Schweizer Geschichte – Mythen und Fakten

Lesedauer: 11 Minuten

1315, 1515 und 1815: Marksteine einer gemeinsamen Erinnerungskultur

Einmal mehr wird in der Schweiz in diesem Jahr nicht nur über den Stellenwert von Jubiläen, sondern ganz allgemein über den Sinn der Geschichte, die Aufgabe der Geschichtswissenschaft und des Geschichtsunterrichts an unseren Volksschulen debattiert. Einmal mehr geht es um die Auseinandersetzung zwischen einem traditionsbewussten Geschichtsverständnis und einer kritischen Quellenforschung, die den Fortschritt in der Geschichtswissenschaft und in der Gesellschaft mit einem Abschied von vertrauten Mythen erkaufen will.

Auf der einen Seite steht der Glaube an den Wert traditionsverwurzelter und traditionsbildender Mythen, auf der andern der Mythos einer fortschreitenden historisch immer aufgeklärteren objektiven Wahrheitsfindung. Ein neuer Kompromiss zwischen Mythenverehrern und Mythenverächtern ist eher unwahrscheinlich, denn die Wahrheit liegt hier nicht in der Mitte, sondern das Problem. Das Geschehene wird immer selektiv wahrgenommen. Auch jene Historiker, die an einen emanzipatorisch vorangetriebenen Fortschritt durch das beharrliche kritische Hinterfragen des bisher als Geschichte durch Geschichten Vermittelten glauben, und aus dieser Sicht einen “politisch keimfreien“ Geschichtsunterricht anstreben, huldigen letztlich einem Mythos.

Mythen dienen aus wertkonservativer Sicht der Veranschaulichung und vereinfachenden Erklärung der Vergangenheit, aus emanzipatorisch-fortschrittlicher Sicht werden sie zur Verklärung alter Missstände und zur Rechtfertigung bestehender Herrschaftsverhältnisse missbraucht. Um dies zu vermeiden, soll sich der Geschichtsunterricht auf erhärtete Fakten konzentrieren. Könnte es sein, dass im Rahmen eines Generationenwechsels bei den Historikern, das Pendel einmal auf diese und einmal auf die andere Seite ausschlägt? Dies gilt es zu bedenken, wenn es darum geht, Lehrpläne zunächst zu vereinheitlichen und dann auf der Basis der derzeit in den Kulturwissenschaften vorherrschenden Mischung von Wahrheit und Irrtum für längere Zeit verbindlich zu erklären.

Erinnerung ist immer selektiv

Ideale wie Freiheit und Verantwortung sind zunächst abstrakt. Ihre Verwirklichung hängt davon ab, ob sich die Menschen darunter etwas Konkretes, auf Erfahrungen Abgestütztes, vorstellen können. Lebendig und anschaulich werden sie erst auf dem Hintergrund einer geschichtsbewussten Erinnerungskultur. Bei jedem Rückblick in die Vergangenheit darf und soll nach der aktuellen Bedeutung für die Politik und für die Pädagogik gefragt werden, und die drei Erinnerungsdaten 1315, 1515 und 1815 bieten dazu vielfältigen Anlass. Von „Jubiläen“ zu reden, ist wenig sinnvoll, denn es gibt wenig zu bejubeln, aber Vieles in Erinnerung zu rufen, das auch für die Zukunft höchst bedeutsam und bedenkenswert ist.

Die heutige Geschichtswissenschaft geht von der Prämisse aus, sie konzentriere sich voll und ganz auf das Wissen, das wir von der Vergangenheit haben und das der Forschung in Form verschiedenster, meist verzerrter, absichtlich oder zufällig selektionierter Zeugnisse und Überlieferungen und deren bisherige ebenfalls meist lückenhafte und willkürliche Deutung zugänglich ist. Es wird zwar immer betont, dieses Wissen sei vorläufig und lückenhaft, aber die fortschrittsbewusste Überzeugung, dass es jeder neuen Generation von Geschichtsforschern gelinge, dieses Wissen zu vermehren, zu läutern und zu vertiefen und von bisherigen Fehldeutungen zu reinigen, ist allgegenwärtig.

