Individualismus und kollektive Bedürfnisse

(Schweizer Monat – Dossier: «Bedrohung und Behauptung westlicher Werte» – Ausgabe 944 – Dezember 2005)

Ob die fortschreitende Ökonomisierung des Lebens mit Notwendigkeit auf Kosten des Gemeinwohls gehen müsse, bleibt umstritten. Sicher ist, dass auch moderne, arbeitsteilige Dienstleistungsgesellschaften auf sympathiefähige und kooperationsbereite Menschen angewiesen sind.

Der folgende Beitrag ist eine Zusammenfassung der Ergebnisse der Arbeitsgruppe III «Individualistische Ethik und kollektive Bedürfnisse der Gegenwart» des Kolloquiums «Sind unsere westlichen Werte in Gefahr?», unter dem Vorsitz

von Ursula Pia Jauch, Professorin für Philosophie und Kulturgeschichte, Universität Zürich.

Die Arbeitsgruppe diskutierte das Spannungsfeld zwischen individuellen und kollektiven Bedürfnissen, anhand von Thesen, die beim Individuum eine Tendenz zu zunehmendem Egoismus und abnehmender Rücksichtnahme auf kollektive Bedürfnisse diagnostizierten. Wo bleibt die Orientierung am Gemeinwohl in einer Gesellschaft, in der die individualistische Glückssuche zum zentralen Wert wird? Dass der Mensch in der Frühen Neuzeit endlich «Ich» zu sagen gelernt hat, galt lange Zeit als einer der positiven und fortschrittlichen Aspekte der modernen, westlichen, eben «aufgeklärten» Zivilisation. Doch schon Immanuel Kant hat in seiner Anthropologie auf eine merkwürdige Dynamik hingewiesen, die im Wesen des Menschen selbst verankert zu sein scheint: «Von dem Tage an, da der Mensch anfängt durch Ich zu sprechen, bringt er sein geliebtes Selbst, wo er nur darf, zum Vorschein, und der Egoism schreitet unaufhaltsam fort.»

Inwiefern nun dieser Egoismus tatsächlich voll zu Lasten des Gemeinwohls gehe, war Gegenstand einer ersten Gesprächsrunde, in der auch die These der generellen Gefährdung «westlicher Werte» in Frage gestellt wurde. Was sind diese «westlichen Werte», und gibt es noch genügend Argumente, um sie als «historisches Vermächtnis Europas» an die Weltgesellschaft zu reklamieren? Toleranz, Achtung der Menschenwürde, individuelle Freiheit, Rechtsstaatlichkeit und Demokratie sind heute – allerdings in unterschiedlicher Gewichtung – allgemein anerkannte Grundwerte. Sind sie tatsächlich mehr gefährdet als in andern Epochen? Sollte man nicht eher von einem eigentlichen Durchbruch reden, bei dem es allerdings immer wieder zu Rückfällen kommt?

Für viele Diskussionsteilnehmer war die Gegenüberstellung von privaten «individualistischen» und öffentlichen Interessen zu eindimensional. Privateigentum, Vertrag und Haftung sowie das Geld, so wurde argumentiert, diene nicht nur der egoistischen Bedürfnisbefriedigung, sie seien auch die Basis sozialer Vernetzung. Der Durchschnittsmensch strebe nicht nur nach Profit, er wolle auch Anerkennung und Geborgenheit. Ökonomische Wertschöpfung basiere immer auch auf persönlicher Wertschätzung. Am Schutz des Privateigentums und an der Zulassung von Privatautonomie gebe es auch ein eminentes öffentliches Interesse.

Eine weitere These befasste sich mit der Um- und Abwertung der Tugenden. Die klassischen vier Kardinaltugenden, wie sie etwa bei Aristoteles erscheinen – Gerechtigkeit, Tapferkeit, Weisheit und Mässigung – hatten die Funktion, das Zusammenleben der Menschen in einem «sittlich» geordneten Gemeinwesen zu stärken und zu garantieren. Schon in der frühen Industriegesellschaft haben sich diese klassischen Kardinaltugenden abgenutzt und sind durch die sogenannten «bürgerlichen» Tugenden – Ordnungsliebe, Sparsamkeit, Pünktlichkeit, Fleiss – ersetzt worden. Geht diese Um- und Abwertung der Tugenden weiter? Ist es heute so, dass derjenige, der sich am besten in der Neid- und Konkurrenzgesellschaft durchsetzen kann, einen «neuen» Wertekanon aufstellt, in dem die privaten Interessen gleichsam als öffentliche Tugenden im Überlebenskampf erscheinen? Was früher noch als Laster galt – Egoismus, Gier, Rücksichtslosigkeit, Verantwortungslosigkeit, Hedonismus, gnadenlose Durchsetzung privater Interessen –, wird heute sozusagen als heimliche oder «invertierte» Tugend im verschärften Kampf ums ökonomische Überleben in einer globalisierten Gesellschaft angesehen. Sind also unsere heutigen Tugenden das, was früher noch als Laster gegolten hätte?

