Denker der Freiheit Tocqueville – Antizentralist und Antidogmatiker

(Eigentümlich frei Nr. 54, Seite 54-55)

Zum 200. Geburtstag des großen Freiheitsdenkers

Charles Alexis Henri Clérel de Tocqueville, geboren am 29. Juli 1805 in Verneuil, gestorben am 16. April 1859 in Cannes.

Die mächtigen Ideen haben sich im Lauf der Geschichte immer wieder im Gegensatz zu den Ideen der Mächtigen entwickelt. In Frankreich ist im Lauf der Jahrhunderte die Idee des nationalen Zentralismus mit einer Beharrlichkeit verwirklicht worden, die ihresgleichen sucht. Sie hat sich gegenüber allen Revolutionen, Niederlagen, Siegen und Regierungswechseln als hartnäckigste Konstante der französischen Innen- und Aussenpolitik bis heute behaupten können. Der Zentralismus hat nicht nur eine rationale Komponente, er entspricht auch einem ästhetischen Bedürfnis nach Übersichtlichkeit und Hierarchie, nach einer Gliederung, wie sie auch in der klassizistischen Architektur und der Parkgestaltung nach geometrischen Prinzipien zum Ausdruck kommt. Es kann auch nicht bestritten werden, dass der zentralistische Nationalstaat und seine Erweiterung zum kolonialen Imperium über Jahrhunderte hinweg ein machtpolitisch erfolgreiches Experiment gewesen ist. Nicht ohne Grund ist der zentralistische Nationalstaat weltweit zu einem Modell geworden, das seine durchaus gefährliche Attraktivität bis heute nicht verloren hat. Imperien sind auf zentralistische Strukturen angewiesen und ohne effiziente Bürokratie funktioniert keine Weltmacht. Aber nicht nur Weltmachtträume werden mit zentralistischen Strukturen verbunden, auch totalitäre und radikale Reformprojekte. Der Geist des Zentralismus hat seit je die Intellektuellen aller politischen und ideologischen Lager fasziniert.

Die Gefahren des etatistischen Zentralismus sind jedoch schon früh erkannt worden. Wenn sich die Zentrale irrt, was nicht auszuschließen ist, leidet das ganze System unter den Folgen. Und ein großer Irrtum ist wesentlich bedrohlicher als viele kleine. Es ist wohl kein Zufall, dass Frankreich der Welt nicht nur das Modell des Zentralstaats beschert hat, sondern auch einen der radikalsten Kritiker des bürokratischen Zentralismus hervorbrachte: Alexis de Tocqueville. Auch er ist ein Kind seiner Zeit und seiner Nation. Aber seine vergleichenden Analysen sind derart scharf beobachtet und kritisch reflektiert, dass sie von bleibender, ja von zunehmender Aktualität sind.

Tocqueville ist heute vor allem durch sein Jugendwerk, „Die Demokratie in Amerika“ im Gespräch geblieben. Der Autor verbindet darin ideengeschichtliche Reflexionen zu Freiheit und Gleichheit mit subtilen gesellschaftskritischen Beobachtungen und gelangt dabei immer wieder zu erstaunlich treffsicheren Voraussagen. Der aus einer adeligen Familie stammende Historiker, Politiker und Sozialphilosoph analysiert die Stärken und Schwächen der egalitären Massendemokratie und lässt sich weder als konservativer Ankläger noch als progressiver Verteidiger vereinnahmen. Tocqueville ist von den Vereinigten Staaten gleichzeitig fasziniert und schockiert, aber er nähert sich dem Gastland nicht als Besserwisser, sondern als Lernender, in einer geistigen Weltoffenheit, die der heutigen europäischen USA-Kritik nur allzu oft abgeht.

Viele Äußerungen in den Briefen widersprechen dem heutigen Zeitgeist und wirken in wohltuender Weise „politisch unkorrekt“. Tocqueville bewährt sich hier als typisch liberaler Antidogmatiker.

