Kein Ende der Reformsucht?

(Schweizer Monat – Debatte – Ausgabe 935 – September 2004)

Ein Ausstieg aus der Rechtschreibreform hat faktisch stattgefunden. Die Experten wiegeln ab, den Schaden trägt die Schule. Die Politik drückt sich vor Entscheidungen, und wichtige Fragen bleiben unbeantwortet.

Die Kontroverse um den Ausstieg aus der Rechtschreibreform wurde in den Medien auf den Gegensatz zwischen «schülerfreundlichen Vereinfachern und Reformern» und «neuerungsfeindlichen und elitären Traditionalisten» reduziert. Kaum jemand ging im Rahmen des emotionalen Hick-Hacks der Sache systematisch auf den Grund. Entscheidende Fragen wurden vor allem in jenen Medien ausgeblendet, die in blindem Reformeifer und vorauseilendem Gehorsam seit Jahren mitgemacht haben. Alle Mittäter und Opfer im Bildungsbereich (dem die Sprache und ihre Schreibweise definitiv nicht gehören) hatten ihrerseits gute Gründe, mit Durchhalteparolen in die Defensive zu gehen und vom Bild des Scherbenhaufens abzulenken.

Immer noch geistert in den Köpfen die Vermutung herum, Reformen, Veränderungen und sogenannte Vereinfachungen seien grundsätzlich etwas Gutes, und jeder, der es wage, diesbezüglich Fragezeichen zu setzen und – frei nach Popper – die Beweislast für den Nutzen einer Reform den Reformern aufzubürden, sei ein konservativer Modernitätsverweigerer, dessen Problem sich – hoffentlich – demnächst biologisch löse. Die Tatsache, dass sich die wissenschaftliche Evaluation des Grossversuchs am lebenden Sprachkörper (zu dem auch die Schreibweise gehört) auf dürftigste Befragungen im Umfeld der Unzuständigen, Befangenen und Betroffenen im Schulbereich stützte, war kein Thema. In der ganzen Hinterfragungszunft hat sich auch niemand die Mühe gemacht, gegenüber Fragestellungen wie «Hat sich Ihrer Meinung nach die neue Rechtschreibung bewährt?», oder «Machen Sie mit der neuen Rechtschreibung weniger Fehler?» selbst ein Fragezeichen zu setzen, und von einer kritischen Evaluation der Evaluationen, Voraussetzung jeder aussagekräftigen wissenschaftlichen Feldstudie, ist keine Rede.

Wenn grosse Verlage in Deutschland bei der sogenannten Reform in diesem Sommer die Notbremse gezogen haben, so ist dies wohl primär aus ökonomischen Kosten-Nutzen-Überlegungen erfolgt, deren Gründe und Hintergründe nicht einfach als ein im «Sommerloch» inszenierter ideologischer Erdrutsch zugunsten der Traditionalisten gedeutet werden sollten. Millionen von Büchern, für passionierte Leser ein wesentlicher Bestandteil der Sprachheimat, sind seit über hundert Jahren in einer Orthographie gedruckt, die zwar im Rahmen zahlreicher neuer Dudeneditionen sanft renoviert worden ist, die aber insgesamt doch als Kontinuität und Einheit erscheint. Alle diese Bücher würden nun durch ein politisches Dekret zu tendenziell veralteten Zeitdokumenten abgewertet, falls diese Reform wirklich durchgesetzt würde. Das ist ein immenser Schaden. Es soll besorgte Mütter geben, die ihre eigenen Kinderbücher weggeworfen haben, um zu verhindern, dass ihre Kinder mit der traditionellen Rechtschreibung «infiziert» werden und beim Lesen «etwas Falsches» lernen. Diese Reaktion liegt zwar fern jeder Verhältnismässigkeit, aber sie reflektiert wenigstens die richtige Vermutung, dass man sich Orthographie nicht durch Regeln in der Schule aneignet, sondern durch Lesen, durch das Wiedererkennen des Gelesenen und durch die eigene Wiedergabe des Vertrauten und Altvertrauten – ein subtiler Prozess innerhalb der Lese- und Schreibkultur.

