Roland Baader und die Wissenschaft: Die Poesie des Schwerts

(Eigentümlich frei Nr. 120, Seite 24-26)

Über einen, dem zu Lebzeiten die Ehrung verweigert wurde

Der Autor und ef-Redaktionsbeirat war langjähriger Leiter des Liberalen Instituts Zürich und ist derzeit Stiftungsratspräsident.

Roland Baader ist in seinem engeren Freundeskreis schon früh als herausragender Freiheitsdenker und als aktiver Kämpfer gegen freiheitsfeindliche Vorurteile und Irrtümer erkannt worden. Im akademischen Umfeld haben ihn die freiheitsfreundlich eingestellten Fachkollegen als „Autor populärwissenschaftlicher Werke“ zwar durchaus wohlwollend wahrgenommen, aber letztlich nicht als adäquaten Gesprächspartner akzeptiert. Die linken Intellektuellen, die er in fast jedem Text offen attackierte, haben ihn entweder gar nicht beachtet oder sie haben auf eine differenzierte Auseinandersetzung verzichtet. Roland Baaders publizistisches Werk hat zwar eine größere und auch begeisterte Leserschaft gefunden und zahlreiche zustimmende Rezensionen ausgelöst, aber es hat ihm keine akademischen Ehrungen beschert. Als potenzieller Preisträger ist er zwar immer wieder nominiert, aber letztlich doch nie gewählt worden. „Zu polemisch“, „zu staatsskeptisch“, „zu wenig differenziert“, „zu wirklichkeitsfremd“ lauteten die Argumente, die ich in zahlreichen Diskussionen selbst miterlebt habe, und die ich ohne Erfolg immer wieder zu entkräften versuchte.

Wer heute im Internet die positive Würdigung verfolgt, mit der eine vorwiegend jüngere Leserschaft auf seinen Tod reagierte, gelangt, wenigstens was die Tugend der Differenziertheit betrifft, zu einem anderen Urteil. „Wer gar zuviel bedenkt, wird wenig leisten“, sagt Tell bei Schiller. Vielleicht sind viele liberale Publikationen heute gerade zu wenig angriffslustig, zu wenig kompromisslos und zu wenig staatsskeptisch, als dass sie eine jüngere Leserschaft noch zu überzeugen vermöchten. Zuviel „Sowohl-als-auch“, zu wenig „Entweder-oder“, zuviel Liberalismus mit Adjektiven und zu wenig Liberalismus als radikale Zwangs-, Fremdherr- schafts- und Machtkritik.

Roland Baader lebt in seinen Schriften weiter, und möglicherweise wird das, was man zu seinen Lebzeiten als Schwäche bezeichnet hat, zur eigentlichen Stärke. Er ist mit zunehmendem Alter nicht milder geworden, und er hat – um eine Metapher aus einem seiner plakativen Buchtitel zu verwenden – als liberaler Wolf keine Kreide gefressen, um sozialverträglicher, parteitauglicher und preiswürdiger zu werden und mehr Anhänger zu gewinnen. Ihm waren wenige echte Freunde lieber als eine große Zahl von Schulterklopfern und Händeschüttlern. Lobreden waren ihm verhasst, und ich vergesse nie, wie dankbar er auf Kritik reagierte, wenn man ihn auf gelegentliche Schwachstellen seiner Argumentation aufmerksam machte.

Wer nach Gründen für seine doch recht selektive und einseitige Rezeption sucht, findet sie zunächst in seinem Temperament und in seinem Stil. Ich habe Roland Baader verschiedentlich als Referent zu Veranstaltungen vor durchaus liberalem Publikum eingeladen, und musste nachher immer wieder die Kritik anhören, da sei wieder einmal maßlos übertrieben worden, und so schlimm sei doch das alles gar nicht. Man dürfe den Staat nicht derart einseitig an den Pranger stellen, und ein vernünftiger Liberalismus sei doch letztlich auf einen starken Staat angewiesen. Wer den Markt nicht als spontanen Prozess, sondern als eine „Veranstaltung des Staates“ deutet (das tun viele Ordoliberale, aber ich widerspreche ihnen), kann mit Roland Baaders Staatsschelte wenig anfangen. Schweizer Freiheitsfreunde haben zudem eine historisch verankerte positive Einstellung zum Staat. Er wird von vielen immer noch als direktdemokratisch verfasste Eidgenossenschaft erlebt und nicht als Herrschaftsapparat, in dem eine Obrigkeit den Untertanen immer mehr Vorschriften macht, einen immer größeren Anteil des Verdienstes wegsteuert und – auf Pump – Renten verteilt.

