Der Mensch als Lebensunternehmer

(Publiziert in MUT, Nr. 558, Juli/August 2014, S. 34 – 41)

Der Begriff des Unternehmers wird traditionellerweise für einen besonders mutigen, initiativen und risikofreudigen Menschentyp verwendet, und es befremdet zunächst, wenn man ein Lebensunternehmertum für alle Menschen postuliert. In einer arbeitsteiligen Dienstleistungsgesellschaft macht es aber wenig Sinn, zwischen aktiven Unternehmern auf der einen Seite und von passiv Unternommenen bzw. von Staat und Gesellschaft Übernommenen bzw. Versorgten auf der anderen Seite zu unterscheiden. Auch der sogenannte Arbeitnehmer bietet seine Fähigkeiten und Fertigkeiten auf dem Arbeitsmarkt an, der auf Knappheiten und Überangebote reagiert und damit den Wert eines Angebots bestimmt. Das Bild vom Arbeiter und Angestellten, der als ein problemlos auswechselbares Zahnrad in einer industriellen Maschinerie eine Stelle versieht, passt kaum mehr zur heutigen Arbeitswelt. Der Begriff der „Stelle“ und des „Arbeitsplatzes“ ist demgemäss fragwürdig geworden. Beschäftigung entsteht durch individuelle Vereinbarungen zwischen differenzierten Angeboten und Nachfragen, was beide Seiten immer wieder neu herausfordert. Zudem beruht das Leben nicht mehr auf einem Dreiphasenmodell, Lernphase, Arbeitsphase, Ruhestand, sondern auf der Herausforderung zu einer permanenten Kombination von Lernzeit, Arbeitszeit, Familienzeit, Sozialzeit, und Freizeit. Diese anspruchsvolle Aufgabe muss individuell und partnerschaftlich gelöst werden, und der Staat sollte sich aus der Zwangsnormierung zurückziehen.

Die Entwicklungspsychologie hat für diese Herausforderung bereits einen neuen komplizierten Begriff geschaffen. Jochen Brandstädter nennt sie in seinem bereits 2001 erschienen Buch zum Thema „Entwicklung – Intentionalität – Handeln“ die Intentionale Selbstentwicklung. Der hier postulierte Begriff des „Eigenständigen Lebensunternehmers“ hat den Vorzug, anschaulicher zu sein, weil er an einen Menschentypus anknüpft, den es bereits gibt.

Eine marktwirtschaftliche Ordnung ist auf eigenständige Lebensunternehmer angewiesen, die sich im intelligenten Eigeninteresse vertraglich beweglich vernetzen und die bereit sind, grundsätzlich für die Folgen ihres Handelns und Verhaltens die Verantwortung zu übernehmen.

Lässt sich Unternehmergeist lehren und lernen?

Freiheit entsteht zunächst im Prozess des selbstbestimmten Neinsagen – Könnens. Nicht in jedem Fall, sondern im richtigen Moment. Sie basiert auf jener kreativen Dissidenz, die schon beim Kleinkind im Spiel mit dem Werben um Beachtung und Zuwendung und mit dem Drang zur Selbstbehauptung praktiziert und erprobt wird. Sorgfältige Beobachter wissen, dass sogenannt „lästige“ oder „ungezogene“ Kinder in erster Linie Beachtung und Aufmerksamkeit finden wollen, wenn schon keine positive, so doch wenigstens negative. Das ist zwar gegenüber positiver Zuwendung höchstens das Zweitbeste, aber – aus der Sicht des Kindes – immer noch besser bzw. lehrreicher als das Ignoriert-Werden.

Im Rahmen der Erziehung zum angepassten Menschen wird den Kindern ihre kreative Dissidenz allerdings schrittweise abgewöhnt, zunächst in der Familie (mit einfühlbaren, guten Gründen primär zum Schutz der Eltern, sekundär zum Schutz der Umgebung) und später in der Schule, wo es darum geht angepasste Staatsbürger, Arbeitnehmer und Konsumenten heranzubilden. Die Kunst, im richtigen Moment Ja zu sagen, selbstbestimmte Verpflichtungen einzugehen und Verantwortung zu übernehmen wird in jenem Spannungsfeld erlernt, in dem eigene Bedürfnisse mit den Bedürfnissen anderer in Einklang gebracht werden. Die Arbeitswelt eignet sich dafür besser als die Schule, was im Hinblick auf ein erfolgreiches Lebensunternehmertum für eine möglichst frühe Kombination von Lernen und Arbeiten, also für den „Zweiten Bildungsweg“ spricht.

