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Freiheit, schöner Götterfunken

Lesedauer: 10 Minuten


(Stiftung für Abendländische Ethik und Kultur)

STAB-Rundbrief Nr. 145

Zürich, Anfang Juni 2004

An den Freundeskreis der Stiftung für Abendländische Besinnung

Ob Schillers «Ode an die Freude» tatsächlich in einer Urfassung eine «Ode an die Freiheit» war, ist eine unbewiesene Vermutung. Tatsache ist, dass Leonard Bernstein in der Berliner Aufführung von Beethovens 9. Symphonie 1989 «Freiheit, schöner Götterfunken» singen liess, sicher mit guten Gründen.

Über den subtilen Zusammenhang von Freiheit und Schönheit, gäbe es in Anknüpfung an Schiller viel nachzudenken. Ästhetik, verstanden als «sinnliche Wahrnehmung», bildete bei Schiller die Verbindung von Theorie und Praxis, und gerade um diese Verbindung steht es heute besonders schlecht. Nach dem 20.Jahrhundert, das den Mut zur Darstellung aller Hässlichkeiten des Lebens als Befreiung der Kunst von allen Zwängen zelebriert hat, gehört es vielleicht zu den Aufgaben des 21. Jahrhunderts, den Zusammenhang des Wahren, Schönen und Guten, wenigstens als Ideal neu zu entdecken und in einer der heutigen Zeit angepassten Form darzustellen. Das wäre kein Zurück, sondern ein Aufbruch und ein Ausbruch aus kollektiven Zwangsvorstellungen und Schuldkomplexen.

Menschheitsgeschichtliche Wurzeln der Freiheitsidee

Vor 200 Jahren ist Schillers Wilhelm Tell in Weimar erstmals aufgeführt worden. Schiller hat der Schweiz ein Jahr nach Napoleons Mediationsverfassung und fast ein halbes Jahrhundert vor der Gründung des Bundesstaates ihren Staatsmythos geschenkt. Ist es heute Zeit für einen Abschied von Altvertrautem, aber obsolet Gewordenem, für eine Rückbesinnung oder für eine neue Deutung?

Geschichte ist ein instruktiver, aber oft auch ein verführerischer Erfahrungsschatz, vor allem wenn man auch jene Mythen mit einbezieht, von denen sich keine Geschichtsschreibung je ganz isolieren lässt. Die Mythen sind oft sogar ihr bestes Teil, und kein Volk kann ohne Nachteil darauf verzichten, aber wehe dem Volk, das sich nur noch auf Mythen verlässt.

Schiller schöpft für sein Schauspiel aus der Befreiungsgeschichte der Eidgenossen im 13. Jahrhundert. Der Jäger Tell, Einzelgänger, Individualist und Spontanist verkörpert jedoch nur die eine, die negative Seite des Willens zur Freiheit und Unabhängigkeit. Sie ist eine durchaus «notwendende» Voraussetzung kollektiver Befreiung, aber ebenso entscheidend ist der Zusammenschluss der Eidgenossen auf dem Rütli, die in freier Vereinbarung, aber doch allgemeinverbindlich und dauerhaft (ewig! – heisst es im Bundesbrief von 1291) regeln wollten, was ihr gemeinsames Überleben sicherte. Es ist ein Minimum an Gemeinsamkeit, aber ein notwendiges Minimum.

Tell ist die mutige, unintellektuelle Verkörperung des Widerstandrechts. Figuren wie Tell sind auch heute notwendig und sie sind allzu selten. Deren Geschoss ist heute in der Informations- und Wissensgesellschaft natürlich nicht mehr physisch, sondern intellektuell und publizistisch. Je treffsicherer, desto besser, sonst verfehlt es möglicherweise den Apfel und trifft das eigene Kind, die nächste Generation.

Radikalkritik ist nicht ohne Risiken. Tell wagt die Befreiungstat für sich und die Gemeinschaft, ohne das Bedürfnis zu haben, in ihr zu partizipieren. Wohlgemerkt, Tell hat nicht den Kaiser, das Symbol einer höheren Rahmenordnung, erschossen. Er hat den korrupten, machtgierigen Funktionär, den Steuer- und Sittenvogt, der seine Macht missbrauchte, ausgeschaltet.

