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Sicherheit durch Freiheit

Lesedauer: 2 Minuten

(Schweizer Monatshefte, Heft 12/1, 2001/2002 – Seite 1)

EDITORIAL

Ist Sicherheit nur um den Preis der Freiheit zu haben? Freiheit und Sicherheit werden immer wieder als Gegenpole gedeutet, gelegentlich wird die Sicherheit auch als eine unabdingbare Voraussetzung der Freiheit angesehen. Dies eröffnet den wohlfahrtsstaatlichen Freiheits-, Sicherheits- und Glücksbringern aller Parteien eine fast grenzenlose Möglichkeit, die gegenwärtige, individuelle Freiheit zugunsten einer künftigen und allgemeinen Freiheit einzuschränken, bis schliesslich fast nichts mehr davon übrig bleibt.

Zugegeben, die Umkehr der bei Politikern so beliebten Formel «Freiheit durch Sicherheit» ist riskant. Kann eine so unbestimmte und radikale Idee wie «Freiheit» das Fundament der Sicherheit bilden? Kennen wir nicht zahlreiche Einzelfälle, bei denen es sich «gerächt» hat, das Risiko der Freiheit einzugehen?

Ein Missverständnis muss vorab geklärt werden: Freiheit bedeutet nicht Regellosigkeit, sondern eine Ordnung, die auf frei vereinbarten Regeln basiert. Das Vertrauen in deren Einhaltung ist mit guten Gründen grösser als das Vertrauen in Zwangsnormen, die bekanntlich zur Übertretung verleiten.

Feste Systeme, die auf Zwang beruhen, sind daher insgesamt risikoreicher als offene Systeme, deren Regeln einvernehmlich vereinbart und an neue Gegebenheiten adaptierbar sind. Jede Sicherheitsproduktion dient der Schaffung von Vorhersehbarkeit: Sicherheit durch Planung. Aber kann denn Planung mehr sein als die Ersetzung des Zufalls durch den Irrtum?

Immerhin: Dem Zufall sind wir schutzlos ausgeliefert, während wir als Irrende lernen, das heisst vom grösseren zum kleineren Irrtum fortschreiten, die Risiken verkleinern und die Sicherheit vergrössern können. Dies funktioniert aber nur unter Individuen und mit hohen Fehlerquoten bei der Kombination von Zufällen und Irrtümern.

Insgesamt bleibt jedoch eine solche non-zentrale, auf freien individuellen Einzelentscheiden beruhende Sicherheitsproduktion ziemlich robust. Je grösser nun die Zahl derer ist, die unter Zwang gemeinsam planen und damit «Sicherheit produzieren», desto grösser ist die Gefahr des gemeinsamen grossen Irrtums, der das Gesamtsystem destabilisiert, die Verletzlichkeit und die kollektiven Risiken erhöht. Sicherheit ist daher in einer Kombination von Freiheit und Non-Zentralität am besten aufgehoben. Nicht immer, aber immer öfter.

ROBERT NEF

Schweizer Monatshefte, Heft 12/1, 2001/2002 – Seite 1

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