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Festrede 150 Jahre Kantonsschule St. Gallen

Lesedauer: 5 Minuten

Robert Nef v/o Fuchtel

Nachtäglich schriftlich festgehaltene und marginal ergänzte, frei gehaltenen Rede am 150 Jahre Jubiläum der Kantonsschule St. Gallen anlässlich der Überreichung der Schrift der Couleur-Verbindungen

Liebe Festgemeinde, liebe Farbentragende, liebe Farbe Bekennende und liebe in jeder Beziehung Farbenfrohe,

Man muss die Feste feiern, wie sie fallen und man muss die Gäste feuern vor sie lallen. Wenn ich heute nach vielen Reden und Podiumsgesprächen als letzter Redner das Wort ergreife, ist dies für alle Beteiligten und Betroffenen in dreifacher Hinsicht ein Risiko. Ein Altherr der Verbindung Rhetorika, die die Pflege der freien Rede schon in ihrem Namen trägt, ist doch dazu prädestiniert, das Reden um der Rede willen zu pflegen – ohne Rücksicht auf das Publikum.

Zudem haben die Veranstalter, vermutlich ohne dies recherchiert zu haben, einen ehemaligen Schüler als Redner zugelassen, der seinerzeit zur Spezies der nicht voll Angepassten und pädagogisch nicht immer Pflegeleichten gehört hat. Ich bin da aber wohl in guter Gesellschaft, denn einige der prominenten Ehemaligen, die wir soeben in den Panels miterlebten, haben sich in ähnlicher Weise geoutet. Mein Vater überreichte mir nach bestandener Matura einen gelben Kanzleiumschlag mit der Aufschrift „Kantonsschule, Reklamationen betreffend Robert“. Er enthielt verschiedene Briefe mit Absender „Abteilungsvorstand“ und „Rektorat“, in denen von Vorfällen berichtet wurde, bei denen ich punkto Disziplin negativ aufgefallen war – eigentlich bemerkenswerte Dokumente individuell pädagogischen Bemühens. Er hatte vor dem Maturaabschluss in väterlich-pädagogischer Manier im Gespräch eher den Schulstandpunkt vertreten und mich jeweils zur Besserung ermahnt, jetzt spürte ich aber, dass er letztlich auf, bzw. an meiner Seite war. Ein gutes Gefühl, vielleicht das untrüglichste Kennzeichen gelingender und gelungener Erziehung. Mein Lateinlehrer sagte in der letzten Stunde vor der Matura, als ich wieder einmal zu spät erschien, er hoffe, dass in der Rekrutenschule bei mir nachgeholt werde, was die Mittelschule verpasst habe. Sie hat es. In mehr als 1500 Militärdiensttagen lernte ich schliesslich Pünktlichkeit als sozial wichtige Sekundärtugend kennen und schätzen. Ich war heute pünktlich zur Stelle und habe erst noch meine Hausaufgaben gemacht: Ein Spickzettel mit Stichworten, wie es sich für einen Rhetoriker ziemt, kein ausformulierter Text.

Das dritte Risiko besteht darin, dass ich ein Mensch bin, der beruflich Artikel und Bücher produziert , und diese Spezies ist nicht dafür berühmt, dass sie sich grundsätzlich immer kurz fasst. Darum hat man mir wohl in der Ankündigung gleich vorsorglich den unverdienten Doktortitel humoris causa verliehen und gleichzeitig meinen Beitrag als Kurzansprache charakterisiert. Ich nehme das ernst. Eine gute Rede entsteht dadurch, dass man alles weglässt, was die Zuhörer langweilen könnte.

Ich beschränke mich daher im Folgenden auf drei Punkte: erstens eine Reminiszenz zum heutigen Tag, zweitens die Übergabe der Festschrift, die im Programm ganz prosaisch als „Broschüre“ bezeichnet wird und drittens und abschliessend die Äusserung von drei Wünschen.

Die Reminiszenz betrifft das Hujaka, die seinerzeit von Max Heitz grossartig organisierte Feier zum hundertjährigen Bestehen der Kantonsschule vor 50 Jahren, an der ich als Untergymnasiast sehr aktiv teilgenommen habe. Ich hatte damals gerade einen meiner disziplinarischen Regelverstösse hinter mir. Ich versuchte – aus dem dritten Stockwerk des ehrwürdigen Kantonsschulgebäudes einem beliebten Deutschlehrer auf seine legendäre Glatze zu spucken und habe dabei immerhin seine Hand getroffen – eine ballistische Meisterleistung, die mir aber trotzdem zunächst eine Tracht Prügel durch den buchstäblich Betroffenen und 5 Stunden Arrest eintrug. Ich habe mich in späteren Jahren dann mit meinem „Opfer“ mehr als nur ausgesöhnt und wir konnten schliesslich herzlich darüber lachen. Die 5 Stunden Arrest verbrachte ich nicht beim Jäten, sondern beim Einpacken und Versenden der Festschrift zum Jubiläum mit dem schönen Titel „Besinnung und Auftrag“. Weil ich meine Sache offenbar gut machte, engagierte mich mein geliebter Geigenlehrer Max Heitz gleich für weitere Hilfeleistungen, die ich sogar während der Unterrichtszeit wahrnehmen durfte –gewissermassen als erlaubtes Schwänzen. Ich habe wegen des damals verpassten Unterrichtsstoffs wohl keine bleibenden Schäden davongetragen. Max Heitz ist für alle, die ihn als Musiklehrer und Dirigent des Kantiorchesters kannten, in bester Erinnerung. Ich habe bei ihm in der Geigenstunde etwas gelernt, das zum wertvollsten gehört, das einem ein Lehrer überhaupt vermitteln kann: den kreativen Umgang mit der eigenen Unzulänglichkeit verbunden mit einer lebenslang andauernde Freude an der Musik, auch wenn man – gemessen an den Stars – stets nur ein Stümper geblieben ist. Soviel zur Ballistik des Glatzespuckens und deren Folgen bis hin zu „Besinnung und Auftrag“ und zum Dank an einen unvergessenen Lehrer.