Ohne Tell kein Rütli, aber ohne den gemeinschaftlichen Akt des Bündnisses, kein Fortbestand der unabhängigen Eidgenossenschaft. Ihr Zweck lautet noch heute in der Verfassung ”Behauptung der Unabhängigkeit nach aussen und Schutz der Freiheit und Rechte der Eidgenossen”. Er ist auf einer Urkunde von 1291 festgehalten, die das A4-Format nicht wesentlich überschreitet, eine Urkunde übrigens, die lange verschollen blieb, weil deren Inhalt derart präsent war, dass man das Pergament gar nicht vermisste und weil die Zahl der des Lesens und Schreibens Kundigen im Volk der Hirten ohnehin nicht allzu gross war. Wenn der Vertrag von Maastricht sich auf die historisch verbrieften Vereinbarungen des Rütli-Bundes beschränken würde, hätte die Schweiz wohl weniger Probleme mit einem EU-Beitritt.

Die moderne anonyme Grossgesellschaft braucht kein «Rütli» und auch keinen gemeinsamen Eid. Sie basiert auf internationalen Märkten, nicht zuletzt auch auf Finanzmärkten. Ihr «Kaiser» ist keine mächtige Person, sondern die ziemlich unbestechliche Börse. Trotzdem kann keine Gesellschaft auf funktionierende Moralsysteme in persönlich vernetzten Kleingruppen verzichten. Wer weiss, ob nicht auch der international vernetzte Kapitalismus einmal Schiffbruch erleiden könnte? Dann wäre ein konkretes Bündnis mit Mitmenschen, die feierlich versprechen, sich in keiner Not und Gefahr zu trennen, einem abstrakten Glauben an die langfristig nachhaltige Robustheit einer globalisierten Wirtschaft und an einen Frieden in einer kontinental vereinigten Staatengemeinschaft vorzuziehen.

Die Idee der Freiheit ist aus einem Guss. Sie beruht auf einer abgrundtiefen Skepsis gegenüber Gewalt und Zwang in jeder Hinsicht. Der Götterfunken der Freiheit ist weder vom deutschen Idealismus noch von den angelsächsischen Marktliberalen entdeckt worden. Er gehört zum Kulturerbe der Menschheitsgeschichte und kann anhand von drei Kreisen veranschaulicht werden, bei denen der jeweils kleinere stets innerhalb des grösseren Kreises liegt. Es macht daher wenig Sinn, verschiedene Auffassungen von Freiheit gegeneinander auszuspielen.

Diese abstrakten Überlegungen lassen sich anhand der drei Personen veranschaulichen, die in Schillers Tell als die «Drei Eidgenossen» auftreten, welche unterschiedlichen Generationen angehören und auch unterschiedliche Motive für ein Bündnis haben.

Der Grossvater, Walter Fürst, Tells Schwiegervater, verkörpert jene traditionelle wertkonservative Linie, welche man heute «die anthropologische Komponente der Freiheitsidee» nennen könnte. Sie knüpft an eine in fernster Vergangenheit angesiedelte «Freiheit der Väter» an, die den Auszug aus der Knechtschaft in ein gelobtes Land gewagt haben. Diese menschheitsgeschichtlich fundierte Freiheitsidee ist weder von Adam Smith noch von John Locke und auch von keinem Philosophen der Antike entdeckt und beschrieben worden, sondern von jenen mythischen Figuren, welche den Exodus ihres Volkes ins verheissene Land der Selbstbestimmung und Selbstverantwortung wagten oder sich als kreativ dissidente Innovatoren über Zwangsgebote aller Art hinwegsetzten: Moses, Prometheus, Antigone. Diese Stichworte mögen hier genügen, um den grössten Kreis, die anthropologische Komponente der Freiheitsidee zu markieren.

