«Die sieben Sünden des Kapitals»

Lesedauer: 4 Minuten

(Schweizer Monat – Kultur – Ausgabe 935 – September 2004)

Erfahrungen eines Unternehmers

«Das einzige Problem, das Anhänger der Marktwirtschaft haben, ist, dass sie miserable Ideenverkäufer sind. Das einzige, was Sozialisten stets besser können als Kapitalisten, ist sich selbst und ihre Ideen verkaufen.» Diese Selbstkritik stammt von Leon Louw, der in Südafrika einen Think-tank mit dem Namen «Free Market Foundation» leitet. Ob er an dem Verdikt auch nach der Lektüre von Tito Tettamantis «Die sieben Sünden des Kapitals» festhalten würde, ist fraglich.

Der Autor, Tito Tettamanti, ist selbst ein erfolgreicher Unternehmer, der die Bezeichnung «Kapitalist» keineswegs als Schimpfwort empfindet. Wenn er den italienischen Sprachgebrauch, in dem sich «Sozialismus» und «Kapitalismus» als ideologische Optionen gleichberechtigt gegenüberstehen, in die Diskussion einbringt, so hat er, wie auch der Schwede Johan Norberg mit seinem Buch «Das kapitalistische Manifest» (dt. Übersetzung, Eichborn 2 3), einen wertvollen Beitrag zur Entkrampfung einer Diskussion geleistet, die nun schon seit über 15 Jahren geführt wird und deren Ende vorläufig nicht abzusehen ist. Im Deutschen hat der Begriff «Kapitalismus» immer noch einen negativ-polemischen Unterton, als sei er selbst eine Sünde. Kaum jemand bezeichnet sich spontan als Anhänger des Kapitalismus oder gar als Kapitalist. Das Buch wurde nicht geschrieben, um möglichst viele Gegner des Kapitalismus zu bekehren, sondern um seinen Anhängern ein Argumentarium zur Verfügung zu stellen, wenn sie ihre Position gegenüber Angriffen aus verschiedensten Lagern verteidigen müssen. Darum hat jedes Kapitel nach der persönlichen Stellungnahme des Autors einen Anhang, in dem zustimmende und ablehnende Meinungsäusserungen aus der Fachliteratur zusammengefasst werden.

Intellektuelle sehen sich häufig als die Ingenieure einer künftigen Gesellschaft und massen sich an, über das hierfür notwendige Wissen – wenigstens zum Teil – zu verfügen. Darum sind viele von ihnen noch immer nicht aus dem sozialistischen Traum der Machbarkeit des Wohlstands durch kollektive Veränderung und Verbesserung der Menschen erwacht. Unternehmer deuten hingegen das Zusammenleben als Chance, um aus gegebenen Konstellationen das jeweils Bestmögliche herauszuholen. Tettamanti ist gleichzeitig ein Intellektueller und ein Unternehmer, eine Kombination, die nicht besonders häufig vorkommt. Sein Buch ist entstanden, weil der Autor immer wieder feststellte, dass es den Anhängern der Marktwirtschaft beim Vertreten ihrer Anliegen oft nicht nur am nötigen Selbstbewusstsein fehlt, sondern auch am entsprechenden Wissen über grundlegende Fakten und Zusammenhänge. Auf zehn kapitalismuskritische Publikationen kommt höchstens eine, die den gegenteiligen Standpunkt bezieht. Dies ist wohl mit ein Grund, warum Anhänger der Marktwirtschaft in Diskussionen oft vorzeitig vor ihren Anklägern kapitulieren oder sich der Auseinandersetzung gar nicht erst stellen.

Tettamanti zeigt anhand von Carlo Lottieris subtiler Unterscheidung von Globalisierung und Globalismus auf, dass die Wirtschaft und die Politik unterschiedliche Bezugsräume haben und dass es immer weniger Sinn ergibt, die Wirtschaft in merkantilistischer Manier an nationalstaatliche Grenzen fesseln zu wollen. Mit andern Worten: Weltwirtschaft (Globalisierung) ist realistisch, und sie bietet Vorteile für alle. Ein Weltstaat (Globalismus) weist hingegen erheblich mehr Nachteile als Vorteile auf, weil er den Pluralismus beschneidet, den Wettbewerb um die bestmögliche Politik beschränkt und damit kreative Ungleichheiten und Lernprozesse verhindert.

