Gefährliche Vereinfachung

(Weltwoche / Mythos Gold)

«Gefährlich» nannte Kurt Schiltknecht in der letzten Weltwoche die Goldinitiative, weil sie die Flexibilität der Nationalbank behindere. Riskant ist indes auch der Glaube, dass die aktuelle Geld- und Währungsordnung immer so weiter funktionieren wird.

Von Robert Nef

Kurt Schiltknecht hat in seinem Artikel mit dem Titel «Tanz ums Goldene Kalb» (Weltwoche Nr. 46/14) auf die menschheitsgeschichtliche Bedeutung des Goldes hingewiesen. Dass das Goldene Kalb aus dem zwangskollek­tivierten Privatvermögen des nomadisierenden Volkes Israel gegossen worden ist und der magische Tanz damit nicht nur dem Mythos Gold, sondern auch dem Mythos Kollektiveigentum galt, ist eine weitere Pointe der vielzitierten, aber selten zu Ende gelesenen Geschichte.

Der Wert des Goldes beruht auf dem Glauben, dass möglichst viele andere Menschen den Glauben an diesen Wert teilen. Das gilt auch gegenüber dem Geld der staatlichen Notenbanken. Gegenüber der Wertbeständigkeit dieser beiden Tausch- und Wertaufbewahrungsmittel gibt es unterschiedliche Mischungen von Vertrauen und Misstrauen, aber kein sicheres Wissen oder gar Vorauswissen.

Unterschiedliche Ungewissheiten

Worauf beruht denn das so praktische gegenseitige Vertrauen der Geldbenützer in eine Währung? Deckt es sich einfach mit dem kollektiven Vertrauen in einen bestimmten Staat und in dessen Bankensystem oder im Fall des Euro in eine Staatengemeinschaft, auch wenn diese noch so fragwürdig legitimiert ist? Beim Gold war das klar. Der Glaube an den «Mythos Gold» war vor allem in Krisenzeiten weltweit weiter verbreitet und tiefer verankert als der Glaube an den ­«Mythos Staat». Aber der «Mythos Staat» legt zu, vor allem in Zeiten relativen Friedens.

Beim Staatsgeld beruht das kollektive Vertrauen auf dem Glauben an den Staat und an ein funktionierendes staatliches Geldwesen. Der Staatsglaube ist für sehr viele Menschen in einem weltweiten Säkularisierungsprozess (mindestens unter Geschäftsleuten) zum Ersatz für den Gottesglauben geworden. Der «Mythos Staat» legt auch zu, weil er sich einer Glaubwürdigkeitskonkurrenz zwischen den Staaten, ihren Währungen, ihrer wirtschaft­lichen Produktivität und ihrer politischen ­Stabilität stellen muss.

«In God we trust»? «In Gold we trust»? «In government we trust»? Oder «In Central Bank we trust»? Alles ist letztlich spekulativ und ­ir­rational und in irgendeiner Weise riskant, aber der Staatsglaube hat eben doch – alles in allem – bisher funktioniert, allerdings mit bemerkenswerten Ausnahmen. Daraus zu schliessen, dass die aktuelle Geld- und Währungsordnung immer weiter funktionieren wird, ist ­allerdings gefährlich.

Beim Staatsgeld herrscht der Glaube an den Staat, der sein Zwangsmonopol – mindestens angeblich – zur Durchsetzung einer zwangsweise garantierten rechtsstaatlichen Minimalmoral einsetzt, die auch den Geldwert mit einbezieht. Für einen blinden Glauben an das Staatsgeld gibt es für Theoretiker – mindestens für liberale – wenig gute Gründe. Für Praktiker und Empiriker jeglicher Couleur gibt es aber plausible Gründe dafür, und Letztere sind eben eine Mehrheit, die in dem Sinne zählt, als man eben auf sie zählen kann. Wie lange noch und wie vorbehaltlos, bleibt offen.

Die strikten «Gold-statt-Staatsgeld-Befürworter» trauern einer guten alten Zeit nach, die gar nicht so lange gedauert hat und in der das Phänomen der Inflation nicht unbekannt war. Wer aber sein Vertrauen bzw. sein Misstrauen lieber auf eine Kombination unterschiedlicher Ungewissheiten abstützt, handelt als Wirtschaftssubjekt nicht einfach falsch.

Neben dem Staatsgeld (mit oder ohne Golddeckung) gibt es noch andere Formen der Vermögensanlage, die man «Privatgeld» nennen kann. Nach Aussage des Schweizer Vermögensverwalters und Privatbankiers Karl Reichmuth, Röpkepreisträger des Liberalen Instituts, muss «Privatgeld» nicht neu erfunden werden, es existiert bereits, und die Reichen machen davon ausgiebig Gebrauch, indem sie eben kein (oder nur wenig) Staatsgeld besitzen, dafür über diversifizierte Vermögensan­lagen verfügen. Es spricht nichts dagegen, dass man solche diversifizierte Vermögensanlagen vermehrt auch den Kleinsparern zugänglich macht, die über ihre Pensionskassenguthaben ohnehin schon an diese Kombination von Chancen und Risiken angeschlossen sind. Aus dieser Sicht stimmt die These jener, die von einer Überbewertung der Frage nach dem Geld ausgehen. Die Reduktion von wirtschafts- und verteilungspolitischen Grundproblemen auf die Geldfrage (Staatsgeld versus Gold versus Privatgeld) ist eine gefährliche Vereinfachung, und die Meinung, eine Neuregelung des Währungssystems würde auch alle wirtschaftspolitischen Fragen lösen, ist naiv.


Robert Nef ist Publizist sowie Gründer und Präsident des Liberalen ­Instituts in Zürich.

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