Roland Baader ging es nicht um wissenschaftliche Anerkennung, sondern um jene Glaubwürdigkeit, die nach der Beseitigung von ideologischen Scheuklappen, von allgemeinen Vorurteilen und tonangebenden Irrlehren übrigbleibt. Baader sah sich als „Rufer in der Wüste“, in der bei einer Mehrheit der blinde Glaube an den Staat als Garant der Gerechtigkeit und als Quelle des Wohlstandes vorherrscht. Dagegen hat er angekämpft und dabei nicht locker gelassen.

Am liebsten diskutierte Baader im kleinen Kreis, bei einem Glas Wein und – wenn möglich – bis in die Morgenstunden hinein. Dann verschob sich die politische Diskussion oft auf die philosophische Ebene, etwa auf die Grundfrage, ob Freiheitsfreunde eher ein pessimistisches oder ein optimistisches Welt- und Menschenbild hätten. Mit dem von mir in die Diskussion geworfenen Fontane-Zitat „Was wir in Welt und Menschen lesen, ist nur der eigene Widerschein“, forderten wir uns einmal gegenseitig zu persönlichen Stellungsnahmen heraus. Die bequeme Antwort „Sowohl als auch“ blieb ausgeklammert. Roland Baader sah aus deutscher Sicht viele Gründe zu einem abgrundtiefen Pessimismus.

Ist die Geschichte der Menschheit letztlich eine unendliche Kriminalgeschichte mit notwendigerweise tragischem Ausgang? Oder ist sie eine Heilsgeschichte?

„Früher oder später knallt das alles an die Wand“ – meinte er. Als eher realitätsbezogener Schweizer Non-Zentralist entgegnete ich, es sollte doch möglich sein, in vielen kleinen Schritten die Vorzüge von „Mehr Freiheit – weniger Staat“ erlebbar zu machen und daraus kollektive Lernprozesse zu entwickeln. Den „geordneten Rückzug aus Fehlstrukturen“ nenne ich die strategische Operation, die eher vom Geist der Evolution als vom Geist der Revolution inspiriert ist. Meinen Glauben an eine schrittweise Sanierungsmöglichkeit falscher Politik nannte Roland Baader naiv, während ich seine Hoffnung, nach einem „großen Knall“ würde man die konsequenten Freiheitsfreunde als Staatsabschaffer ans Ruder lassen, ebenfalls naiv nannte. War er ein Apokalyptiker, der die „große Pleite“ vorausahnte? Oder sind seine Appelle eher als Warnungen zu verstehen, die eine „große Pleite“ noch vermeidbar machen?

Sicher ist, dass Roland Baader als engagierter Verteidiger eines marktwirtschaftlichen Kapitalismus mit dem real existierenden Kapitalismus in den USA wenig am Hut hatte. Dieser Kapitalismus dient zwar den Kapitalismuskritikern aller Parteien als Feindbild, er liefert aber bei näherer Betrachtungsweise keine Argumente gegen eine auf Freihandel, friedlichem Tausch und freier Kommunikation beruhende globale Zivilgesellschaft. Die USA sind das Opfer einer komplexen Verstrickung von Big Business mit Big Government und dem militärisch-industriellen Komplex, und sie leiden unter dem Monetarismus, den Roland Baader in seinen letzten Schriften konsequent als „Geldsozialismus“ bezeichnet hat.

Einig waren wir uns mit Hayek, dass die Evolution aus vielen kleinen Revolutionen besteht, aus einer ständigen Neukombination von Entdeckungen und neuen Erfindungen. Darum werden Revolutionen am besten in politischen Kleinexperimenten getestet. Die Gefahr eines Umkippens in einen neuen kollektiven Irrtum kann so verringert werden. Wie optimistisch ein Freiheitsfreund als Idealist sein darf und wie pessimistisch er als Realist sein muss, blieb in diesem Gespräch offen.

Wie so oft kamen wir nach den philosophischen auf die dahinter stehenden religiösen Fragen. Ist die Geschichte der Menschheit letztlich eine unendliche Kriminalgeschichte mit notwendigerweise tragischem Ausgang? Oder ist sie eine Heilsgeschichte, die im Paradies mit einer Harmonie von Gott, Mensch und Natur beginnt und die durch den Sündenfall menschlicher Anmaßung einen Riss bekommt? Wie glaubwürdig ist eine Heilung dieses Risses durch den Glauben an Kreuzigung und Auferstehung? Kann eine letztlich doch auf Gewalt und Zwang basierende politische Ordnung schrittweise durch eine auf Tausch und Sympathie basierende spontane Ordnung abgelöst werden?

