Gold, Geld und Glück

Dieser Text ist eine überarbeitete und erweiterte Fassung des Beitrags zum Sammelband „Der Liberalismus – eine zeitlose Idee“, Festschrift zum 60. Geburtstag von Gerhard Schwarz, S. 223 – 230, München 2011, Olzog Verlag

Der Versuch der Versachlichung von persönlichen Beziehungen ist eine der Grundlagen einer kapitalistisch-marktwirtschaftlich arbeitsteiligen Wirtschaft. Gerade wer die Subjektivität aller Wertvorstellungen anerkennt und akzeptiert, ist unter kommunizierenden Menschen auf ein Tauschmittel angewiesen, das zu dem unter den Tauschwilligen gegenseitig akzeptierten materiellen Wertmassstab wird. Damit sind wir beim springenden Punkt, beim Geld und beim Gold.

Versachlichung und Vertrauen

Unter Versachlichung versteht man zunächst mit guten Gründen etwas Positives. Wer versachlicht, erhöht die Objektivität und macht damit etwas verallgemeinerungsfähiger. Wer versachlicht, löst etwas ab von Personen, auch von der eigenen Person. Was versachlicht ist, wird isoliert und damit übertragbar und transportierbar.

Aber auch entpersönlichte Produkte basieren auf Verhältnissen zwischen Personen. Und da sich das Vertrauen in erster Linie zwischen Personen entwickelt, kann Entpersönlichung auch zu Vertrauensschwund oder zu falschem Vertrauen führen. Was ent-persönlicht wird, wird anonymisiert und in verschiedener Hinsicht weniger vertrauenswürdig. Die Befolgung des Im Geschäftsleben und auch beim Medienkonsum unverzichtbaren Grundsatzes „Trau, schau wem!“, wird dabei erschwert.

König Midas und der Hunger nach Gold

Der, je nach Übersetzung, heilige oder verfluchte Hunger nach Gold (auri sacer fames) hat schon Vergil in seiner Aeneis beschäftigt. Noch älter ist aber die Sage von König Midas, die nicht nur das Problem, sondern auch einen bedenkenswerten Lösungsansatz beschreibt. Die Sage führt zunächst den Drang zur Versachlichung und den gleichzeitig heiligen und verfluchten Hunger nach Gold vor Augen und endet gleich in der Geburtsstunde des Kapitalismus beinahe in einer tödlichen Katastrophe.

Dass Geld, das, nach Rousseau, wenn man es besitzt, das Mittel zur Freiheit, wenn man ihm nachjagt, das Mittel zur Knechtschaft ist, hat offensichtlich ein Suchtpotential. Die Midas-Sage hat sehr viel mit Gold und Geld und Geldgier zu tun, und sie ist zeitlich auch in jener Epoche (5. Jahrhundert v. Chr.) entstanden, in der es beim Händlervolk der Griechen zu einer ersten Blüte der Geldwirtschaft kam.

Die Kurzfassung der Sage, sei hier gleich in Verbindung mit einer sehr persönlichen Deutung wiedergegeben. Die Sage enthält nämlich nicht nur eine ausserordentlich tiefsinnige Kritik an einer schrankenlosen Vermehrung des materiellen Vermögens, sondern auch eine bemerkenswerte Gegenstrategie.

Dem König Midas ist es gelungen einen Satyrn zu fangen, ein Fabelwesen, halb Ziegenbock halb Mann. Midas hat das triebhafte, ungezügelte, trinkfreudige Naturwesen gefangen und gefesselt, d.h. es ist ihm gelungen, Naturkräfte, Emotionalität und Spontaneität wenigstens auf Zeit zu beherrschen und den Wunsch nach sofortiger Befriedigung aufzuschieben. Mit anderen Worten: er hat durch die Fesselung der Triebe, das Prinzip des Leistens und des Sparens, die Grundlage der auf Kapital basierenden Wirtschaft entdeckt.

Der Satyr bittet nun um seine Freilassung, und der König will als frisch gebackener homo oeconomicus dafür eine Gegenleistung. Als Entgelt dafür, dass er den gefesselten Satyrn schliesslich wieder frei lässt, darf er sich etwas wünschen. Midas, der Frühkapitalist, äussert den verhängnisvollen Wunsch, dass sich in Zukunft alle Dinge, die er berührt, in Gold verwandeln sollen.

