Zum Inhalt springen

Wider die Technophobie

Lesedauer: 3 Minuten


(Schweizer Monatshefte – Heft 6, 2002 – Seite 9-10)

DOSSIER WIDER DIE TECHNIKPHOBIE

Technik als vermittelnder Partner

«Wo die Angst im Leibe steckt, da ist auch Gefahr allethalben», so Gotthelf in «Zeitgeist und Bernergeist». Das Gefühl der Angst ist zunächst ein normales Warnsignal vor Gefahren aller Art. Es entspricht dem Gebot der Klugheit, vorbeugend über drohende Gefahren nachzudenken, ihre Abwendung zu planen und praktische Massnahmen dagegen zu ergreifen. Steigert sich aber die Angst zur Phobie, d.h. zu einem ganzen Bündel von unkontrollierbaren negativen Emotionen, so geht der prophylaktische, konstruktive Kern verloren und verkehrt sich in sein Gegenteil. Wer von einer Phobie befallen ist, verliert die Fähigkeit, gegen tatsächliche Gefahren wirksam vorzugehen. Viele Menschen scheinen zu glauben, es sei ihre Pflicht, sich permanent über potenzielle Gefahren und Bedrohungen grosse Sorgen zu machen und sich ständig mit der Möglichkeit ihres Eintretens befassen zu müssen. Diese Menschen werden selbst zu jener Gefahr, die sie zu bekämpfen glauben, weil sie die vernünftige Fortentwicklung eines hoch komplexen Systems blockieren.

Gibt es wirksame Strategien gegen diese für die betroffenen Individuen wie für die ganze Gesellschaft lähmende Störung? Wie lässt sich irrationale Angst in Vertrauen verwandeln oder — als Minimalziel — auf den rationalen Kern zurückführen? Im Buch Hiob wird die Angst als Folge der Gottlosigkeit, als Begleiterscheinung mangelnden Gottvertrauens charakterisiert. Haben wir die Technik zum Gott gemacht und anschliessend das diesbezügliche «Gottvertrauen» verloren? Es gibt viele Anzeichen dafür, dass Technikphobie vor allem jene befällt, die gerne in einer Welt leben würden, in der alle alles «im Griff haben», in der es keine Risiken mehr gibt und in welcher der Staat über das Vorsorgeprinzip alles verbietet, was möglicherweise gefährlich sein könnte. Dieser Ansatz zeugt letztlich von einer infantilen und irrationalen Technik- und Zukunftsphobie. Demgegenüber steht das Prinzip der Beschränkung auf «sound science», die Basierung auf Aussagen von Naturwissenschaftlern über die (Nicht-)Nachweisbarkeit von Risiken als massgeblichem Entscheidungskriterium für die Zulassung von Innovationen. Wer die Technik nicht als Gott, sondern als vermittelnden Partner deutet, verliert zwar nicht den Respekt vor den mit ihr unzweifelhaft verknüpften Gefahren, aber das Gefühl der totalen Abhängigkeit und des schutzlos Ausgeliefertseins. Der vernünftige Umgang mit der Technik beruht auf jener Lernbereitschaft, welche das Verhältnis zur Umwelt im Sinne einer Optimierung selbstständig verändert. Nicht die Technik ist gefährlich, sondern die Unvernunft der Menschen, die mit ihr nicht umgehen können. Computer als «Gesprächspartner»? Der Philosoph Walter Schulz hat den Computer als «vermittelnden Partner» beschrieben, bei dem der Konstrukteur, der Programmierer und der Anwender in einem «parallelen Wechselverhältnis» stehen. «Die Wechselwirkung zeigt sich darin, dass nicht nur der Programmierer auf den Konstrukteur angewiesen ist, sondern auch das Umgekehrte gilt: vom möglichen Gebrauch des Computers her wird die Herstellung ihrerseits bedacht. Auf den technischen Grundwillen bezogen, das heisst auf die Intention, dass durch den Computer Leistungen erbracht werden sollen, die unter Umständen menschliche Fähigkeiten übersteigen, besteht also kein entscheidender Gegensatz zwischen Konstrukteuren und Programmierern.»1 Mit diesem partnerschaftlichen Gefühl des Aufeinander-Angewiesenseins kann das Gefühl des totalen Ausgeliefertseins wirksam überwunden werden. Hochmut erzeugt Angst, Selbstbescheidung erzeugt Vertrauen. Es braucht dazu die bereits erwähnte und in den folgenden Beiträgen als Leitmotiv immer wieder auftauchende Lernbereitschaft, und diese wiederum basiert auf Mut, Experimentierfreude, Abenteuerlust, Risikobereitschaft und auch auf einem schöpferischen Spieltrieb, der aber den selbstbestimmten Rahmen des Verantwortungsbewussteins nicht überschreitet. Nennen wir es doch beim Wort, auch wenn es nicht dem Zeitgeist entspricht: Technik verlangt von uns jene geheimnisvolle Mischung von Selbstbewusstsein und Demut, ohne die es keine echte Partnerschaft gibt.

1 Walter Schulz, Philosophie in der veränderten Welt, S. 217-219, Verlag Günther Neske, Pfullingen 1976.

Schweizer Monatshefte – Heft 6, 2002 – Seite 9-10

Schlagwörter:

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht.