Zur Wiederkehr sozialistischer Träume

Lesedauer: 23 Minuten

Deutsche Version des Beitrags zum “Regional Meeting“ der Mont Pèlerin Society in Hamburg, 4. April 2004, mit dem Titel: “The revival of socialist dreams”

English version

“Der Sozialismus beruht nicht lediglich auf einem anderen System höchster Werte als der Liberalismus, die man respektieren müsste, auch wenn man nicht damit übereinstimmte; er beruht auf einem intellektuellen Irrtum, der seine Anhänger blind gegenüber seinen Konsequenzen macht.” (Friedrich August von Hayek, Recht, Gesetzgebung und Freiheit, 3 Bde., Landsberg am Lech 1981, Bd. 2, S. 185)

Ich hatte einen Traum, den Traum, man könne in 25 Minuten erklären, warum der Sozialismus, einer der hartnäckigsten kollektiven Irrtümer der letzten 200 Jahre, in Europa immer noch so attraktiv ist, obwohl er in den unterschiedlichsten Varianten den Test des Erfolgs und der Realisierbarkeit nicht bestanden hat. Ich bin aber aus diesem Traum erwacht und begnüge mich damit, in 25 Minuten aufzuzeigen, warum dieses Unterfangen, den sozialistischen Traum definitiv ad absurdum zu führen, an verschiedenen Hindernissen scheitert, bzw. bisher immer wieder gescheitert ist.

Man hat in der Phase des Kalten Kriegs in der öffentlichen Debatte vielleicht allzu grob vereinfachend von einem sozialistischen Ostblock gesprochen, der einer marktwirtschaftlich-kapitalistischen “freien Welt” gegenübergestellt wurde. Dabei hat man geflissentlich übersehen, dass sich im 20. Jahrhundert, u. a. in der Folge von zentral verwalteten Kriegswirtschaften, die den Weg zurück zur marktwirtschaftlichen Normalität nicht mehr fanden, in den meisten Staaten Westeuropas eine Art gemischtwirtschaftlicher Soft-Sozialismus entwickelt hat, bei dem Staatsquoten von 50 Prozent und mehr auch zu 50 Prozent Staatswirtschaft geführt haben. Ich möchte diesbezüglich auch die Schweiz nicht ausnehmen. Die sogenannt soziale Marktwirtschaft wäre nur dann sozial, wenn “sozialistisch” und “sozial” dasselbe bedeuten würden. “Sozialistisch” bedeutet für mich aber “ökonomisch ineffizient”, und was ineffizient ist, kann auf die Dauer auch nicht sozial sein.1 Hayek hat sich mit dem fatalen Missverständnis zwischen “sozial”, “sozialistisch” und “etatistisch” eingehend auseinandergesetzt.2 In Wirklichkeit steuern wir in Europa auf eine Krise von nicht nachhaltig finanzierbaren Umverteilungssystemen zu. Ihr akuter Sanierungsbedarf wird durch die kollektive Flucht in den EU-Zentralismus verschleiert. Man möchte das Fehlkonzept des nationalen bzw. national-etatistischen (nationalstaatlichen) Wohlfahrtsstaates auf der Ebene eines EU Supra-Nationalstaats noch für einige Jahre oder Jahrzehnte weiter praktizieren. Ich vermeide hier den historisch belasteten und damit missverständlichen Begriff „national-sozialistisch“, obwohl er, wörtlich genommen, genau das bezeichnet, was ich meine. Leidtragende werden jene sein, die aus diesem soft-sozialistischen Traum möglicherweise gar nicht so “soft” erwachen: die nächste oder übernächste Generation.3

Damit komme ich zu den ersten zwei Thesen:

1. Die heute aktuelle Spielart des Sozialismus hat durch den beschränkten Einbezug von Privateigentum und Marktwirtschaft an Realitätsbezug gewonnen. Er hat sich zu einem gegen kapitalistische Kritik weitgehend immunisierten Soft-Sozialismus entwickelt.

Sozialismus hat dank seiner Unschärfe offenbar die Fähigkeit, wie ein Phönix aus der Asche gescheiterter Experimente aufzusteigen. Seine Anhänger finden immer wieder neue Ausreden für das Scheitern und immer wieder neue Argumente für eine Wiederkehr unter veränderten Randbedingungen. In einer Mischung von Prinzipien ist es eben relativ einfach, das Scheitern einem Zuviel des Gegenprinzips und einem Zuwenig des eigenen zuzuschreiben und der definitive Beweis für den Grund zu einem Misserfolg oder zu einem teilweisen Misserfolg lässt sich nicht führen. Vergleiche sind allerdings möglich, und unsere Chance liegt in vergleichenden empirischen Studien.

2. Eine subtile Mischung von Träumen und Tatsachen charakterisiert alle Ideologien. Im Sozialismus verbinden sich Träume und Realitäten in einer besonders fatalen Kombination.

Der Traum von einer Menschheit, die auf frei praktizierter Sympathie beruht, steht – mindestens teilweise – im Konflikt mit der Realität, dass viele Menschen ihren Nutzen auch zulasten ihrer Mitmenschen maximieren. Die Menschen verhalten sich in einer hoch komplexen Mischung triebgesteuert, rational und emotional. Sie orientieren sich an ihrem Eigennutzen, sind aber nicht in der Lage, sich über ihre eigenen Motive und die Motive ihrer Mitmenschen restlose Klarheit zu verschaffen. Spätestens seit Adam Smith wissen wir es: „Die Wohlfahrt der Nationen“ („The welfare of nations“) ist mit der „Theorie der ethischen Gefühle“ („Theory of Moral Sentiments”) verknüpft. Aber wie das genau zusammenhängt, ist kaum zu entschlüsseln.

“El sueño de la razón produce monstros“.

Hayek hat dieses Zitat aus den Capriccios von Goya seinem Essay “Die Anmassung von Wissen” vorangestellt. Im Internet findet man inzwischen über 700 Hinweise, die sich auf die Widersprüchlichkeiten dieses Aphorismus beziehen. Ich will nicht abschweifen, aber einige Überlegungen zum Begriff des Traums scheinen mir in diesem Zusammenhang nicht überflüssig zu sein. “Träume sind Schäume”, heisst ein deutsches Sprichwort, mit dem sich Deutsche vor sich selbst warnen. “Ein Gott ist der Mensch, wenn er träumt, ein Bettler, wenn er nachdenkt”, schreibt der deutsche Dichter Hölderlin4, und da Menschen lieber Götter sind als Bettler, ist das Träumen auch beliebter als das Nachdenken.5 Ein Argument mehr für die Wiederkehr sozialistischer Träume? Sueño heisst auf Spanisch sowohl Schlaf als auch Traum. Calderon hat das ganze Leben einen Traum genannt und gleichzeitig die Undefinierbarkeit unzweideutig zum Ausdruck gebracht: sueños sueños son.