Und wie steht es mit dem „Jüngsten Gericht“, das als große Abrechnung mit der real existierenden Menschheit in Aussicht gestellt wird? Pessimisten halten ihr tägliches „jüngstes Gericht“ nach eigenen Normen und eigenen Maßstäben ab. Optimisten sehen die Entwicklung als spontane Ordnung, in der eine „unsichtbare Hand“ wirkt, für gläubige Christen die Hand Gottes. In der biblischen Betrachtungsweise ist die Menschheitsgeschichte ein Prozess, der nicht in einem Desaster der Selbstvernichtung endet. Der Mensch wird zwar nach der Erzählung des ersten Buchs der Bibel aus eigener Schuld aus dem Paradies der Harmonie mit der Natur vertrieben. Im letzten Buch der Bibel, der Offenbarung des Johannes, wird ihm aber eine „neue Heimstätte“ verheißen: eine leuchtende Stadt als Zentrum der Kultur. In der uns heute schwer zugänglichen, bilderreichen Sprache der Bibel ist von einer Stadt die Rede „in der es keinen Tempel gibt, weil Gott selbst dort wohnt“ und in der die Straßen „aus reinem Gold, klar und durchsichtig wie Glas“ gebaut sind. Diese Stadt ist aus christlicher Sicht das Ziel der Heilsgeschichte: Straßen als Kommunikationswege aus reinem Gold – ganz im Sinne von Baaders Vorliebe für Gold als Basis einer gesunden Währung. Also doch: Grund zum langfristigen Optimismus!

Von Wilhelm Busch stammt die lapidare Kurzfassung einer kritisch-rationalen Erkenntnistheorie. „Nur was wir glauben, wissen wir gewiss.“ Sie gibt sowohl den Wissenden, die zu wissen glauben, als auch den Glaubenden, die den Glauben für ein Wissen halten, zu denken. Roland Baader war ein gläubiger Katholik, ich bin ein bekennender Protestant im ursprünglichsten Sinn. Das war für uns kein Grund, das Religiöse aus Diskussionen auszuklammern. Ein Glaubender, der den Mut nicht hat, auch sich selbst religions- und konfessionskritische Fragen zu stellen, wird zum Dogmatiker.

Roland Baader hat sich stets als Schüler von Friedrich August von Hayek bezeichnet, sein Lieblingsökonom und sein großes Vorbild war aber Ludwig von Mises, übrigens ein bekennender Agnostiker. In dem von ihm herausgegebenen Ludwig-von-Mises-Brevier mit dem Titel „Logik der Freiheit“ schließt Baader sein Vorwort mit einer ganz persönlichen Empfehlung. „Wer in seinem Leben nur ein einziges Buch über Freiheit, Markt und Liberalismus lesen kann oder will, der möge dafür das Mises-Werk von 1927 ‚Liberalismus’ wählen.“

Die Österreichische Schule begründet nicht primär eine ökonomische Theorie, sie vertritt einen Ansatz, der zu größter Bescheidenheit zwingt: zum Sokratischen „Ich weiß, dass ich nichts weiß“.

Im gleichen Vorwort dankt Baader allen, die sich dafür verwenden, „dass diese Stimme im ordnungspolitisch verwahrlosten Deutschland wieder vernehmbar geworden ist, in einem Deutschland, das trotz des weltweiten Scheiterns sämtlicher Varianten des Sozialismus einem sozialpolitisch
verbrämten Dreiviertel-Sozialismus anhängt.“ Das Vorwort beginnt mit einem Satz, der wie ein Grabspruch tönt: „Sein ganzes Leben stand Ludwig von Mises als Fels wider die Brandung des Zeitgeistes.“ Bestimmt schwingt da auch eine gewisse Identifikation des Brevier-Herausgebers mit dem von ihm bewunderten Autor mit.

Die konsequente Berufung auf die Österreichische Schule der Nationalökonomie ist ein weiterer Grund für die Außenseiterrolle, die Baader als einer ihrer prominenten Vertreter und Popularisierer in der aktuellen wirtschaftstheoretischen und wirtschaftspolitischen Diskussion gespielt hat.

Ein zentrales Anliegen dieser ökonomischen Denkschule ist inzwischen zum Allgemeingut geworden. Die sowohl von Adam Smith als auch von Karl Marx vertretene Arbeitswertlehre gilt allgemein als falsifiziert und überholt, und die von der Österreichischen Schule vertretene subjektive Wertlehre hat sich außerhalb eines kleineren Kreises von konsequent planwirtschaftsgläubigen sozialistischen Dogmatikern allgemein durchgesetzt. Ob daraus immer die richtigen Konsequenzen gezogen werden, bleibe dahingestellt. Die Vorstellung von streng wissenschaftlich und voraussetzungslos objektivierbaren ökonomischen Werten und damit auch von wissenschaftlich berechenbaren und gerechten Preisen, spukt immer noch in vielen Köpfen herum.

