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Der Welt Lauf

Lesedauer: 2 Minuten


(Schweizer Monatshefte – Heft 9, 2002 – Seite 1)

EDITORIAL

«Die Welt wird nach dem 11. September 2001 nie mehr dieselbe sein», so lautete der spontane Kommentar von Gary Becker, den er am 12. September am Meeting der Mont Pèlerin Society in Bratislava äusserte. Hat hier der Wirtschaftsnobelpreisträger die epochale Bedeutung eines Ereignisses hellsichtig erfasst, oder stand er einfach unter dem Eindruck eines Terrorangriffs, welcher zwar auf das Herz des amerikanischen Selbstbewusstseins zielte, aber den Lauf der Welt nicht nachhaltig zu verändern vermochte?

Der 11. September hat dem Millenniums-Optimismus einen nachhaltigen Dämpfer aufgesetzt. Es war ein unsanftes Erwachen in der Realität einer Welt, die Brutalität, Aggression und rücksichtslose Konfrontation leider seit je nicht nur als Ausnahmezustand kennt. Wie an der Börse die Spekulationsblasen, müssen auch im Zeitgeist übertriebene Erwartungen und Hoffnungen periodisch wieder auf den Boden der Realität geholt werden.

Beim Interpretieren der Gegenwart stehen sich seit je die Warner und die Entwarner gegenüber, und — nicht immer deckungsgleich — die Vertreter des dauernden Wandels und jene der Wiederkehr des Ewiggleichen. Wäre der Lauf der Welt bis ins Letzte fatalistisch vorherbestimmt, so wäre sowohl das Einstehen für das Gute, Richtige als auch die Vermeidung des Bösen, Falschen sinnlos.

Jedes wichtige Ereignis, jedes aktive menschliche Engagement verändert die Welt ein wenig, und die Optimisten sollten es nicht aufgeben, auch positive Veränderungen für möglich, ja, für wahrscheinlich zu halten. Warner und Entwarner sind aber trotzdem beide notwendig. Weil niemand für seine Sicht der Welt Allgemeingültigkeit beanspruchen kann, braucht es — wie im vorliegenden Heft — den Wettbewerb zwischen Warnern und Entwarnern sowie die reflektierte Anstiftung zum Optimismus.

Den Pessimisten mag man mit Ludwig Marcuse zurufen: «Du sollst weniger schwarzsehen. Es mit Grau probieren!» Oder jene Erkenntnis, die Voltaire schon in seiner Geschichte «Le monde comme il va» in Erinnerung ruft: Wie optimistisch und wie pessimistisch man etwas beurteilt, hängt mehr von der inneren Einstellung und Befindlichkeit als von den äusseren Umständen ab. Fontane fasst dies so zusammen: «Was wir in Welt und Menschen lesen, ist nur der eigne Widerschein.»

ROBERT NEF

Schweizer Monatshefte – Heft 9, 2002 – Seite 1

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