Erst als der Wunsch in Erfüllung geht, merkt er, dass er gar nicht mehr leben kann, weil auch alle Lebensmittel zu Gold werden. Was er sich gewünscht hat, ist nichts anderes als eine totale Versachlichung jeder Art von Beziehung zur dinglichen Aussenwelt. Er hat alles auf einen einzigen materiellen Punkt gebracht, auf die endlose Vermehrung seines Vermögens. Alle Dinge verwandelten sich in ein einziges wertvolles Material, das zwar seit Menschengedenken einen hohen Tauschwert aber keinen Gebrauchswert hat. Der Wunsch wurde somit zum Fluch.

Der Mensch, der das Sparen, den Befriedigungsaufschub, entdeckt hat, läuft Gefahr, dass er seine ganze Umwelt nur noch unter dem Gesichtspunkt des Tauschwertes in Gold bzw. in Geld wahrnimmt. Er entwickelt eine Gier nach Geld und koppelt sich damit von den natürlichen Lebensfunktionen ab, d. h. er verhungert und verdurstet – buchstäblich oder im übertragenen Sinn – indem er einen einzelnen Aspekt der Realität verabsolutiert.Glücklicherweise nannte ihm aber der Satyr ein Gegenmittel, das ihn vom Wunsch bzw. vom Fluch, dass sich alles was er berührte in Gold verwandelte, befreien konnte. Es wurde ihm geheissen, in einen Fluss einzutauchen, um sich vom Fluch zu reinigen.

Ohne grosse Interpretationskniffe erkennt man im Fluss das Symbol der Zeit und des dauernden Wandels. Während die Verwandlung der Natur in Gold (durch Leistung und Konsumverzicht) die Realität auf ihrem Tauschwert reduziert und fixiert, hat das Eintauchen in den Strom der Zeit (das spontane Gewährenlassen und das Wieder-Zulassen natürlicher Triebe ) eine lösende und erlösende Wirkung. Zeit ist Geld, und Geld ist Zeit.

Aber Zeit lässt sich nicht restlos in Geld verwandeln und mit Geld kann letztlich Lebenszeit zwar möglicherweise intensiver genutzt aber per Saldo nicht verlängert werden. Auf den Zusammenhang von Zeit und Geld weist auch der vielsagende Schluss der Geschichte hin (der möglicherweise auch ihr Ursprung ist), dass nämlich der Sand des Flusses seit jenem legendären Bad (gewissermassen als Zins) Gold führt.

Soviel zum möglichen Fluch der Verabsolutierung von Geld und vom Segen des Zinses, der diese Versachlichung wenigstens körnchenweise gewährt, wenn man den Fluss der Zeit nutzt und nicht alles gleichzeitig fordert bzw. zurückfordert.

Was hat nun diese antike Sage von Midas mit dem heutigen Kapitalismus zu tun? Der versöhnliche Schluss mit dem durchaus produktiven körnchenweise (als Zins) goldführenden Strom verbietet die Deutung als antike Vorwegnahme einer radikalen Kritik der Geldwirtschaft und des Kapitalismus.

Die heilende Wirkung des Stroms der Liquidität und des Kredits unterstreicht vielmehr die Überlegenheit des dynamisch Vielfältigen: das Prinzip der schöpferischen Zerstörung und der unendlich komplexen immer wieder neuen Kombination von Optionen. Alles fliesst.(Heraklit).

Geld – ein unerschöpfliches Thema

Sicher spielt das Geld bei der Versachlichung von Verträgen eine entscheidende Rolle. Es bringt viele Beziehungen „auf den Punkt“. Auf welchen? Über Ursprung, Wesen und Zukunft des Geldes, sind zahlreiche Bücher und Abhandlungen geschrieben worden. Möglicherweise wird Geld überschätzt, und es wäre sinnvoller, ganz allgemein über Vermögen nachdenken.

Mit dem Thema Geld sind wir aber schon mitten drin im Streit um die Versachlichung von Verträgen. Gibt es Privateigentum an Geld, d.h. kann man mit Geld in der Tasche jene umfassende Herrschaft über eine isolierbare Sache gegenüber jedermann ausüben, oder ist Geld doch nichts anderes als eine Forderung? Wer das heutige Geld als Kredit bei der Notenbank deutet, wird es eher mit einem politisch abgesicherten Vertrag als mit Eigentum in Verbindung bringen.

