Fortschritt als Glaubensfrage

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In:


Die Fortschrittsidee und die Marktwirtschaft,
Progress Foundation. Clapham, Ronald; Schwarz, Gerhard (Hrsg.)
ISBN 10: 3038232351 / ISBN 13: 9783038232353
Verlag Neue Zürcher Zeitung, Zürich 2006, S. 107 – 114

Bei Franz Kafka findet sich in der Betrachtung 48 der aus seinem Nachlass herausgegebenen Prosa der bemerkenswerte Satz: „An den Fortschritt glauben, heisst nicht glauben, dass ein Fortschritt schon geschehen ist. Das wäre kein Glauben.“ Aufgrund dieser Bemerkung wäre Kafka wohl bei der am Workshop der Progress Foundation vorgenommenen groben Einteilung der klassischen Texte in die drei Kategorien „Fortschrittsgläubige“, „Fortschrittsskeptiker“ und „Anhänger eines Mittelweges“ der zweiten Kategorie zugeordnet worden. Seine Hoffnung, die die Möglichkeit eines Fortschritts in einem kommenden Zeitalter nicht ausschliesst, macht ihn noch nicht zum typischen Fortschrittsgläubigen, denn diese stützen ihren Glauben in der Regel auf eine optimistische Beurteilung des bisherigen Verlaufs der Menschheitsgeschichte, wenigstens seit Anbruch der Neuzeit. Im Urteil über Vergangenheit und Gegenwart hätte Kafka wohl eher mit Max Horkheimer übereingestimmt, für den Fortschritt und Regression dialektisch wie in einem Teufelskreis miteinander verknüpft sind. Die Dialektik der Aufklärung fordert ihren Preis, denn „der Fluch des unaufhaltsamen Fortschritts ist die unaufhaltsame Regression.“(1) Dass es gerade die originellen Denker und Dichter sind, die sich der groben Einteilung in Gläubige, Skeptiker und Eklektiker entziehen, spricht nicht für das Schema, mit dem die Teilnehmer des Workshops konfrontiert waren und mit dem der Verfasser dieses Beitrags hadert, obwohl, ja weil er für die Auswahl der klassischen Texte und für deren Einteilung in die drei erwähnten Gruppen mitverantwortlich zeichnet.

