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Was man sieht und was man nicht sieht

Lesedauer: 2 Minuten


(Schweizer Monatshefte – Heft 11, 2001 – Seite 1)

EDITORIAL

«Der eine klebt an der sichtbaren Wirkung, der andere berücksichtigt sowohl die Wirkung, die man sieht, als auch diejenige, die man vorhersehen muss.» So umschreibt der französische Ökonom Frédéric Bastiat (1801—1850) den Unterschied zwischen einem guten und einem schlechten Ökonomen. Diese Unterscheidung gilt wohl analog für alle Sozialwissenschaften und auch für jene, welche das Tages- und Zeitgeschehen kommentieren.

Wissenschaft und Publizistik sollten vermehrt als Frühwarnsystem in Erscheinung treten. Aber wie viel einfacher ist es, im nachhinein aufzuzählen, was die Verantwortlichen denn alles hätten vorhersehen müssen, um ihre Aufgabe optimal zu erfüllen!

In den letzten Wochen und Monaten ist viel Unerwartetes und auch Schockierendes geschehen, das in den Medien Anlass gab zu Analysen und Kommentaren, und «die Suche nach Schuldigen» ist unter verschiedensten Aspekten zu einem Leitmotiv der Weltpolitik geworden.

Das Dossier dieses Heftes befasst sich nicht mit den Turbulenzen des Zeitgeschehens, sondern mit den langfristigen Problemen der demographischen Entwicklung in der Schweiz, einem Schwerpunktthema der Stiftung «Avenir Suisse». Das Zahlenmaterial über die Tendenzen der Bevölkerungsentwicklung gehört zu den Dingen «die man sieht», aber die Folgerungen, die daraus zu ziehen sind, gehören in den Bereich dessen, was man eigentlich vorhersehen müsste, aber aufgrund der längerfristigen Perspektiven lieber verdrängt.

Dies gilt vor allem in Zeiten, in denen die Traktandenliste der Tagespolitik ohnehin mit schwer lösbaren Konflikten überfüllt ist. Die Politik orientiert sich am Vierjahresrhythmus der Wahlzyklen, und der Vorwurf liegt auf der Hand, es gebe heute Wichtigeres als die Auseinandersetzung mit demographischen Zyklen.

Wie die Gesellschaft mit dem Problem der Überalterung in Kombination mit sinkenden Geburtenraten und nicht nachhaltig konzipierten Vorsorgesystemen umgehen sollte, ist eine der entscheidenden ökonomischen und politischen Herausforderungen der kommenden Jahrzehnte.

Was Bastiat über die Ökonomen sagte, gilt auch für die Politiker: Der schlechte strebt eine gegenwärtige Verbesserung an, aus der schliesslich ein grösseres Übel entsteht, während der gute eine grosse zukünftige Verbesserung anstrebt «auf die Gefahr eines kleinen gegenwärtigen Übels».

ROBERT NEF

Schweizer Monatshefte – Heft 11, 2001 – Seite 1

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