Geschichten überliefern statt Fakten protokollieren

Eine von allen Mythen gereinigte Geschichtsschreibung kann es gar nicht geben, weil ja Mythen selbst immer wieder die Politik beeinflussen und so zu geschichtsbildenden Faktoren werden. Der grosse Basler Historiker Jacob Burckhardt hat Geschichte einmal als das definiert, „was die eine Epoche an einer andern interessiert“, und was sich demzufolge, so wäre zu ergänzen, immer wieder ändert! Heute werfen jene, die angeblich wertfreie Geschichtswissenschaft ohne jedes wertbezogene Interesse betreiben, jenen eine „nationalkonservative Gesinnung“ vor, die den Mut haben, das, was sie an der Vergangenheit im Hinblick auf die Gegenwart und die Zukunft für relevant und für interessant halten, auch offen (und durchaus selektiv und politisch wertend) zu kommunizieren.

Jacob Burckhardt plädiert natürlich keinesfalls dafür, dass die Geschichtsschreibung zur „Magd“ der jeweils tonangebenden Politik oder Religion werde, und dass sie sich deswegen nicht um bezeugte Tatsachen und Fakten zu kümmern hätte. Er lässt aber Raum für persönlich gedeutete Zusammenhänge und für die Verknüpfung von Tatsachen und Mythen. Er zeigt die subtilen und letztlich nicht hierarchisch aufzuschlüsselnden Beziehungsnetze zwischen Staat, Religion und Kultur auf. Sie beruhen auf den mit ihnen seit je verknüpften Mythen, und sie pflegen sie in einer Kultur der stets selektiven Erinnerung. Diese Erkenntnis fördert damit ein Geschichtsverständnis, das uns alle in den Worten Burckhardts durch die Geschichte nicht „klug für ein andermal“ sondern „weise für immer“ werden lässt.

Wer sich der Geschichte bewusst deutend nähert, wird in ihr mehr finden als „just one bloody thing after another“, wie Churchill einmal ironisch bemerkt hat. Churchill musste es als geschichtsgestaltender Staatsmann und anschliessend persönlich deutender Historiker selbst am besten wissen. Es gibt in der Geschichte nicht nur den Gegensatz zwischen bewiesenen Tatsachen und Geschehnissen und nicht beweisbaren oder gar erfundenen Mythen, es gibt auch die Geschichte von Mythen und deren Wirkung auf die jeweiligen Entwicklungen. Wer dies ausblendet, blendet wesentliche historische Einflussfaktoren aus. Dass dieser Einfluss von Mythen auf die Politik sowohl konstruktiv als auch destruktiv sein kann, wird von niemandem bestritten. Auch das ist und hat seine Geschichte. Politik ist ja neben einem Streit um Interessen auch ein Kampf um Vorstellungen für eine bessere Zukunft, und diese hängen von „links“ bis „rechts“ sehr oft mit Mythen zusammen. Nur die Marxisten behaupten, ihre materialistische Geschichtsmetaphysik sei mythenfrei. Wohl dem Land, das sich auf Mythen abstützen kann, die es vor Fehlentwicklungen bewahren und in diesem Sinn etwas „weiser für immer“ machen!

„Was können wir wissen?“ als entscheidende Ausgangsfrage

Von Kant stammt die fundamentale Gliederung der Philosophie in drei Grunddisziplinen aufgrund von drei entscheidenden Grundfragen: „Was können wir wissen?“ (Erkenntnistheorie),“Was dürfen wir hoffen?“ (Metaphysik), und „Was sollen wir tun?“ (Ethik). Die drei Grundfragen münden – so Kant – alle in eine noch grundlegendere Frage: „Was ist der Mensch?“ (Anthropologie). Die Reihenfolge ist nicht zufällig. Wer ohne eine – zumindest vorläufige – Antwort auf die Frage nach den Möglichkeiten und Grenzen des Wissens die metaphysisch abgestützte Entscheidung zwischen Gut und Böse trifft, wird auch an der dritten, ethischen Frage, nämlich nach dem besten Weg vom Schlechteren zum Besseren, scheitern.

Die heute vorherrschende Geschichtswissenschaft hat einen einseitigen und damit gefährlichen erkenntnistheoretischen Ansatz. Sie bildet sich ein, ohne jede Metaphysik, d.h. ohne subjektive Bewertungen auszukommen. In dieses Vakuum dringt dann unweigerlich ein Menschenbild ein, das auf einer säkularisierten, naturwissenschaftlich geprägten Anthropologie beruht, die im dialektischen Materialismus und im darauf abgestützten wissenschaftlichen Fortschrittsdenken des 19. Jahrhunderts wurzelt. Dieses Denken geht davon aus, dass es dank moderner Methoden und dank einer systematischen Infragestellung sogenannter Mythen und nationalistisch gefärbter Fehldeutungen schrittweise möglich sein werde, immer mehr und immer bessere und wissenschaftlich „wahrere“ Erkenntnisse über die Vergangenheit zu gewinnen.

