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Der Charme intellektueller Radikalität

Lesedauer: 8 Minuten


(Schweizer Monatshefte – Heft 7/8, 2002 – Seite 7-10)

IN EIGENER SACHE

GERHARD SCHWARZ

Kurz und gnädig solle ich es machen, sagte Robert Nef zu mir, als er hörte, dass ich heute einige Worte aus Anlass der Vorstellung seines Buches «Politische Grundbegriffe»1 und aus Anlass seines 60. Geburtstages — ich glaube diese Reihenfolge wäre auch seine Reihenfolge — sprechen würde. Das ist leichter gesagt als getan. Ich werde ihm seinen Wunsch nicht erfüllen können.

Mit «gnädig» meinte Robert Nef wohl, ich solle nicht zu viel lobhudeln. Diese Bescheidenheit ehrt ihn. Aber zum einen ist dies ein kleines Fest für ihn und somit nicht der Raum für eine möglichst kritische Auseinandersetzung, zum andern gibt es natürlich genug Positives zu sagen.

Es «kurz» zu machen ist erst recht nicht einfach, weil es allein über die Publikationen, die unser Autor im letzten Jahrzehnt vorgelegt hat, eine Fülle zu sagen gäbe — und diese Publikationen sind ja bei weitem nicht der ganze Robert Nef. Da ist etwa auch Robert Nef, der Jurist, der während mehr als zwanzig Jahren als wissenschaftlicher Mitarbeiter am Institut für Orts-, Regional- und Landesplanung bei Professor Martin Lendi tätig war und dabei sukzessive die Widersprüche der Planung entdeckte; da ist der sicherheitspolitische Denker, der über 1500 Diensttage geleistet hat, zuletzt im Range eines Oberstleutnants; da ist der Leiter des Liberalen Instituts, der etwa mit den Mittagsgesprächen einem zwar kleinen, aber exquisiten Publikum Denkanstösse vermittelt; da ist ferner der ehrenamtliche Stiftungsratspräsident des Ostschweizer Kinderspitals, der den Milizgedanken und soziales Engagement lebt, aber auch die Tradition, denn er setzt damit das Werk seines Vaters fort. Und da ist, last but not least, der Vater zweier Söhne, der sich mit Blick auf die Arbeitsteilung mit seiner Frau Annelies zum eidgenössisch diplomierten Hauslehrmeister ausbilden liess. Nach eigenem Bekunden ist das jenes Diplom, auf das er am meisten stolz ist.

Politische Publizistik zwischen den Stühlen

Doch heute soll eindeutig Robert Nef, der politische Publizist, im Vordergrund stehen, der Redaktor der «Schweizer Monatshefte», der Leiter des Liberalen Instituts, der Herausgeber der «Reflexion», der Dozent für Politische Bildung am Reallehrerseminar des Kantons Zürich, der «Merker» des St. Galler Tagblatts, der gefragte Referent, der Autor und Herausgeber zahlreicher Bücher, der Verfasser vieler Essays und Zeitungsartikel. Wie lässt sich diese Publizistik in der gebotenen Kürze umreissen? Was zeichnet sie aus, aber auch, was gefällt mir ganz persönlich an ihr?

Den guten Publizisten charakterisiert aber nicht nur die Originalität der Ideen, sondern auch die sprachschöpferische Leistung.

Ich halte Robert Nef, erstens, für einen ausgesprochen originellen, kreativen Publizisten. So erlebe ich ihn im persönlichen Gespräch, wo es oft nur so aus ihm heraussprudelt, so lese ich ihn — nämlich eben meist nicht so, wie man es schon irgendwo anders gelesen hat. Seine Texte sind oft überraschend und dadurch anregend. Als Antwort auf die grosse Frage der frühen Neunzigerjahre, wie der Aufbruch aus der kommunistischen Knechtschaft ins gelobte Land der Marktwirtschaft und Demokratie zu gestalten sei, entwickelte er sechs «Wege in die Freiheit», wie der Titel eines im heute vorgestellten Buch abgedruckten Aufsatzes lautet. Da ist das «Iberische Modell», das «Erhard-Adenauer-Marshall-Modell», das «Code- Civil-Modell», das «Calvin-Modell», das «Moses- Modell» und gewissermassen als Krönung das «Schöpfungsmodell». Wie wohltuend hob sich das doch ab von der technokratischen Diskussion über die Schocktherapie, die in Ökonomenzirkeln stattfand!