„Die Demokratie in Amerika“ ist ein Reisebericht, in dem sich Reportage, Kommentar und essayistische Reflexion kunstvoll zu einem Ganzen fügen. Das geniale Jugendwerk ist viel bekannter geworden als das reifere, leider unvollendet gebliebene Hauptwerk „Der Staat und die Revolution“ und die erst nach seinem frühen Tod publizierten Erinnerungen und Briefe. In ihnen kommt zum Ausdruck, dass sich Tocqueville nicht nur für politische und wirtschaftliche Ideen interessiert hat, sondern deren psychologische Hintergründe eingehend studierte. Viele Äußerungen in den Briefen widersprechen dem heutigen Zeitgeist und wirken in wohltuender Weise „politisch unkorrekt“. Tocqueville bewährt sich hier als typisch liberaler Antidogmatiker, der bestreitet, dass es möglich sei, die Beweggründe der Menschen vollständig und widerspruchsfrei zu entschlüsseln. Und der mit dieser Erkenntnis auch sich selbst nicht ausnimmt.

Die ideengeschichtliche Einordnung von Tocqueville ist kontrovers. Die einen sehen in ihm vor allem den liberal-konservativen Kritiker der egalitären Massendemokratie. Das Mehrheitsprinzip ist für ihn kein wirksames Bollwerk gegen die schrittweise Entmündigung des Individuums. Selbstbestimmung hat vor Mitbestimmung Vorrang, beide Entscheidungsverfahren müssen aber in der Politik bestmöglich verknüpft werden. Für diese heikle Kombination gibt es kein unfehlbares Rezept. Es ist durch Experimente in kleineren Einheiten immer wieder neu zu finden und zu erfinden. Die Botschaft ist einfach und klar: „Es kommt darauf an, aus dem Schoß der demokratischen Gesellschaft die Freiheit zu entwickeln.“ Der Liberalismus, der den selbstverantwortlichen mündigen Menschen ins Zentrum stellt, war das Gegenkonzept zur hierarchisch gegliederten Ständegesellschaft. Er weist aber heute auch den Weg zur Überwindung des egalitären, wohlfahrtsstaatlichen Etatismus, den Tocqueville bereits im 19.Jahrhundert als neue Bedrohung der Freiheit erkannt hat. Wer vor diesem Hintergrund immer noch glaubt, der Liberalismus sei ein überholtes Projekt des 19. Jahrhunderts, hat die Radikalität und die Aktualität seines politischen Programms nicht begriffen.

Für andere steht Tocquevilles Zentralismus- und Bürokratieskepsis im Vordergrund, die Übertragung des non-zentralen Wettbewerbmodells der Marktwirtschaft auf konkurrierende politische Gemeinwesen, die auf dem Gemeinsinn und auf tradierten Bürgertugenden basieren und eine historisch verankerte Alternative zur zentralistischen Großbürokratie bilden. Auch dieser radikal-liberale Denkansatz ist von großer und zunehmender Aktualität.

Tocqueville bemerkte in einem seiner Briefe, dass „die größte seelische Krankheit die menschliche Kälte ist.“ Freiheit bezog er somit nicht nur auf politische und wirtschaftliche Verhältnisse, sie hatte für ihn auch eine psychologische und eine religiöse Dimension. Er hat Zeit seines Lebens nicht nur um die Verknüpfung von Freiheit und Gleichheit gerungen, sondern auch um die Verbindung von Freiheit und Glauben. „Nie war ich überzeugter als heute, dass nur die Freiheit (ich meine die gemäßigte und gleichmäßige) und die Religion in einer gemeinsamen Bemühung die Menschen aus dem Sumpf herausziehen können, in den die Demokratie sie stößt, sobald eine dieser Stützen fehlt.“ Dahinter steckt eine scharfsinnige Analyse und ein radikales, herausforderndes, aber inhaltlich offenes Programm, das den engeren Rahmen der Politik sprengt.

Robert Nef:
Jg. 1942, Leiter des Liberalen Instituts und Mitherausgeber der „Schweizer Monatshefte“, Zürich.

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