Doch nun zur Broschüre der Couleurstudenten, die ich heute überreichen darf. Der Begriff „Broschüre“ ist nicht gerade commentfähig. Burschikos hätte man vielleicht – in Anlehnung an den „Kantusprügel“ – von einem „Nostalgieprügel“ reden können, es ist darin nämlich viel Nostalgie dokumentiert. Eine andere hochgestochene Variante wäre die CCC- Festschrift gewesen, das Codizill des Corporationen Convents, aber wer versteht heute noch Vulgärlatein… Ich widerstehe der Versuchung, Ihnen jetzt eine Inhaltsübersicht zu geben oder gar eine Kurzrezension. Bücher, zu denen man selbst einen Beitrag lieferte, sollte man nie rezensieren, man darf sie höchstens zum Kauf und zur Lektüre empfehlen, was hiermit geschieht. Zwei Gemeinsamkeiten werden bei allen Beiträgen offensichtlich. Alle Autoren hadern mit dem Vorwurf, Couleurstudententum sei antiquiert und überholt und alle schöpfen Mut, indem sie sich selbst das Gegenteil zu beweisen versuchen und sich – wie einst der Baron Münchhausen – am eigenen Zopf aus dem Sumpf des drohenden Obsoletwerdens ziehen. Rechthaberei ist nichts Schönes, aber ich hoffe, wir haben als Autoren alle doch wenigstens ein bisschen Recht.

Nun noch zu den Wünschen. In den Märchen sind es in der Regel drei, und die Zahl drei ist in der Rhetorik mneomotechnisch ohnehin unschlagbar. Zunächst mein Wunsch an die Schule, liebevoll Kanti genannt. Don Carlos hat von seinem König Gedankenfreiheit gefordert, und die Forderung ist inzwischen , 200 Jahre nach Schiller, wenigstens hierzulande auch an den Schulen erfüllt. Ich präzisiere daher: Herr Rektor, geben Sie Spielräume, ermöglichen Sie viele Zeitfenster für das Ausserschulische, das an der heutigen Feier von den Prominenten auf den Panels so eindrücklich gelobt worden ist. Fast könnte man meinen, es sei wichtiger als das Schulische, aber da spielt uns wohl auch das Erinnerungsvermögen einen Streich. Spielräume sind wichtig, aber sie müssen mit einer weiteren Gabe verbunden sein. Was ist das Wichtigste, das wir jungen Menschen schenken können und immer wieder schenken sollten, trotz aller Risiken und trotz Erfahrungen, die auch diesbezüglich nicht immer gut sind. Es ist das Vertrauen. Das Vertrauen, dass die jungen Menschen auch unter veränderten Bedingungen immer wieder „die Kurve kriegen“.

Und nun der Wunsch an meine Farbenbrüder, an die Verbindungen ganz allgemein. Es wird Sie vielleicht überraschen, dass ich hier den moralischen Mahnfinger erhebe, obwohl, ja weil ich nicht als Tugendbold und Asket bekannt bin. Liebe junge Freunde: Ertränken Sie Ihre kreative Dissidenz nicht im Alkohol. Das Rauschtrinken ist heute ein Phänomen, das unter verwahrlosten 13-14Jährigen grassiert. Am Kinderspital werden fast jedes Wochenende alkoholisierte Kinder eingeliefert. Wollen Sie als Angehörige der künftigen Elite wirklich auf dieses frühpubertäre Niveau regredieren? Ist der Cantus „Alles wieder voll gewest“ wirklich die Quintessenz des Verbindungslebens? Die Verbindungen haben als Institution nur eine Überlebenschance, wenn sie ein ausserschulisches Angebot machen, das über das wöchentliche Bierbesäufnis hinausreicht. Pflegen Sie jene Ziele, die stolz in ihrer Devise stehen und interpretieren Sie sie neu und zeitgemäss, oder eben absichtlich unzeitgemäss: kreativ dissident. Suchen Sie neue Herausforderungen! Pflegen Sie beispielsweise die deutsche Sprache, führen Sie das Latein wieder ein, wenn es in der Schule abgeschafft wird, singen Sie alte und neue Lieder, machen Sie Rhetorikkurse oder gründen Sie und beteiligen Sie sich an Blogs, in denen querbeet im Internet debattiert wird, usw. usf. Verbindungen waren einmal Avantgardisten, und möglicherweise besteht heute die Avantgarde aus Menschen, die sowohl alte Traditionen achten als auch neue Traditionen begründen können. Und wenn Sie solche neuen Ideen ausgebrütet und – wenigstens zum Teil – auch ausprobiert haben, darf das auch einmal kräftig begossen werden – aber besser nachher als vorher, denn die besten Bierideen kommen nicht in der Katerstimmung.

Und nun noch der Wunsch an alle. Ich kann es nicht kürzer und besser ausdrücken als mit einem Kantustext: „Lebe, liebe, trinke, schwärme und erfreue Dich mit mir, härme Dich, wenn ich mich härme, und sei wieder froh mit mir!“

Abgedruckt in: Litteris et Amicitiae, Jubiläums Verbandsblatt Rhetorika Sangallensis, Nr. 26, St. Gallen 2007, S. 14 f.

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