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Zum Wohl des Kindes

Lesedauer: 7 Minuten


(Stiftung für Abendländische Ethik und Kultur)

STAB-Rundbrief Nr. 166

Zürich, im März 2010

An den Freundeskreis der Stiftung für Abendländische Ethik und Kultur

Von Robert Nef

Es gibt Dinge, die sich nur langsam oder überhaupt nicht wandeln. Grundwerte wie die Achtung vor dem Menschenleben, Treue, Ehrlichkeit und Fürsorge für Schwache und Schwierige sind Bestandteile einer kulturellen Überlieferung, die über Jahrhunderte als harter Kern einer abendländischen Werteordnung von einem Tatsachenwandel zwar herausgefordert aber nicht zerstört werden.

Seit dem Anbruch der Neuzeit spielt der Wandel eine entscheidende Rolle. Er wird einerseits als Chance für eine Veränderung zum Besseren, für einen Fortschritt, ja für eine grundlegende Umwälzung erlebt. Und doch lässt sich der Hang nach Kontinuität und die Bevorzugung des Herkömmlichen nicht vollständig unterdrücken. Im Volkslied «Wir sitzen so traulich beisammen, und haben einander so lieb» endet die erste Strophe mit dem Wunsch «Ach, wenn es doch immer so blieb‘!» Aber für den Liederdichter ist es klar:«Es kann ja nicht immer so bleiben, hier unter dem wechselnden Mond.» Die Sehnsucht nach dem Dauerhaften, Ewigen ist gerade in Zeiten starken Wandels besonders aktuell, und es ist kein Zufall, dass sich heute fortschrittliche und konservative Strömungen gleichzeitig entwickeln und der Gegensatz gelegentlich selbst innerhalb ein und derselben Person vorhanden ist. Konservative sind oft enttäuschte Progressive und Progressive enttäuschte Konservative. Ralph Waldo Emerson hat das Verhältnis von Reform und Bewahrung folgendermassen charakterisiert:«Reformer sind wir im Frühling und im Sommer; im Herbst und im Winter bleiben wir beim Alten; Reformer am Morgen, Bewahrer am Abend. Reform ist bejahend, Konservatismus verneinend; Konservatismus will Wohlergehen, Reform Wahrheit.»

Das Seelische, ja das Emotionale im weiteren Sinn ist zwar individuell durchaus auch raschem Wandel unterworfen, es ist aber in seiner gemeinsamen Grundstruktur wohl konstanter als das Bewusste. Es ist übrigens merkwürdig, dass wir für das gemeinsam bewusst Vereinbarte den sinnlichen und eher emotionalen Begriff «Konsens» (Zusammenfühlen) verwenden, während wir das eher in der Gefühlssphäre angesiedelte Gespür für das Richtige «Ge-wissen» (conscience) nennen.

Vielleicht brauchen wir wirklich einen neuen Konsens über Werte, aber müssen und können wir auch das menschliche Gewissen wandeln, anpassen oder gar neu konstituieren? Einen neuen tragfähigen Wertekonsens suchen heisst nicht unbedingt einen Wertewandel vollziehen. Der heikle Bereich des durchaus unterschiedlich entwickelten und aufgrund neuer Herausforderungen allgemein eher unterentwickelten menschlichen Gewissens steht in verschiedenster Beziehung unter Druck. Wer angesichts des Wandels der Tatsachen auch einen moralischen Wandel fordert, muss sich die Frage wohl überlegen, ob er einen Abbruch und Neubau riskieren will, oder ob nicht eine möglichst «sanfte Renovation» in Anknüpfung an jüdisch-christlich-abendländische Wertvorstellungen, wie sie etwa in den Zehn Geboten oder in den christlichen Tugenden formuliert sind, der bessere Weg ist.

Die Sorge um die nächste Generation ist eine Grundaufgabe der Menschheit. Schon sehr früh ist erkannt worden, wie eng das Wohl der Gemeinschaft und das Wohl der Elterngeneration mit dem Wohl des Kindes verknüpft sind. Menschheitsgeschichtlich sind seit je die Kinder die tragende Säule der Altersvorsorge gewesen. Das Mosaische Gebot «Ehre Vater und Mutter» wird mit der einleuchtenden Verheissung «aufdass Du lange lebest» verbunden, denn nur eine Gesellschaft, die dieses Gebot sorgfältig und nachhaltig tradiert und für entsprechenden Nachwuchs sorgt, verleiht den Kindern, wenn sie selbst zu Eltern und Grosseltern werden, eine gewisse Garantie, selbst „geehrt» und damit im Alter versorgt zu werden. Deshalb ist es nichts Neues, dass alle für das Kind «nur das Beste wollen.» Aber wer weiss es denn am besten: die Eltern, die Gesellschaft, die Kirche, der Staat?