Hayek selbst sieht im Aphorismus von Goya eine Warnung vor einem blinden Glauben an den Menschheitstraum, die Vernunft könne alle Probleme lösen, – übrigens eine zentrale Botschaft von Hayeks Gesamtwerk. The sleep of reason produces (or: brings forth) monsters. Er räumt aber ein, dass Goya ursprünglich das Gegenteil gemeint haben könnte.6 Auch der deutsche Politologe Wilhelm Hennis hebt die romantische, aufklärungskritische Komponente hervor und kommt zu folgendem Fazit: Die Vernunft, die sich etwas “ausdenkt”, produziert Monster: “Der Traum einer universellen, projekteschmiedenden Vernunft gebiert Ungeheuer.”7

Bei Goya selbst findet sich in seinem Kommentar zum Blatt 43 ein Hinweis, dass er sich der Doppelbödigkeit seiner Aussage durchaus bewusst war. “Die Phantasie, verlassen von der Vernunft, erzeugt unmögliche Ungeheuer; vereint mit ihr, ist sie die Mutter der Künste und Ursprung der Wunder.” Oder mit anderen Worten: Gebt der Vernunft, was der Vernunft gehört und überlasst der Phantasie den Glauben an die Kreativität und an die Wunder der Spontaneität. Mit dieser Aussage kann ich mich restlos identifizieren. Einmal mehr ist der Autor allen seinen Interpreten überlegen. Es ging Goya also weder um eine Diffamierung noch um eine Verherrlichung der Vernunft, sondern um einen Appell, der Vernunft jenen Stellenwert zu geben, der ihr vernünftigerweise zukommt. Mit Hayek bin ich der Auffassung, dass kein Individuum den Anspruch erheben kann, die ganze Vernunft zu besitzen und schon gar nicht die Fachleute, die sich das anmassen.8 Jeder trägt seine persönliche Mischung von Vernunft, Emotion und Illusion mit sich herum, und eine spontane Ordnung zeichnet sich dadurch aus, dass sie den Versuch unterlässt, diese Vernunftinseln konstruktivistisch zu ordnen und mit dem Risiko des grossen Irrtums und der fatalen kollektiven Täuschung hierarchisch zu vernetzen.

Damit komme ich zur These drei und vier:

3. Der sozialistische Traum geht von der für Intellektuelle attraktiven, aber gefährlichen Annahme aus, Vernunft lasse sich hierarchisch und zentral mit den Mitteln der Erkenntnis organisieren und es werde daraus eine zur Konfliktfreiheit fortschreitende Gesellschaft hervorgehen.

Im blinden Glauben an die erzieherische Konditionierbarkeit soll das staatliche Bildungssystem den soft-sozialistische Etatismus zur “zweiten Natur” des Menschen machen. Die wirtschaftsferne Intelligenz will damit definitiv zur Beherrscherin eines edukativ-medial-gouvernementalen Komplexes werden.9 10 11

Wer glaubt, die “richtige Lösung” zu kennen, masst sich an, mindestens temporär, zugunsten dieser Lösung Zwang auszuüben und die Wahrheit von Staates wegen zu verbreiten.12 Zentralismus verbunden mit dem Zwang zum Guten ist allerdings nicht eine Spezialität der Sozialisten. Auch die Liberalen in der Schweiz und in Deutschland haben beispielsweise im 19. Jahrhundert den Zentralismus befürwortet. Sie fühlten sich berechtigt, einer in konservativen Irrtümern befangenen Minderheit ihre fortschrittlichere Auffassung “zu ihrem eigenen Wohl” aufzuzwingen.

Dieselbe Anmassung prägt alle hierarchischen zentralisierten Organisationen, die Funktionäre, bzw. “Grossinquisitoren”13 haben, welche zu wissen glauben, was für andere gut ist. Ich persönlich neige dazu, dass ein pluralistischer Wettbewerb autonomer Gebiete und Instanzen die auf Protektionismus, Irrtum und Aberglauben beruhenden Ineffizienzen – vor allem im ökonomischen Bereich – rascher und gründlicher zu Fall gebracht hätte als das zentral verordnete und erzwungene Dogma und das Verbot lokaler Regulierungen zugunsten einer zentralen Harmonisierung. Was sich mittel- und langfristig ökonomisch auszahlt, braucht nicht erzwungen zu werden. Ob man sich auch bei krassen Verletzungen von Menschenrechten auf den Wettbewerb der Systeme verlassen kann, ist für mich eine offene Frage. Immerhin gibt es einschlägige Erfahrungen, dass der Zwang positive Entwicklungen nicht beschleunigt, sondern bremst und dass moralische Verhaltensweisen unter zentralem Druck eher degenerieren als florieren.14

4. Das Gefährliche am Sozialismus ist seine Forderung nach Allgemeinverbindlichkeit und seine Tendenz zur Zentralisierung. Diese beiden Merkmale provozieren eine Dreiteilung der Menschheit in Gläubige, Ungläubige und Sektierer und verhindern rechtzeitige Lernprozesse.

Der Soft-Sozialismus ist nicht nur ein fatales Mixtum aus Traum und Vernunft. Er könnte auch mit der Hydra aus der Herakles-Sage verglichen werden. Die Hydra war eine Schlange mit mehreren Köpfen. Einer der Köpfe soll sogar unsterblich gewesen sein. Sobald ein Kopf abgeschlagen war, wuchsen an dessen Stelle zwei neue. Während Herakles die Köpfe abschnitt, half ihm Iolaos, sein Wagenlenker, sein Chauffeur, wie man heute sagen würde, indem er nach jedem Hieb mit Feuerbränden den Stumpf ausbrannte. Das unsterbliche Haupt wurde abgeschlagen und lebendig begraben. Herakles tauchte seine Pfeile in das Blut der Hydra und gab ihnen damit tödliche Wirkung.15

Doch zurück zum engeren Thema: Was heisst eigentlich „sozialistische Träume“? Ist das nicht ein Widerspruch? Der Sozialismus als Doktrin deutet sich selbst – mindestens ursprünglich – nicht als Traum, auch nicht als Bekenntnis, sondern als wissenschaftliche Erkenntnis. Er erhebt den Anspruch, ein Kind des Rationalismus und der Aufklärung zu sein, und es ist nicht zu bestreiten, dass es eine ideengeschichtliche Verbindungslinie von Hegel über Feuerbach bis Karl Marx gibt. Seine philosophische Grundannahme besteht darin, dass das materielle Sein das ideelle Bewusstsein bestimmt und dass die Geschichte durch eine gesetzmässige Entwicklung von Eigentums- und Herrschaftsverhältnissen bestimmt wird. Er ist damit das eigentliche Gegenstück zum deutschen Idealismus, der vom Glauben beseelt war, dass Ideen die Welt bestimmen und verändern können.

Damit komme ich zu These 5, welche den Unterschied von „sozial“ und „sozialistisch“ betrifft.16

5. Die Gleichsetzung von “sozial” und “staatlich” und die Assoziation zwischen “sozial” und “sozialistisch” ist eine der folgenreichsten und für die Freiheit schädlichsten Sprachmanipulationen der letzten zwei Jahrhunderte.