„Unternehmen“ bedeutet zunächst einmal „eine wertsteigernde nutzbringende Kombination von Geld und Geist organisieren“, sei es, dass man eigene Mittel einsetzt oder Geldgeber findet, die gegen Gewinn- und Verlustbeteiligung zu investieren bereit sind. Es geht also um die optimale Kombination von menschlichen Fähigkeiten (man nennt diese zusammenfassend heute auch „Humankapital“, was aber z.T. auch falsche Assoziationen weckt) mit materiellen Vermögenswerten. Der vom Marxismus dogmatisierte Gegensatz von „Kapital“ und „Arbeit“ ist daher obsolet geworden, denn die beiden Faktoren lassen sich im wirtschaftenden und tauschenden Individuum nicht sinnvoll isolieren.

Die vielfältigen Fähigkeiten grundsätzlich verschiedener Menschen werden in ihrer Kombinationsmöglichkeit oft unterschätzt, und Vieles liegt infolge einer gleichmacherischen Erziehung auch brach. Der erfolgreiche Unternehmer riskiert, experimentiert, lernt permanent und ist neugierig und robust, weil er Umwelt, Mitwelt und Nachwelt nicht als schicksalshafte Gabe deutet, sondern als Chance und Herausforderung wahrnimmt.

Die Voraussetzungen für ein erfolgreiches Lebensunternehmertum sind wahrscheinlich bei viel mehr Menschen gegeben, als dies in unseren bevormundenden sozialstaatlichen Strukturen zum Ausdruck kommt. Man könnte sich beispielsweise eine Schule vorstellen, die es den Lernenden durch eine frühe und sinnvolle Kombination von Lernen und praktischer Arbeit erleichtert, ihre persönliche unternehmerische Einzigartigkeit schon früh zu erkennen und zu entwickeln.

Auch die Schule sollte ihren Beitrag dazu leisten, dass die Lernenden in die Selbstverantwortung hineinwachsen. Dies kann sie nur unvollkommen, wenn sie einen abgeschotteten Schonraum ausserhalb der Arbeitswelt anbietet, in welchem junge Leute jahrgangsweise kaserniert werden, um sie auf ein braves, passives oder auf ein aktiv forderndes Benutzertum wohlfahrtsstaatlicher Einrichtungen vorzubereiten.

Die heutige Staatsschule ist immer noch eine Schule des Anpassens, der Gleichmacherei und der kontrollierten „normalen Entwicklung“. Man gewinnt gelegentlich den Eindruck, dass es im Interesse der Kontrollierenden liege, möglichst viele „pflegeleichte“ Kontrollierte auszubilden. Dies mag in einer Industriegesellschaft, die auf der disziplinierten und hierarchisch organisierten Tätigkeit einer grossen Zahl von betriebstreuen Fabrikarbeitern beruhte, notwendig gewesen sein. Die flexibleren, vielfältigeren und anspruchsvolleren Herausforderungen einer Dienstleistungsgesellschaft bedürfen aber junger Menschen, die auf ein Kommen und Gehen vorbereitet sind. Darum braucht es möglichst viele, die die Bereitschaft entwickeln, mit ihren Fähigkeiten und Fertigkeiten unternehmerisch umzugehen.

Dass in einer technischen Zivilisation Eigenschaften wie Präzision, Sorgfalt, Disziplin und Teamfähigkeit überlebenswichtig sind und, obwohl sie bei Lernenden unbeliebt sind, in keinem Bildungsgang fehlen sollten, ist einleuchtend. Diese Kompetenzen sind aber bei jenen Fachleuten am besten aufgehoben, die sie verantwortungsbewusst und im intelligenten Eigeninteresse erworben haben, ausüben, einsetzen, weiter entwickeln und in einem offenen Arbeitsmarkt bestmöglich anbieten.

Freie Arbeitsteilung erhöht die Chancen für alle

Nur ein offener Ausbildungsmarkt ist in der Lage, diese Vorbereitung zu übernehmen. Keine staatliche Selektion, Kontingentierung und Normierung kann auf die Dauer jenen Nachwuchs an Fachleuten garantieren, der die Weiterentwicklung einer technischen Zivilisation sicherstellt. Auch die „Institution Schule“ und die „Institution Hochschule“ müssen sich dem Unternehmergeist und dem Wettbewerb und der Erfordernis des lebenslangen Weitererlernens öffnen.