«Wir wissen schon, was gut ist für dich, und wir wissen es besser als du. Notfalls müssen wir es dir – natürlich in deinem eigenen Interesse – auch mit Gewalt beibringen.» Dieser pädagogische Gemeinplatz gehört zu den über Generationen und in den verschiedensten Kulturen tradierten Erfahrungen. Er hat sowohl Nutzen gestiftet als auch Leid verursacht. Ob dadurch der Jugend insgesamt mehr Gutes oder mehr Leid widerfahren ist, bleibt eine offene Frage.

Auch unsere heutigen Erziehungspraktiken und unser heutiges Besserwissen um das Wohl des Kindes dürften rückblickend einmal kritisch beurteilt werden. Ich zweifle nicht, dass viel von dem, was Eltern heute für «das Bessere» halten, sich eines Tages als «das Schlechtere» herausstellen wird. In noch höherem Masse gilt dies für das, was die zur Wahrung des Kindswohls und für das ganze Erziehungs- und Bildungswesen zuständigen Behörden – gegen den Willen des Kindes und oft auch gegen den Willen der Eltern – für «gut» halten. Denn «gut gemeint» ist bekanntlich das Gegenteil von «gut».

Unser individuelles und kollektives Engagement für das Kindswohl muss – wie alles über Generationen in verschiedensten Kulturen Tradierte – auf seine Gegenwarts- und Zukunftstauglichkeit geprüft werden. Und vor allem: Wer ist denn jenes «Wir», das so gut weiss, was das jeweils «Beste» für jedes Kind ist? Wie erwirbt sich dieses «Wir» das Wissen, wie bildet es den Willen im Hinblick darauf, was für alle jungen Menschen «gut» sei?

Vor diesem Hintergrund mutet das noch von Goethe als Motto des ersten Teils von «Dichtung und Wahrheit» gesetzte, aus der griechischen Antike stammende Menander-Zitat tatsächlich wie ein Relikt aus einer pädagogisch unaufgeklärten Zeit an: «Der nicht geschundene Mensch wird nicht erzogen.» Die im übrigen auch im Christentum verankerte Meinung, der Mensch könne sich als zunächst ungebildete «bestia» in einer Welt voller Übel nur zurechtfinden, wenn er durch viele Leiden, bittere Erfahrungen und schliesslich durch Vorbilder auf den wahren Weg der Tugend geführt werde, ist seit Grimmelshausens «Simplicissimus» das Motiv zahlreicher Bildungs- und Entwicklungsromane. Wer sich in das teilweise erlebte und teilweise fiktive Jugendschicksal des Romanhelden Simplicius vertieft, wird beispielsweise das harte Leben von Verdingkindern im 19. und 20. Jahrhundert nicht mehr aussergewöhnlich finden. Denn es fällt auf, dass damals – möglicherweise unter dem Eindruck der überlieferten Leidensethik – das Unglück in der Jugend nicht als Keim eines verpfuschten Lebens gedeutet wurde, sondern als Voraussetzung für dessen Gelingen.

Die antike Weisheit «Durch Mühsal zu den Sternen» stand als pädagogische Maxime im Vordergrund, während heute die durch viel Empirie (und möglicherweise auch durch die selbsterfüllende Prophezeiung) gestützte Meinung vorherrscht, negative Jugenderlebnisse führten notwendigerweise zu einem Leben der Randständigkeit und dauerhafter Benachteiligung. Ein Blick in heutige Biographien könnte nahelegen, die Reihenfolge von Mühsal und Sternenglanz umzukehren. «O wonnevolle Jugendzeit», beginnt ein Studentenlied, und oft mündet der Lebensweg vom Glanz der Sterne einer unbeschwerten Jugendzeit in die Mühsal eines anspruchsvollen Eingespanntwerdens in eine komplizierte arbeitsteilige Gesellschaft. Kein Wunder, dass viele Jugendliche ihre Jugendzeit möglichst weit ins reifere Alter hinein verlängern wollen.

Die schwedische Reformpädagogin und Schriftstellerin Ellen Key hat am Anfang des 20. Jahrhunderts «Das Jahrhundert des Kindes» verkündet und ihr Buch allen Eltern gewidmet, «die hoffen, im neuen Jahrhundert den neuen Menschen zu bilden». Aufgabe der Erziehung sei es, so Key «das Kind mit Baumaterial für seine Persönlichkeit zu versehen, es dann aber selbst bauen zu lassen». Rainer Maria Rilke war von diesem Buch so begeistert, dass er sich zu einer Prophezeiung hinreissen liess: «Das Jahrhundert wird zu den grössten gehören, wenn dieser Traum, in seinen ersten Tagen geträumt, in seinen letzten einmal in Erfüllung geht. Freie Kinder zu schaffen wird die vornehmste Aufgabe dieses Jahrhunderts sein.»

