Lob der Ungleichheit

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(Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung – Politik – 20. Februar 2005 – Seite 2)

Gastkommentar

Eine Antwort auf Klaus-Uwe Benneters These, radikale Liberale seien asozial

Menschen sind ungleich oder – positiv formuliert – vielfältig, und die Kommunikation – und Dienstleistungsgesellschaft lebt vom produktiven Umgang mit der Tatsache, dass unterschiedliche Menschen sich vertraglich und verträglich die Arbeit teilen. Wer – wie Klaus-Uwe Benneter in seinem F.A.S.–Beitrag vom vergangenen Sonntag – den ungleichen Menschen Gleichheit als Ziel verkündet und deren schrittweise Herstellung verspricht, ist arrogant oder unglaubwürdig oder beides.

Jeder Abschied fällt schwer, auch der Abschied vom Mythos, der Fortschritt bewegt sich in Richtung einer Perfektionierung der Gleichheit im Rahmen einer staatlich garantierten kollektiven Daseinsvorsorge. Wir werden genetisch ungleich geboren und – glücklicherweise trotz Wohlfahrtsstaat – in vielfältigen Umwelten sozialisiert, wir haben unterschiedliche wandelbare Wünsche und Ziele. Geldhungrige wollen mehr Geld, Machthungrige mehr Macht, Anerkennungshungrige mehr Anerkennung, Liebeshungrige mehr Liebe, und alle diese Bedürfnisse werden in individuelle und kollektive soziale Beziehungsnetze eingebracht. Es kommt dabei zum Austausch und auch zu einem gewissen Ausgleich, und es macht gerade den Wert einer Gemeinschaft aus, wie kreativ ihre Mitglieder mit ihrer Vielfalt umgehen. Daher ist Ungleichheit kein Übel, sondern eine Chance. In einer Gesellschaft von Gleichen würde nicht nur der wissenschaftliche, sondern auch der soziale Austausch immer überflüssiger, und die Vereinzelung und Vereinsamung gleichgeschalteter Bürgergeldempfänger oder Staatsrentner im Daseinsvorsorgestaat würde die auf Tausch, Markt und Privatautonomie beruhende Bürgergesellschaft schrittweise ersetzen.

Friedrich August von Hayek gilt Sozialisten und Sozialdemokraten als Intimfeind. Der Grund ist unter anderem der, dass er schon direkt nach dem Zweiten Weltkrieg darauf hingewiesen hat, dass die beiden kollektivistischen Totalitarismen des 20. Jahrhunderts, Sozialismus und National-Sozialismus, ideologisch dieselben Wurzeln haben. Das geht gegen jene populäre, auch von Benneter vertretene These, die Sozialdemokratie sei die legitime Erbin des Liberalismus und habe den Markt mit dem Wohlfahrtsstaat ausgesöhnt. Hayek verachtete weder Wohlfahrtsstaat noch Mehrheitsprinzip – zeigt aber, dass sich die beiden Institutionen nicht nachhaltig kombinieren lassen, weil sie wachsende Begehrlichkeiten mit sinkender Produktivität verbinden – eine sehr hellsichtige Analyse. Benneter versucht, Hayek mit isolierten Zitaten und erfundenen Unterstellungen als herzlosen Wirtschaftsliberalen zu diffamieren, für den der Mensch «zu einem Instrument für wirtschaftlichen Gewinn» wird. Ein einziges Hayek-Zitat, eine an Adam Smith anknüpfende Passage aus seinem Klassiker «die Verfassung der Freiheit» widerlegt das Zerrbild: «Es gehört zur Natur des Mannes (und vielleicht noch mehr der Frau) und bildet die Hauptgrundlage seines Glücks, dass er das Wohlergehen anderer zu seiner Hauptaufgabe macht. Das ist eine der uns offenstehenden Möglichkeiten und oft die Entscheidung, die im Allgemeinen von uns erwartet wird».

Wenn Liberale Ungleichheit akzeptieren und grundsätzlich positiv bewerten, heisst das nicht, dass Liberale Ungleichheit als Schicksal hinnähmen. Es gibt zwei unterschiedliche Verfahren des Ausgleichs und Austauschs. Einmal den herrschaftsfreien Tausch unter Mündigen, grundsätzlich gleichwertigen Menschen, die sich individuell über die Konditionen einer Transaktion einigen. Und den kollektiv erzwungenen Ausgleich über Verbote, Gebote, Regulierungen und Umverteilungen aller Art. Der Hauptunterschied zwischen Liberalen und Sozialdemokraten oder, noch weiter vereinfacht, zwischen Rechten und Linken liegt nicht in der positiven oder negativen Bewertung von Ungleichheit, sondern in der Rolle des Staates und des Zwangs im Umgang mit diesen Ungleichheiten. Es geht um die Antwort auf die Frage, was befriedigendere Resultate zeigen: ein privat autonomer massgeschneideter Ausgleich zwischen individuellen Beteiligten oder die auf Mehrheitsentscheidungen oder Expertenwissen abgestützte allgemein verbindliche Norm. Auch Hayek verpönt letztere nicht einfach. Er akzeptiert sie aber nach dem Subsidiaritätsprinzip nur als Ausnahme, nicht als Regel.

Die Behauptung, Hayeks klassischer Liberalismus fördere materielle Gier und soziale Verantwortungslosigkeit, ist töricht. Die Basis einer funktionierenden Dienstleistungsgesellschaft ist ein Netzwerk flexibler, individueller Vereinbarungen mündiger Menschen. Die Schwachen nicht im Stich zu lassen ist in erster Linie ein menschliches Anliegen und nur subsidiär eine Staatsaufgabe. Wirtschaftlich und gesellschaftlich ist auf Dauer nicht der Rücksichtslose, sondern derjenige, der sich in die Bedürfnisse seiner Mitmenschen optimal einfühlen kann. Die Wirtschaft wird damit zudem, was sie als Agrikultur schon immer gewesen ist: zum produktiven und kreativen Bestandteil unserer Kultur, in der «das Wohlergehen anderer zur Hauptquelle des Glücks» wird – nicht nur des Materiellen.


Der Verfasser leitet das Liberale Institut in Zürich.

FAZ – Sonntag, 20. Februar 2005 – Seite 2

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