Nach dem Scheitern sozialistischer Experimente bleibt in der Regel nicht nur eine ökonomische und ökologische Wüste zurück, sondern auch ein ruiniertes Sozialgefüge und ein Chaos des Misstrauens und der krassesten Egoismen. Was sich heute in vormals sozialistischen Ländern an asozialem und unethischem Verhalten manifestiert, ist nicht etwa der “Preis” neuer Freiheiten und die Begleiterscheinung eines aufkeimenden Kapitalismus, sondern die schwere Altlast einer Doktrin, welche mit dem Ziel angetreten war, die Menschen durch Zwang und zentrale Planung gleichzeitig wohlhabender und mitfühlender zu machen. Staatlich erzwungener Sozialismus macht die Menschen asozial.

Trotz dieser Erfahrungen, über die es bisher erstaunlich wenig empirische Untersuchungen gibt, ist die Verbindung von “Sozialismus” und “sozial” noch fest im allgemeinen Sprachgefühl verankert. Viele liberale Befürworter der Marktwirtschaft fühlen sich bemüssigt, zu betonen, sie seien trotz ihres Liberalismus auch noch “sozial eingestellt”.17

Dabei sollte die Formel lauten: “Ich bin sozial, weil ich liberal bin.”

6. Der Wunsch, möglichst viel Soziales an den Staat zu delegieren, beruht auf dem gefährlichen Irrtum, das Gute werde dadurch besser und das Soziale werde dadurch sozialer, dass man es allgemeinverbindlich und obligatorisch vorschreibt oder doch mindestens von Staates wegen fördert.

7. Umverteilung und Förderung (affirmative action) einer ausgewählten Gruppe führt zur Vernichtung von Wohlstand und zur Diskriminierung aller Nicht-Geförderten. Beide vom Soft-Sozialismus bevorzugten Methoden zerstören darum mehr als sie ermöglichen.

„Die Wiederkehr sozialistischer Träume“ ist nicht nur ein europäisches Phänomen. Wo immer auf der Welt es Regierungen gibt, die sich auf Mehrheiten stützen, welche vom politischen System in erster Linie Umverteilung zu ihren Gunsten erwarten, hat der Sozialismus als parteipolitisches Programm grosse Chancen. Dahinter steckt leider sogar eine gewisse politökonomische Rationalität und eine innere Logik.18

Die sogenannt wissenschaftlichen Armutsdefinitionen stellen sicher, dass die relativ Reichen gegenüber den relativ Armen eine Minderheit sind. Nach dem Mehrheitsprinzip ist die Versuchung bei Mehrheiten gross, eine Besserstellung nicht durch Leistung und Risikobereitschaft, sondern durch ein egalitäres Zwangssystem von Forderungen an die Regierung zu erreichen.

Mittel- und langfristig kann nur das umverteilt werden, was vorher erwirtschaftet worden ist. Jede Umverteilung beeinträchtigt die Produktivität. Aber wer interessiert sich in der Politik schon für ökonomische und logische Argumente, vor allem dann, wenn sie sich auf längerfristige Prozesse beziehen?

8. In einer durch die Massenmedien beeinflussten Konsumgesellschaft mit wohlfahrtsstaatlichen Einrichtungen ist die mehrheitsfähigste Parteipolitik eine Kombination von Soft-Sozialismus und National-Egoismus. Alle Parteien tendieren zum National-Etatismus und jede Demokratie pendelt zwischen Links- und Rechtspopulismus hin und her.

Eigentlich wäre die Bezeichnung National-Soft-Sozialismus präziser, ich sehe aber aus den erwähnten Gründen davon ab, das historisch belastete Label National-Sozialismus zu verwenden. Die real existierenden Parteien, welche sich dem National-Etatismus verschreiben, benützen viel wohlklingendere Namen. Die nahe ideologische Verwandtschaft von International-Sozialismus und National-Sozialismus ist ein ideengeschichtliches Tabu, das bisher nur von wenigen Mutigen aufgegriffen worden ist.19

Gibt es so etwas wie kollektive Lernprozesse bei denen schlechte Erfahrungen verarbeitet werden? Der Schweizer Historiker Jacob Burckhardt, ein liberal-konservativer Kulturpessimist und Demokratieskeptiker hat dazu einen bemerkenswert optimistischen Aphorismus beigesteuert. “Wir wollen durch Erfahrung nicht sowohl klug (für ein andermal) als weise (für immer) werden.“20

Es ist mein sehnlicher Wunsch an das neue Europa im Osten, das im Mai zur EU stösst, dass es seine bitteren Erfahrungen mit unproduktiven zentral verwalteten Umverteilungssystemen in den Lernprozess dieses Kontinents einbringt. Meine Hoffnung hält sich allerdings in Grenzen.21 Denn die Neuen sollen ja ausgerechnet durch das süsse Gift der Umverteilung aus dem Strukturfonds in eine neue Abhängigkeit gebracht werden, um nicht das Wort Süchtigkeit zu gebrauchen. Das Schlimme daran ist, dass man alle Schwierigkeiten, die dadurch neu entstehen, nicht mit dem Soft-Sozialismus im “alten Europa” in Verbindung bringen wird, sondern als negative Auswirkung der sogenannten Liberalisierung im “neuen Europa”.

Wenn man abschliessend erklären könnte, warum der Sozialismus trotz seiner eklatanten Misserfolge vor allem bei Intellektuellen immer noch so beliebt ist, hätte man auch den Schlüssel für die definitive Falsifizierung und möglicherweise sogar eine Strategie der definitiven Überwindung des Sozialismus in der Hand. Hayeks brillanter Artikel “Der Sozialismus und die Intellektuellen”22 hat nichts von seiner Aktualität eingebüsst. In neuerer Zeit hat Erich Weede23 dazu Wichtiges ergänzt.

Die Last der Beweise, dass alle möglichen Varianten und Kombinationen sozialistischer Wirtschafts- Staats- und Gesellschaftsordnungen gescheitert sind, ist tatsächlich erdrückend, auch wenn es bisher mehr Empirie als theoretische Aufarbeitungen gibt. Der Sozialismus war für alle Sozialwissenschafter, welche davon träumen, definitives Wissen über den „besseren Menschen“ und die „bessere Gesellschaft“ erforscht zu haben und die ihre Erkenntnisse in Zusammenarbeit mit der Politik und über das sogenannte „Primat der Politik“ umsetzen wollen, eine grosse Hoffnung. Die Behauptung, ein solches theoretisches Wissen sei gar nicht möglich oder gelte immer nur vorläufig bis zum Vorliegen des Gegenbeweises, sowie die Anforderung, auch politische und soziale Experimente an ihren Erfolgen und Misserfolgen zu messen, ist für die Sozialwissenschafter eine permanente Demütigung, denn schlimmstenfalls werden sie dadurch überflüssig, oder sie werden nur gebraucht, um die Irrtümer ihrer Vorgänger und Kollegen immer wieder neu zu entlarven und neue Irrtümer zu ersinnen.24 Sie werden zu dem, was man auch schon von Diplomaten gesagt hat: Sie müssen jene Probleme lösen, die es gar nicht gäbe, wenn es keine Diplomaten gäbe. Ähnliches liesse sich von Politikern sagen.