Der zweite engere Kreis, in dem die Freiheitsidee aufgehoben ist, kann man ohne negativen Unterton den «bürgerlich-ideologischen» nennen. Er wird verkörpert durch den bedächtig zögerlichen Familienvater Werner Stauffacher, der ohne das Zureden bzw. die Anstiftung durch seine Frau Gertrud von Steinen (man beachte die mit Vorbedacht gewählten Namen), gar kein freier Eidgenosse geworden wäre. Das Besitzes-Bürgertum, das er mit seinem Steinhaus verkörpert, ist nicht im Biedermeier des 19. Jahrhunderts entstanden, sondern wurzelt in jener städtischen Kultur, in welcher Stadtluft frei machte. Bürgertum und Zivilgesellschaft beruhen auf Verträgen, auf dem Privatrecht der Handwerker und Händler, auf der Trias Marktplatz, Rathaus und Kirche, umgeben von einer schützenden, aber auch einengenden Mauer. Stichworte dazu: Privateigentum, Vertrag, Trennung von Wissen und Glauben, von Kaiser und Papst, von Staat und Kirche, «los liberales» gegen «los serviles» im Spanien des 18. Jahrhunderts, Schottische Aufklärung, John Locke, David Hume und Adam Smith.

Stauffacher verkörpert die besitzesbürgerliche Komponente der Freiheitsidee. Ihre Anhänger tendieren dazu, spiessbürgerlich zu werden, wenn man ihn von ihrem grösseren und viel älteren Umfeld isoliert und wenn man die Verbindung zur Walter Fürstlichen anthropologischen Traditionslinie des Wertkonservativismus unterbricht.

Der bürgerlich-kapitalistische Liberalismus, der stets zur Mitte drängt, wo allerdings nicht die Lösung, sondern das Problem liegt, braucht aber auch die Inspiration durch jugendliche, libertäre Rebellen, durch Unternehmer im Reich der Ideen, die den Liberalismus immer wieder vor der strukturkonservativen Erstarrung in selbstgenügsamer Sattheit bewahren. Wer Werte wie die Freiheit schützen will, muss die dauernde Bereitschaft zur Veränderung, zur Innovation offen halten und darf sich nie voreilig mit unbefriedigenden Umständen abfinden.

Der engste Kreis der Freiheitsidee, man könnte ihn den parteipolitischen nennen, wird durch den gegen Macht und Ungerechtigkeit rebellierenden jungen Arnold vom Melchthal symbolisiert. Er wird aus der Situation heraus zur Partei. Sein Programm ist kurzfristig konkret: Macht kaputt, was euch kaputtmacht. Nur, und das unterscheidet ihn von engstirnigen und verblendeten Rebellen, von denen es in der Weltgeschichte und in der Politik nur so wimmelt: Melchthal kooperiert mit Vätern und Grossvätern und siedelt seinen Wirkungskreis innerhalb der beiden anderen grösseren Kreise an. Das ist möglicherweise das Erfolgsgeheimnis der Eidgenossen, und das was – auch aus Schillers Sicht –, die Eidgenossen von den Pariser Revolutionären Königs- und Vatermördern unterscheidet. Eine Brüderlichkeit, welche auf die Erfahrungen der Väter und Grossväter, und – vor allem auch – der Partnerinnen und Mütter verzichtet, verliert sich nämlich im pubertären Protest ohne je erwachsen zu werden.

Was macht denn die Freiheit zum Götterfunken? Sicher nicht die drei Kreise. Sie mögen einleuchten, aber sie entbehren als intellektuelle Deutungsversuche der zündenden Kraft einer ursprünglichen Dichtung, die anhand von Personen in einem Schauspiel Ideen zeigt, und nicht durch Modelle und Kreise erklärt.

Freiheit als Spiel zwischen Chaos und Ordnung

Was befreit uns wirklich von Zwängen aller Art? Es ist das Spiel, in dem sich Spontaneität und Ordnung immer wieder neu kombinieren, wie wir es im Spiel der Musik erleben und vor allem bei der Improvisation.

Keine Freiheit ohne Spiel, kein Spiel ohne Freiheit. Freiheit als Spiel? Nur ein Spiel, ein grosses «Tun als ob»? Oder doch mehr als ein Spiel? «Hoher Sinn liegt oft in kindischem Spiel» oder – ebenfalls Schiller: «Der Mensch spielt nur, wo er in voller Bedeutung des Wortes Mensch ist, und er ist nur da ganz Mensch, wo er spielt.»