Dass die Reformer nun ihr Anliegen verharmlosen und im besonders umstrittenen Bereich der Getrenntschreibung sogar zurücknehmen, zeigt lediglich, mit welcher Leichtfertigkeit das ganze Projekt angegangen und durchgezogen worden ist. Was sollen alle pflichtbewussten Lehrerinnen und Lehrer und alle Schülerinnen und Schüler, für die Rechtschreibung durchaus ein ernstes, weil notenwirksames Anliegen ist, mit dem Appell zu einem «lockeren Umgang» und mit dem saloppen Hinweis auf die Klassiker anfangen, die ja ohnehin auch nach Belieben geschrieben hätten; oder mit der Empfehlung, man könne ja ausserhalb der Schule immer noch schreiben, wie man wolle?

Sehr häufig hörte man in der Debatte, die Reform sei, wenn auch unzweckmässig und unnötig, nun einmal irreversibel. Wer sich aber jetzt über die Zumutung aufregt, dass eine Schülergeneration, die höchstens wenige Promille der Gesamtbevölkerung ausmacht, allenfalls wieder «umlernen» müsste, sollte diese Zahl der «Reformopfer» jener Zahl von Menschen gegenüberstellen, die sich mit guten Gründen weigern, etwas umzulernen, das Vertrautes in Frage stellt und eigentlich nur Nachteile mit sich bringt. Bevor man wegen dieser einen Schülergeneration Krokodilstränen vergiesst, sollte man sich darüber klar werden, dass es um die Rechtschreibekünste dieser Gruppe – mit oder ohne Reform – ohnehin nicht so gut steht. Die Fehler, denen man in Texten begegnet, die ohne Korrekturprogramme geschrieben wurden, betreffen nur zum geringsten Teil Streitfälle zwischen den verschiedenen Dudeneditionen von 1996 bis 2004. Wer bei einer Rückkehr zur herkömmlichen Schreibweise, die nun von grossen Verlagen (zum grossen Ärger der Reformer!) faktisch bereits vollzogen ist, das «totale Chaos» voraussagt, überschätzt das Subsystem Schule und den Anteil einer Schülergeneration an der gesamten aktiven Textproduktion.

Die meisten Schulabgänger überlassen im Berufsalltag die Rechtschreibung ohnehin dem Computer, dessen Software ware problemlos auf unterschiedliche, neue, revidiert neue und traditionelle Orthographie programmiert werden kann. Was es unter diesen technischen Randbedingungen bei der Schreibweise von Wörtern noch zu «vereinfachen» und zu «vereinheitlichen» gab, bleibt wirklich ein Rätsel. Was man hingegen nicht per Mausklick umstellen kann, ist die Wahrnehmung jener sprachlich sensiblen Leserschaft, der ungewohnte Schreibweisen wie «aufwändig» und «Gräuel» buchstäblich weh tun.

Heute kommuniziert die junge Generation per Mobiltelephon und SMS, mit Kurz- und Liebesbriefen in Dialekt oder in einer Privatorthographie. Da spielen die Subtilitäten der Rechtschreibreform leider kaum eine Rolle. Jene handgeschriebenen Briefe, die über das Schriftbild und die orthographische Kompetenz zusätzliche Informationen über die Schreibenden lieferten, sind zu einer seltenen Ausnahme geworden, und die wenigen Teilnehmer und Teilhaber an diesem hohen Kulturgut werden ohnehin die herkömmliche Schreibweise bevorzugen.

Zur Kostenfrage haben sich die Reformer, die diesbezüglich keine Fachleute sind, beim ursprünglichen Projekt meines Wissens nicht ernsthaft geäussert. Mindestens war das nie ein Thema, sonst hätte man nämlich – wenigstens in der Schweiz – darüber eine politische Debatte führen müssen, weil es zur politischen Kultur dieses Landes gehört, die Kostenfrage sorgfältig zu prüfen. Offenbar gibt es keine Studien, sondern nur grobe Schätzungen. Reformer sind vom Nutzen ihrer Vorschläge meist derart überzeugt, dass sie die Kostenfrage gar nicht stellen. Wer Kosten berechnen will, muss quantifizieren. Dafür braucht es zunächst einmal objektivierbare Aussagen über den Nutzen einer Reform. Was bringt die sogenannte Vereinfachung der Schreibweise in einer Gesellschaft, die die Rechtschreibung ohnehin an den Computer delegiert? Wird irgend etwas effizienter, billiger, bequemer, gerechter oder gar schöner? Vermag dies jenen Verlust an sprachlicher Präzision aufzuwiegen, der auch von den Reformern zugegeben wird?