Sachen sind für sich bestehende Dinge, die man ohne Zerstörung eines Gesamtzusammenhangs isolieren kann. Die Isolierbarkeit ist ein entscheidendes Merkmal der Sache und sie spielt bei der Versachenrechtlichung von Vertragsbeziehungen eine wichtige Rolle. Man möchte eine persönliche Schuldbeziehung isolieren und von den ursprünglichen Personen lösen: Verbriefen und als Wertpapier handelbar machen. Das sachgerechte Verbriefen und der richtige Umgang mit diesen Verbriefungen gehört im Finanzbereich zum Alltag. Die Versachenrechtlichung von immer komplizierteren Verträgen und der richtige Umgang damit ist also kein fernliegendes Thema.

Das Privatrecht als Traktandenliste des Liberalismus

Unsere Privatrechtsordnung ist als “Kommunikationsmuster” ein historisch gewachsenes Kulturgut ersten Ranges – vergleichbar etwa mit der Erfindung der Schrift oder gar der Sprache. Die Systematik liest sich wie eine Traktandenliste des Liberalismus:

Zuerst das Personenrecht als rechtliche Definition der Persönlichkeit, dann die juristische Personen als Gegenstand der rechtlichen Selbstorganisation, dann Ehe- und Familienrecht, Sachenrecht, Erbrecht, Obligationenrecht und Haftpflichtrecht, Handelsrecht und zuletzt Wertpapierrecht, bei dem letztlich Eigentum und Vertrag vernetzt werden.

Während das Erbrecht den Zusammenhang zwischen Person, Familie und Sachen herstellt und ein Überdauern von Willensakten ermöglicht, ist der Vertrag im Zusammenhang mit der Haftung das eigentliche Kernstück der Privatautonomie. Unterschätzt wird häufig der kulturhistorische und philosophische Stellenwert des Wertpapierrechts. Es schliesst den Kreis zwischen Person, Sache und Vertrag indem es die Versachlichung von vertraglichen Beziehungen ermöglicht und damit eine für die persönliche Freiheit wesentliche Funktion erfüllt.

Die Institutionen des Privatrechts bilden kein System, das Konfliktfreiheit garantiert. Als historisch gewachsene und immer wieder adaptierte und neu interpretierte Gesamtheit muss dieses System als “Traktandenliste der Privatautonomie” stets weiterentwickelt werden.

Vom Vertrag zur Sachherrschaft

Doch zurück zum Geld. Wenn Geld eine Sache ist, – was für eine Sache ist Geld? Eine Münze ist nicht spezifiziert, während eine Banknote bereits numeriert ist. Die Schweizer mögen Bargeld. Wer – natürlich aus gebührend diskreter Distanz – die Gesichtszüge von Geldautomatenbenützern studiert, stellt fest, dass die Verwandlung von Plasticgeld in Banknoten eine gewisse Befriedigung auslöst. Da kommt tatsächlich bares Geld aus dem Schlitz, und das ist nun „mein Geld“. Wer selbst diese Handlung schon einmal in Begleitung eines neugierigen Kindes vollzogen hat, weiss um die Schwierigkeiten, die mit der Erklärung dieses technisch an sich einfachen Vorganges verknüpft sind.

Tatsächlich spielt sich da etwas ab, das nicht nur mit einer komplexen elektronischen Infrastruktur, sondern auch mit einem erheblichen rechtstheoretischen und ökonomischen Erklärungsbedarf verbunden ist. Man löst Bestandteile seines Vermögens aus einem vertraglichen Netzwerk mit der Bank und dem Kreditkartenunternehmen heraus und verwandelt multilaterale Vertragsbeziehungen in eine räumlich isolierte Sache, deren Besitz man dann gegenüber jedermann geltend machen kann. Wo vorher lediglich Verpflichtungen zwischen Personengruppen waren, entsteht Eigentum, und man wird gegenüber jedermann uneingeschränkter Herr der Sache.

Bei der Versachlichung bzw. Versachenrechtlichung von Verträgen wird das Gewicht der zwei tragenden Säulen des Privatrechts (Eigentum und Vertrag bzw. Haftung) verlagert.

