenommen. Oft wird von einer Schere zwischen Arm und Reich gesprochen, die sich immer mehr öffnet. Entspricht das denn der von Ihnen geforderten Verantwortungsethik?

Und ob. Denn tatsächlich haben die Einkommensunterschiede zugenommen, aber nur deshalb, weil der Anteil der Reichen zugenommen hat. Wenn man Armut im Vergleich zum Durchschnittseinkommen misst und sich dieses nach oben verschiebt, werden automatisch Leute relativ gesehen als arm definiert, die es vorher nicht waren. Nach absoluten Kriterien aber – Lebenserwartung, Analphabetismus, Kindersterblichkeit – gibt es heute insgesamt deutlich weniger Arme auf der Welt. Es kann nicht bestritten werden, dass die Globalisierung des Welthandels neue Ungleichheiten zwischen reichen und armen Ländern geschaffen hat. Es haben nicht alle im selben Ausmass davon profitieren können. Dass es Millionen, ja Milliarden von relativ Armen und eine grosse Zahl von Ärmsten gibt, ist unbestritten und soll in keiner Weise beschönigt werden. Aber dass ein explosives Wachstum dieser Gruppe als Folge der Ausbeutung durch eine kleine verschworene Gruppe von Superreichen stattfindet, gehört ins Reich der propagandistischen Verschwörungstheorien.

Dasselbe gilt für den Vorwurf, wir seien alle nur die Profiteure der Ausbeutung eines Milliardenheeres von Verarmenden und Verhungernden, denen es besser ginge, wenn es uns weniger gut ginge. Abraham Lincoln hatte recht: «Wir können Arme nicht reicher machen, indem wir Reiche ärmer machen.» Im Gegenteil: Der Reichtum der Reichen ist in einer weltoffenen Marktwirtschaft die Basis der allgemeinen Wohlstandsvermehrung. Reiche investieren und schaffen damit die Voraussetzung zur Innovation und zur Produktivitätssteigerung. Dies führt dazu, dass Arme schneller reich werden und dass der allgemeine Wohlstand wächst, wenn nicht etatistische Regime durch Zwang und Umverteilung die Produktivität wieder schmälern und sich die neuen Reichen mit einem antimarktwirtschaftlichen totalitären politischen System verbünden, das Reichtum in politische Macht umwandelt.

Was bedeutet das für die Armutsbekämpfung in der Entwicklungspolitik?

In der Entwicklungspolitik hat man inzwischen weltweit die Erfahrung gemacht, dass gut gemeinte Hilfsprogramme oftmals korrupte Regime stabilisieren, alte Abhängigkeiten verschärfen oder neue schaffen. So verewigen sie nicht selten das Grundproblem der Armut, statt es lösbarer zu machen. Darum ist der Grundsatz «Trade not Aid» oder «Offener Handel statt Entwicklungshilfe» kaum mehr umstritten. Zu berechtigten Diskussionen Anlass geben nur noch die konkrete Ausgestaltung und die schrittweise «Abfederung» auf dem Weg zu selbsttragenden und nachhaltigen weltoffenen Strukturen. Noch wird die Tatsache zu wenig anerkannt, dass eine aufblühende Wirtschaft auch das beste Mittel der Armutsbekämpfung ist. Übrigens nimmt die Armut in marktwirtschaftlich offenen Wirtschaftsordnungen markant schneller ab als in bürokratisch-regulierten, planwirtschaftlichen oder national-merkantilistischen Wirtschaftsordnungen. Nicht die Globalisierung, nicht die Deregulierung ist gefährlich, sondern alle gut gemeinten, aber im Effekt kontraproduktiven Versuche, den freien Tausch durch den politischen Zwang zu ersetzen. Die Planwirtschaft ist ökonomisch kläglich gescheitert – hüten wir uns davor, sie durch internationale Agenturen und Kommissare wieder einzuführen.

«Eine aufblühende Wirtschaft ist das beste Mittel der Armutsbekämpfung.»

Gibt es gleichwohl Situationen, in denen es die politische Rahmensetzung braucht, um eine ethisch wünschenswerte Entwicklung zu bewirken? Beispielsweise hat die Zahl der Verkehrstoten nach der gesetzlichen Einführung des Sicherheitsgurtes markant abgenommen. Auch die aktuelle Diskussion über den viel zu hohen Zuckerkonsum der Schweizer Bevölkerung zeigt ja, dass Selbstverpflichtungen allein nicht immer wirken.

Meine Vorbehalte gegenüber dem Zwang sind mehr empirisch als ideologisch. Das Primat der Politik muss in Fragen der Sicherheit, Gesundheit oder übrigens auch der Ökologie durch ein Primat der Kultur ersetzt werden, einer Kultur, welche auf dem öffentlichen freien Meinungsaustausch in Informationsnetzen beruht und die Wirtschaft als Ganzes miteinschliesst.

Je mehr ein Verhalten auf Äusserlichkeiten und Gewohnheiten beruht, desto weniger schädlich sind Zwangsvorschriften, die tatsächlich eine Art von «kollektiver Dressur» zum Besseren bewirken können. Sie werden dann zur «Spielregel», die man nicht nur akzeptiert, weil abweichendes Verhalten bestraft wird, sondern weil sie sich insgesamt für alle Beteiligten und Betroffenen als Vorteil auswirkt.

Der Sicherheitsgurt hätte sich möglicherweise auch auf der Basis einer umfassenden Aufklärung und Information der Verkehrsverbände einführen lassen. Und es wäre auch aus meiner Sicht wünschenswert, den Zuckerkonsum der Bevölkerung zu reduzieren. Aber gegen zwangsweise Eingriffe in die Ernährungsgewohnheiten setze ich mich zur Wehr, weil ich auch an deren Wirksamkeit zweifle. Es braucht beim erwähnten Beispiel eine beharrliche Aufklärungsarbeit über den Zusammenhang von Ernährung und Gesundheit in den Medien, und es braucht im Bereich des Gesundheitswesens zusätzlich grundlegende Reformen, die auch materielle Anreize für eine gesunde Lebensweise setzen. Wenn sich Menschen selbst schädigen dürfen und andere, zwangsweise, dafür bezahlen lassen, gibt es kaum finanzielle Motive für eine Verhaltensänderung. Es geht mir nicht darum, Zwang und Selbstverantwortung grundsätzlich gegeneinander auszuspielen und Zwang in jedem Fall als untauglich hinzustellen. Je mehr aber eine Moral nicht äussere Verhaltensweisen, sondern innere Einstellungen betrifft, desto wichtiger wird die intrinsische Motivation, die statt staatlichem Zwang auf individuellen Lern- und Überzeugungsprozessen beruht.

Bernhard Ruetz: Ethisch. Nachhaltig. Erfolgreich.
Zehn Schweizer Unternehmen und ihre Geschichten
Verlag Ars Biographica, Humlikon 2018.
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Quelle: https://www.nachhaltigeunternehmen.arsbiographica.ch/band-1/

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