Zum Inhalt springen

Von Kassandra bis Kleist

Lesedauer: 2 Minuten


(Schweizer Monatshefte – Heft 4, 2003 – Seite 1)

EDITORIAL

Was ist los mit den «Schweizer Monatsheften»? Das Dossier unseres letztjährigen Oktoberheftes stand unter dem Titel «Mut zum Optimismus». Der Grundton der Beiträge dieses Heftes ist pessimistisch und auf Moll gestimmt, und ein Kassandraruf folgt dem anderen. Schonungslose Diagnosen werden mit dem Hinweis auf Therapien verknüpft, die alles andere sind als ein Sonntagsspaziergang.

Offensichtlich fiel keinem unserer Autorinnen und Autoren zum Thema Deutschland etwas wirklich Tröstliches ein. Das ist auch für die Schweiz ein Grund zur Besorgnis. Unser Land ist nicht nur wirtschaftlich intensiv mit Deutschland verbunden, auch der Kulturaustausch mit unserem nördlichen Nachbarn ist für die Schweiz seit je, und mit wenigen schmerzlichen Unterbrüchen, von vitaler Bedeutung gewesen.

Der Deutsche Friedrich Schiller hat in seinem «Wilhelm Tell» vor fast 200 Jahren den Ursprung der Eidgenossenschaft auf die Bühne gebracht. Die in seinem Schauspiel dichterisch gestaltete Verbindung von Freiheit, Widerstandswillen und Gemeinsinn ist als ziemlich unzerbrechlicher Mythos zum Bestandteil des schweizerischen Selbstverständnisses geworden. Gibt es ein wertvolleres Gut als einen über die Jahrhunderte sinnvollen und brauchbaren Mythos? Wir haben Grund, dankbar zu sein.

Ein anderer deutscher Dichter, Heinrich von Kleist, liess sich in Bern von einem Kupferstich, den er bei Heinrich Zschokke gesehen hatte, zu seinem Lustspiel «Der zerbrochene Krug» inspirieren. So lustig ist das Thema der Suche nach Gerechtigkeit, die schliesslich zur Selbstanklage wird, allerdings nicht. Kleist hadert mit dem Ringen um Gerechtigkeit, bei welchem der Schritt vom Erhabenen zum Lächerlichen oft nur klein ist. Einmal mehr nimmt die Gerechtigkeit jenen Lauf, bei dem der Richter gleichzeitig auch zum Angeklagten wird und mit ihm die ganze Rahmenordnung.

Bergen Selbstanklagen heilende Kräfte? Wird dem Kruge je «sein Recht geschehn»? Der Dichter deutet es an. Am grossen Markt zu Utrecht soll der Prozess sein Ende finden. Man hat dahinter schon die Appellation an ein zentraleres Gericht vermutet. Plausibler ist der Hinweis, dass es auf offenen Märkten neue Krüge zu kaufen gibt, und dass der Markt jene Art von Gerechtigkeit anbietet, die über aller selbstgerechten und verzweifelten Rechthaberei steht. Wir wünschen Deutschland einen neuen Krug — vom grossen Markt.

ROBERT NEF

smh-2003-04-s1

Schlagwörter:

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht.