Ein Tanz ums Goldene Kalb

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(Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung – Wirtschaft – 26. Mai 2013 – Seite 28)

Nicht gegen Markt, Mammon und Materialismus wettert Moses in der Bibel: Wütend wird er, weil die Israeliten ihr privates Eigentum für ein kollektives Heil opfern wollen. Eine Neuinterpretation von Robert Nef.

Die Bewunderung des Goldenen Kalbs, hier im Gemälde von Nicolas Poussin (entstanden vor 1634)

2 Mose, Kapitel 32: „Als aber das Volk sah, dass Mose so lange nicht vomBerg herab kam, sammelte es sich um Aaron und sprach zu ihm: Mache uns einen Gott, der vor uns her ziehe. Aaron sprach zu ihnen: Reißt die goldenen Ringe ab, die eure Frauen, eure Söhne und Töchter an den Ohren tragen. Und Aaron nahm das Gold, goss es in eine Tonform und machte daraus ein gegossenes Kalb. Da sprachen sie: Das ist dein Gott, Israel, der dich aus dem Lande Ägypten herausgeführt hat. Und sie brachten ihm Brandopfer dar und erhoben sich, um sich zu belustigen. (…) Als Mose das Kalb und die Reigentänze sah, entbrannte sein Zorn und er warf die Gesetzestafeln aus der Hand und zerschmetterte sie am Berg.“

Der Tanz ums goldene Kalb wird heute häufig mit der Verabsolutierung einer ausschließlich auf materielle Werte ausgerichteten kapitalistischen und individualistischen Lebensführung gleichgesetzt, mit dem, was auch „Gier“ und „Abzockerei“ genannt wird. Die im 2. Buch Mose im 32. Kapitel nachzulesende ursprüngliche Geschichte setzt aber völlig andere Akzente.

Während Moses auf dem Berg Sinai weilte, gab Aaron dem Flehen des Volkes nach, als es immer wieder „sichtbare Götter“ forderte, „die vor uns hergehen“. Er ließ allen persönlichen Schmuck der Frauen, Söhne und Töchter enteignen und goss daraus ein Goldenes Kalb. Als Moses vom Berg herunterstieg und das Volk im wilden Tanz um dieses Götzenbild sah, zerbrach er im Zorn die Gesetzestafeln, ließ das Kalb zerstören und veranstaltete ein blutiges Strafgericht.

Nach landläufiger Deutung ist der „Tanz ums Goldene Kalb“ die Verherrlichung und Verabsolutierung materieller Werte, um die sich in einer marktwirtschaftlich kapitalistischen Gesellschaft – angeblich – alles dreht. Diese Deutung wird dem Originaltext in keiner Weise gerecht. Das „Goldene Kalb“ symbolisiert nämlich nicht das private Kapital. Es entstand aus dem kollektivierten, zusammengeschmolzenen Goldschmuck, aus dem einzigen ursprünglichen Privatvermögen der Nomaden. Durch dieses kollektive Opfer für die Gemeinschaft sollte dann von einer offenbar käuflichen und bestechlichen Gottheit das kollektive Heil und die Führerschaft erlangt werden.

Das Goldene Kalb ist wie der Fiskus, der immer mehr fordert und nie genug kriegt.

Wenn wir den Begriff „Gott“ durch „Staat“ ersetzen, sind wir nahe bei dem, was Staatsgläubige aller Parteien auch heute noch erhoffen und umtanzen: Das durch Steuern zwangsweise kollektivierte Kapital soll alle politischen, wirtschaftlichen und sozialen Probleme lösen und denWeg ins „gelobte Land“ weisen. Das Goldene Kalb ist nicht nur das zum Fetisch pervertierte kollektivierte Privatvermögen der Reichen, sondern der immer mehr fordernde Fiskus!

Moses verwirft dieses an primitive Magie anknüpfende Problemlösungsverfahren. Er pulverisiert das Goldene Kalb und fügt den Goldstaub dem von allen konsumierten Trinkwasser bei – eine kluge irreversible Reprivatisierung und Entsorgung. Die Illusion, man könne durch zwangsweise Umverteilung Gutes bewirken, kann gar nicht wieder neu entstehen.

Es gibt beim Bericht über die Entsorgung des pulverisierten Goldkalbes via Trinkwasser noch eine weitere Pointe, die allerdings auf den ersten Blick weit hergeholt erscheint.

Die mittelalterlichen Alchemisten versuchten aus Dreck (Prima materia) Gold zu machen. Das von Moses praktizierte Entsorgungsverfahren geht den umgekehrten Weg. Aus Goldstaub wird via Trinkwasser und Verdauung Kot. Das Kollektivgold ist für immer „aus den Augen, aus dem Sinn“. Es ist entsorgt und eignet sich in Zukunft weder als Wertanlage noch als Fetisch, noch als Tauschmittel, noch als Objekt der Besteuerung. Dahinter steckt die Botschaft: Gold hat keinen Gebrauchswert. Es ist in der Wüste buchstäblich „einen Dreck wert“. Das eigentlich Knappe und daher Wertvolle ist dort das Trinkwasser.

