Die Familie – Konflikt und Versöhnung

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(Publiziert in MUT, Nr 536, Juli/August 2012, S. 79 83.)

Die Familie wird oft etwas pathetisch als „Urzelle“ der Gesellschaft bezeichnet. Sie gilt allgemein als etwas Gutes, Erstrebenswertes und Schutzwürdiges, obwohl sie seit je auch ein Ort schwerster Konflikte gewesen ist. Weil Familien etwas so Notwendiges und Positives seien, wird meist etwas voreilig der Schluss gezogen, man müsse sie staatlich nicht nur schützen, sondern auch fördern. Was gefördert wird, wird aber von der fördernden Institution abhängig. Durch generelle Förderung wird etwas grundsätzlich autonom Funktionierendes in einen Zustand der Abhängigkeit versetzt. Man macht die zweifellos existierende Ausnahme der Unterstützungsbedürftigkeit zur Regel. Staatlich fördern heisst vom Staat abhängig machen. Die Eigenständigkeit wird dabei „kaputtgefördert“. Wer die Familie „im Griff“ hat, kann auch die Gesellschaft schrittweise indoktrinieren und beherrschen. Eine klare Abgrenzung zwischen Staat und Familie ermöglicht die für eine gedeihliche Entwicklung notwendige Vielfalt und bietet m.E. für alle Beteiligten mehr Vorteile als Nachteile.

Familie als Konfliktherd

Der Literaturwissenschafter Peter von Matt hat in seiner 1995 herausgegebenen Essaysammlung unter dem Titel “Verkommene Söhne, mißratene Töchter. Familiendesaster in der Literatur“, mit dem Mythos von der in der Regel harmonischen Biedermeierfamilie gründlich aufgeräumt. Zur Geschichte und zur Soziologie der Familie sind im 19. und 20. Jahrhundert vor allem kritische Beiträge verfasst worden. Hervorgehoben sei wegen seiner originellen Einsichten die 1982 erschienene Abhandlung des britischen Soziologen Ferdinand Mount: “The subversive Family, An alternative History of Love and Marriage.” Die deutsche Übersetzung erschien im gleichen Jahr unter dem verharmlosten Titel “Die autonome Familie”.

Mount weist als historisch bewanderter Soziologe nach, dass die mittelalterliche christliche Kirche, wie alle institutionalisierten Religionen, bestrebt war, die natürliche Dissidenz der Familie, die ihre eigenen Traditionen, Riten und Götter hatte, in den Griff zu bekommen – auch ökonomisch. Nicht die Kinder sollten erben, sondern die Kirche. Damit wurde das Erbe als das ökonomische Substrat der Mehrgenerationenfamilie kirchlich kollektiviert. Es stimmt nicht, dass die christliche Kirche stets die Stütze der Familienförderung war. Sie hat im Mittelalter sehr aktiv am Bedeutungsschwund der Familie als einer kleinen, mindestens teilweise autonomen und durch den Ahnenkult als private „Familienreligion“ gestützte Gemeinschaft mitgewirkt.

Aufklärung und Säkularisierung haben in Europa zur Emanzipation der Frau geführt, die sich auch auf die Rollenteilung in der Familie ausgewirkt hat. Dieser Prozess ist wahrscheinlich auch in der islamischen Welt mit etwas Verspätung auf die Dauer nicht zu unterbinden. Gleichberechtigung wird zwar auch dort nicht von Staates wegen „eingeführt“, aber zunächst toleriert und schliesslich akzeptiert werden, weil sie sich mit vernünftigem Aufwand in einer Gesellschaft mit technisch und elektronisch erleichterten Kommunikationsmöglichkeiten gar nicht mehr verhindern bzw. verbieten lässt. Mit guten Gründen ist darauf hingewiesen worden, dass das Mobiltelefon in der Dritten Welt mehr zur Liberalisierung beigetragen hat als alle politischen Verfassungsrevisionen und pädagogischen Entwicklungsprogramme.

Effektiv geht es bei der sogenannten Frauenemanzipation eher um eine Umlagerung von innerfamiliären und öffentlichen Machtstellungen. Innerfamiliär war früher die Frau mehr tonangebend als der Mann, wenigstens informell und durch ihr Quasimonopol als Erzieherin in der Kleinkindphase, die ja nach neueren Erkenntnissen für die lebenslängliche Sozialisation entscheidend ist. Durch neue Formen der ausser- und innerfamiliären Arbeitsteilung verschieben sich heute die mütterlichen und väterlichen, weiblichen und männlichen Einflüsse, allerdings wahrscheinlich langsamer als generell angenommen, gehofft oder befürchtet wird.