Zunächst zu den Fortschrittsgläubigen. Unter der Fahne dieses Sammelbegriffs schart sich ein sehr heterogenes Lager von Autoren mit einer ebenso heterogenen Anhängerschaft. Der Fortschrittsglaube trägt oft Züge einer Ersatzreligion, vor allem wenn der Fortschritt als rein menschliches Projekt gesehen wird, das sich ohne Bezug auf irgendeine Metaphysik abspielt. Anstelle von Gott tritt der Fortschritt, und dieser wird etatistisch als Veranstaltung des Staates gedeutet oder marktwirtschaftlich als Produkt des Wettbewerbs. Wenn aber der Lauf der Geschichte, wenn das Schicksal der Menschen „in Gottes Hand“ liegt, muss der Fortschritt als „Projekt Gottes“ gedeutet werden, und da ist der Schritt zu den „Gott spielenden“ menschlichen Zauberlehrlingen, die sich aktiv in den verborgenen Plan einer Heilsgeschichte einmischen, nicht mehr weit. Immerhin, der pädagogisch-aufklärerische Glaube an die Erziehbarkeit des Menschengeschlechts (2), an die schrittweise Emanzipation, basiert auf sehr unterschiedlichen Welt- und Menschenbildern, bei denen auch metaphysische Bezüge durchaus inbegriffen sein können. Der Fortschrittsglaube des 19. Jahrhunderts hat Liberale in gleicher Weise beflügelt wie Sozialisten, und eine nicht zu vernachlässigende Gruppe von religiösen Menschen sah in der schrittweisen und weltweiten Verbesserung der materiellen und moralischen Verhältnisse einen göttlichen Auftrag, dem sich gerade verantwortungsbewusste religiöse Menschen nicht entziehen dürfen. Die heute von christlichen Fundamentalisten verurteilte Evolutionstheorie wurde und wird von vielen Christen aller Konfessionen auch als der erkennbar gewordene Bestandteil des göttlichen Heilsplans bzw. eines genial konzipierten Schöpfungsaktes gedeutet und die Trennlinie der Akzeptanz und Ablehnung von progressistischen, evolutionistischen und melioristischen Weltbildern geht quer durch die weltanschaulich-religiösen Lager. Das von niemandem bewusst geplante oder organisiert vorangetriebene Grossprojekt der technischen Zivilisation wäre ohne das spontane Zusammenwirken unterschiedlichster Geistesströmungen nicht möglich gewesen. Es wird auch aus christlicher Sicht nicht ausschliesslich als Teufelszeug abgetan. Für den amerikanischen Kulturhistoriker John U. Nef ist die christlich-abendländische Basis der technischen Zivilisation empirisch nachweisbar (3). Wer darin ein Heil sieht, darf aber das Lob nicht einseitig spenden, und wer darin Unheil wittert, darf die Schuld daran nicht bei einer einzigen Grundhaltung verorten. Der technische Fortschritt in Verbindung mit einer marktwirtschaftlich-kapitalistischen Wirtschaft ist ein Projekt, das vom Abendland als ganzes zu verantworten ist und das vom Kulturhistoriker David Landes zutreffend als „Der entfesselte Prometheus“ (4) charakterisiert worden ist. Aufklärer, Humanisten, Idealisten, Sozialreformer und Menschenfreunde aller Bekenntnisse, Kapitalisten, Materialisten, Sozialisten, Demokraten und Liberale haben dazu ihren Beitrag geleistet. Im Lauf des Workshops wurden denn auch die Fortschrittsskeptiker hartnäckig mit der Frage konfrontiert, ob sie denn persönlich bereit wären, auf die Errungenschaften der technischen Zivilisation und vor allem des medizinischen Fortschritts zu verzichten und ob denn die Fortschrittsskepsis nicht ein Luxus sei, den man sich im geschützten Laboratorium gedanklicher Experimente zwar leistet, bei dem man aber in der Realität doch gelegentlich einen Rückkommensantrag stellen würde. Wer wie Henrik Ibsen, jede Entwicklung nur als „das Taumeln von einem Irrtum zum andern“ brandmarkt, gibt möglicherweise im praktischen Leben den moderneren Irrtümern doch den Vorzug. Der Autor dieses Beitrags hat selbst einmal die Planung als Ersetzung des Zufalls durch den Irrtum definiert (5), aber er konnte sich bis heute im praktischen Leben nie definitiv dazu durchringen, dem blinden Zufall mehr zu vertrauen als dem Irrtum, der möglicherweise ein Fortschreiten vom grösseren zum kleineren Fehler ermöglicht. Der Kulturhistoriker Thomas Buckle bezeichnet in seiner Geschichte der Zivilisation in England (6 ) nicht den Irrtum als grössten Feind des Fortschritts, sondern die Faulheit. Im indische Epos Mahabharatra wird der Lauf der Welt auf drei Kräfte zurückgeführt, auf das Schicksal, auf den Zufall und auf die Bemühung, und die Bemühung wird als „Voraussetzung für alles Gute“ gerühmt.