Wo denn die behaupteten Millionenkosten einer Rückkehr liegen sollen, weiss eigentlich auch niemand. Schulbücher müssen ohnehin in kurzfristigen Rhythmen neu aufgelegt werden. Nachdem die Reformer ihre Reform bereits in wesentlichen Belangen wieder rückgängig gemacht bzw. für fakultativ erklärt haben, sind die neuesten Schulbücher bereits jetzt überholungsbedürftig. Auch gibt es noch zahlreiche Lehrbücher in herkömmlicher Rechtschreibung. Umschulungskurse für Lehrer braucht es nicht, da die jetzige Lehrergeneration orthographisch noch «zweisprachig» ist.

Die herkömmliche Lösung mit dem Duden-Privileg (das Thema wurde kaum angeschnitten) war gar nicht so schlecht und auch nicht wirklich freiheitsfeindlich oder undemokratisch. Ein privater Verlag, der permanent unter dem Druck der öffentlichen und wissenschaftlichen Kritik steht, hatte – auf Widerruf – das Privileg, das amtliche und schulverbindliche Referenzwerk zu sein. Warum eigentlich nicht? Das störte seinerzeit lediglich die Nomenklatura der DDR, der eine umfassende staatliche Sprach- und Schreibreform nach ihren Vorstellungen vorschwebte. Ist das der «letzte Gruss» der DDR an die deutsche Sprachgemeinschaft? Der Duden hat stets nachgezeichnet, was sich im Sprachgebrauch mehr oder weniger durchgesetzt hatte. Er stellte das Übliche fest und verzichtete auf die Ambition, das in Zukunft «Richtige» vorzuschreiben. Die Kommission führte hingegen ganz neue Schreibweisen ein, die, da unerprobt, dauernd wieder geändert werden müssen.

Die einzige Regulierung, die Erziehungsbehörden und Ämter gegenüber einem privilegierten Verlag machen müssten, wäre, dass die Auflagekadenz schulverbindlicher Auflagen beschränkt würde, beispielsweise auf 5 Jahre, – und dass für weitere 5 Jahre etwas nicht als promotionsrelevanter Fehler gelten könnte, wenn es in der «alten Auflage» einmal üblich war. Die Mitberücksichtigung von österreichischen und schweizerischen Besonderheiten würde bei dieser Lösung allein schon aus kommerziellen Motiven von einem solchen Verlag gleich mitgeliefert, eigentlich eine sehr praktische und für die Schweiz billige Lösung des Kompromisses zwischen Vielfalt, Spontaneität, Konstanz und dem ausgewiesenen Bedarf an Regelkonformität und Kompatibilität mit dem ganzen deutschen Sprachraum.

Denkbar wäre auch die parallele, konkurrierende Zulassung von zwei oder mehreren Referenzwerken. Das machte aber die Korrektur von Schülertexten für Lehrer komplizierter und ginge wohl an die Grenzen der schulmeisterlichen Kompetenzen. Ein Vorteil für Schüler läge darin, dass man weniger als Fehler anstreichen könnte, wenn eine Schreibweise wenigstens nach einem Referenzwerk zulässig wäre. Interessant wäre auch, zu beobachten, was sich dann kommerziell bei zwei parallel zulässigen Referenzwerken abspielte. Vermutlich würden die Differenzen nicht zunehmen. Der Wettbewerb würde vielmehr die Nähe beider Referenzwerke am tatsächlichen Sprach- und Schreibgebrauch begünstigen, und kritische Wissenschafter hätten die Möglichkeit, ihre sprachgeschichtlichen und ästhetischen Präferenzen einzubringen, allerdings nicht in der Funktion von steuerfinanzierten Kommissionsmitgliedern, sondern als freie Rezensenten.

Robert Nef
ist Publizist und Autor, Mitglied der Mont Pèlerin Society sowie der Friedrich August von Hayek-Gesellschaft. Nef war von 1991 bis 2008 Redaktor und Mitherausgeber der «Schweizer Monatshefte». Er lebt als freier Publizist in St. Gallen.

Quelle: https://schweizermonat.ch/kein-ende-der-reformsucht/

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