Für das Unternehmertum ergeben sich daraus verschiedene mögliche Kombinationen. Der eher seltene Fall besteht darin, dass jemand gleichzeitig über gute Ideen verfügt und über das Startkapital, das es (je nach Branche mehr oder weniger) zur Realisierung braucht. Ist nur diese Person ein wirklicher Unternehmer?

Häufiger ist die Konstellation, dass jemand als Investor zwar finanzielle Mittel hat, die er gern vermehren würde, aber keine eigenen guten Ideen. Er wird auf die Suche gehen, nach einem, der gute nutzbringende Ideen hat und keine finanziellen Mittel. Er wird als Financier oder Anleger auf einen Markt gehen, in welchem er entweder direkt oder mit Hilfe von beauftragten Spezialisten Erfolg sucht.

Ebenfalls vertraut ist uns die Situation, dass jemand zwar über gute, nutzbringende Ideen verfügt, aber kein Startkapital hat. Er wird als Ideenverkäufer auf einen Markt gehen und Financiers oder eine Institution suchen, die an seine Ideen glauben und investieren.

Je arbeitsteiliger nun eine Wirtschaft wird, desto mehr können sich auch die subtilen Such- und Findungsprozesse zwischen Angebot und Nachfrage aggregieren und professionalisieren und zum Gegenstand des Unternehmertums werden. Es haben nicht immer dieselben Personen sowohl gute Ideen als auch das Talent zur Organisation und zur Umsetzung, als auch Führungsqualitäten gegenüber einer Belegschaft, als auch die Fähigkeit, Realisatoren und potentielle Geldgeber produktiv zu verknüpfen. An jeder Schnittstelle gibt es wieder eine unternehmerische Herausforderung. Es gibt also gute Gründe, den Begriff des Unternehmers nicht für eine kleine Elite von erfolgreichen „Alleskönner-Patrons“ zu reservieren.

Was letztlich zählt, ist der Erfolg, und manchmal hat in der Wirtschaft der Erfolg viele Väter und Mütter, und es ist nicht immer so leicht, den wirklich schöpferischen unternehmerischen Akt klinisch sauber zu isolieren und damit die Spezies „Unternehmer“ von der Spezies „Nicht-Unternehmer“ zu trennen und gewissermassen zwei völlig unterschiedliche Menschentypen zu definieren.

Je arbeitsteiliger eine Gesellschaft wird, desto schwieriger wird es zu unterscheiden, wer nun wem und warum dient und nützt, d.h. wer unternimmt und wer unternommen oder übernommen wird, wer kontrolliert und wer kontrolliert wird. Es gibt mehr als nur einen Markt, und der Wettbewerb beschränkt sich nicht auf geldwerte Güter und Dienstleistungen. Dies bedeutet, dass eigentlich alle Menschen irgendwo und irgendwie unternehmerisch sein können, und sei es auch nur im Hobbybereich. Sport kann sowohl Hobby als auch Beruf sein, und Berufssport kann, wenn wir an Tennis, Rennsport oder Fussball denken, durchaus zu Spitzengehältern führen, die sogar noch über den vielgescholtenen Managerlöhnen stehen. Auch im Show- und Unterhaltungsbusiness werden für Spitzenleistungen Spitzenlöhne bezahlt. Warum eigentlich nicht?

Wer Freiheit und Vielfalt schätzt, sollte über keine Art des Lebensunternehmertums und der erfolgreichen Selbstvermarktung die Nase rümpfen. Auch Aussenseiter haben eine wichtige Funktion. Die Fälle, in denen wirtschaftlich erfolgreiche unternehmerische Experimente ihren Ursprung im Hobbybereich hatten, sind recht häufig. Was dann letztlich zum Welt-Spitzen-Unternehmertum wird, ist nicht planbar und auch nicht prognostizierbar.

Unternehmertum in der Dienstleistungsgesellschaft

Die Erkenntnis, dass der Unternehmer in der heutigen Gesellschaft eine zentrale Funktion wahrnimmt, ist in keiner Weise überholt. Das Unternehmertum hat gerade in einer hoch arbeitsteiligen technischen Zivilisation, in der spezialisierte Dienstleistungen gefragt sind, nicht ausgespielt.