Damit hat der Dichter das Stichwort geliefert, das die Hoffnung auf einen pädagogischen Fort- schritt bei der «Erziehung des Menschengeschlechts» dokumentiert und zugleich zu jenem Verhängnis beiträgt, das mit jeder Spielart des pädagogischen Machbarkeitswahns verknüpft ist. Kann man «freie Kinder schaffen», ohne sich das Wissen anzumassen, «was für andere gut ist», ohne jenes Besserwissen also, das von Generation zu Generation bei den Kindern und Jugendlichen immer wieder infrage gestellt wird und bei den Eltern in mehr oder weniger subtilen Formulierungen Neuauflagen erlebt? Und was machen jene «freien Kinder» als Eltern mit der von ihren Eltern geschaffenen Freiheit? Ich erwähne hier nur die Schattenseiten der nicht immer erfolgreichen Jugendbefreiung: Drogensucht, Alkoholismus, Magersucht, Jugendgewalt.

Jede Epoche verurteilt die Pädagogik der vorangegangenen und ersetzt die alten Irrtümer durch neue. Trotzdem gibt es für jene, die sich historisch mit den Geschundensten der Geschundenen befassen, so etwas wie einen Fortschritt, und es wäre zynisch, wenn man beispielsweise vor dem Leiden der sogenannten Heimkinder oder der in Familien verdingten Kinder die Augen verschlösse. Die Aufarbeitung der Geschichte dieser auf der Schattenseite des Lebens aufgewachsenen Kinder öffnet den Blick für die Abgründe der «schwarzen Pädagogik» vergangener Zeiten und in das Elend jener Kinder, die aus finanziellen, gesundheitlichen oder pädagogisch- sozialen Gründen nicht in ihrer angestammten Familie aufwachsen konnten.

Dessen ungeachtet und wider unseren Zeitgeist bleibt zu bedenken: Vielleicht hat man nur Schweres durch noch Schwereres ersetzt. Man neigt heute dazu, jene schweren Kindheiten mit heutigen Verhältnissen zu vergleichen und nicht mit den damals normalen Kindheiten von vollständigen Bauern-, Handwerker- und Arbeiterfamilien, die nahe am Existenzminimum lebten.

Die Selbstverständlichkeit einer frühen Mithilfe in Haus und Hof ist übrigens bis heute noch lebendig. Noch vor 20 Jahren sollen in den auf dem Land neu eingeführten Kindergärten, in denen gespielt, gesungen und gebastelt wurde, die Bauernkinder nach den ersten Tagen gefragt haben: «Wenn fangid mer jetzt entli a mit öppis werche?» Der Einbezug in den Arbeitsalltag sollte nicht nur unter dem Gesichtspunkt der «Entwürdigung» des Kindes gesehen werden; denn das Gefühl der Nützlichkeit ist ein ganz wesentlicher Bestandteil der Menschenwürde.

Natürlich sollte das Hineinwachsen in die Arbeitswelt nicht als Überforderung erlebt werden, aber es schadet nichts, wenn wir uns heute gelegentlich fragen, ob wir im heutigen Bildungswesen die bestmögliche Mischung von Theorie und Praxis von Wissensanhäufung und Wissensanwendung schon gefunden haben.

Das Erlebnis der unmittelbar nützlichen wirtschaftlichen Tätigkeit sollte schon lange vor dem Erwachsensein vermittelt werden. Dass viele junge Menschen heute erst zwischen Zwanzig und Dreissig in die Arbeitswelt integriert werden, ist sowohl für sie als auch für die Gesellschaft ein Verlust. Natürlich geht durch frühes praktisches und entgeltliches Arbeiten zunächst Lernzeit verloren. Durch ein frühes Sammeln von praktischen Erfahrungen und durch lebenslanges Lernen liesse sich aber dieses Defizit mehr als nur kompensieren. Wir sollten den Mut haben, neue Erfahrungen zu sammeln, die das Bildungswesen nicht nur zusätzlich verschulen und die Schulzeit verlängern, sondern neue Mischformen von Lernzeit, Arbeitszeit, Familienzeit und Musse erproben und diese dann auf das ganze Leben sinnvoller verteilen.

Das Heim im Oberfeld in Altstätten St. Gallen, in dem seit Generationen Kinder und Jugendliche, die nicht in ihrer Familie aufwachsen können weil sie aus verschiedenen Gründen eine besondere Betreuung brauchen, feiert dieses Jahr sein 100-jähriges Bestehen. Alexander Jenny, Kuratoriumsmitglied der STAB, wirkt im Stiftungsrat des Heims im Oberfeld mit. Damit der für die Kinder wichtige Landwirtschaftsbetrieb auch weiterhin aufrecht erhalten werden kann, unterstützt die STAB das Heim finanziell.

Der Text dieses Beitrags ist für die Festschrift des Heims verfasst worden. Der Stiftungsrat der STAB gratuliert dem Heim im Oberfeld zu seinem Jubiläum und dankt allen Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern sowie den für die Aufsicht und die Finanzierung Verantwortlichen für ihren persönlichen Einsatz zum Wohl der Kinder.

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