Den guten Publizisten charakterisiert aber nicht nur die Originalität der Ideen, sondern auch die sprachschöpferische Leistung, die immer auch eine gedankliche Leistung ist. Für wirklich ausgesprochen klug, ja scharfsinnig halte ich etwa seine Definition der Planung als «Ersetzung des Zufalls durch den Irrtum». Und wenn er in dem eben erwähnten Aufsatz von «realitätsstauenden Mauern» spricht, wenn er Staatswirtschaft als Drogensucht interpretiert, wenn er in seiner unlängst erschienenen Publikation «Lob des Non-Zentralismus»2 konsequent diesen Begriff statt den der Dezentralisierung verwendet oder wenn er im letzten Beitrag des Sammelbandes «Eigenständig»3 schreibt «weder links noch rechts, sondern senkrecht», dann gehört auch dies alles für mich ins Kapitel kraftvoller sprachlicher Originalität.

Kreativität paart sich oft mit einem gewissen Chaotentum – natürlich nicht politisch gemeint —, und Robert Nef ist, das sei nicht verschwiegen, ein gutes Beispiel dafür. In der schöpferischen Unordnung wachsen die originellen Gedanken viel eher als auf aufgeräumten Schreibtischen. Dazu passt die permanente und somit hoffnungslose Überlastung, dazu passt auch die Nefsche Methode, Gedanken zunächst einmal sehr spontan in langen Briefen und Mails an Freunde und Bekannte eines inzwischen fast weltweit zu nennenden Netzwerkes zu entwickeln, sich so mit anderen Positionen auseinanderzusetzen und dann daraus mit der Zeit in mehreren Überarbeitungsschritten die eigene Position herauszuschälen und in eine Form zu giessen.

Das Klavier der Aphorismen

Ein zweites Merkmal von Robert Nefs Reden und Texten scheint mir deren Facettenreichtum zu sein, was auch mit der Vielzahl und Verschiedenartigkeit der Quellen zu tun hat, aus denen der Autor schöpft. Er ist von Haus aus Jurist, und die grossen Wirtschaftsphilosophen Adam Smith, Ludwig von Mises und Friedrich August von Hayek haben ihn wesentlich geprägt. Aber seine Publizistik ist viel breiter angelegt als das. Sie bringt kein spezifisches Disziplinendenken zum Ausdruck, sondern ein im besten und doppelten Sinn des Wortes humanistisches Nachdenken. So leben denn in seinen Aufsätzen und Referaten Wilhelm Busch, Wilhelm Humboldt, Wilhelm Röpke und Wilhelm Tell friedlich nebeneinander, da wimmelt es von Hinweisen auf die Geschichte, auf die Theologie und die Bibel sowie auf grosse Belletristik, auf alte und neue, auf schweizerische und auf Weltliteratur.

Und vor allem: Ich kenne in meinem Bekanntenkreis niemanden, der so virtuos auf dem Klavier der Aphorismen spielt wie er. Zur Planung hat er mit Martin Lendi ein ganzes Buch mit Aphorismen herausgegeben; «Sprüche und Widersprüche zur Planung» lautet sein Titel. Nefs Aphorismen stammen nicht aus den Zitatenbüchern, sondern es sind allesamt selbst entdeckte, in einer beeindruckenden Lektüreleistung erarbeitete Sprüche. Darum sind sie meist sehr eigenständig, darum passen sie jeweils, darum sind sie echt. Aus meiner Sicht liegt darin, in dieser Breite der Bildung und der Behandlung der Themen sowie in der aphoristischen Vieldeutigkeit ein ganz besonderer Reiz der Nefschen Texte. Sie wirken auf eine sympathische Weise gebrochen durch die Vielfalt der kulturellen Assoziationen, dadurch, dass sie Interpretationsspielraum offen lassen, manchmal auch durch einen Anflug von Ironie.

Auf ordoliberalen Pfaden?

Die immer mehr um sich greifende political correctness, die zunehmend auch eine economic correctness zu umfassen scheint, ist ihm ein Greuel.

