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Baumaterial

Lesedauer: 2 Minuten


(Schweizer Monatshefte – Heft 11, 2002 – Seite 1)

EDITORIAL

Darf man Menschen, die in ein Land immigrieren, als «Baumaterial» bezeichnen? Ja, wenn man den Begriff nicht nur für die Zugewanderten, sondern für die ganze Bevölkerung verwendet. Die Gesellschaft besteht aus einem Gefüge von Einzelmenschen, welche durch eine Vielfalt von wirtschaftlichen, politischen und sozialen Beziehungen miteinander in Verbindung stehen. Den Mörtel bilden die gemeinsam akzeptierten Normen, wobei die staatsbürgerliche Integration nicht von der sozio-kulturellen Integration abgekoppelt werden kann.

In einer funktionierenden Einheit sollten die einzelnen Bausteine aufeinander abgestimmt werden, und jene, die neu hinzukommen, müssen zu jenen passen, die schon da sind. Das heisst nun nicht unbedingt, dass sie alle genau gleich sein müssen, im Gegenteil, jede tragfähige gesellschaftliche Konstruktion lebt von einer Vielfalt ihrer Bestandteile. Vielfalt erzeugt Kreativität, Robustheit, Flexibilität und Offenheit für Neues, noch Unbekanntes, alles Eigenschaften, welche für die Zukunft eines Landes in einer zunehmend vernetzten Welt überlebenswichtig sind.

Was führt nun aber zu mehr Offenheit? Einerseits die bereits vorhandene Vielfalt, anderseits ein intaktes Selbstbewusstsein. Mit der zweiten Voraussetzung haben wir zurzeit in der Schweiz Mühe. Assimilation beruht auf einer geglückten Adaptation der Zuwanderer in Kombination mit der Aufnahme- und Lernbereitschaft der Ansässigen, welche sich — alles in allem — bereichert und nicht bedroht fühlen sollten.

Das Fremde befremdet. Es bereichert jedoch auch und hat letztlich etwas Befreiendes. Elias Canetti bemühte sich als Schüler, so schnell wie möglich Schweizerdeutsch zu sprechen, um im Gespräch einen Satz einzuwerfen, «ohne sie allzu sehr zu befremden». Dass er ausgerechnet diese Anpassungsleistung als eine erste Stufe des familiären und menschlichen Unabhängigwerdens deutet, zeigt, wie vielschichtig der Integrationsprozess ist.

Wenn die gegenseitige Anpassung nur noch durch ein zunehmendes Aufgebot an Zwang möglich ist, so müssen die Voraussetzungen neu formuliert werden. Sorgfältig, schrittweise und ohne Panik, aber auch ohne Ausweich- und Verzögerungstaktik.

ROBERT NEF

Schweizer Monatshefte – Heft 11, 2002 – Seite 1

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