Eine grammweise Rückgabe des Goldes an die ursprünglichen Besitzer wäre wohl unmöglich gewesen und hätte zu unendlichen Streitereien geführt, weil ja wahrscheinlich die Kollektivierung die Schmuckeigentümerinnen sehr ungleich getroffen hatte. Möglicherweise waren ja bei der Enteignung und Kollektivierung nicht nur magische Motive, sondern auch egalitäre und politökonomische Motive am Werk.

Via Wasser wird der Goldstaub im Körper eines jeden (denn alle brauchen und trinken Wasser) rezykliert, ohne wieder neue Verteilungsprobleme und neue Konflikte zu erzeugen. Es geht um eine Form der Reprivatisierung beziehungsweise der Wiederverteilung auf alle Individuen. Der Goldstaub wird dem Trinkwasser beigefügt, das im Gegensatz zu Gold überlebenswichtig ist.

Dazu noch eine weitere Assoziation: Nach Sigmund Freud, dem Begründer der Psychoanalyse, durchläuft der Mensch im zweiten und dritten Lebensjahr die sogenannte „anale Phase“, in der sich der Spar- und Besitzestrieb bildet, der bei „anal fixierten“ Neurotikern zum lebensbeherrschenden Motiv werden kann. Durch die vor allem im 19. Jahrhundert, aber bis ins 20. Jahrhundert hinein praktizierte Sauberkeitserziehung im Kleinkindalter wurde die „Leistung“ des Kleinkindes auf dem Nachttopf zur ersten hochgelobten Anpassungs-, Gehorsams- und Produktionsleistung schlechthin: Der Nachttopf als Ursprung des Spar- und Leistungsprinzips und seiner neurotischen Störungen, die sich in einer einseitigen Fixierung auf das Haben und in der Hemmung der Lust des Loslassen- Könnens äußern. Die Anspielung auf einen Zusammenhang von Gold/Geld und Kot ist nicht zu übersehen.

Anstelle der Kollektivierung des Privateigentums bringt Moses dem Volk Israel zehn göttliche Gebote, die sich an jeden Einzelnen richten. Sie sind eine Sollensordnung, keine politische Verfassung, ein individueller moralischer Verhaltenskodex, der allerdings, wenn man sich daran hält, sowohl den Individuen als auch der Gemeinschaft Vorteile verheißt. Der Glaube an gültige Werte weist einen Weg, er wird nicht als kollektiver Beschwörungstanz rund um ein zentrales magisches Kollektiveigentum öffentlich zelebriert, sondern im Alltag unterschiedlicher und ungleicher Individuen und Familien nonzentral praktisch umgesetzt.

Statt kollektiver Magie bringt Moses den Israeliten die Zehn Gebote.

Das ist ein über alle Zeiten hinweg taugliches freiheitliches Konzept. Eine freie Gemeinschaft freier Menschen entsteht durch gemeinsam akzeptierte und individuell praktizierte rational fassbare Regeln und nicht durch Opfer, magische Rituale, politische Dogmen (wie etwa die Kollektivierung des Privateigentums), allgemeinverbindliche metaphysische Spekulation und blinde Gefolgschaft. Die zentrale Bedeutung des Privateigentums erscheint gleich in zwei von den Zehn Geboten, nämlich im achten und im zehnten: „Du sollst nicht stehlen“ und „Du sollst nicht begehren deines Nächsten Frau/deines Nächsten Haus.“

Politik kann das reibungslose Funktionieren einer auf allgemein akzeptierten Regeln gegründeten Gemeinschaft nicht garantieren, aber sie kann günstige Bedingungen für ein friedliches Zusammenleben schaffen. Aus liberaler Sicht hat Politik keinen Vorrang. Das wichtigste politische Ziel ist die Entgiftung der Macht. Sie soll weder ins Privateigentum eingreifen noch den Neid schüren. Freiheit kann nie grenzenlos sein, aber die entscheidenden Schranken sind aus liberaler Sicht nicht den Bürgerinnen und Bürgern zu setzen, sondern den Behörden aller Stufen. Das achte Gebot richtet sich auch an den Staat.

Das biblische „Du sollst“ (nicht etwa: „Ihr sollt“ als Kollektiv) ist in der Originalsprache der Zehn Gebote kein Imperativ, hat also nichts Imperiales an sich. Die Zehn Gebote sind die Basis einer Verheißung an jeden Menschen, der das persönliche Bündnis der Treue zu halten bereit ist, indem er die Gebote einhält. Das ist die Alternative zum Tanz ums Goldene Kalb des durch Steuern kollektivierten Privateigentums.

Robert Nef ist Präsident des Stiftungsrats des Liberalen Instituts in Zürich, dessen Leiter er von der Gründung 1979 bis 2007 war. Von 1994 bis 2008 war er zudem Mitherausgeber der Schweizer Monatshefte.

FAZ – Sonntag, 26. Mai 2013 – Seite 28

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