Darum sitzen Politiker und Sozialwissenschafter oft im gleichen Boot, und es erstaunt nicht, wenn zwischen ihnen eine Art Augurenlächeln weit verbreitet ist.25 Die Auguren, d.h. die Eingeweideschauer im alten Rom, wussten nämlich durchaus, dass ihre an tierischen Eingeweiden gewonnenen Voraussagen fragwürdig waren, aber sie wahrten gegenüber innen und aussen den Schein der Glaubwürdigkeit, um ihr Geschäft nicht zu verderben. Ähnliches hat sich auch unter aufgeklärten Sozialwissenschaftern im ehemaligen Ostblock abgespielt. Nur ihre soft-sozialistischen Kollegen im Westen glaubten wirklich noch an den dialektischen Materialismus und an die Überlegenheit der Zentralverwaltungswirtschaft.

Über das Scheitern der Kibbuz-Bewegung in Israel gibt es meines Wissens erst sehr wenige wissenschaftliche Untersuchungen, obwohl es sich um ein vielfältiges hochinteressantes, jahrzehntelanges, kleinkollektivistisches Experiment handelt, das weder zur Verlängerung noch zur Nachahmung einlädt. Zu meiner Studienzeit galten Kibbuzim noch als Inbegriff der Hoffnung auf eine neue Gesellschaftsform.

Die Kosten und der Nutzen interpersonaler und interregionaler Umverteilung sind noch relativ schlecht erforscht, dasselbe gilt für die sogenannte Entwicklungshilfe. Ich bin im Anschluss an eine Philippika gegen die interpersonelle Umverteilung einmal von Michael Walker vom Frazer Institut in Vancouver darauf aufmerksam gemacht worden, dass interpersonelle Umverteilung zwar falsche An- und Abreize zwischen Personen setze, aber relativ unschädlich sei, weil ja natürliche Personen irgendeinmal samt ihren interventionistischen Privilegien oder Diskriminierungen eines natürlichen Todes sterben. Die wirklich schädliche Umverteilung sei der interregionale Finanzausgleich, weil er innerhalb von Systemen fragwürdige Signale setze und damit dauerhafte und schwer korrigierbare Schäden zeitige. Soweit die These von Michael Walker, die mir unmittelbar einleuchtet. Wenn ich aber solches in Vorträgen erzähle oder in Artikeln schreibe, bewirke ich auch in den eigenen pro-marktwirtschaftlichen Kreisen nur Kopfschütteln. “Ausgleich”, d.h. den Habenden etwas nehmen und es den Nicht-Habenden geben, das ist doch der Inbegriff “sozialer Gerechtigkeit”. Und Förderung ist doch, so wird argumentiert, auch etwas Gutes, sie gilt als “marktkonforme Intervention”. Dass dadurch die Mehrheit der Nicht-Geförderten empfindlich diskriminiert wird, scheint jene Aktivisten, die doch sonst so egalitär denken, überhaupt nicht zu stören.26

Der interregionale Finanzausgleich, die Hilfe an strukturschwache Gebiete und Branchen, geniesst in der EU auch bei marktwirtschaftlich Orientierten eine erstaunlich gute Reputation. Eigentlich müsste man deren wohlfahrtssteigernde Wirkung durch empirische Untersuchungen verifizieren oder falsifizieren. Aber welcher Lehrstuhl, welches Institut an unseren in Europa mehrheitlich (und in der Schweiz ausschliesslich) staatlichen Hochschulen interessiert sich für solche, politisch unattraktive Projekte?

Ein weiteres interventionistisch-sozialistisches Weltprojekt, das schon über mehrere Jahrzehnte läuft, ist die Entwicklungshilfe. Wie gross ist ihr Nutzen, wie gross ist ihr Schaden? Hat man zuviel, zu wenig oder das Falsche entwickelt bzw. durch einseitige Förderung behindert? Folgende Arbeitshypothese wäre zu verifizieren oder zu falsifizieren: Je weniger desto besser. In Bhutan gibt es ein alternatives Entwicklungsprojekt, das sich mit der Minimierung von Schäden der offiziellen Entwicklungspolitik befasst. Gute Menschen wollen die Folgen dessen beseitigen, was gut meinende Menschen angerichtet haben. Man muss die Folgen des voreilig Gutgemeinten beseitigen – ein unendlicher Regress.

9. Soft-Sozialismus und Demokratie im Sinne des Mehrheitsprinzips verstärken einander in einer Art Teufelskreis. Für Leute, die langfristig denken, ist Sozialismus unvernünftig, für Leute die spontan und kurzfristig fühlen, ist Sozialismus attraktiv, und es ist leicht vorauszusagen, welche Gruppe die grössere ist.

Das Fragwürdigste an sozialistischen und soft-sozialistischen Experimenten sind nicht die allenfalls irrtümlichen Grundannahmen. Auch andere politische Konzepte sind nicht frei von Irrtümern. Jedes politische Programm hat fehlerhafte Annahmen und Prognosen. Der Soft-Sozialismus hat sich in Westeuropa mit dem Mehrheitsprinzip verbündet. Das macht ihn weder sympathischer noch unschädlicher. Im Gegenteil. Aus liberaler Sicht sollte es keiner Menschengruppe verboten werden, nach sozialistischen Vorstellungen zu leben und eine autonome, auf Kollektiveigentum und egalitäre Einkommensverteilung und basisdemokratische Entscheidungsfindung abgestützte Ordnung zu praktizieren, sofern die Beteiligten und Betroffenen alle zustimmen und eine “exit option” haben. Die Sozialdemokraten wollen aber als Demokraten den Sozialismus auch für nichtsozialistische Minderheiten allgemeinverbindlich erklären, solange sie in einer Mehrheitskoalition an der Macht sind. Sie etablieren dabei wohlfahrtsstaatliche Institutionen und langfristige Umverteilungssysteme, die kaum reversibel sind. Überdies ist der etablierte Wohlfahrtsstaat – nach den gegenwärtigen Erfahrungen in Westeuropa (und ich schliesse hier wiederum die Schweiz nicht aus) – nicht nachhaltig praktizierbar. Das ist ein Alptraum und eine langfristige Zumutung an überstimmte Minderheiten und künftige Generationen, die in ihrer asozialen Perfidie zu wenig thematisiert wird.