Was die Frau im öffentlichen Bereich an Terrain gewinnt, verliert sie möglicherweise innerfamiliär. Dies nur als These, die zu bestätigen oder zu widerlegen wäre. Meine eigene Präferenz für eine autonome und möglichst staatsunabhängige, d.h. auch nicht „staatlich geförderte“ Familie hängt in erster Linie mit der „Philosophie des Nonzentralismus“ zusammen. Zentralisierung vermindert die Vielfalt möglicher Experimente. Gelernt wird individuell und gemeinschaftlich durch das Vergleichen, durch die Vermeidung des erfahrungsgemäss Erfolglosen und Schädlichen und durch das Kopieren des Nützlichen. Das ist auf die Dauer weniger riskant als alle kollektiv erzwungene Harmonisierung, Zentralisierung, Vereinheitlichung und Verbindlicherklärung des jeweils vorherrschenden ideologischen oder angeblich wissenschaftlich untermauerten sozialwissenschaftlichen Irrtums.

Fragwürdige Familienideale

Tolstois Roman „Anna Karenina“ beginnt mit der These, dass sich alle glücklichen Familien gleichen, dass aber jede unglückliche Familie auf ihre eigene Art unglücklich sei. Nabokovs Roman „Ada“ beginnt, – natürlich in Anspielung auf Tolstoi -, mit der Gegenthese. Alle unglücklichen Familien gleichen sich, aber jede glückliche Familie ist auf ihre eigene Art glücklich. Ich neige eher zu Nabokovs Auffassung, weil m.E. Glück komplexer ist als Unglück. Ich bevorzuge aber selbst eine dritte These: Keine Familie gleicht der andern, weder die glücklichen, noch die unglücklichen. Diese These wäre zu ergänzen durch die Feststellung: Gleichzeitig dauerhaft und restlos glückliche Familien gibt es gar nicht. Dasselbe gilt für Paare.

Es gibt keine ideale Familie und auch kein allgemeingültiges Familienideal. Der seinerzeit berühmte Schweizer Kinderbuchklassiker „Wir Turnachkinder“ basiert auf einer real existierenden Familie, nämlich der Familie Bindschedler in Zürich. Interessant ist, dass sich tatsächlich keines der „Turnachkinder“ später in einer eigenen Familie fortgepflanzt hat. Bei der idealen Familie schwindet offenbar der Anreiz zur Fortsetzung.

Jede nichtideale Familie macht wieder andere Fehlerkombinationen und begeht eigene alte und neue Irrtümer. So bleibt der Lernprozess durch Wettbewerb um die erfolgreichsten Familienstrategien bzw. Familienfluchtstrategien stets offen. Private Vielfalt tritt an die Stelle von staatlich geförderter Einfalt. Das ist eine grosse Chance für die Entwicklungs- und Lernfähigkeit einer letztlich doch auf Familien basierenden Gemeinschaft.

Die Familie ist die Schule des Lebensunternehmertums, die Brutstätte der kreativen Dissidenz, der Rahmen für die Zähmung von Auswüchsen, sowie die Kleinbühne des Generationen-und Geschlechterkonflikts und der Kombination von Rivalität und Solidarität unter Geschwistern. Sie ist ein Laboratorium, in dem mit Formen des Zusammenlebens und Kommunizierens experimentiert werden kann.

Konservative Väter und revoltierende Söhne

In der Menschheitsgeschichte haben in konservativen Phasen die starken Väter die schwachen Söhne geopfert, entweder buchstäblich oder durch rigorosen Anpassungsdruck. In revolutionären Phasen haben die erstarkenden Söhne die schwächelnden Väter umgebracht, ebenfalls buchstäblich oder im übertragenen Sinn.

„Im Frieden begraben die Söhne die Väter, und im Krieg die Väter die Söhne“ (Herodot). Kulturelle Fortschritte werden möglich, wenn sich Väter und Söhne versöhnen, zu Partnern und zu Freunden wurden und einen friedlichen Erfahrungsaustausch pflegen. Das ist die Alternative zur These, dass entweder die Väter oder die Söhne zum Opfer werden müssen.

Der Mythos des Vatermordes einerseits und des Sohnesopfers (bzw. das Auffressen der Kinder) anderseits gehört zum Menschheitserbe der Mythologie. Der griechische Gott Kronos verschlang seine Kinder, um das Risiko des Gestürztwerdens zu vermeiden. Zeus, der einzige Sohn, der durch seine Mutter heimlich gerettet werden konnte, hat ihn dann auch tatsächlich gestürzt. Der im letzten Moment vermiedenen Sohnesopferung im Alten Testament (Abraham und Isaak) steht die tatsächlich vollzogene Sohnesopferung im Neuen Testament gegenüber.

