Das Debattenblatt

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(St. Galler Tagblatt)

Der Schweizer Monat hat sich unter René Scheu zu einem anregenden Organ der Auseinandersetzung mit unserer Zeit gemausert. Kürzlich ist die tausendste Nummer erschienen. Rolf App

Nachdenken über kommende Nummern: René Scheu, Herausgeber und Chefredaktor des «Schweizer Monats», in Teufen. (Bild: Urs Jaudas)

Nicht alle mögen den «Schweizer Monat». Die 1921 gegründete Zeitschrift unterschlage ihre braune Vergangenheit der Zwanziger- und Dreissigerjahre (siehe Randspalte), hat ihr der Historiker Adrian Zimmermann letztes Jahr in der linken «Wochenzeitung» (WOZ) vorgehalten. Ausserdem treffe man in ihren aktuellen Ausgaben antidemokratisches Schrifttum an. Herausgeber René Scheu weist diesen Vorwurf zurück: «Das ist absurd, unredlich und grenzt an Diffamierung. Selbstverständlich sind wir nicht WOZ-konform. Unsere Autoren pflegen das freie Denken, und das ist gerade das Lebenselixier der modernen Demokratie.» Unabhängige Historiker wie Klaus Urner und Alfred Cattani hätten sich zudem nüchtern mit der Geschichte befasst. Allerdings, sagt Scheu, «wollen wir an unserer heutigen Leistung gemessen werden.»

Lobende Worte

Diese Leistung wird von anderer Seite positiv gewürdigt. Der «Bund»-Chefredaktor Artur K. Vogel etwa nennt den «Schweizer Monat» eine «Publikation ausserhalb des herrschenden sozialdemokratischen Mainstreams» und beschreibt ihn als «eine Art monatliche , allerdings auf höherem intellektuellem Niveau und ohne deren pubertäre Provokationen und schlecht kaschierte Parteilichkeit.» Ganz ähnlich sagt es in der kürzlich erschienen tausendsten Nummer der Soziologe und «Monat»-Autor Kurt Imhof in seiner hintersinnigen Gratulation: «Der zeigt, dass es noch bürgerliche Intellektualität gibt – manchmal sogar Aufklärungsliberalismus!»

Werfen wir also einen Blick in die Nummer 1000: Da stellt sich der Soziologe Ulrich Beck sehr kritischen Fragen zur Krise Europas. Der Ständerat Thomas Minder muss seine Kritik am Berner Ratsbetrieb begründen. Der Aufmerksamkeitsforscher Georg Franck erläutert seine durchaus einleuchtende Theorie, dass auch die Aufmerksamkeit eine Art Währung ist.

Kapitalismus und Gemeinwohl

Passen Kapitalismus und Gemeinwohl zusammen? Im Dossier machen sich Gerhard Schwarz von Avenir Suisse, der ehemalige HSG-Professor Philippe Mastronardi und andere ihre durchaus divergierenden Gedanken. Am Ende des Hefts steht ein Gespräch über die Kunst als das schlechte Gewissen des Kapitalismus und eine leichtfüssige Begegnung mit dem Regisseur Rolf Lyssy. Und beigefügt ist der «Literarische Monat» mit einer mehrteiligen Auseinandersetzung mit dem umstrittenen Schweizer Schriftsteller Christian Kracht.

«Wir sind ein Autoren- und Debattenblatt», sagt René Scheu, der seit fünf Jahren den Kurs des Blattes bestimmt, bei einem Gespräch in Teufen, wohin er sich zusammen mit seinen drei Mitarbeitern Florian Rittmeyer, Michael Wiederstein und Urs Arnold zum Nachdenken über kommende Nummern zurückgezogen hat. «Wir wollen zum Denken anregen.»
Sinkende Auflage, Defizit

In Teufen wohnt auch der Bankier Konrad Hummler, der ihn 2007 vom St. Galler Tagblatt zum «Schweizer Monat» holt. Der heute 38jährige Scheu geht dieses Wagnis ein, weil er sich, zum einen, als studierter Philosoph der liberalen Tradition der Zeitschrift und ihrem Hang zum Grundsätzlichen verbunden fühlt. Und weil er sich auf der andern Seite dem «rauhen Wind des Unternehmertums» aussetzen will. Der weht ziemlich heftig. Denn seit Jahren haben die «Schweizer Monatshefte», wie sie da noch heissen, eine sinkende Auflage und ein chronisches Defizit.

Scheu will es richtig machen

Zunächst setzt René Scheu die Arbeit seines Vorgängers Robert Nef fort. Dann sagt er zu Konrad Hummler, der den Herausgeberverein präsidiert: «Entweder machen wir es richtig. Oder ich bin nicht der Richtige.» Richtig machen, das heisst: Geld investieren, um Sponsoren und Abonnenten werben, die Zeitschrift optisch wie inhaltlich attraktiver machen. Auf der betrieblichen Ebene bedeutet dies, den Herausgeberverein in eine Aktiengesellschaft mit Risikokapital überführen. Und auf der inhaltlichen: Ein «Debattenblatt» daraus formen, das sich an kritische Leser richtet, und in dem Wissenschafter und Praktiker selber zu Wort kommen. Sei es, indem sie selber schreiben, sei es in Interviews.

«Ich möchte mehr Gespräche auf Augenhöhe», sagt Scheu. «Da bin ich noch nicht dort, wo ich gerne hin will.» Immerhin: Er erwähnt sein Gespräch mit Ulrich Beck als Beispiel einer gelungenen Auseinandersetzung.

Die Auflage wächst

Auch finanziell ist Scheu noch nicht am Ziel. Die Auflage hat sich zwar von 2500 auf über 5000 mehr als verdoppelt, noch immer aber schreibt der «Schweizer Monat» rote Zahlen. Immerhin: Es geht aufwärts, während es für andere – etwa die «Weltwoche» – bergab geht. Scheus eigenes Wohl und Wehe hängt davon ab. «Ich bin am Aktienkapital beteiligt», sagt er.

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Quelle: https://www.tagblatt.ch/kultur/das-debattenblatt-ld.924038

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