Analog zum Fortschritt in den Naturwissenschaften, in der Medizin und in den empirisch forschenden Kultur- und Sozialwissenschaften gibt es aus dieser Sicht auch einen Fortschritt in der wissenschaftlichen Erkenntnis der Vergangenheit. Dies führt zu einer Art von säkularisierter Heilsgeschichte mit dem Fernziel einer globalisierten politischen Ordnung, die auf den jeweils neuesten wissenschaftlichen Erkenntnissen beruht. Kurz: Man glaubt, aus den gewonnenen Erkenntnissen über das Sein und das So-Gewesen-Sein könne man auch Schlüsse ziehen für ein wissenschaftlich richtiges „politisches Bewusstsein“, eine Art von wissenschaftlich fundierter „politischer Korrektheit“. Alles, was davon abweicht, ist aus dieser Sicht „Mythos“, „falsches Bewusstsein“, Konservatismus, Nationalismus oder religiös geprägtes Vorurteil.

Diese Art der Argumentation, die sich für die einzig moderne und wissenschaftliche hält, ist schon im 19. Jahrhundert von verschiedensten Seiten infrage gestellt worden. Sie erliegt, philosophisch gesehen, einem Fehlschluss vom Sein auf das Sollen, d.h. von der vorausgesetzten Annahme, dass man aus dem Sein, das angeblich erforschend objektiv erkannt wird, ohne zusätzliche subjektive metaphysischen Annahmen auf ein Sollen schliessen könne. Die erkenntnistheoretische Auseinandersetzung rund um diese Behauptung ist unter dem Titel „Werturteilsstreit“ in die Ideengeschichte eingegangen, und sie hat die sozialwissenschaftliche Diskussion bis in die 60er Jahre des letzten Jahrhunderts geprägt. Dann ist der akademische Streit in den 68er Jahren ohne Schlussbilanz (die ohnehin nicht möglich ist), abgebrochen worden, da damals der marxistisch inspirierte „emanzipatorische Wissenschaftsbegriff“ das Feld zu beherrschen begann. Dieser setzt ganz einfach voraus, dass es in der Sozialwissenschaft und in der Geschichtswissenschaft analog zur Naturwissenschaft einen Fortschritt im Hinblick auf die Erkenntnis von Gesetzmässigkeiten gibt, der sich ohne Metaphysik aus den Tatsachen ableiten lässt, wenn man nur genügend empirische Forschung betreibt.

In den USA stützte sich die Sozialwissenschaft seit je auf einen relativ naiven Glauben an die empirische Forschung, d.h. man sammelt und beobachtet Fakten und leitet daraus mit Hilfe von Statistik „Gesetzmässigkeiten“ für eine naturgemässe „human behaviour“ ab. In Europa hatte der an Hegel anknüpfende und auf Marx abgestützte dialektische Materialismus mit seinem Glauben an eine wissenschaftlich erkennbare historische Entwicklungstendenz seit je einen grossen Einfluss. Er geht davon aus, dass das ökonomische Sein das politische Bewusstsein bestimme, und dass es die Aufgabe der aufgeklärteren, besser Informierten sei, die Veränderung der Gesellschaft in Richtung von mehr Freiheit durch mehr Gleichheit voranzutreiben. Zu bekämpfen und zu widerlegen sind aus dieser Sicht alle konservativen Kräfte, denen es nur darum geht, ihre Sonderinteressen bewahren und ihre Vorurteile zu verteidigen.

Jede Geschichtsforschung und Geschichtsvermittlung, die auf ein besseres Verständnis der Gegenwart durch einen wertenden Rückblick auf das Vergangene und seiner jeweiligen Deutung und Bedeutung abzielt, ist im Licht der beiden skizzierten Wissenschaftsverständnisse unwissenschaftlich und reaktionär. Aber auch diese Kritik ist nicht in Stein gemeisselt. Früher oder später wird man wohl diese angeblich „moderne“ Auffassung als „veraltet“ überwinden, aber der diesbezügliche Generationenwechsel hat noch nicht stattgefunden.