Die mehrheitlich immer noch soft-sozialistisch ausgerichtete Generation der Altachtundsechziger unter den Sozialwissenschaftern im alten Europa zeigt sich nicht besonders interessiert, den Gründen des Scheiterns sozialistischer Politik nachzugehen. Verdrängung und Rechthaberei sind seit je beliebter als Selbstkritik. Man begnügt sich vielmehr mit schadenfreudigen Analysen des sogenannten Scheiterns der Alternativen (die in aller Regel mit Altlasten des Sozialismus zu tun haben) und mit der Systematisierung von Ausreden, warum der Sozialismus trotzdem sein Gutes hatte, obwohl er nicht funktionierte.27

Die zynische Rechtfertigung für den geordneten Rückzug aus sozialistischen Fehlstrukturen bzw. die Vorbereitung auf neue Vorstösse zugunsten des Soft-Sozialismus kann wie folgt zusammengefasst werden:

Soft-Sozialisten geben zu, dass der real existierende Sozialismus unter sowjetischer Vorherrschaft nicht funktioniert hat. Das Ideal, das sie anstreben, ist ein Traum, eine Utopie, eine Antithese zum real existierenden Menschen mit seinem unbezähmbaren Drang zum Eigennutz. Diesen zu ignorieren ist auch für Soft-Sozialisten gefährlich. Soft-Sozialisten räumen auch ein, dass es Markt und Wettbewerb braucht, um Produktivität und Wirtschaftswachstum zu generieren. Beides benötigen auch die Soft-Sozialisten dringend, wenn sie ihr Hauptziel, die Umverteilung im Dienst der “sozialen Gerechtigkeit”, realisieren wollen. Der Markt ist aus dieser Sicht ein notwendiges Übel, das in Grenzen zwar akzeptiert wird, das man aber durch politische Zwangsmittel kanalisieren, zähmen und zügeln muss. Der “böse und tendenziell brutalisierende” Markt muss jedoch durch ein „Primat der Politik“ kollektiv moralisiert werden, notfalls durch Zwang. Um dieses soft-sozialistische Programm zu formulieren, braucht es Wirtschaftsethiker, welche egoistische Konsumenten via Politik zu verantwortungsbewussten Wirtschaftsbürgern machen.28

Da die Soft-Sozialisten denken, es sei um die dauerhafte Motivation für altruistische Solidarität grundsätzlich schlecht bestellt, möchte man dem System ein bisschen nachhelfen, indem man jene, die nicht freiwillig solidarisch sind, eben durch staatlichen Zwang auf den richtigen Weg bringt. Es heisst zwar nicht mehr krass “Und willst Du nicht mein Bruder sein, so schlag ich dir den Schädel ein” sondern “…so greif ich in Deine Tasche hinein.”29

Die enge Verbindung des Sozialismus mit dem Etatismus ist nach dem Aussterben, bzw. der etatistischen Inkorporation und Korrumpierung der antiautoritären Linken im Lauf der letzten 30 Jahre in Europa eine Tatsache geworden. Anti-etatistische Sozialisten gibt es kaum mehr und auch die Grünen sind weitgehend zu etatistischen Rot-Grünen geworden. Jene, die 1968 gegen das Establishment angetreten sind, bilden heute selbst ein recht strukturkonservatives Netzwerk in Wissenschaft, Medien und Bürokratie. Soft-Sozialismus wird – zum Teil unter anderen Etiketten – mit der etatistischen und marxistisch-leninistischen Hoffnung verknüpft, dass die extrinsische Motivation der Menschen schrittweise zur intrinsischen Motivation werde. Dass Motto lautet “Via Zwang zur Freiwilligkeit” – aber es hat bisher noch nie funktioniert.

10. Nachdem Aufklärung, französische Revolution und Säkularisierung den Glauben an einen allmächtigen Gott nachhaltig erschüttert haben, verband sich im 19. Jahrhundert der Glaube an die Wissenschaft, der Glaube an den technischen und sozialen Fortschritt und der Glaube an den Nationalstaat zu einer neuen Trinität. Der Nationalstaat ersetzte Gott und der Sozialismus wurde zur Ersatzreligion.

Der Sozialismus der Intellektuellen war zwar immer international ausgerichtet. Intellektuelle suchen als Minderheit eine Solidarität unter ihresgleichen in internationalen Gremien. Etwas Ähnliches spielt sich bei der internationalen “classe politique” ab, welche zunehmend den Kontakt zur politischen Basis verliert und die Flucht in den höheren Verband antritt. Der real-existierende Sozialismus der “Arbeiterklasse” war aber immer national gefärbt. Es ist kein Zufall, dass sowohl Mussolini als auch Hitler vom Sozialismus her kamen und von Hitler gibt es das verbürgte Diktum: “Der wahre Sozialismus muss heute national sein, und der wahre Nationalismus muss sozialistisch sein.” Stalins Sozialismus vermischte sich mit dem grossrussischen Imperialismus des Zarenreiches. Das sind m.E. keine ideologiegeschichtlichen Pannen, sondern Entwicklungen, die einer inneren Logik folgen und die Tatsache spiegeln, dass sich jede Solidarität, und erst recht die erzwungene Solidarität, einen Binnenbereich schafft und gegen aussen abgrenzt.

Politiker können letztlich nur als “nationale Führer” in die Geschichte eingehen. In der EU kämpfen die nationalen Gewerkschaften erfolgreich für Entsenderichtlinien und gegen offene Arbeitsmärkte. Europa wird schon recht bald die Erfahrung machen, dass sich die Soft-Sozialisten mit den Nationalpopulisten verbinden und gegen die internationalen Grossprojekte opponieren, bei welchen Big Business und Big Government via Zentrale auf europäischer Ebene ihren New Deal zu Lasten der Kleinen durchziehen.

Der Soft-Sozialismus stützt sich auf ein Inventar von Eigenschaften, das möglicherweise zum unausrottbaren Bestand der sozio-kulturellen oder der sozio-biologischen Ausstattung des homo sapiens gehört.

Die Kombination dieser Eigenschaften bildet ein vielköpfiges Monstrum, und der Neid ist vermutlich das unsterbliche Haupt der Hydra des Soft-Sozialismus.30 Ich zögere nicht, alle folgenden Eigenschaften als Laster und verhängnisvolle Irrtümer zu bezeichnen, weiss aber, dass dies als persönliches Bekenntnis jenseits des Beweisbaren liegt. Die Frage, welche privaten Laster zu öffentlichen Tugenden werden können, ist, wie Hayek in seinem Essay über de Mandevilles Bienenfabel zeigt31, nicht so eindeutig zu beantworten.

Die einleuchtendste Erklärung für die Unsterblichkeit sozialistischer Träume ist, dass sie sich in einer für Intellektuelle attraktiven und für die Massen populären Form mit Vernunft verbinden lassen. Sozialismus ist eine politische Religion die sich geschickt als Sozialwissenschaft maskiert und verschiedenste Typen von Anhängern anspricht. Als vielfältige Mischung von Utopie und Realitätsbezug knüpft sie an weit verbreitete Sehnsüchte und Frustrationen an und offeriert auch eine grosse Palette von Ausreden für das vorläufige Scheitern.32

Ich komme damit zur These 11, die in den ersten drei Punkten eigentlich nur das zusammenfasst, was schon Bastiat, Mises und Hayek über die Wurzeln des Anti-Kapitalismus formuliert haben.33 Es geht beim Sozialismus um eine intellektuelle Rechtfertigung und Dogmatisierung von Neid, Egalitarismus und Zentralismus.

Lediglich der vierte Punkt, Litera d ist eine Ergänzung, und auch sie ist vermutlich nicht besonders originell.