Schon 1715 postulierte der englische Philosoph Bernard Mandeville in seiner «Bienenfa-bel»: «In grossen Staaten hats / Für Tugend keinen Platz». Es seien die privaten Laster, die letztlich die Welt und den Handel am Florieren hielten. Das «sittliche» Gemeinwesen sei eine Erfindung der Ideologen, seine Durchsetzung führe in the long run immer zu Fanatismus, Unfreiheit und ökonomischem Untergang. Dies liege im Wesen des Menschen selbst, der eben auch nur ein nach Bedürfnisbefriedigung strebendes höheres Tier sei, und «Alle in Freiheit lebenden Tiere streben ausschliesslich nach Befriedigung ihrer Begierden und folgen ganz naturgemäss ihren Neigungen, ohne sich darum zu kümmern, welches Gute oder Böse für andere aus ihrer Befriedigung entspringt.»

Herausgefordert durch Mandevilles provokative These, ergab sich eine lebhafte Debatte zum Thema «Ökonomisierung des Lebens». Sie wurde mehrheitlich als Bedrohung des Gemeinwohls wahrgenommen. Der homo œconomicus habe es verlernt, sich an den Bedürfnissen eines Gemeinwesens zu orientieren und sich für die Belange einer «abstrakt» gewordenen Menschheit und deren Überleben einzusetzen. Wenn der Trend zum Hedonismus dominiere, bestehe die Tendenz, die Sorge um das Gemeinwesen den «Spezialisten» – von den Politikern bis hin zur ständig wachsenden Expertengruppe der Sozialarbeiterinnen, Psychologen, Altenpflegerinnen zu überlassen. Auch dieser eher kulturpessimistischen Diagnose wurde kaum widersprochen. Ein «Defizit an Gemeinschaft», an Geselligkeit, an menschlicher Wärme und an «Sozialkapital» wurde zwar in unterschiedlicher Terminologie doch ziemlich einmütig festgestellt. Das Urteil über die Ursachen dieser Entwicklung fiel allerdings sehr unterschiedlich aus. Ist der Wohlfahrtsstaat eine Errungenschaft, die die diagnostizierten Defizite zu kompensieren sucht, oder ist er eine Hypothek, die mitverantwortlich ist für die zunehmenden Mängel? In zahlreichen Voten kam eher die zweite Sichtweise zum Ausdruck: der Rückgang sozialer Tugenden sei keine Folge der Ökonomisierung des Lebens, sondern die Konsequenz der fortschreitenden wohlfahrtsstaatlichen Entmündigung. Wer das Defizit an sozialen Tugenden durch Zwangsvorschriften und -abgaben auszugleichen versuche, begebe sich, so wurde argumentiert, in einen Teufelskreis. Dem wurde entgegengehalten, dass es heute technologische Gefahrenpotentiale gebe, bei denen ein Verzicht auf Zwangsvorschriften verheerende Wirkung hätte.

Die Frage, ob die Ökonomie im allgemeinen und die Marktwirtschaft im besonderen insgesamt auf die Menschen eher brutalisierend und entsolidarisierend wirke, oder zivilisierend und kultivierend, wurde zwar nicht einhellig, aber doch mehrheitlich zugunsten der zweiten Meinung beantwortet. Unbestritten blieb die Feststellung, dass die Wirtschaft letztlich als Bestandteil der Kultur gedeutet werden sollte und nicht als Gegenprinzip. Inwiefern aber diese Wirtschaft und Kultur in einer hoch arbeitsteiligen, globalisierten technischen Zivilisation die auf Werten beruhenden Voraussetzungen ihrer Weiterexistenz selbst schaffen könne und inwiefern sie auf staatliche Leitplanken und Rahmenbedingungen angewiesen sei, blieb in der Gruppe kontrovers. Ein Primat der Politik beim Schaffen der institutionellen Voraussetzungen für den gesellschaftsstützenden und -erhaltenden Gemeinsinn wurde allerdings von keiner Seite postuliert. Der Brutalisierungsthese und der These von der zunehmenden Armut wurde ausdrücklich widersprochen. Wenn das Industriezeitalter durch das Dienstleistungszeitalter abgelöst werde, so würde das Einfühlungsvermögen in die Bedürfnisse anderer zu einem der wichtigsten ökonomischen Faktoren. Eine hoch arbeitsteilige Dienstleistungsgesellschaft ist auf sympathiefähige und kooperationsbereite Menschen angewiesen, und darum sei nicht anzunehmen, dass der Menschentypus des gemeinschaftsunfähigen Egoisten sich generell durchsetzen würde. Die Verarmungsthese beruhe auf einer schrittweisen Umdefinierung des Armutsbegriffs. Tatsächlich nähmen Lebenserwartung und Lebensstandard weltweit auch in weniger entwickelten Ländern zu.

Die Frage, ob denn die Wirtschaft neben den materiellen Werten, die sie schafft, auch in der Lage sei, die ethisch-moralischen Voraussetzungen ihres Funktionierens zu generieren und zu gewährleisten, und ob sie tatsächlich jene Verbindung schaffe zwischen individuellen und kollektiven Bedürfnissen, blieb offen. Die Meinung, dass es hier eine Lücke gebe, herrschte allerdings vor. Wer sie in welcher Weise und mit welchen Mitteln ausfüllen könnte, hätte den Gegenstand einer weiteren interessanten Diskussionsrunde abgeben können.

Robert Nef
ist Publizist und Autor, Mitglied der Mont Pèlerin Society sowie der Friedrich August von Hayek-Gesellschaft. Nef war von 1991 bis 2008 Redaktor und Mitherausgeber der «Schweizer Monatshefte». Er lebt als freier Publizist in St. Gallen.

Quelle: https://schweizermonat.ch/4-individualismus-und-kollektive-beduerfnisse/

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