Zu den beiden nach Gesetzmässigkeiten der Entwicklung und der menschlichen Natur forschenden Ansätzen gibt es sehr unterschiedlich motivierte Gegenpositionen. Im Mittelalter suchte man die Verbindung mit der biblischen Heilsgeschichte, die aus dieser Sicht mit der Schöpfung begonnen hat und mit dem „Jüngsten Tag“ des Weltgerichts enden sollte. Seit der Bildung von Nationalstaaten stand die Rechtfertigung und Verherrlichung der eigenen Nation im Zentrum: Geschichte als Vermittlung von Nationalbewusstsein. Die in unserem Zusammenhang interessierende Position, geht davon aus, dass es im Lauf der Geschichte nicht nur ökonomische und daran anknüpfende politische Machtprozesse gegeben hat, sondern dass man das Geschehene auch als vielfältigen Erfahrungsspeicher deuten kann, in dem sich verschiedene Ideen und Bekenntnisse in einem teils gewaltsamen und teils friedlichen Austausch befunden haben und immer noch befinden.

Wie soll Geschichte in der Volksschule vermittelt werden?

Was wirklich geschehen ist, und was man vor, während und nach den Ereignissen an Deutungen daraus abgeleitet oder gar erfunden hat, ist ebenfalls Bestandteil der Geschichte und damit auch des Geschichtsunterrichts, der sich immer wieder neu kritisch damit auseinandersetzen sollte. Dass sich Zustimmung und Ablehnung, und die jeweils daraus abgeleiteten Lehren für die Gegenwart und für die Zukunft im Lauf der Geschichte generationenbezogen, aber auch national, regional und lokal unterscheiden und auch wandeln, ist heute offensichtlich. Das heisst aber nicht, dass sich der Geschichtsunterricht auf die reine Vermittlung von Fakten zurückziehen sollte, und der geschichtlich gebildete und kompetente Mensch darauf reduziert wird, dass er möglichst wertfrei über jene Fakten Bescheid weiss, die der Faktenvermittler für wichtig und nach dem gegenwärtigen Stand der Forschung für richtig hält. Eine mythenfreie Geschichte huldigt selbst dem Mythos einer objektiven Wahrnehmung des Vergangenen.

Das traditionelle „Fach Geschichte“ figuriert heute nicht mehr auf den neuen und schrittweise vereinheitlichten Lehrplänen der Volksschule. Es ist integriert in den Themenkreis „Mensch und Umwelt“. In Zukunft soll in der Volksschule nichts mehr vermittelt werden, das an Geschichte im Sinn von überlieferten Geschichten erinnert, sondern nur noch Fakten, die gelernt und auch abgefragt werden können. Die Lernenden müssen etwa die Bestandteile einer Ritterrüstung anhand einer Abbildung richtig benennen können. Es sind insgesamt 11. Sie müssen auch die wesentlichen Bestandteile eines mittelalterlichen Klosters auf einer Planskizze richtig bezeichnen können. Von den ohnehin lokalpatriotisch „mythisch entstellten“ Geschichten von den Gründern und wichtigen Mönchen und Äbten des nahen Klosters oder gar von einer Schlacht, die in der Umgebung stattgefunden hat, erzählt die Lehrerin höchstens ausserhalb des Lehrplans oder im Rahmen eines „Projektes“. Es ist zu hoffen, dass sie sich dann an ihren eigenen, möglicherweise nationalkonservativ bzw. lokalpatriotisch gefärbten Geschichtsunterricht zurückerinnert, was bei der jetzigen Lehrergeneration noch der Fall sein dürfte.

Dafür müssen die Schülerinnen und Schüler mit „Mensch und Umwelt-Kompetenz“ wissen, dass es im Mittelalter 3 Stände gab, den Adel, den Klerus und den Nährstand, bestehend aus Bauern und Handwerkern. In der Prüfung muss der Lernende jeden Stand definieren können (auch wenn er nicht genau versteht, was „Stand“ heisst“) und die „richtige Antwort“ beim Adel lautet: „Das waren die Ritter, die die Bauern im Krieg vor Feinden beschützten“.