11. Der Soft-Sozialismus ist eine politische Doktrin, welche in subtiler Weise und à la carte alle im folgenden aufgelisteten Laster populistisch bewirtschaftet, um seinen eigenen Eliten und ihrer Klientel dadurch Vorteile zu verschaffen:

a) Neid als Merkmal von Mehrheiten, die sich ihrer Durchschnittlichkeit bzw. Unterdurchschnittlichkeit bewusst sind, daraus ein Ressentiment entwickeln und es vorziehen, den vom Schicksal oder aufgrund ihrer Leistung Bevorzugten etwas wegzunehmen, selbst wenn sie sich dadurch nicht besser stellen.

b) Konformismus, als latente Bereitschaft zur Diskriminierung oder Eliminierung von erfolgreichen Minderheiten, gespiesen von einem diffusen Trieb zum Egalitarismus, welcher sich in der Forderung nach “sozialer Gerechtigkeit” manifestiert.

c) Zentralismus als ästhetisches Bedürfnis nach Hierarchie und Symmetrie, das für richtig und gut anerkannte von einer mit Macht ausgestatteten Mitte aus zu erzwingen, in der Hoffnung, sich selbst gegenüber dem Zentrum möglichst vorteilhaft zu positionieren.

Das ästhetische Bedürfnis ist von Benjamin Constant als Leitidee des Systems („the spirit of system“) genannt worden, dass sich als erstes der Symmetrie verschrieb.34 35

d) Der Sozialismus propagiert sich erfolgreich als Gegenkraft gegen Verschwörungen aller Art. Er bewirtschaftet ein diffuses Misstrauen gegenüber einer nicht genau definierten und nur zum Teil identifizierten Gruppe von Profiteuren (Ausbeutern, Grossfinanz und Spekulanten, Globalisierern, Multinationalen Unternehmen, Geheimgesellschaften, national, religiös oder rassistisch definierten Eliten).

Diese „Volksfeinde“ sind aus sozialistischer Sicht verantwortlich für die meisten Übel der Welt. Man bezeichnet sie als “die andern”, bzw. „die Mächtigen“, gegen die “gemeinsam solidarisch” bis zu deren Vernichtung gekämpft werden muss.

Das Streben nach Gewinn ist aus soft-sozialistischer Sicht unvermeidlich und zerstörerisch und der Sozialismus ist als säkularisierte Religion, als “soziale Wirtschaftsethik”34, das idealistische Gegenmittel zum real existierenden Profitstreben. Markt als These, Sozialismus als Antithese und der “Dritte Weg” oder das “Rheinische Modell” bzw. der EU-Interventionismus als Synthese. “Anständige Menschen” wie die Soft-Sozialisten, streben nach einer neuen Mischung von kapitalistischem Realismus und sozialistischem Idealismus: “Sozialismus”, das ist für sie nicht mehr der historische und dialektische Materialismus, sondern das “Prinzip Hoffnung”35. Soft-Sozialismus ist jener humanistische Traum vom “besseren Menschen”, den “gute Menschen” – auch wenn sie erwacht sind, wenigstens teilweise, auch tagsüber gerne weiterträumen, weil er ihrer Vorstellung von der Machbarkeit einer besseren Zukunft entgegenkommt.

Europa, der Kontinent der sowohl konstruktiven als auch destruktiven Widersprüche36, steht nach 1989 vor einem neuen Paradox. Während sich die Länder des ehemaligen Ostblocks schrittweise und nicht ohne Rückfälle vom Sozialismus verabschieden konnten, grassiert im “alten Europa” eine merkwürdige Mischung von Markt und sozialistischem Interventionismus. Die traditionelle Landwirtschaft überlebt in Europa nur dank Protektionismus und Interventionismus. Die Altersvorsorge ist durch das Umlageverfahren mindestens teilweise verstaatlicht, Schlüsselbereiche wie Bildung, Gesundheit und Kommunikation sind als “service public” weitgehend planwirtschaftlich organisiert und müssen daher plafoniert, rationiert und preiskontrolliert werden. Diese Tatsachen erfreuen sich bis weit in das Lager der sogenannt pro-marktwirtschaftlichen bürgerlichen Parteien einer hohen Akzeptanz. Man argumentiert wie folgt: Weil es in diesen Bereichen um Lebenswichtiges geht, um die positive Bereitstellung von “Voraussetzungen der Freiheit”, muss man auch aus liberaler Sicht für gemischtwirtschaftliche oder planwirtschaftliche Lösungen eintreten.

Es ist wirklich paradox. Selbst Wissenschafter und Politiker, welche zugeben, dass Planwirtschaft auf die Dauer nicht funktioniert, insbesondere weil sie unfähig ist, Innovationen zu bewirken und umzusetzen, plädieren in jenen Bereichen, die besonders zukunftsträchtig sind, für die Beibehaltung staatlicher oder halbstaatlicher Lösungen. Die schrittweise Herauslösung des Bildungswesens und des Gesundheitswesens aus den Fesseln der Planwirtschaft, der konsequente Übergang zur Benutzerfinanzierung in Kombination mit Subjekthilfe, die Trennung von Gesundheitspolitik, Bildungspolitik und umverteilender Sozialpolitik sollte für all jene ein vordringliches Postulat sein, welche von der Unfähigkeit der Planwirtschaft, Probleme nachhaltig zu lösen überzeugt sind. Warum sollte diese ausgerechnet in diesen innovationsbedürftigen und von unterschiedlichsten und stark schwankenden persönlichen und gesellschaftlichen Präferenzen gesteuerten Bereichen funktionieren, wenn sie doch nicht einmal normale Konsumgüter und einfache Dienstleistungen wie Transport und Telekommunikation befriedigend produzieren und verteilen konnte?

Umverteilung, (d.h. von den Reichen nehmen und an die Armen verteilen und gleichzeitig damit ein Verteilungssystem alimentieren) ist als solche etwas Fragwürdiges. Kein politisches System kann aber vollständig darauf verzichten, weil es einen Teil seiner Legitimation darauf abstützt. Aber wenn schon Umverteilung, sollte diese als solche transparent diskutiert werden und nicht in unentwirrbarer Vermischung mit einem etatistisch fehlgesteuerten Gesundheits- und Bildungswesen. Die Höhe und die Modalitäten sozialpolitisch motivierter Umverteilung (Subjekthilfe) sind das innenpolitische Thema par excellence. Es ist im Zusammenhang mit der Höhe der Besteuerung zu diskutieren und kleinräumig einem Wettbewerb über die Höhe der Steuern in Kombination mit umverteilenden Sozialleistungen auszusetzen. Höhere Steuern müssen dann der Preis für mehr Umverteilung sein37.