Das Spiel hat – vor allem in der deutschen Sprache – eine grosse Vielfalt von Bedeutungen. Wir spielen Musik, spielen Rollen und spielen Positivsummen- und Nullsummenspiele. Die Spieltheorie eröffnet neue Dimensionen der Markttheorie und der Evolutionslehre. Die folgenden Überlegungen beschränken sich auf zwei Gesichtspunkte, einen mechanischen, der das Spiel in den Gelenken betrifft und einen sportlichen, der das Spiel als Mischung von vereinbarter Ordnung und Spontaneität, als Kombination von Leistung, Kooperation, Zufall und Willkür zu deuten versucht, als Metapher für das was sich auch anderswo abspielt.

Und wo funkt in diese vielfältigen Experimente mit Ordnung, Vereinbarung, Willkür und Zufall die Freiheit als Götterfunke hinein. Das «Spiel» ist möglicherweise kein Fachbegriff der Mechanik, aber im allgemeinen Sprachgebrauch bezeichnet man das als «Spiel», was beim Übertragen von Kräften in Gelenken über das Funktionieren entscheidet. Ohne Spiel kommt es zur Blockade und mit zuviel Spiel zum Auseinanderbrechen des Mechanismus. Das Spiel ist jener Freiraum, der – rein mechanisch – Übertragung bzw. Kommunikation und Kooperation ermöglicht. Auch zwischen Menschen braucht es bei den «Links» gegenseitig gewährte und vereinbarte, möglichst «massgeschneiderte» Spielräume. Auf Englisch heisst das weder «play» noch «game», sondern «clearance» oder, im übertragenen Sinn, «tolerance» und genau das ist hier gemeint. Auch Gebietskörperschaften brauchen Autonomie als «Spielraum» für Möglichkeiten des Lernens und Experimentierens, der Assimilation, der Akkommodation und der Adaptation, je non-zentraler desto besser. Freiheit als Spiel in diesem Sinn, als Spielraum in den Gelenken gesellschaftlicher und wirtschaftlicher Kommunikation – das tönt nun sehr technisch und wenig pathetisch, vielleicht sogar kleinmütig.

Wer nun aber glaubt, diese Art von sozial gebundener, äusserst vorsichtiger und auf Kooperation und Übertragung ausgerichteten Freiheitsdefinition, als mechanisches Spiel am Gelenk zwischen Mensch und Gemeinschaft, widerspreche liberaler Tradition, sei auf zwei Zitate verwiesen. Sie belegen, dass der Vorwurf der Gesellschaftsfeindlichkeit liberaler Ideen nur von jenen erhoben werden kann, welche die klassischen Texte nicht kennen und ihre Vorurteile nicht überwinden.

Das erste Zitat stammt vom Franzosen Frédéric Bastiat (1800–1850). Er wird heute oft als Künder eines veralteten Super-Individualismus missverstanden, was durch das folgende Zitat widerlegt wird: «Die Art von Abhängigkeit, welche durch den Tausch bzw. durch Markttransaktionen begründet wird, ist gegenseitige Abhängigkeit. Wir können von einem Dritten nicht abhängig sein, ohne dass er nicht auch von uns abhängig wäre. Und das ist das, was das Wesen der Gesellschaft ausmacht. Wer natürliche Abhängigkeiten durchtrennt, macht sich selbst nicht unabhängig, sondern begibt sich in eine vollständige Isolation.»

Auch für Ludwig von Mises (1881-1973) ist das, was sich auf dem Markt abspielt kein egoistischer Kampf aller gegen alle, sondern ein Zusammenspiel.

«Die Bedeutung der ökonomischen Freiheit ist Folgende: Das Individuum soll in der Lage sein, zu wählen, auf welche Weise es sich in das Gesellschaftsganze integrieren will.» Das ist der Spielraum, den wir haben – mehr an «Selbstverwirklichung» liegt offenbar nicht drin.