Tettamantis Analyse der Zusammenhänge zwischen politischer Freiheit und wirtschaftlicher Konkurrenz ist ausgewogen. Seine Schlussfolgerungen sind ein Plädoyer für eine kreative Verbindung von Kapitalismus und Demokratie. Dabei ist wohl der Wunsch der Vater des Gedankens. Die Realität in Europa zeigt ein anderes Bild. In Westeuropa hat in den letzten Jahrzehnten vor allem der Soft-Sozialismus vom Mehrheitsprinzip profitiert. Das ist vermutlich leider kein Zufall, sondern die Folge eines Systems, in dem sich eine Mehrheit auf Kosten einer Minderheit Vorteile verschaffen kann. Demokratie und Wohlfahrtsstaat sind auf die Dauer aber unverträglich. Demokratie kann nur in einem Staat überleben, der seine eigene Zuständigkeit limitiert und vor allem die zulässige Steuerlast und die Quote der Umverteilung begrenzt, bei der eine Mehrheit von einer Minderheit profitiert.

Ein ganzes Kapitel ist der Einkommensschere und der Armut in den reichen Ländern gewidmet. Das Bild von der Schere ist, wie Tettamanti anhand von Zitaten und Zahlen schlüssig darlegt, in zweierlei Hinsicht problematisch. Einmal suggeriert es ein Bild vom Wirtschaftsprozess, das nachweislich unzutreffend ist. Eine auf Austausch und Arbeitsteilung beruhende Wirtschaft ist kein Nullsummenspiel, bei dem die einen nur das gewinnen können, was die anderen verlieren. Das Reichwerden der einen ist nicht notwendigerweise verknüpft mit dem Armwerden der andern. Die Reichen werden reicher – zum Teil viel reicher und schneller reich –, aber die Armen werden auch reicher, möglicherweise zu langsam und zu wenig nachhaltig und mit zu vielen Ausnahmen. Die Gründe dafür sind zu erforschen, und man muss darüber ohne Voreingenommenheit und Vorurteile nachdenken und diskutieren. Was zudem die Armut in den Entwicklungsländern betrifft, weist Tettamanti mit guten Gründen auf das bahnbrechende Buch von Hernando de Soto hin («Freiheit für das Kapital», Berlin 2 2), das u.a. auf praktischen Erfahrungen in Lateinamerika beruht. Entwicklungshilfe ist ein interventionistisch-sozialistisches Weltprojekt, das schon über mehrere Jahrzehnte läuft und vielerorts mehr Schaden als Nutzen gestiftet hat. Entscheidend für eine nachhaltige Verbesserung der Lebensqualität ist die Schaffung von günstigen Voraussetzungen für kleine, lokal verankerte Privatunternehmen und für einen möglichst offenen Handel.

Die Deregulierung ist ein politischer Prozess, der sich sowohl innerhalb eines Staates oder einer Staatengemeinschaft als auch zwischen den Staaten und grossen Wirtschaftsregionen der Welt abspielt. Das Problem des Ausgleichs zwischen «arm» und «reich» wird innerhalb von Staaten unter den Stichworten Umverteilung, Ausbau, Abbau oder Umbau des Wohlfahrts- bzw. Sozialstaats abgehandelt, während man auf globaler Ebene eher von Entwicklungspolitik, von Drittweltpolitik oder von «Solidarität mit den Ärmsten der Welt» spricht. Dahinter stecken zum Teil vergleichbare, zum Teil sehr unterschiedliche Probleme. Der unregulierte Markt bewirkt eine Verstärkung der Ungleichheit, indem er den wirtschaftlich Erfolgreichen ihren Anteil am Erfolg belässt und den Nicht-Erfolgreichen grundsätzlich keine Dauerförderung oder Unterstützung durch Staatsmittel in Aussicht stellt, sondern höchstens «Hilfe zur Selbsthilfe».

Tettamantis Buch verteidigt den Kapitalismus, nicht aber das Fehlverhalten einzelner Kapitalisten. Vor allem Kapitalisten, die im Umfeld von Entwicklungsprojekten arbeiten, sind mitschuldig an der Verknüpfung von Politik, Bürokratie und Wirtschaft. «Ihr Egoismus verleitet sie häufig dazu» – so resümiert der Autor – «von protektionistischen Lösungen zu profitieren und mit korrupten Regierungen Hand in Hand zu arbeiten.»

Robert Nef
ist Publizist und Autor, Mitglied der Mont Pèlerin Society sowie der Friedrich August von Hayek-Gesellschaft. Nef war von 1991 bis 2008 Redaktor und Mitherausgeber der «Schweizer Monatshefte». Er lebt als freier Publizist in St. Gallen.

Quelle: https://schweizermonat.ch/die-sieben-suenden-des-kapitals/

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