Ich weiss, ein polit-ökonomisch rationaler Entscheid darüber wird durch die Steuerprogression verfälscht oder verunmöglicht. Staaten mit flachen Steuern (flat taxes), d.h. mit keiner oder einer moderaten Steuerprogression, haben hier bessere Voraussetzungen für einen transparenten und rationalen Entscheidungsprozess, weil dort nicht eine Mehrheit von tief Besteuerten eine Minderheit von hoch Besteuerten überstimmen kann. Die Besteuerten sollten – wie in der Schweiz – über die Höhe der Steuern abstimmen können. Die hoch Besteuerten sollten darüber hinaus im Rahmen konkurrierender kleiner Gebietskörperschaften die Möglichkeit haben, auf exzessive Steuern mit einem Wohnsitzwechsel zu reagieren. Je flacher die Steuerprogression, desto rationaler der Entscheid über den Split zwischen Besteuerung und Umverteilung.

12. Während im 19.Jahrhundert die Trennung von Kirche und Staat ein liberales Thema war, und beide Institutionen im jeweiligen Interesse der anderen voneinander getrennt und geschützt werden sollten, gilt dies im 21. Jahrhundert für die Bereiche Bildung, Gesundheit, Kommunikation und Kultur. Der real existierende soft-sozialistische, medial-eduktativ-gouvernementale Komplex muss entkoppelt werden. 38

Ich habe den Kampf gegen die Monster, welche der sozialistische Traum hervorbringt mit dem Kampf des Herakles gegen die vielköpfige Hydra verglichen.39 Allein mit der Schneide der Vernunft ist der Kampf gegen ein Monstrum, welches eine Mischung von Rationalität und Emotionalität verkörpert, nicht zu gewinnen. Herakles hat alle seine Aufgaben allein gelöst. Nur bei der Hydra brauchte er einen Gehilfen, seinen Chauffeur, den Wagenlenker Iolaos, der den Halsstumpf jeweils nach dem Hieb mit einem glühenden Pfahl ausbrannte, um dem Nachwachsen von zwei neuen Köpfen vorzubeugen.

Und wenn Sie jetzt den Eindruck haben, ich hätte bei meinen 12 Thesen im Kampf gegen die Hydra des Soft-Sozialismus eher den handfesten, emotional glühenden Pfahl des Chauffeurs Iolaos benützt als die geschliffene Klinge der Ratio des Herakles, so trifft dies zu. Ich stehe zur Begrenztheit meines Wissens und stelle mich gegen die Allmachtsphantasien von Intellektuellen, Bürokraten und Politikern aller Parteien.

Robert Nef
MPS Regional Meeting 2004, 3.-6. April 2004
Session 2, Paper 1

Anmerkungen:

1 Mises, Ludwig von, The Anticapitalist Mentality, New York 1956, passim und insbesondere: “Many people, and especially intellectuals, passionately loathe capitalism. In a society based on caste and status, the individual can ascribe adverse fate to conditions beyond his control. It is quite another thing under capitalism. Here, everybody’s station in life depends on his doing. The profit system makes those men prosper who have succeeded in filling the wants of the people in the best way,” p. 7

2 Hayek, Friedrich August, The Fatal Conceit, Collected Works vol. I, Chicago 1988, passim

3 „The idea of socialism is at once grandiose and simple.…We may say in fact, that it is one of the most ambitious creations of human spirit,… so magnificent, so daring, that it has rightly aroused the greatest admiration. If we wish to save the world from barbarism, we have to refute Socialism, but we cannot thrust it carelessly aside.” Mises, Ludwig von, Socialism, London 1936, p.52

4 Hölderlin, Friedrich, Hyperion, 1.Buch Kapitel 1, 1797 -1799

5 “So liegt diese Identität allen Wachträumen, Hoffnungen, Utopien selber im dunkeln Grund und ist ebenso der Goldgrund, auf den die konkreten Utopien aufgetragen sind. Jeder solide Tagtraum meint diesen Doppelgrund als Heimat; er ist die noch ungefundene, die erfahrene Noch-Nicht-Erfahrung in jeder bisher gewonnenen Erfahrung.” Bloch, Ernst, Das Prinzip Hoffnung, Bd. 1- 3, Frankfurt am Main 1959, Bd. 1, S. 368

6 Hayek, Friedrich August von, Die Irrtümer des Konstruktivismus, Nachdruck des Vortrages, gehalten bei Antritt einer Gastprofessur an der Paris-London Universität Salzburg am 27. Januar 1970, Tübingen 1975, S.2 ; ins Engl.übersetzt: The Errors of Constructivism, New Studies in Philosophy, Politics, Economics and the History of Ideas, The University of Chicago Press, Chicago 1978

7 Hennis Wilhelm, Die Vernunft Goyas – Das Projekt der Moderne, Ein Versuch zum Verständnis des “Traums der Vernunft”, Capriccio Nr. 43, Vortrag, Freiburg i. Br. 1998

8 “Unter ‘sinnvoll gebrauchter Vernunft’ verstehe ich eine Vernunft, die ihre eigenen Grenzen kennt und – selbst durch Vernunft unterwiesen – den Folgerungen der von der Ökonomie und der Biologie bestätigten Tatsache ins Auge blickt, dass eine ohne Entwurf entstandene Ordnung bei weitem die Pläne übertreffen kann, die Menschen bewusst ersinnen.” Friedrich August von Hayek

“The ‘reason properly used’ I mean reason that recognises its own limitations and, itself taught by reason, faces the implications of the astonishing fact, revealed by economics and biology, that order generated without design can far outstrip plans men consciously contrive.” F. A. Hayek, The Fatal Conceit, Collected Works vol. I, Chicago 1988, p. 8

9 “This is (…) the fatal desire (…) that our writers on public affairs have in common:
They desire to set themselves above mankind in order to arrange, organize, and regulate it according to their fancy.” Bastiat, Frédéric, The law, The Foundation for Economic Education, New York 1996, S. 51f.

10 Nef, Robert, Der medial-edukativ-gouvernementale Komplex in der Schweiz, abgedruckt in: epd medien, Nr. 87, 5. November 2003 und auf der homepage: www.libinst.ch

11 „Wer dezidiert links steht, ist davon überzeugt, dass der Mensch die Chance und damit gleich auch die Verpflichtung hat, Fortschritt zu schaffen. Was zurückliegt ist ‚Geschichte’, und wenn man sich dieser zuwendet, so nur um sie ‚kritisch zu reflektieren’ mit dem Ziel, sie in eine bessere Zukunft ‚aufzuheben’.“
Bischof, Norbert, Das Kraftfeld der Mythen, 2. A. München 2000, S. 682

12 Baumberger, Jörg, Staat und Wahrheit, Wahrheitsgarantie „ex officio“ als Anmassung und Illusion, in: Schweizer Monatshefte, Heft 2, 2004

13 “Wir haben Deine Tat verbessert”, sagt der Grossinquisitor zum wiedererschienenen Christus. “Die Menschen freuten sich, dass sie wieder wie eine Herde geführt wurden, und dass von ihren Herzen endlich das ihnen so furchtbare Geschenk (der Freiheit), das ihnen so viel Qual gebracht hatte, genommen wurde.” Dostojewski, Feodor, Die Brüder Karamasow, 5. Buch Kapitel 5, Der Grossinquisitor, München 1952, S. 418