Mit den beiden Zitaten soll hier nur skizzenhaft auf eine weitere Bedeutung von Spiel verwiesen werden, die mit dem Götterfunken der Freiheit und mit dem Begriff der «spontanen Ordnung» zu tun hat: Auf das Spiel als Mannschaftssport. Beide Äusserungen, die von Bastiat und die von Mises, könnten – sinngemäss und sprachlich adaptiert – auch im modernen Umfeld des Mannschaftssports angesiedelt werden, und beispielsweise von Fussballtrainern stammen. Das grosse Spiel des Mannschaftssports, vor allem das Fussballspiel, hat in der heutigen Gesellschaft einen Stellenwert, der für viele Intellektuelle schwer verständlich ist. Aber gibt es für Anhänger der spontanen Ordnung einen Grund, die Nase zu rümpfen über das, was andern, und vielen andern, Spass macht und weltweit eine grosse Zahl von Leuten mehr interessiert als Politik?

Vielleicht ist der Götterfunken der Freiheit im Mannschaftsspiel unmittelbarer erlebbar als in der Politik. Der spielerische Umgang mit Erfolgen und Misserfolgen, Glück und Pech, Leistung und Zufall ist auch ausserhalb des Spiels von etwelchem Bildungswert. Es lässt sich dabei lernen, auf welche Weise und mit wie viel Spiel (im doppelten und dreifachen Sinn) man sich ins Gesellschaftsganze integrieren will. Möglicherweise sind Politik und Sport einfach zwei Erscheinungsweisen von Spielen, in welchen Freiheiten und Randbedingungen spontan oder eben «mit mechanischem und sportlichem Spiel» aufeinander Bezug nehmen. Der Zweifel am Schiller’schen «hohen Sinn in kindischem Spiel» ist möglicherweise bei beiden Spielen, Politik und Mannschaftssport, in gleicher Weise berechtigt, oder eben nicht. Vielleicht sollte man lernen, häufiger darüber zu lachen als darüber zu schimpfen.

Humor und Phantasie als Treffpunkte der Freiheit

Eine weiteres Merkmal, welches die Freiheit zum Götterfunken werden lässt, ist der Humor. Humor ist nun aber nicht gerade die Stärke des deutschen Idealismus, und Schiller hat uns keine Komödie hinterlassen. Über Anmut und Würde, Pflicht und Neigung, edle Einfalt und stille Grösse gibt es wenig zu lachen, wenigstens nicht bei denen, die sich ernsthaft damit befassen. Vielleicht ist der Humor bei Insulanern und bei Minderheiten überlebenswichtiger als bei Festländern und etablierten Mehrheiten. Sie sind darauf angewiesen, sich selbst auf die Rolle zu schieben, um andern damit zuvor zu kommen. Die Angelsachsen und die Juden haben diesbezüglich Substantielleres beigetragen als der deutsche Idealismus.

Humor ist eine subtile Präventivabwehr, er immunisiert gegen die Bitterkeit des Lächerlich-Werdens, der Minderheiten immer ausgesetzt sind. Humor ist auch engstens mit der Fähigkeit verknüpft, sich selbst nicht absolut zu setzen, sich selbst nicht immer allzu ernst zu nehmen: Humor als heiteres Darüberstehen – nicht dauernd, aber doch immer wieder, und vielleicht immer öfter. Das Thomas Mann’sche «Es geht immer auch anders» ist eine auch in der Politik unentbehrliche Maxime. Bei allem Überzeugt-Sein ist es wichtig, zuzugeben, dass man sich möglicherweise irrt. Humor ist mindestens so komplex wie «Freiheit» und «Spiel»: der dritte Standpunkt von dem aus man die beiden andern Standpunkte beleuchten kann, eine prekäre Balance zwischen Dingen, die letztlich nicht festzumachen sind. Freiherr von Münchhausen zieht sich einmal mehr am eigenen Zopf aus dem Sumpf der Missverständnisse. Es soll hier nicht über Humor theoretisiert werden, und ein einziger Hinweis auf den Zusammenhang von Humor, Freiheit und Politik mag genügen.