Bargeld als gemünzte Freiheit

Dabei entstehen plötzlich unendlich viele neue eigenständige Tauschmöglichkeiten: Bargeld ist tatsächlich gemünzte Freiheit, indem es dem Eigentümer alle Optionen eröffnet, die gegen Geld zu haben sind. Zudem werden die Spuren der Herkunft unterbrochen: eine Anonymisierung als Entpersönlichung und Versachlichung. Die Bezugsquelle des Geldes ist zwar häufig registriert, aber was in Zukunft dagegen getauscht wird, entzieht sich der elektronischen und damit auch der fiskalischen Fremdkontrolle.

Mit Bargeld (wie auch mit andern Inhaberpapieren) gerät ein Individuum buchstäblich „ausser Kontrolle“. Daher erstaunt es nicht, wenn heute ein von verschiedensten Bevormundungs- und Überwachungsinstanzen mit unterschiedlichsten Motiven ein eigentlicher Feldzug gegen die Barzahlung geführt wird. Da man in der Schweiz, anderes als in den USA, einige Mühe hat, den Konsumenten im Alltag die Verwendung von Bargeld abzugewöhnen, haben die Grossverteiler andere Formen der elektronischen Kontrolle des individuellen Konsumverhaltens entwickelt

Mit der Kundenkarte kann gegen die Gewährung kleiner Vergünstigungen der Konsum auch bei Barzahlung erfasst werden. Damit verliert der Kunde seine Anonymität. Viele mögen dies unbedenklich finden oder sogar eine Chance zur Verbesserung des Kundendienstes wittern. Andere nehmen aber die Warnung von Datenschützern ernst, wonach der Konsument auch legitime persönliche Gründe haben kann, dass seine Daten nicht allgemein transparent werden.

Vor allem die Weitergabe an Straf- und Steuerbehörden, die mit den angeblich überwiewiegenden öffentlichen Interessen der Bekämpfung von Terrorismus und Steuerflucht schnell einmal gerechtfertigt werden können, widersprechen dem Gebot des Persönlichkeitsschutzes. Wer wann was und wo konsumiert hat, geht eigentlich niemanden etwas an. Je direkter der Bezug einer Person zu einer Sache ist, desto klarer sind die Eigentumsverhältnisse und desto leichter wird das Erzwingen und Vollstrecken einer Forderung.

Eine klare und nicht anonyme Zuordnung von Personen und Sachen, also eindeutig definierte Eigentumsverhältnisse, sind die Grundvoraussetzung für eine funktionierende Marktwirtschaft, weil man ja nur über das unbeschränkt verfügen kann, was einem gehört.

Non olet

Seit dem Altertum kennt man den für den Kapitalismus wichtigen Satz „pecunia non olet“ Das hat der römische Kaiser Vespasian geantwortet, als man seine Urinsteuer kritisierte. Geld stinkt nicht, und wer Geld in einem Tauschprozess annimmt, durfte ursprünglich einmal – selbst im Bankgeschäft – im guten Glauben sein, dass es dem Besitzer auch rechtens gehörte. Tempi passati

Daran wird nun gerüttelt. Bargeld wird verdächtig, weil man bei der Banknote nicht wie beim Plasticgeld den Weg verfolgen kann, durch welche Hände sie gegangen ist.

Heute gehen alle Bestrebungen der staatlichen Kontrolle in Richtung Personalisierung und nicht in Richtung Versachlichung bzw. Versachenrechtlichung von Vermögen. Am liebsten möchte man jede Banknote mit einem Stempel versehen „versteuert“ oder „nicht versteuert“, bzw. „Weiss“ oder „Schwarz“- Geld soll zunächst zur identifizierbaren Speziessache werden und schliesslich zu einem Bestandteil einer unendlichen Kette von Verträgen.

Die moralischen Bestrebungen durch entsprechende Gesetze zwei scharf voneinander abgrenzbare Kategorien von Geld zu schaffen „Weissgeld“ und „Schwarzgeld“ werden bei der praktischen Umsetzung noch etwelche Definitionsprobleme verursachen. Von Ludwig Marcuse stammt der Aphorismus, wir sollten weder weiss noch schwarz malen, sondern es mit grau probieren. Gibt es bald auch Graugeld? Ist möglicherweise jedes Geld ein wenig „grau“?