Das bringt mich zu einem dritten Charakteristikum, mit dessen Beschreibung ich mich schwerer tue – nämlich eine gewisse kämpferische Kompromisslosigkeit des Nefschen Denkens. Das ist nur ein scheinbarer Widerspruch zum vorher Gesagten. So manchen gilt Robert Nef tatsächlich als ökonomistischer Brutalo und libertärer Fundamentalist. An Zivilcourage, an Mut zur Unpopularität fehlt es ihm denn auch wahrlich nicht. Er stellt sich dort, wo er überzeugt ist, mit guten und differenzierten Argumenten quer, ob es um wohlfahrtsstaatliche Übertreibungen und falschen Konsumentenschutz geht, um verschwenderische Haushaltspolitik und zweifelhafte Rassismusnormen oder auch um Blauhelme und den Uno-Beitritt. Die immer mehr um sich greifende political correctness, die zunehmend auch eine economic correctness zu umfassen scheint, ist ihm ein Greuel -, und er schert sich einen Deut um sie. Das ist unbequem und passt nicht so recht in unsere konsensorientierte Kultur — und verschafft einem keineswegs nur Freunde. Aber darin liegt ein grosses, respektheischendes Stück intellektueller Redlichkeit.

Was aber ist die Position, von der aus Nef argumentiert und analysiert? Als ich Robert vor gut fünfzehn Jahren besser kennenlernte, dachte er ohne Zweifel klassisch-liberal. In den letzten Jahren hat er sich immer mehr radikalisiert — radikalisiert im besten Sinne des Wortes, was heisst, dass er mehr von der Wurzel her denkt. Wer das mit extremistisch und dogmatisch gleichsetzt, betreibt billige Polemik. Radikalisiert hat er sich aber auch mit seiner Annäherung an die libertäre und minarchistische Position, die ganz stark von der Idee des Eigentums an sich selbst, der sogenannten Self-ownership, geprägt ist. Das glaubte ich zumindest bis vor kurzem. Nach der Lektüre der «Politischen Grundbegriffe» bin ich mir da allerdings plötzlich wieder nicht mehr so sicher — und das ist vielleicht auch symptomatisch für Robert Nef.

Mit seiner Dreiteilung Wirtschaft, Staat und Zivilgesellschaft im hier präsentierten Buch wandelt er nämlich im Prinzip fast auf jenen ordoliberalen Pfaden, auf denen ich mich normalerweise ebenfalls bewege. So ganz wohl scheint ihm dabei zwar nicht zu sein, etwa wenn er die Abgrenzung zwischen Zivilgesellschaft und Wirtschaft doch als ziemlich unscharf bezeichnet. Aber der Sinn für das, was jenseits von Angebot und Nachfrage existiert und was für das Funktionieren einer freien Gesellschaft notwendig ist, ferner die Bejahung des Milizgedankens, das eidgenössische Verständnis vom Staat, das — weil radikal-demokratisch — viel staatsbejahender ist als das angelsächsische, all dies bricht sich in diesem Aufsatz Bahn.

Mit seiner Breite, seiner Vielschichtigkeit und Vieldeutigkeit, seinem Facettenreichtum, ja letztlich mit seinem Ringen um Ehrlichkeit – etwa in der Begriffsbestimmung des Nationalsozialismus im Glossar des Buches — läuft Robert Nef Gefahr, es mit allen zu verderben, mit der real existierenden, sozialdemokratisch infizierten FdP ebenso wie mit Christoph Blochers nationalkonservativ-liberalem Populismus, mit libertären Denkern ebenso wie mit Anhängern einer Sozialen Marktwirtschaft, mit allen möglichen potenziellen Freunden also. Man kann es aber auch umgekehrt sehen, nämlich dass Robert Nef für all diese Strömungen offen ist, sich mit ihnen auseinandersetzt, Brücken zu ihnen schlägt, sie ernst nimmt, auch dort, wo er gänzlich anders denkt. Der Platz zwischen allen Stühlen ist für den Intellektuellen jedenfalls – anders als für den aktiven Politiker – kein ehrenrühriger Platz. Es ist gewissermassen der Preis der Gradlinigkeit.

Er provoziert mit der Konsequenz, der Kompromisslosigkeit seiner Arbeit und das tut uns allen gut.

Notwendiger Sauerteig

Sicher ist eines: So radikal Robert Nef im Gespräch und in manchen Äusserungen sein kann, in seiner Persönlichkeit als Ganzes ist er es keineswegs. Da bricht durchaus Pragmatismus durch. Irgendwo formuliert er einmal, er schwanke zwischen seinem Sukkurs für eine nicht über alle Zweifel erhabene Tendenz zu libertärer Radikalität und dem vernünftig aufklärerischen Ruf zu Realitätssinn, zum Kompromiss mit dem Bestehenden und zu einer evolutionären Stückwerksphilosophie. Wenn er mit einem debattiert, und das tut er leidenschaftlich gerne, das tut er mit geradezu jugendlicher Verve, spürt man dieses Hin- und Hergerissensein. Und in seinen Aufsätzen, auch in den «Politischen Grundbegriffen», kommt dies in seiner Art des Schreibens – die übrigens neben den Aphorismen oft auch Humor aufblitzen lässt — zum Ausdruck.