Der am Kreuz vollzogene Opfertod des Gottessohnes im Neuen Testament ist allerdings nicht das „Ende der Geschichte“. Die Opferung erfolgt im Einverständnis mit dem Opfer. Die Basis des Christenglaubens ist die Auferstehung und die anschliessende Erhebung des Sohnes zum Weltenrichter, der „zur Rechten des Vaters sitzt“ und nach der Trinitätslehre sogar „eins ist mit ihm“. Es gibt also für gläubige Christen im Grundkonflikt zwischen Vater und Sohn letztlich eine glückliche Vereinigung. Dies ist m.E. ein Wendepunkt der Menschheitsgeschichte, weil es mindestens in der christlichen Tradition die Dialektik der abwechslungsweisen Vater- und Sohnesopferung unterbrochen hat. Der Wahn, man müsse und man könne übernatürliche Mächte durch Opfer versöhnen oder wohlgesinnt machen wurde durch die „Frohe Botschaft“ der Überwindung des Opferkultes überwunden. Die Aussöhnung unter freiwillig teilenden und offen mitteilenden Menschen tritt an die Stelle der grausamen und sinnlosen Opfer. Die Versöhnung zwischen den Generationen wird auch für das Verhältnis der Menschenkinder und zu ihrem Vatergott exemplarisch.

In der „Bürgschaft“ von Schiller, kommt es nicht zum angedrohten stellvertretenden Opfertod des Bürgen. Der Vater-Tyrann schliesst, beeindruckt durch die Freundes- und Vertragstreue, seinen Frieden mit dem potentiellen Tyrannentöter. Der Täter hätte seinen Tyrannenmord-Versuch (in deutlicher Anspielung an das Neue Testament), „am Kreuze bereuen“ sollen! Der Vater-Tyrann verzichtet auf die Kreuzigung und schliesst mit seinem potentiellen Mörder Frieden. Er stellt das Prinzip Freundestreue (pacta sunt servanda) über das Prinzip der Rache und will „im (neuen) Bunde der Dritte“ sein – eine deutliche Anspielung an die Trinitätslehre. Frieden entsteht durch Racheverzicht, Versöhnung und Freundschaft. Das ist die skizzierte Problemlösung des klassischen Idealisten Schiller in seiner „Bürgschaft“.

Eine andere Sohnesopfer- und Versöhnungsgeschichte gibt die ebenfalls von Schiller verwertete Sage von Tells Apfelschuss wieder. Der Vater riskiert das vom Tyrannen befohlene potentielle Sohnesopfer. Der Sohn vertraut auf das Können des Vaters und zeigt sich kooperativ, also vertrauend und gehorchend. „Dein Wille geschehe“. Das Opfer findet nicht statt, weil der Vater den Test besteht. Der Sohn zweifelt keinen Moment am Können und an der Treffsicherheit des Vaters. Er verhält sich darum adaptiv und nicht dissident. Der Vater hätte seinerseits, wenn es zum „Sohnesopfer“ gekommen wäre, nicht gezögert, sofort zum Tyrannentöter zu werden. Tatsächlich kommt es ja später in der „Hohlen Gasse“ doch noch zum Tyrannenmord. Darum ist das Schauspiel mindestens teilweise revolutionär. Zwischen Vater Tell und Sohn Walter gibt es allerdings keine Konflikte. Der Sohn lässt sich von seinem Vater in einem längeren Dialog („Vater, ist’s wahr…?“) staatsbürgerlich belehren. Mehr Anlehnung als Auflehnung. Die intergenerationelle Aussöhnung von Vater Tell und Sohn Walter wird in der Folge allerdings dadurch getrübt, dass die Mutter Hedwig dem Vater Tell die riskierte Opferung des Sohnes letztlich nicht verzeihen kann. Dies ist ein wichtiges Detail. Die Frauen (Gertrud, Berta und Hedwig) spielen im Wilhelm Tell die entscheidende Rolle der „kreativen Dissidenz“.

Der Weg zur Zivilisation führt vom Kampf zur Versöhnung durch Kommunikation und Vertrauen. Der innerfamiliäre Generationenvertrag ist eine „Eidgenossenschaft“ im Kleinen. Doch die Versöhnung zwischen Mann und Frau kann nie vollkommen gelingen.

Analoges, aber vielleicht noch Komplexeres, gilt auch für den Konflikt zwischen Töchtern und Müttern und Töchtern und Vätern, sowie zwischen Söhnen und Müttern. Auch dazu gibt es, wie Peter von Matt in der eingangs erwähnten Essaysammlung exemplifiziert hat, nicht nur in der Literatur, sondern in abertausenden von Familiengeschichten unendlich viel Stoff.

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