In Hesses Werken begegnen wir immer wieder einer Dreiheit. Nicht den «Drei Eidgenossen», sondern der Verkörperung von drei typischen Lebensauffassungen: dem asketischen Heiligen, dem hedonistischen Libertin und dem individualistisch anarchistischen Steppenwolf – es gibt sie alle in allen Menschengruppen und Parteien. Existiert nun ein «Rütli», ein geheimer geheiligter Ort, wo die drei Menschentypen friedlich zusammenfinden? Ja, dieses Rütli, diese gerodete Waldwiese, ist der Humor.

Im Steppenwolf nennt Hesse den Humor, den er immer als irgendwie bürgerlich empfindet, den Überbrücker, welcher nicht nur den Heiligen und den Wüstling zueinander biegt, sondern auch den Bürger, als neutralen lauen Dritten im Bunde, bejahend mit einbezieht. «Einzig der Humor, die herrliche Erfindung der in ihrer Berufung zum grössten Gehemmten, der beinahe Tragischen, der höchstbegabten Unglücklichen, einzig der Humor (vielleicht die eigenste und genialste Leistung des Menschentums) vollbringt dies Unmögliche, überzieht und vereinigt alle Bezirke des Menschenwesens mit den Strahlungen seiner Prismen.» Die vielzitierte Passage ist allerdings eine Spur zu pathetisch, um humorvoll zu sein.

Darum zurück nach England. Von Gilbert Keith Chesterton stammt folgende typisch britische Bemerkung: »It is the test of a good religion whether you can make a joke about it.” Gilt dies auch für politische Bekenntnisse? Kann man beispielsweise über den Liberalismus Witze machen und lachen? Das wäre gegenüber dem stets bitter ernst fordernden und moralisierenden Sozialismus ein grosses Plus.

Machen wir die Probe aufs Exempel: Den Humortauglichkeitstest.

Im innerliberalen Diskurs spielt die Auseinandersetzung um die «zwei Konzepte der Freiheit» (Isaiah Berlins «The two concepts of liberty») eine zentrale Rolle. Für die einen ist die Freiheit vom Staat wichtig, die negative Freiheit, die andern erwarten und verlangen vom Staat die Schaffung der Voraussetzungen für die Freiheit (Freiheit durch den Staat) und beide nennen sich mit ideengeschichtlich plausiblen Motiven «Liberale». Ursprünglich wurde die zweite Gruppe «neoliberal» genannt, inzwischen hat man in den Medien paradoxerweise die Bedeutung umgedreht. Da der erste Ansatz der radikalere und zukunftsträchtigere ist, sollte man sich gegen die von Gegnern verliehene Vorsilbe Neo- eigentlich nicht wehren. «Neo» hat Zukunft.

Doch was ist an dieser Auseinandersetzung witzig? Der erwähnte innerliberale Dialog, der wichtig ist, kann als ein endloses Gespräch zwischen Lahmen und Blinden gedeutet werden: Die Anhänger der negativen Freiheit sind politisch lahm, weil sich mit Negationen allein wenig bewegen lässt, die Anhänger der staatlichen Freiheitsvermittlung sind politisch blind, weil sie die entmündigenden und damit längerfristig freiheitszerstörenden Konsequenzen ihres gut ge- meinten Ansatzes nicht sehen, bzw. nicht sehen wollen. Und da fragt nun in diesem Gespräch der Blinde den Lahmen: «Wie geht’s?» Die Antwort lautet «Wie Sie sehen.» Und beide haben damit hoffentlich wenigstens den Humortest bestanden.

Von einem andern Angelsachsen, von Francis Bacon, stammt der Satz; «Phantasie hilft dem Menschen über das hinweg, was er nicht ist, Humor tröstet ihn darüber hinweg, was er ist.» All jenen, denen die Freiheit am Herzen liegt, ist zu wünschen, dass ihnen weder die Phantasie noch der Humor ausgeht.

Dieser Rundbrief ist eine überarbeitete Fassung der Ansprache, die zum 25. Jahrestag der Gründung des Liberalen Instituts am 18 .März 2004 in Zürich gehalten worden ist. Gleichzeitig wurde damit ein internationales Symposium zum Thema «Schiller und die Idee der Freiheit» eröffnet.

Robert Nef
Präsident der Stiftung für Abendländische Besinnung

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