Mir gefällt eine andere Kategorisierung von Geld wesentlich besser: Ein Financier hat mir einmal bei einem Gespräch zum Thema Sponsoring gesagt: Wissen Sie, Herr Nef, es gibt zwei Sorten von Geld. Es gibt „Geld“ und „mein Geld.“

Geld als Schwungrad und als Scharnier

Adam Smith hat das Geld funktional und in Analogie zur Mechanik als „Schwungrad“ der Wirtschaft bezeichnet. Als Jurist benütze ich ein anderes funktionales und mechanistisches Bild. Geld ist ein Scharnier zwischen zwei privatrechtlichen Basisinstitutionen, zwischen Eigentum und Vertrag.

Das Eigentum kann man mit dem Bild einer Sonne vergleichen. Ein Kernbereich, der – ohne Vertrag – ein Abwehrrecht gegenüber allen begründet, und damit für die Freiheit und Autonomie des Individuums entscheidend ist. Den zweiseitigen Vertrag kann man mit einer Hantel symbolisieren. Zwei oder mehrere Parteien verwandeln ihr ursprüngliches Abwehrrecht (ihre „Sonne“) durch übereinstimmende Willenserklärung in eine Tauschbeziehung, in eine „Hantel“, bei der je eine der „Strahlen“ isoliert und verbunden wird.

Diese Verwandlung ist keine Qualitätseinbusse, sondern eine durchaus positive Verwandlung von Abwehr in Zuwendung. Das Tauschen ist im Leben wichtiger als das Besitzen. Das Obligationenrecht ist kommunikativer als das Sachenrecht, und doch sind beide aufs engste miteinander verknüpft.

Hans im Glück

Was ein Individuum für wertvoll hält und was zu dessen Glück beiträgt kann nicht nach objektiven Kriterien bestimmt werden. Werte beruhen letztlich auf der individuellen Bevorzugungen und Ablehnungen, die sich in Vereinbarungen oder frei gewählten Partnerschaften und Mitgliedschaften manifestieren. Glück kann nicht nach objektiven Massstäben allgemeinverbindlich verordnet werden. Es gibt gute Gründe, das Glück des Habens gegen das Glück des Seins zu tauschen, bzw. die jeweils zuträgliche Kombination der beiden Bestrebungen, die sich übrigens nicht gegenseitig ausschliessen, selbst zu bestimmen.
Auch zu dieser Beobachtung gibt es eine Geschichte, welche man sowohl als parodistische Kritik als auch als Bestätigung kapitalistischer Denkweisen deuten kann: das Märchen von Hans im Glück, das in der Sammlung der Brüder Grimm enthalten ist. Hans macht – objektiv gesehen – lauter „schlechte Geschäfte“ und wird nach landläufiger Auffassung übers Ohr gehauen. Aber subjektiv optimiert er dabei sein eigenes Wohlbefinden und macht die Erfahrung, dass auch im schrittweisen Verzicht ein persönlicher Nutzen liegen kann, nämlich die innere Befreiung von der Gier nach immer mehr.

Das Märchen beginnt mit einem buchstäblich kapitalen Goldklumpen „gross wie der Kopf“, den Hans als Lohn für sieben Jahre Arbeit nach Hause trägt. Auf dem Heimweg zur Mutter macht er aber Bekanntschaft mit den Tücken des Tauschprinzips, und als Händler zeigt er offensichtlich weniger Geschick wie als Handwerker. Er tauscht das Gold zunächst gegen ein Pferd (Mobilität), dann tauscht er das Pferd gegen eine Kuh (dauernder Ertrag), dann die Kuh gegen ein Schwein (Konsum), dann das Schwein gegen eine Gans (Genuss) und schliesslich die Gans gegen einen Schleifstein (Werkzeug) und diesen lässt er aus Versehen in einen Brunnen fallen um letztlich frei und unbeschwert Glück und Geborgenheit in den Armen der Mutter zu finden. Es gibt eine Lesart, die in diesem Märchen einfach eine Parodie auf den Handel nach dem Tauschprinzip sieht. Der naive, gutgläubige schlecht informierte Mensch wird zum Opfer des raffinierten „Marketings“, die Welt des Tausch ist eine Welt der Täuschung und des Betrugs und das zunehmende Glück, das Hans dabei empfindet ist das Resultat einer besonders perfiden Illusion.