Das dem Lager der Fortschrittsgläubigen entgegengesetzte Lager der Fortschrittsskeptiker kann nun aber gewiss nicht auf die mehr oder weniger verkappten Anhänger der Faulheit reduziert werden. Faulheit, auch Denkfaulheit, mag zwar als ökonomische Maxime im Umgang mit eigenen Ressourcen weiter verbreitet sein, als dies allgemein wahrgenommen wird, und möglicherweise ist sie auch weniger schädlich als der blinde Eifer. Es wäre aber voreilig und arrogant, jede Fortschrittsskepsis auf Faulheit zurückzuführen. Dass die Menschen den Fortschritt, wenn es denn einen gibt, den Unzufriedenen verdanken, ist eine Binsenwahrheit, aber haben denn die Zufriedenen nicht auch positive Beiträge zur Entwicklung beigesteuert, die möglicherweise in einer veränderungssüchtigen Welt unterbewertet bleiben? Vom amerikanischen Satiriker David Frost stammt der Aphorismus „Fortschritt nennt man den Vorgang, bei dem es durch angestrengte Arbeit schliesslich gelingt, so wenig tun zu müssen, wie es die Naturvölker schon immer getan haben“(7) . Und Pascal klagt in seinen Pensées (371):„Alles, was sich durch den Fortschritt vollendet, geht auch durch den Fortschritt zugrunde.“ Die Fortschrittsskepsis vereinigt Meinungsvertreter unterschiedlichster Provenienz. Das Spektrum reicht vom religiös zutiefst Gläubigen bis zum radikalen Skeptiker gegenüber jeder Metaphysik, vom konservativen Moralisten, der eher den Sittenzerfall, als den Aufstieg zum besseren Menschen diagnostiziert bis zum naturwissenschaftlich ausgerichteten Biologisten, der in der Natur zwar Wandel und Entwicklung entdeckt, aber diese Umlagerung von Komplexität nicht als Qualitätsverbesserung deuten mag. Es treffen sich in diesem Lager auch Persönlichkeiten, welche Entwicklungen aus grosser Distanz betrachten und mit ihren Deutungen eine Mischung von Bescheidenheit und Zurückhaltung an den Tag legen, die jeder Euphorie und jedem Fanatismus abhold ist. Exemplarisch für diese Grundhaltung dürfte Jacob Burckhardt sein (8 ). Es gibt aber auch weniger edle Motive, konservativ zu sein, vor allem wenn man zu einer Menschengruppe gehört, der es relativ gut geht. Wer vom Unglück anderer wenig berührt wird, hat es leicht, für den Status quo einzutreten. Die Fortschrittsskeptiker einfach dem Lager der Herzlosen, der sozial Kalten und der mitmenschlich Gefühllosen zuzuordnen, wäre allerdings unfair. Es ist vielmehr ein Kennzeichen zahlreicher fortschrittsskeptischer Konservativer, dass sie einen Wandel im Bereich des moralischen Verhaltens nicht nur befürworten, sondern sich aktiv dafür engagieren. Die Maxime des liberal-konservativen Reformers Tancredi in Giuseppe Tomasi die Lampedusas Roman „Il Gattopardo“ (9) mag dafür exemplarisch sein: „Wer will, dass alles bleibt, muss alles ändern.“ Aus dem Zusammenhang heraus gedeutet heisst dies „Wer soziale und kulturelle Werte vor den verlogenen Promotoren des Fortschritts retten will, muss bereit sein, Strukturen grundlegend zu verändern.“ Der engagierte Wertkonservative muss sich klar von den Strukturkonservativen abgrenzen, denen es nur um die Erhaltung von Privilegien geht und die, wie die kinderlosen Tanten des Tancredi im „Gattopardo“ ihr Leben damit verbringen, Reliquien zu sammeln und zu horten, die sich schliesslich alle als Fälschungen erweisen.

Am leichtesten fällt es, sich der dritten Gruppe zuzuordnen, die den Fortschritt weder vergöttert noch verteufelt, sondern eklektisch damit umgeht und subtile Unterscheidungen vornimmt, die allerdings möglicherweise auch als Vorwand dienen, sich in dieser Grundfrage nicht für oder gegen den Fortschrittsglauben entscheiden zu müssen. Diese Grundhaltung wurde am Workshop als „Mittelweg“ bezeichnet, wobei immer wieder zum Ausdruck kam, dass es weder einen „goldenen Mittelweg“ gibt, noch eine Wahrheit, die stets in der Mitte liegt. Im Gegenteil. „Dritte Wege“ sind als Auswege aus einem Dilemma oft zu Unrecht beliebt, weil sie vergessen lassen, dass sie nicht nur die Vorteile von Alternativen kombinieren, sondern auch die Nachteile, und letzteres leider oft nachhaltiger als ersteres. Mittelwege und Eklektizismen zeugen oft auch von einem gewissen Mangel an intellektueller Risikobereitschaft und Redlichkeit. Eine dieser à-la-carte-Strategien beruft sich darauf, dass es verschiedene Arten des Fortschritts gebe, die sich in verschiedenen Lebensbereichen unterschiedlich auswirkten. Auf den ersten Blick leuchtet das ein. Ja, es gibt einen technisch-zivilisatorischen und auch einen ökonomischen Fortschritt, auf den man nicht verzichten möchte und der sogar das Ziel eines wettbewerbsorientierten Systems ist. Zumindest voreilig wäre es tatsächlich, diese Art von Fortschritt mit einem geistig-moralischen Fortschritt zu verwechseln. Das fortschrittlich verbesserte, gemeinsame materielle Sein hat das ideelle Bewusstsein nicht im Gleichzug verbessert, weil eben – entgegen Feuerbach und Marx – das Sein das Bewusstsein nicht zu bestimmen vermag. Vielleicht hat sogar das Gegenteil stattgefunden, und der eingangs zitierte Satz von Horkheimer könnte aus konservativer Sicht dahingehend präzisiert werden, dass der Preis des unaufhaltsamen materiellen Fortschritts die unaufhaltsame moralische Regression sei. Aber können satte, zufriedene, materiell gut gestellte Menschen sich nicht gleichzeitig auch moralisch höher entwickeln? Schafft denn nur die Not die Tugend? Basiert Tugend nicht auf Freiheit und Freiheit auf Eigentum und Vertrag? Ist eine Gesellschaft, in welcher Charles Darwins „survival of the fittest“ im Mittelpunkt steht, nicht in der Lage, gleichzeitig mit dem Wohlstand auch die moralische Regung der Sympathie zu vermehren? Ist denn „the fittest“ wirklich einfach der Stärkste und Rücksichtsloseste, der sich im Wettbewerb durchsetzt?. Diese vulgäre und polemische Deutung von Marktwirtschaft und Wettbewerb führt zu einem grundlegenden Missverständnis der Evolutionstheorie. „The fittest“ ist der am besten Passende, d.h. der optimal Angepasste und allgemein Akzeptierte und das kann nie der Brutalste sein. Adam Smith hat den Zusammenhang von moralischem Fortschritt und wirtschaftlichem Erfolg in seinen beiden Werken „The Theory of Moral Sentiments“ und „The Wealth of Nations“ (10) bejaht, und seine „unsichtbare Hand“ sowohl als Movens der Wohlstandmehrung wie auch als Agens der moralischen Verbesserung des Menschengeschlechts gedeutet. Möglicherweise war er zu optimistisch und – aus heutiger Sicht – zu fortschrittsgläubig. Ein herzloser amoralischer Materialist, für den der rein monetäre Profit zum allgemeingültigen Mass des menschlichen Wohlbefindens wird, war er jedenfalls nicht.