So ist denn der Grenzgänger Robert Nef, der die gedanklichen Spielräume ohne allzu viele Tabus gerne ausreizt, zugleich ein ziemlich erfolgreicher Gratwanderer. Er provoziert mit der Konsequenz, der Kompromisslosigkeit seiner Arbeit – und das tut uns allen gut. Wir sollten ihm alle dankbar sein dafür. In der Radikalität des Denkens liegt ohne Zweifel ein intellektueller Charme. Gleichzeitig verpackt Robert Nef seine Botschaft so, dass sich die Geradlinigkeit seiner Gedanken nicht in den Vordergrund drängt; das macht diese Gedanken leichter verdaulich. Auch darin liegt ein – wenn auch gänzlich anderer – intellektueller Charme. So manche seiner Leser und Zuhörer merken erst nach einer gewissen Zeit, dass da einer die Dinge zu Ende denkt und dass in diesem Zu-Ende-Denken ein beträchtliches reformerisches bzw. — was das Ausmass des Handlungsbedarfs betrifft — geradezu revolutionäres Potenzial steckt. Um die gelegentlich biblische Sprache Robert Nefs aufzunehmen: Wir brauchen solchen Sauerteig in unserer Gesellschaft, und wir können froh sein, dass es ihn, dass es Dich, gibt. Ad multos annos.

Gerhard Schwarz, Dr. oec. HSG, ist Leiter der Wirtschaftsredaktion der Neuen Zürcher Zeitung.

1 Der Vortrag wurde am 17. April in Zürich gehalten anlässlich der Präsentation des Buches von Robert Nef, Politische Grundbegriffe, Auslegeordnung und Positionsbezüge, Zürich 2002, NZZ Verlag.

2 Robert Nef, Lob des Non-Zentralismus, Argumente der Freiheit 8, Liberales Institut der Friedrich Naumann Stiftung, St. Augustin 2002, Academia Verlag.

3 Walter Hirt, Robert Nef, Richard C. Ritter, Eigenständig, Die Schweiz – ein Sonderfall, Zürich 2002, Verlag moderne Industrie.

Mit Neuerungen gegen flächendeckende, einheitliche Lösungen anzurennen, ist in allen Gebieten – in der Technik, bei Gütern und Dienstleistungen, in der Politik, in der Bildung und Forschung – praktisch hoffnungslos. Neuerungen im Wettbewerb gegen bestehende, erfolgreiche Anbieter zu lancieren, mag manchmal zwar ebenfalls ziemlich schwierig sein, aber es ist zumindest nicht unmöglich, und die ganze Geschichte, nicht nur die Wirtschaftsgeschichte, ist denn auch voll von solchen Beispielen. Somit liegt die Begründung des Föderalismus und der Gemeindeautonomie, die zu den zentralen Charakteristika der Schweiz gehören und eigentlich zu ihren besten Exportartikeln zählen könnten, eben nicht in der statischen Effizienz, sondern in der Bedürfnisgerechtigkeit einerseits und im Suchprozess anderseits. Wer den Kantönligeist und die Kirchturmpolitik, wer die unübersichtliche Vielfalt und die unzähligen Eigentümlichkeiten und Sonderzüglein wegen ihrer Kosten und ihrer Ineffizienz kritisiert, ist letztlich dem Geist der Wohlstandstechnokraten und deren zu engem statischen Effizienzbegriff verhaftet.

Jene Wohlstandstechnokraten, die Effizienz in diesem Sinne dynamisch und nicht statisch interpretieren, treffen sich fast deckungsgleich mit der erwähnten Gruppe der Freiheitsliebenden. Das ist kein Zufall. Beiden geht es letztlich um Offenheit, beide haben eine lange historische Perspektive im Auge und nicht den Wohlstand des Augenblicks. Insofern ist dynamische Effizienz vielleicht nur eine etwas weniger wertgebundene, etwas technokratischer klingende Interpretation jenes grossen Begriffs von Freiheit, der im Kern die Offenheit für Zukunft und Fortschritt umfasst.

Aus Gerhard Schwarz, Freiheit, Wohlstand und Fortschritt, in: Robert Gilmore, Gerhard Schwarz (Hrsg.), NZZ-Verlag, Zürich 2001, S. 14.

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