«Es war ein Wunschkind»

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(Fokus – Hauszeitung der Stiftung Ostschweizer Kinderspital – Nr. 2/2012 – Seite 5-6)

Die Entwicklung des Kinderschutzzentrums St.Gallen

Robert Nef,
Präsident Kinderschutzzentrums-Kommission

Jubiläen von Institutionen werden oft mit Geburtstagen verglichen. Wenn ich jetzt auch beim Kinderschutzzentrum St.Gallen von dieser Analogie ausgehe, so macht es durchaus Sinn, zunächst einmal die «vorgeburtliche Phase» unter die Lupe zu nehmen. In der neueren Kinderpsychologie findet ja diese Zeitspanne eine immer grössere Beachtung. Der Beginn dieser Phase reicht beim Kinderschutzzentrum weit zurück und ein eigentlicher Zeugungszeitpunkt ist nicht mehr zu eruieren, so wenig wie die Mütter und Väter der Idee. Es waren mehrere, und ich erwähne nur vier Personen: Franziska Knoll-Heitz, die langjährige rührige Präsidentin des Vereins für das Kind, ihre Nachfolgerin Erika Forster-Vanini, Dr. Hermann Städeli, Leiter des Kinder- und Jugendpsychiatrischen Dienstes und Theres Engeler.

Dornenreicher Weg

Der Schreibende hat als Student in den 60er Jahren des letzten Jahrhunderts in Zürich erstmals den Begriff «Schlupfhuus» gehört, als ein Herr Schaltegger einige junge Leute um sich scharte und für seine Idee begeistern wollte. Sie konnte dann aus verschiedenen Gründen nicht realisiert werden. Wie so oft, ist der Weg von der zündenden Idee bis zur Realisierung viel länger und mühsamer als sich das die Idealisten vorstellen, was aber niemanden davon abhalten sollte, neue Ideen zu lancieren.

«Schwierigkeiten sind da, um überwunden zu werden.»

Und es gibt für mich rückblickend überhaupt keinen Grund zur vorzeitigen Resignation. Auch die Stiftung Ostschweizer Kinderspital hat übrigens eine sehr lange und dornenvolle Vorgeschichte.

Selbst wenn die Mütter und Väter des Kinderschutzzentrums nicht mehr zu bestimmen sind, eines steht fest: Es war ein Wunschkind. Niemand war wirklich dagegen.

«Die Schwierigkeiten bei der Realisierung bestanden eher darin, dass alle ganz vorne mit dabei sein wollten.»

Niemand hatte aber den Mut zu sagen: «Ja das machen und finanzieren wir jetzt, auch wenn noch nicht alle möglichen Friktionen beseitigt sind.» Ich erinnere mich gut an eine Sitzung beim kantonalen Departement des Innern, wo ein Konzept diskutiert wurde, das von drei bis fünf im ganzen Kanton verteilten Kinderschutzzentren ausging. Als überzeugter Non-Zentralist war mir das Konzept grundsätzlich nicht unsympathisch. Ich rief aber in Erinnerung, dass ein Kinderschutzzentrum mit der Möglichkeit der Krisenintervention nur Sinn mache, wenn es «rund um die Uhr» zugänglich und auch während Ferien und vor allem an Feiertagen offen sei.

Als Sohn eines Kinderarztes konnte ich mich erinnern, wie viele – vor allem psychosozial bedingte Notfälle – gerade über die Weihnachtstage einen Notruf an den «Herr Tokter» auslösten. Es gab kaum eine Weihnachtsfeier, an der mein Vater nicht zu einem Notfall gerufen wurde.

Suche nach Trägerinstitution

Ein «Rund um die Uhr Betrieb», so argumentierte ich, bedinge bei einer minimalen Besetzung durch drei Fachpersonen mit Achtstundentag je sieben bis neun Vollzeitstellen, die man dann mit der Anzahl der geplanten Kinderschutzzentren multiplizieren müsse.

Ich mag etwas übertrieben haben, aber die Zahl machte Eindruck und war Wasser auf die Mühle einer zentralen Lösung in St.Gallen. Wer aber sollte die Trägerinstitution sein? Ich argumentierte auch wieder praxisbezogen mit den «Öffnungszeiten». Sinnvollerweise komme nur die Kombination mit einer Institution in Frage, die ohnehin Tag- und Nachtbetrieb und Pikettdienst kenne. Ich erwähnte drei Institutionen, die das anbieten: die Feuerwehr, die Alarmzentrale der Polizei und der Notfalldienst eines Spitals.

Kinderspital ausgewählt

Obwohl bei den aus dem Sozialbereich stammenden Befürworterinnen des Kinderschutzes das Spital als «Mutterhaus» nicht besonders beliebt war, weil man die «Medizinalisierung» sozialer Probleme befürchtete, gab man dann der Lösung «Kinderspital» vor der Lösung «Feuerwehr» und der «Alarmzentrale der Polizei» den Vorrang.

«Eine völlig eigenständige Lösung wurde nicht mehr in Erwägung gezogen.»

Obwohl andere Lösungen theoretisch möglich waren, wurden diese nach meinen eher humoristisch gemeinten Alternativvorschlägen gar nicht mehr in Erwägung gezogen, ganz einfach weil niemand da war, der innert nützlicher Frist eine entsprechende personelle, bauliche und finanzielle Infrastruktur aus dem Boden gestampft hätte. Die Behauptung, es gebe keine Alternative ist in der Politik zwar zunehmend beliebt, aber sie stimmt einfach nicht. Man merke: «Es geht immer auch anders» (Thomas Mann*). Aber man muss in der entscheidenden Situation die Nachteile von Alternativen möglichst drastisch schildern können.

Grosser persönlicher Einsatz

Die jetzt erfolgreich realisierte Lösung, das Kinderschutzzentrum St.Gallen unter dem institutionellen Schutzdach der Stiftung Ostschweizer Kinderspital zu betreiben, wäre natürlich nicht möglich gewesen, wenn sie nicht von der damaligen Spitalkommission unter Leitung von Dr. Werner Hagmann und vom Vorsitzenden der Spitalleitung, Johannes Seitz, mit Feu sacré aktiv mitgetragen worden wäre und wenn wir nicht das Glück gehabt hätten, Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter zu finden, die ihre anspruchsvolle Aufgabe tatsächlich von Tag zu Tag und von Stunde zu Stunde mit grossem persönlichem Einsatz, und – hoffentlich – auch mit persönlicher Befriedigung erfüllen.

Mit Zuversicht in die Zukunft

Dass in der jetzt 10-jährigen Institution ein guter Geist weht, konnte ich an der schönen Personalfeier im Botanischen Garten aktiv miterleben. Ein aktiver und lernbereiter Mensch bleibt immer ein wenig Kind und ein wenig Anfänger, und wir stehen immer wieder an neuen Anfängen, aber wenn der Anfang gut war, darf man der weiteren Entwicklung mit Dankbarkeit und Zuversicht entgegensehen.


* deutscher Dichter, Literaturnobelpreisträger (* 6. Juni 1875 in Lübeck; † 12. August 1955 in Zürich)

Fokus – Nr. 2/2012 – Seite 5-6

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