Damit wird der Stand der Ritter und Adeligen von seinem eigenen rechtfertigenden Selbstverständnis her definiert, das ja, wie man weiss, nicht immer so edel war. Der Stand der Bauern und Handwerker ist vom Adel in der Eidgenossenschaft nicht immer nur wohlwollend beschützt worden, sondern oft auch unterdrückt. Der Befreiungskampf gegen diese Unterdrückung war einst ein wesentlicher Bestandteil des traditionellen Geschichtsunterrichts, der von verjagten fremden Vögten, von Befreiungskriegen, von belagerten und in Brand gesteckten Burgen handelte. Möglicherweise wurde auch, spätestens in der Mittelschule, die Tatsache erwähnt, dass europaweit die meisten Bauernaufstände niedergeschlagen wurden und dass der diesbezügliche Erfolg der Eidgenossen tatsächlich ein echter Sonderfall ist. Ein bisschen Stolz ist dabei bei allen, die in ihrem Stammbaum Bauern und Handwerker haben, bestimmt geweckt worden, und dieser Stolz ist möglicherweise nicht wertfrei, sondern wertvoll. Das als „Kompetenz“ vermittelte Verständnis der drei Stände als vermeintlich objektives Faktum der Geschichte beruht selbst auf einem Mythos, der sich bis auf Platon zurückverfolgen lässt. Platons Idealstaat beruhte auf drei strikt zu trennenden Personengruppen, die man dann später als Nährstand, als Wehrstand und als Lehrstand ideologisch gerechtfertigt hat. Die Staatsführung lag bei Platon allerdings nicht beim Wehrstand, sondern beim Lehrstand, bei den Philosophen, den Intellektuellen. Dieser Traum ist bis heute noch nicht ausgeträumt. Ob es ein guter Traum ist, darf bezweifelt werden.

Aus dem Unterricht verbannt werden gewiss auch Geschichten wie jene von der Frau von Roseneck, die aus ihrer von den Eidgenossen im Schwabenkrieg belagerten Burg das mitnehmen darf, was sie zu tragen vermag und dann ihren Ehemann, den Ritter von Roseneck, in einem Korb auf die Schultern nimmt und ihn so vor Gefangennahme und Tod rettet. Alles verderbliche Mythen, die nur durch unzuverlässiges und unwissenschaftliches „Hörensagen“ überliefert und daher als pädagogisch fragwürdig gelten, weil sie allenfalls bestimmte konservative Werte, z.B. Gattenliebe, selektiv vermitteln! Die kleine Geschichte zeigt, was “Belagerung“ heisst, und „freier Abzug“, und dass es schon vor der Zeit des humanitären Völkerrechts so etwas gab, wie das Einhalten von Zusicherungen, selbst gegenüber Feinden, alles „Kompetenzen“, die in einer mythenfreien Geschichte ohne Geschichten kaum vermittelbar sind.

Die nach neuesten Lehrplänen unterrichteten Schulkinder, werden auch nichts mehr von der Schlacht am Morgarten erfahren dürfen, weil ja aufgrund der Quellenlage nicht mit letzter Sicherheit bewiesen ist, ob sie wirklich stattgefunden hat. Ob und wie sich die Schlacht am Morgarten 1315 tatsächlich abspielte, ist weniger wichtig als wie sie von späteren Generationen wahrgenommen und gedeutet wurde, als ein Sieg jenes Bauernstandes gegen den bewaffneten Adel und seinen Kriegsknechten, gegen jenen Stand, den man heute im Mensch und Umwelt-Unterricht (abgekürzt M und U) als Beschützer der Bauern bezeichnet, der aber damals – ziemlich wahrscheinlich – zu einer Strafexpedition zugunsten des Klerus im geplünderten Kloster Einsiedeln gegen die aufmüpfigen Innerschweizer einmarschieren wollte und zurückgeschlagen wurde. Bauernaufstände gab es in ganz Europa immer wieder, aber die meisten endeten blutig und grausam zuungunsten der Aufständischen. Grund genug, die Ausnahmen in Erinnerung zu rufen. An der Geschichte interessiert oft das Besondere, Abweichende. Darum macht es Sinn, wenn sie sich als Wissenschaft und Schulfach nicht primär um das sich gesetzmässig Wiederholende immer Berechenbarere kümmert.