14 „…the compatibility between individual freedom and legislation is a precarious one because of the potential contradiction between the ideal of the spontaneous formation of a common will and that of a statement about the latter arrived at by way of a coercive procedure, such as usually happens in legislation.“ Leoni, Bruno, Freedom and the Law, third ed., Indianapolis 1991

15 Rose, Herbert Jennings, Griechische Mythologie, 2. A., München 1961, S. 216

16 Das Adjektiv sozial wurde ursprünglich ohne Wertung synonym mit “gesellschaftlich”, “gesellschaftsbezogen” verwendet. Später wurde es positiv wertend mit der Bedeutung “mitmenschlich”, “zuwendend”, “altruistisch” angereichert. Der populäre Begriff ist von den etatistisch inspirierten Sozialisten “besetzt” worden, verbunden mit der Suggestion, “sozialistisch” bzw. etatistisch-sozialistisch” sei identisch mit sozial. Vgl. dazu: Nef, Robert, Politische Grundbegriffe, Eine Auslegeordnung, Zürich 2002, S. 72

17 Schwarz, Gerhard, Die “Soziale Kälte des Liberalismus”, Liberales Institut der Friedrich-Naumann-Stiftung, St. Augustin 1997

18 Jouvenel, Bertrand de, The Ethics of Redistribution, Indianapolis 1990, passim

19 Mises, Ludwig von, Internet, Mises Institute, posted February 25, 2004, An excerpt from Omnipotent Government: The Rise of Total State and Total War, originally published in 1944 by Yale University as the first full-scale examination of German-style National Socialism as a species of socialism in general.

20 Burckhardt, Jacob, Weltgeschichtliche Betrachtungen, Basel 1905, Einleitung

21 De Jasay, Antony, The Cart before the Horse, On Emergent and Constructed Orders, and there Wherewithal, in: Frei, Christoph/Nef, Robert, Contending with Hayek, p. 49 ff.

22 Hayek, Friedrich August, Der Sozialismus und die Intellektuellen, erstmals publiziert in den “Schweizer Monatsheften”, 29. Jahrgang, August 1949, S. 273 ff.

23 Weede, Erich, Mensch, Markt und Staat, Stuttgart 2003, S. 44

24 “Sozialistische Intellektuelle wünschen häufig die Demokratisierung des Wirtschaftssystems, weil sie sich von der Existenz wirtschaftlicher Eliten und von der Ästhetik und moralischen Mittelmässigkeit der freien Verbraucher beleidigt fühlen. Der Sozialismus ist eine schöne Lösung für beide Beschwerden. Er versetzt die neue Elite in die Lage, etwas besseres zu erzwingen.”, Novak, Michael, The Spirit of Democratic Capitalism”, 1981

25 “Der Sozialismus fungiert jetzt als Theologie der Kulturberufe. Warum gerade er? Weil er die Herrschaft rechtfertigt. Herrschaft der fehlgeleiteten Massen. Sozialismus, das ist nicht mehr Butter und Mallorca für die Bevölkerung. So etwas kann erwiesenermassen die Marktwirtschaft besser. Es geht um Gesamtschulen, provozierendes Theater, viele Sozialarbeiter, Bewegungen aller Art gegen Kernkraft, Tierversuche, Volkszählung, mehr Dienstwagen und weniger Autos für normale Bürger(…) Es geht um die Herrschaft einer Priesterkaste vermittels der Medien und der Institutionen der subventionierten Kultur.” Scheuch, Erwin, Muss Sozialismus misslingen?, In:”Mut” Sept. 1991, S. 12

26 Habermann, Gerd, Der Wohlfahrtsstaat, Geschichte eines Irrwegs, Frankfurt am Main 1994, passim

27 Draper, Hal (1971), Toward a New Beginning, http://www.marxist.org
Für Draper besteht der Hauptfehler der Sozialisten in den USA darin, dass sie „the road of the sect“ beschritten haben, „that leads to getting lost“.

28 Ulrich, Peter, Der entzauberte Markt, Eine wirtschaftsethische Orientierung, Freiburg i.B. usw., 2002

29 “The state is the great fiction through which everybody endeavors to live at the expense of everybody.” Bastiat, Frédéric (1848), The state, Journal des Débats, http://www.panarchy.org/bastiat/state

30 Schwarz, Gerhard/ Nef, Robert, Neidökonomie, Wirtschaftspolitische Aspekte eines Lasters, Zürich 2000

31 Hayek über Bernard de Mandevilles, Die Bienenfabel oder private Laster, öffentliche Vorteile, Frankfurt a. M. 1998

32 Tamm Sascha (Hrsg.), Kleines Lesebuch der liberalen Sozialpolitik, insbes. Murray Rothbard, Wohlfahrt und der Wohlfahrtsstaat, 1973, aus „For a New Liberty“

33 Nef Robert, Warum Sozialismus immer noch attraktiv ist, NZZ,

34 “It is somewhat remarkable that uniformity should never have encountered greater favour than in a revolution made in the name of the rights and the liberty of men. The spirit of system was first entranced by symmetry. The love of power soon discovered what immense advantages symmetry could procure for it.” Constant, Benjamin (1814), On uniformity, in: The Spirit of Conquest, Political Writings, Cambridge University Press, 1989, p. 73

“The interests and memories that arise from local customs contain a germ of resistance(…). I can deal more successfully with individuals; it rolls its heavy body effortlessly over them as of they were sand.” Constant, a.a.O. p. 74

35 „Europa kann nur dann eine Welt allgemeiner und wahrer Demokratie werden, wenn es gleichzeitig eine des Kommunalismus, der lebendigen Selbstverwaltung wird, wenn man dazu schreitet, die zentralistisch regierten Machtstaaten vom System der Beamtenhierarchie und damit vom administrativen Befehls- und Subordinationsprinzip zu befreien und sie von unten her neu aufzubauen.“ Gasser, Adolf in: Nef, Robert, Lob des Non-Zentralismus, Friedrich Naumann Stiftung, Argumente der Freiheit Bd. 8, Sankt Augustin 2002, S. 66f.
„Eine Vielfalt von kleinen, non-zentralen Irrtümern, die gegeneinander konkurrieren, ist auf die Dauer bezüglich Freiheitsgehalt und Lernfähigkeit gegenüber hoch zentralisierten Systemen effizienter und nach aussen wie nach innen weniger gefährlich.“ Nef, Robert, a.a.O., S. 75

36 Ulrich, s. Anmerkung 28

37 Bloch, s. Anmerkung 5

38 Jones, Eric Lionel, The European Miracle, 1986

39 „Wir haben nur die Wahl zwischen einer freien kapitalistischen Gesellschaft, in der jedermann zum Nutzen aller anderen reich werden kann, und einer unfreien Gesellschaft, in der nur die politische Kaste auf Kosten aller andern reich werden kann. Umverteilung ist ein Mechanismus, mit dem man den Wohlstand der vielen vernichtet und die Macht der wenigen züchtet.“ Baader, Roland, Fauler Zauber, Schein und Wirklichkeit des Sozialstaats, Gräfelfing 1997, S. 159

Ein Gedanke zu „Zur Wiederkehr sozialistischer Träume“

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