Es gehört nie zu den schlechtesten Resultaten eines Workshops, wenn man abschliessend die Fragen nicht beantwortet, sondern neu stellt. Die Frage, was Fortschritt bedeutet und ob es so etwas wie Fortschritt überhaupt gibt, kann generell und losgelöst von Menschenbildern und Geschichtsbildern gar nicht abschliessend beantwortet werden. Selbst die Einschränkung auf den materiellen, technisch- wissenschaftlichen und wirtschaftlichen Fortschritt, hilft nicht weiter, weil er die entscheidende Frage nach dem subtilen Zusammenhang mit einem moralischen Fortschritt offen lässt, eine Frage die schon Rousseau aufgeworfen und negativ beantwortet hat (11). Ist der Mensch ein moralisch neutrales, biologisches Wesen, ist er von Grund auf gut oder schlecht oder gemischt, bald Engel bald Teufel, ist er erlöst oder verdammt, ist er frei und verantwortlich oder genetisch programmiert, triebgesteuert und führungsbedürftig, oder ist er eine bunte Mischung, bei der sich von Fall zu Fall andere Schlüsse ziehen lassen? Ist der Mensch erziehbar, schwer- erziehbar oder hoffnungslos erziehungsresistent und damit fortschrittsunfähig? Gilt dies für jedes Individuum oder für Gruppen oder für das ganze Menschengeschlecht? Gibt es zwar einen Fortschritt bei einzelnen Individuen und Gruppen, aber keinen Fortschritt in der gesamten Menschheit? Haben die beiden Fortschrittstypen – der individuelle und der kollektive – einen Zusammenhang, und kann eine grössere Zahl von fortschrittlichen Individuen einen dauerhaften, das Individuum überlebenden Fortschritt der Gesamtheit bewirken? Dass die Beantwortung solcher Grundsatzfragen letztlich vom Welt- und Menschenbild des Antwortgebenden abhängt, ist eine Binsenwahrheit.

In einem gut zusammengesetzten Workshop treffen sich in der Regel Persönlichkeiten, die zwar über die traktandierten Probleme nachgedacht haben, die aber weder für sich noch für andere zu allen aufgeworfenen Fragen über eine definitive Antwort verfügen, sondern bereit sind, darüber zu debattieren. Der Meinungsbildungsprozess bei der Entstehung und Verfestigung eines Welt- und Menschbildes verläuft meistens dialektisch. Das heisst, man beginnt nicht mit einem klar definierten Bild und versucht dann im dogmatischen Rekurs darauf „die richtige Antwort“ zu finden. Wer in solchen Dialogen zunächst einmal die definitorische Einigung auf ein bestimmtes Menschenbild erzwingt und dann die Vertreter abweichender Meinungen isoliert, verpasst die Chance des Lernens und damit gleichzeitig auch des individuellen Fortschreitens. Welt- und Menschenbilder sind nur Projektionen eigener Erfahrungen, Meinungen und Vorstellungen.

