Vielfalt statt Einfalt als liberales Motto

(NZZ – MEINUNG & DEBATTE – ZUSCHRIFTEN VON LESERINNEN UND LESERN – Freitag, 24. Januar 2014, Nr. 19, Seite 20)

«Ich plädiere dafür, dass möglichst viele Menschen möglichst viele Sprachen so gut wie möglich beherrschen, keinem einzigen IT-System trauen und dafür selber – als freie Menschen, für die IT nicht mehr als ein nützliches Mittel ist – für ihr Denken und Handeln Verantwortlichkeit übernehmen.» Dieser Schlusssatz aus der Antwort von Prof. Klaas Willems auf Prof. Erich Ortners Plädoyer für eine einheitliche «Orthosprache» (NZZ 10. 1. 14) ist ein beeindruckendes und ermunterndes Zeugnis für Offenheit, Vielfalt und Freiheit, das weit über die Sprachenvielfalt hinaus Beachtung verdient.

«Vielfalt statt Einfalt» ist ein zutiefst liberales Motto. Vielfalt hat allerdings ihren Preis, weil sie auch Irrtümliches und Falsches und auch Freiheitsfeindliches einschliesst. Aber sie stützt und erzeugt Immunität, und Immunität ist eine der wichtigsten Abwehrstrategien gegen alle Macht. Man weiss ja nie zum Voraus, von welcher Seite her die stets verletzliche Freiheit angegriffen wird. Freiheit ist als Prinzip der Offenheit stets unendlich verletzlich, darum ist es so wichtig, dass sie wegen dieser unendlichen Verletzlichkeit gegenüber aussen von innen her eine gleichwertige unendliche Resistenz hegt, pflegt und entwickelt.

Vielfalt, Wettbewerb und Lernen durch Erfahrung, d. h. durch Versuch und Irrtum, sind auch die Prinzipien der biologischen und der kulturellen Evolution, die sich glücklicherweise jeder zentralen Steuerung widersetzen. Die Politik sollte sich nicht anmassen, mit dem Prinzip der Zentralisierung Gegensteuer zu geben.

Robert Nef, St. Gallen

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