Humor als Mittel der Machtentlarvung: Plädoyer für „kreative Dissidenz“

Andersens Märchen „Des Kaisers neue Kleider“ zum Beispiel nehmen

Politische Macht lässt sich nicht problemlos abschaffen. Sie lässt sich aber in kleine territoriale und institutionelle Stücke schneiden, die gegenseitig konkurrieren, sich kontrollieren, entgiften und – wenigstens teilweise – Exit-Optionen oder alternativ wählbare Vernetzungen und vor allem Lernprozesse durch Vergleich ermöglichen.

Zunächst muss die politische Macht aber gegenüber all ihren Nutznießern als Zwang empfunden und als Zumutung entlarvt werden. Man kann heute nicht genug vor der Gefahr der großen zentralen, korporatistischen Verbrüderung von Big Government, Big Business und Big Data im globalen „Cronycapitalism“ warnen. Dieses Bündnis hat sich „schleichend“ etabliert und wird vielerorts als „alternativlose“ zivilisatorische Entwicklung hingenommen. Dabei wird die „Verbrüderung“ teilweise recht brutal von der real existierenden Staatsmacht erzwungen. Aber diese Macht ist nur darum so erfolgreich, weil bei Mehrheiten die opportunistische Bereitschaft zur Kooperation zunehmend vorhanden ist. Vor allem von der „organisierten Wirtschaft“ wird sie als „Weg der Vernunft“ und als alternativlose „Anpassung an Sachzwänge“ in einer real existierenden etatistischen Second-best-Welt angepriesen.

Welche Mittel gibt es gegen die wachsende Staatsmacht, die auf einem breit abgestützten und oft blinden Glauben an den Staat beruht? Es gibt kein Patentrezept. Das Wirksamste ist wohl das Wagnis eines Wettbewerbs mit vielfältigen Experimenten, das heißt Versuche und Irrtümer, aus denen sich dann gemeinsam lernen lässt. Erfolgreiches ist zu kopieren, wenn es sich als zukunftstauglich erweist, und Misserfolge sind zu meiden. Natürlich empfinden nicht alle dasselbe als Erfolg oder Misserfolg. Aber darüber lässt sich durch „Exit“ entscheiden, das heißt durch die „Abstimmung mit den Füßen“. Wer eine Vertragsgemeinschaft verlässt, muss sich allerdings damit abfinden, dass er in einer von Sesshaften besiedelten und beherrschten Welt den Anschluss an eine andere Vertragsgemeinschaft nur findet, wenn er den verlangten Eintritts- beziehungsweise Aufenthaltspreis beziehungsweise Clubbeitrag zu zahlen bereit ist. Gibt es ein Übergangsszenario von der erzwungenen Abhängigkeit im Daseinsvorsorgestaat zur Freiheit der Wahl zwischen vielfältigen unterschiedlichen Modellen des Zusammenlebens auf der Basis des freien Austauschs? Eine Möglichkeit besteht in einem schrittweisen Ausstieg aus Fehlstrukturen, eine Entziehungskur, die umso wahrscheinlicher ist, je kleiner der politische Verband ist, der das Experiment wagt.

Das vom Dänen Hans Christian Andersen genial erfundene Märchen „Des Kaisers neue Kleider“ zeigt einen gangbaren Weg zur Entgiftung der Staatsmacht durch Entlarvung ihrer Repräsentanten.

Der Kaiser erhält Besuch von einigen Scharlatanen, die ihm vorgaukeln, sie seien in der Lage, wunderbare Stoffe zu weben, die nur von intelligenten Menschen wahrgenommen werden könnten. Der Kaiser sieht sie nicht, was er seiner mangelnden Intelligenz zuschreibt. Auch sein ganzer Hofstaat und alle, die an ihn glauben und von ihm abhängig sind, sehen nichts, geben aber vor, die wunderschönen Kleider wahrzunehmen. Schließlich geht der Kaiser mit den angeblich nur von Intelligenten wahrnehmbaren Kleidern nackt zu einer Prozession. Niemand sagt etwas, außer einem kleinen Jungen, der spontan ausruft: „Der Kaiser ist nackt!“ Damit ist der Bann von Lüge, Anpassung, Heuchelei und der kollektiven Furcht vor deren Entlarvung gebrochen, und der mächtige Kaiser ist der Lächerlichkeit preisgegeben.

Eine ausführliche Auslegung dieses zutiefst politischen Märchens, das mit Lüge, Macht, Täuschung, Enttäuschung und Ohnmacht zu tun hat, erübrigt sich hier. Die Lehre aber ist besonders wichtig: Staatsmacht ist – insoweit sie auf Lug und Trug, Täuschung und blinder Gefolgschaft beruht – stets angemaßte Macht. Ein wirksames Mittel gegen angemaßte Macht ist der Humor. Was einmal als lächerlich entlarvt ist, hat – mindestens zunächst einmal – keine Macht mehr. Oder mit Abraham Lincoln: „Man kann stets alle für eine begrenzte Zeit und einige für alle Zeit, aber nicht alle für alle Zeit zum Narren halten.“

Dafür sorgen die spontanen Gassenjungen, die keine Heuchelei kennen. Nach jeder Bloßstellung angemaßter Macht braucht es wieder neue Scharlatane mit neuen, noch nicht entlarvten Versprechungen und Verheißungen. Das ist die Schattenseite der Machtpolitik. Gibt es eine andere? Der Schlüsselbegriff für den freiheitlichen Umgang mit der Staatsmacht ist die „kreative Dissidenz“, die sich mit Phantasie, Unternehmergeist und Humor beharrlich für Formen des zivilisierten Zusammenlebens auf der Basis freier Vereinbarungen einsetzt.

Information
Diesen Artikel finden Sie gedruckt zusammen mit vielen exklusiv dort publizierten Beiträgen in der am 21. April erscheinenden Mai-Ausgabe eigentümlich frei Nr. 172.

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