Ob es einen Fortschritt gibt und was Fortschritt bedeutet, wirft neben der allgemeinen Frage nach dem Welt- und Menschenbild noch eine spezifischere Frage auf, die heute viele Menschen und auch viele Historiker relativ kalt lässt. Es ist die Frage nach dem Ursprung und dem Ziel der Geschichte, und sie hängt sehr direkt mit dem Fortschrittsbegriff zusammen. Wer die Geschichte aus der Sicht der Bibel mit der Schöpfung, dem Paradies, mit der unschuldigen Natur, aus der der Mensch nach dem Sündenfall vertrieben wurde, beginnen lässt und mit dem „Jüngsten Gericht“, der Versöhnung von Gott, Mensch, Natur und Kultur in der Vision der Heiligen Stadt Jerusalem als Zentrum des neuen Gottesreichs abschliesst, wird das Problem des Fortschritts anders sehen als wer mit dem von Ovid besungenen antiken Weltbild des schrittweisen Zerfalls von Zeitaltern vertraut ist oder wer ein atomares Inferno, eine ökologische, technologische Grosskatastrophe im Sinn der Götterdämmerung als tragisches Finale vorausahnt. Wer die Ankunft des Messias erwartet, wird ein anderes Fortschrittsbild entwerfen, als wer an die Erlösung durch den Opfertod und die Auferstehung des Erlösers als ein historisch fassbares Ereignis glaubt. Noch anders erlebt der fortschrittsgläubige Aufklärer die Geschichte, nämlich als eine kontinuierliche „Erziehung des Menschengeschlechts“, das erfahrungsgemäss schwererziehbar, aber vielleicht doch nicht gänzlich erziehungsresistent ist. Neben dem Modell des Anfangs und Endes und dem Modell des unaufhaltsamen Abstiegs oder Aufstiegs, gibt es auch die zyklischen Theorien von der ewigen Wiederkehr gleicher Muster und von der durch Evolution und Zufall gesteuerten Kombination und Rekombination von DNA-Ketten. Zu ihren Gunsten lässt sich viel empirische Plausibilität vorbringen. Beweisen lässt sich keine dieser Sichtweisen, und es wird auch von niemandem verlangt, dass er sich definitiv für die eine oder andere entscheidet.

Eine eindeutige Antwort auf die Frage nach dem Fortschritt könnte allerdings nur auf der Basis einer dieser historischen Deutungsoptionen erfolgen, und aus dieser Sicht ist es nicht nur verständlich, sondern auch tröstlich, wenn an einem Workshop diesbezüglich viele Fragen offen bleiben. Einen Fortschritt im eigenen Denken mögen wohl auch die Fortschrittsskeptiker nie ganz ausschliessen.

  1. Max Horkheimer/Theodor Adorno, Dialektik der Aufklärung, 2. Auflage, Frankfurt am Main 1969, S. 42
  2. Gotthold Ephraim Lessing, Die Erziehung des Menschengeschlechts, Berlin 1780
  3. John U. Nef, The United States and Civilization, 2.ed., The University of Chicago Press, Chicago /London 1976, Economic Freedom and Economic Progress, pp. 334-347
  4. David Landes, Der entfesselte Prometheus, aus dem Amerikanischen übersetzt, Köln 1973
  5. Robert Nef, Sprüche und Widersprüche zur Planung, Ein Zitatenschatz für Planer und Verplante, Zürich 1975
  6. Thomas Buckle, History of Civilization in England, 2 vol., London 1857 -1861
  7. David Frost, zit. in Robert Nef, Anmerkung 7
  8. Jacob Burckhardt, Weltgeschichtliche Betrachtungen, Hrsg. Werner Kaegi, Bern 1941, S. 370 – 393
  9. Giuseppe Tomaso di Lampedusa, Der Leopard, aus dem Italienischen übersetzt, Zürich 1976, S. 33
  10. Adam Smith, The Theory of Moral Sentiments,London 1759; The Wealth of Nations, London 1776
  11. Jean Jacques Roussseau, Abhandlung über den Ursprung und die Grundlagen der Ungleichheit unter den Menschen, aus dem Französischen übersetzt, Reclam, Stuttgart 1998, S. 74, S. 84 -99, S. 100-113

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