Erzwungener Abschied von der Grossmachtpolitik

Im Zusammenhang mit der Schlacht bei Marignano erinnern sich wohl einige, die noch keinen mythenfreien Geschichtsunterricht vermittelt bekamen, an eine Lesebuchgeschichte, bei der sich mitten in der Schlacht zwei Brüder kämpfend gegenüberstehen und im letzten Moment erkennen. Der eine kämpft bei den Eidgenossen, der andere als Söldner des Königs von Frankreich. Natürlich ist das eine erfundene Geschichte, die allerdings nicht völlig unwahrscheinlich ist, und eine zutiefst humanistische historische Werterfahrung jenseits aller Ritterrüstungen und Klosterpläne vermittelt, nämlich die Widernatürlichkeit und Sinnlosigkeit des gegenseitigen Abschlachtens im Krieg und die Fragwürdigkeit des Söldnerwesens, beides in kindergerechter Form vermittelt – aber eben: Mythos statt Wissenschaft.

Niemand behauptet, dass der unglückliche Haufe von Verwundeten und Besiegten damals die Neutralität einer Schweiz, die es in der heutigen Form noch gar nicht gab, „begründet“ oder gar „erfunden“ hätte. Aber dass diese Niederlage eine Wurzel des nicht ganz freiwilligen, aber durchaus vernünftigen Verzichts auf Grossmachtpolitik war, kann kaum bestritten werden. Wahrscheinlich nicht die einzige, aber eben doch eine bis heute prägende. Ich finde es übrigens grossartig, wenn eine verlorene Schlacht ganz bewusst einen prominenten Platz in der Geschichte zugewiesen bekommt und der feierlichen Erinnerung würdig befunden wird.

Neutralität als bewährte und tief verankerte Maxime

Niemand behauptet, die 1815 am Wiener Kongress verbriefte Neutralität sei eine von herausragenden Schweizer Diplomaten erkämpfte und später durch ebenso herausragende Politiker und Militärs verteidigte heroische Errungenschaft der Eidgenossenschaft. Sie ist im 20. Jahrhundert auch dank glücklicher Umstände und günstiger Machtkonstellationen respektiert worden. Aber man hat stets selbst daran geglaubt, und das ist für die historischen und politischen Wirksamkeit einer grundlegenden Maxime entscheidend.

Es gibt in der Weltgeschichte schädliche und nützliche Mythen und es gibt auch „Glück und Unglück“, und kein Land braucht sich dessen zu schämen, wenn es die Gunst der Konstellationen erfolgreich genutzt hat und daraus auch Lehren für die Zukunft ableitet. Aber dass Neutralität bis heute – und heute erst recht – international auf Glaubwürdigkeit beruht leuchtet einer grossen Zahl von Schweizerinnen und Schweizern unmittelbar ein. Diese Glaubwürdigkeit kommt aber ins Wanken, wenn sie von selbsternannten Eliten und von der politischen Führung immer wieder als nicht mehr prioritär und – früher oder später – obsolet bezeichnet wird. Es geht nicht darum, Neutralität als eigenes Verdienst zu glorifizieren.

Die Neutralität wird heute in der Schweiz immer noch grossmehrheitlich als historisch bewährte, wichtige und zu bewahrende aussenpolitische Maxime bezeichnet, die nach einem Beitritt zur Europäischen Union zum Teil angepasst und zum Teil aufgegeben werden müsste. Wer den Beitritt für erwünscht hält oder mindestens für mittelfristig unvermeidbar, wird darum alles daran setzen, die Neutralität als Mythos mit unbestimmbarem und zum Teil fragwürdigem Ursprung und als partiell fremdbestimmte Verpflichtung mit absehbarem Ende darzustellen. Damit wird aber eine historische Deutung unmittelbar in den Dienst einer politischen Zielsetzung gestellt. Wer dem EU- Beitritt gegenüber skeptisch ist, tut gut daran, die Neutralität als historische Konstante und als Kernstück einer Erfolgsgeschichte nicht voreilig zu relativieren.

Robert Nef, Präsident des Vereins „Gesellschaft und Kirche wohin?“ , Vizepräsident der Stiftung Freiheit & Verantwortung, , Präsident der Stiftung für Abendländische Ethik und Kultur, und Mitglied des Stiftungsrates des Liberalen Instituts

Dieser Text ist als Einleitungskapitel einer Publikation der „Pro Libertate“ erschienen. Titel: Identität Schweiz , 1315: Selbstverteidigung. 1515: Selbstbeschränkung. 2015: Selbstfindung” , Zollikofen 2015, S. 6 – 14

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.