Verstaatlichte Hilfsbereitschaft?

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(NZZ – INLAND – Dienstag, 17. Juni 2004, Seite 15)

Wie nachhaltig ist erzwungener Altruismus?

Von Robert Nef, Zürich

Die Bereitschaft, einander zu helfen, zu schützen und zu fördern, gehört zu den Voraussetzungen einer funktionierenden Gemeinschaft. Sie figuriert deshalb auch in politischen Programmen unter der Rubrik Sozialpolitik ganz oben und gehört dort zu den populären Postulaten. Keine Partei und auch keine gemeinnützige Organisation will auf sozialpolitische Forderungen an den Staat ganz verzichten. Die Unterschiede liegen in Dosierung und Gewichtung, gemäss denen «mehr Staat» gefordert wird. Caritas, eines der grossen gemeinnützigen Hilfswerke der Schweiz, verpasst in öffentlichen Verlautbarungen kaum eine Gelegenheit, auf die Notwendigkeit eines Ausbaus staatlicher Sozialpolitik hinzuweisen. Glaubt sie selbst nicht mehr an die spontane «caritas», eine der christlichen Tugenden? Wenn der Staat hilft, schützt und fördert, geschieht dies immer durch bezahlte Funktionäre auf Kosten von Steuerzahlern, die möglicherweise spontan weniger hilfsbereit wären oder andere Prioritäten gesetzt hätten. Man kann also über die Steuerpflicht zunächst einmal für Soziales zusätzliche Mittel mobilisieren. Darum ist die Forderung nach staatlicher Hilfe stets auch wesentlich populärer als der Appell an die persönliche Hilfsbereitschaft. Die eigene Hilfsbereitschaft wird nämlich dadurch zunächst ergänzt und verstärkt. Letztlich lässt sie sich aber, so wird spekuliert, auf die Dauer auf Dritte abwälzen, von denen man annimmt, sie seien dadurch weniger beeinträchtigt. Diese Dritten meint man nämlich, wenn man sagt: «der Staat soll», denn der Staat finanziert sich ja durch Steuergelder. Wenn man sich selbst meinen würde, wäre ja eine direkte Spende sinnvoller. Aber geht diese Rechnung auf? Ist es nicht so, dass durch Delegieren von gesellschaftlich fundamental wichtiger Bereitschaft an eine Organisation, die Zwangsmittel einsetzt, die spontane Bereitschaft schwindet? Die Vermutung, dass daraus schliesslich auf die Dauer für die Gemeinschaft sogar ein negativer Saldo an Hilfsbereitschaft resultiert, ist berechtigt. Perfektionistische Sozialpolitik macht asozial, weil sie die persönliche Hilfsbereitschaft zunächst ergänzt und schliesslich ersetzt. Die Frage, wie persönlich, wie institutionell, wie organisiert und wie zentralisiert Hilfe, Schutz und Förderung sein sollen, bleibt offen. Ist der Staat, ist eine Staatengemeinschaft, sind die Kirchen oder eine gemeinnützige Organisation der beste Garant für ein nachhaltig funktionierendes Netzwerk der Hilfe und der Unterstützung? Ist es naiv, an die Zukunftstauglichkeit privater Hilfsbereitschaft zu glauben? Wer diesbezüglich auf das staatliche Zwangsmonopol und auf die Steuerpflicht setzt und soziale Aufgaben schrittweise an die Bürokratie des Wohlfahrtsstaats delegiert, ist möglicherweise naiver als derjenige, der sich für die Schaffung günstiger Voraussetzungen einsetzt, unter denen privater Egoismus und Altruismus spontan und individuell immer wieder neu kombiniert werden können. Hilfsbereitschaft gedeiht im Umfeld von Freiwilligkeit besser als unter Zwang.

NZZ 17. Juni 2004, Seite 15

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