Lincolns Feststellung man könne zwar alle Leute für begrenzte Zeit und einige Leute für alle Zeit aber nicht alle Leute für alle Zeit zum Narren halten, ist in dieser Situation ein schwacher Trost. Hans gehört möglicherweise zur ersten oder zur zweiten Kategorie. Man kann heute mit guten Gründen auch behaupten, dass in einer massenmedial beeinflussten demokratischen Konsumgesellschaft, die beiden ersten Kategorien stets eine Mehrheit bilden, – keine angenehme Vorstellung, denn man verzichtet ungern auf den Trost, den Lincolns optimistisches Diktum spendet!

Das Märchen „Hans im Glück“ kann auch als Parodie auf die Bemühungen der alchemistischen Goldmacher gedeutet werden, die Vorläufer der Kapitalisten. Sie wollten Gold (bzw. Geld) aus Erde (bzw. aus der „prima materia“) machen, während Hans seinen Verwandlungsprozess mit Gold beginnt und schliesslich zur „Mutter Erde“ zurückkehrt. Aus liberaler Sicht ist noch eine dritte Lesart aufschlussreich. Die Botschaft des Märchens kann auch so gedeutet werden, dass es keine allgemeinverbindlichen Werte gibt, welche das individuelle Glücksstreben bestimmen. Was für wen in welcher Situation besonders wertvoll ist und sein Streben nach Glück (the pursuit of happiness) ausmacht, ist eine höchst persönliche Angelegenheit. Eigentum, Mobilität, Naturalertrag, Konsum, Genuss, Aktivität , Musse und Geborgenheit sind schwer in eine allgemeingültige Präferenzskala einzureihen, und Umfrageergebnisse deuten darauf hin, dass bei alten Menschen rückblickend das allzu seltene Familienglück gemeinsam mit guter Gesundheit die höchsten Ränge der Lebenspräferenzen einnimmt, Güter, welche ein auf materielle Errungenschaften ausgerichteter Markt nicht tel quel offeriert und die gegen Geld nicht zu haben sind.

Vielfalt und Wettbewerb der Ideen als Basis des Lernens

„Hans im Glück“ ist aus dieser Sicht kein Aussenseiter, und sein Verhalten ist weder dumm noch irrational. Er trifft zwar seine Entscheidungen aufgrund unvollkommener Informationen, aber er handelt durchaus wirtschaftlich indem er immer wieder versucht, „die höchstmögliche Glückseligkeit zu erlangen, die unter den gegebenen Umständen erlangbar ist“ (Ludwig von Mises). Der lehrreiche Heimweg des „Hans im Glück“ ist möglicherweise mit dem heilsamen Flussbad des Midas zu vergleichen.

Das Märchen „Hans im Glück“ liefert keine prinzipiellen Argumente gegen den Kapitalismus im umfassenden Sinn, nämlich gegen ein Verfahren das nicht nur die Vielfalt und den Wettbewerb im Waren- und Dienstleistungsangebot anerkennt sondern auch den Wettbewerb im Bereich der Ideen, der Präferenzen und der Massstäbe. Dass auch in diesen Bereichen eine Vielfalt von Angeboten nebeneinander konkurrieren, ist eine Voraussetzung für das Lernern durch Versuch und Irrtum. Wahrscheinlich hat man die Bedeutung des Wettbewerbs überschätzt, als man ihn zum wichtigsten Kennzeichen der Marktwirtschaft erklärte. Bei genauerer Betrachtungsweise ist er kein Ziel, sondern eine Voraussetzung des Lernens und der Evolution im Rahmen einer Vielfalt von Optionen. Der Kapitalismus ist und bleibt auf ein offenes, vielfältiges geistiges Unternehmertum angewiesen, das entdeckt, erfindet und kommuniziert, entlarvt, kritisiert, Utopien entwickelt und sich auf intellektuelle Abenteuer einlässt – ohne Rücksicht auf die Kapitalrechnung im engeren Sinn. Die Bürgergesellschaft sollte immer wieder dafür sorgen, dass die aufs Materielle ausgerichteten Märkte mit den Ideenmärkten optimal kommunizieren und wenn immer möglich aus dem Fundus kultureller Erfahrungen und Traditionen schöpfen, die nicht in klassischen Lehrbüchern stehen.

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