Die „Österreichische Schule“ begründet aus meiner Sicht gar nicht primär eine ökonomische Theorie, sie vertritt einen allgemeinen erkenntnistheoretischen Ansatz, der zu größter intellektueller Bescheidenheit zwingt: zum Sokratischen „Ich weiß, dass ich nichts weiß“. Mit Bescheidenheit aber lassen sich auf dem Markt der wissenschaftlichen Eitelkeiten wenig Meriten verdienen und auf dem Markt der professionellen Wirtschafts- und Politikberatung erst recht nicht. Was dort gefragt ist, ist die Anmaßung von Wissen und vor allem von Vorauswissen, koste es was es wolle.

Die heutige Sozialwissenschaft hat sich weitgehend von der Erkenntnistheorie verabschiedet, betreibt empirische Forschungen und entwickelt nach dem „Wenn-dann-Schema“ mathematische Modelle. Mehr oder weniger bewusst knüpft man dabei an das „emanzipatorische Wissenschaftsverständnis“ der Frankfurter Schule an, das auf der Hoffnung basiert, mit dem Fortschritt der Analyse des Seins könne man
auch erkennen, welches Sollen daraus abzuleiten sei. Auf den materialistischen Ausgangspunkt des 19. Jahrhunderts gebracht bedeutet dies: Das Sein bestimmt das Bewusstsein. Das nennen die Kritiker zurecht den „naturalistischen Fehlschluss“, dem man zwar theoretisch mit einer hypothetischen Wenn-dann-Argumentation entgehen kann, der aber in der populären Wahrnehmung trotzdem zu einer Verwechslung von plausibel verfochtenen Hypothesen mit gefestigtem Wissen verleitet, selbst wenn der Hinweis „nach derzeitigem Stand“ nicht fehlt.

Die Gegenposition, dass die Entwicklung durch einen niemals abzuschließenden Wettbewerb um die Entlarvung populärer Irrtümer und um die Beseitigung tief verwurzelter Vorurteile gesteuert wird, und dass dadurch effektiv der jeweils besten und nützlichsten Idee zum Durchbruch verholfen werden kann, ist im 20. Jahrhundert in verschiedenen sozialwissenschaftlichen Disziplinen parallel entwickelt worden. Offenheit, Vielfalt und Freiwilligkeit und ein nicht von äußeren Zwängen bestimmter Tausch sind die Voraussetzungen einer friedlichen, prosperierenden Zivilgesellschaft.

Leider haben sich die Bannerträger der Achtundsechziger-Bewegung auf den schon damals veralteten „emanzipatorischen Wissenschaftsbegriff“ versteift, und das eigentliche Gegenmodell, das unter anderem von der „Österreichischen Schule“ vertreten wird, harrt noch der allgemeinen Anerkennung. Roland Baader hat wie kein anderer die „Österreichische Schule“ allgemeinverständlich in den Zusammenhang mit den aktuellen Herausforderungen unserer Zeit gebracht. Er braucht eine aktive und kritische Leserschaft, die weiterdenkt und die den Mut hat, als Fels in der Brandung des jeweils vorherrschenden Zeitgeistes zu stehen.

Auf dem Sockel des Heine-Denkmals in Hamburg wird ein Ausschnitt aus Heines „Reisebildern“ zitiert. Er hat sie 20 Jahre vor seinem Tod formuliert. Ich weiß nicht, ob Roland Baader Heine gelesen und geschätzt hat, aber ich zögere nicht, diesen persönlichen Nachruf auf einen Freund mit dem folgenden Zitat abzuschließen. Was Heine zu seiner Poesie sagt, gilt analog für die stets angriffslustige und mutige Baadersche Prosa: „Ich weiß wirklich nicht, ob ich es verdiene, dass man mir einst mit einem Lorbeerkranze den Sarg verziere. Die Poesie, wie sehr ich sie auch liebte, war mir immer nur heiliges Spielzeug oder geweihtes Mittel für himmlische Zwecke. Ich habe nie großen Wert gelegt auf Dichterruhm, und ob man meine Lieder preiset oder tadelt, es kümmert mich wenig. Aber ein Schwert sollt ihr mir auf den Sarg legen; denn ich war ein braver Soldat im Befreiungskriege der Menschheit.“

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