Joseph Schumpeters pessimistischen Voraussagen, die er in seiner „Theorie der wirtschaftlichen Entwicklung“ 1911 geäussert hat, haben sich glücklicherweise nicht – oder wenigstens nicht voll – bewahrheitet. Er sagte einen Bedeutungsverlust des kreativen Individuums voraus und prognostizierte einen unvermeidlichen Übergang zu einer technokratischen und zentral verwalteten Wirtschaft und Gesellschaft Wir sind allerdings noch weit davon entfernt, eine optimale Kombination von einer unternehmerischen Wirtschaft und einem kulturell und ökonomisch „unterlasserischen“ Staat gefunden zu haben.

Patrick Adenauer, der frühere Präsident des Bundes der Familienunternehmer, hat im „Handelsblatt“ vom 9. September 2013 den vom Marburger Ökonomen und Träger der Hayek Medaille Alfred Schüller geprägten Begriff „professioneller Knappheitsüberwinder“ neu lanciert. Es ist höchste Zeit, dass Schumpeters inzwischen zutode zitierter kriegerischer Macho- Begriff vom „schöpferischen Zerstörer“ endlich durch eine freundlichere und zutreffendere Charakterisierung ersetzt wird: „Unternehmer sind professionelle Knappheitsüberwinder. Lassen wir Sie zum Zuge kommen in einer Welt zunehmender Knappheiten! Von Privatisierung haben alle etwas. Der Staat durch finanzielle Entlastung. Der Bürger, der Leistungen im optimalen Kosten-Nutzen-Verhältnis erhält. Und die Unternehmen, die Jobs und Einkommen generieren.“

Der Begriff „Eigenständiger Lebensunternehmer“ ist sowohl dem bereits erwähnten entwicklungspsychologischen Begriff des „intentionalen Selbstentwicklers“ von Jochen Brandstädter als auch dem Begriff des „professionellen Knappheitsüberwinders“ von Alfred Schüller vorzuziehen. Der „eigenständige Lebensunternehmer“ verbindet psychologische, politische und ökonomische Aspekte und knüpft an einen realitätsbezogenen Menschentypus an, selbst wenn der direkte Bezug zum „homo oeconomicus“ unter Intellektuellen nicht allgemeine Zustimmung findet.

Daraus ergeben sich insgesamt vier Schlussfolgerungen

Erstens: Eine weltoffene Marktordnung ist auf eigenständige Lebensunternehmer als professionelle Knappheitsüberwinder angewiesen, die sich im intelligenten Eigeninteresse vertraglich beweglich vernetzen und bereit sind, grundsätzlich für die Folgen ihres Handelns die Verantwortung zu übernehmen.

Zweitens: Die Voraussetzungen für ein erfolgreiches eigenständiges Lebensunternehmertum werden in der Familie und im Bildungswesen geschaffen. Die Bildung ist eine zu wichtige Sache, als dass man sie allein dem Staat überlassen dürfte. Das Bildungswesen muss schrittweise in von der regulierenden, intervenierenden und zwingenden Staatsordnung in die spontane Marktordnung hinübergeführt werden. Gefragt sind flexible Mischformen von Lernen, Leisten und Musse, mit denen bereits vor dem 20. Altersjahr experimentiert werden sollte.

Drittens: Je klarer der Trennstrich zwischen kollektiv zwingender Staatsordnung und individuell spontaner Marktordnung gezogen wird, desto mehr müssen die Grenzen zwischen Ökonomie und Kultur durchlässig werden. Die Kultur muss dabei nicht zum grossen Geschäft werden, sondern das Geschäft wird dann wirklich lohnend, wenn es sich in den Dienst der Kultur stellt. „Cultura“ bedeutet sorgfältige und nachhaltige Pflege und hat ihren Ursprung in der „Agri-cultura“.

Viertens: Kultur kann als Dienst am Wahren, Schönen und Guten verstanden werden, drei Bereiche in denen die Nachfrage nie erschöpft sein wird. Zum Schönen und Guten zählt übrigens nicht nur die hohe Kunst die in Museen, Konzertsälen und Opernhäusern vermittelt wird, sondern auch die Kunst, das Leben im Alltag sinnvoller, friedlicher, gesünder, spannender, ästhetischer, angenehmer und genussvoller zu gestalten.

Robert Nef, lic. iur., geboren 1942, ist Präsident des Stiftungsrates des Liberalen Instituts sowie der Stiftung für Abendländische Ethik und Kultur in Zürich

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