Liberale Publizistik – die Basis der Zivilgesellschaft

Lesedauer: 4 Minuten

(Publiziert in MUT, Nr. 140, Okt. 2001, S. 56 ff)

Ein MUT-Interview mit Robert Nef

Das Gespräch führte Alfred Zänker

MUT: Die Schweizer Monatshefte geniessen über die Grenzen der Schweiz hinaus den Ruf einer hochkarätigen wegweisenden Zeitschrift. Wo liegen ihre Schwerpunkte?

Nef: Wir befassen uns zu gleichen Teilen mit Politik, Wirtschaft und Kultur und versuchen ganz bewusst anhand von Themenschwergewichten auch den Zusammenhängen dieser drei Lebensbereiche Beachtung zu schenken. Im weitesten Sinn sind wir eine Kulturzeitschrift, weil sowohl die Wirtschaft als auch die Politik eine kulturelle Dimension haben, bzw. haben sollten. Ich selbst bin von meiner Ausbildung her Jurist, habe aber grosses Interesse für Ideengeschichte, Politikwissenschaft und Ökonomie, mein Kollege, Michael Wirth, ist Germanist mit einem weiten kulturwissenschaftlichen Horizont. Wir legen die Schwerpunkte gemeinsam fest und verzichten auf eine fixe Zuteilung von Ressorts. Am besten trifft wohl das Stichwort „Zivilgesellschaft“ unser Anliegen.

MUT: Wer gehört zum Kreis ihrer Leser und Autoren? Wie verhält sich die junge Generation?

Nef: Unsere Abonnenten stammen mehrheitlich aus der deutschsprachigen Schweiz, aber mit leicht zunehmender Tendenz auch aus Deutschland und Österreich und aus dem Kreis von Auslandschweizern in aller Welt. Es handelt sich hauptsächlich um Leserinnen und Leser mit höherer Bildung. Wir sind in jedem Heft mit eigenen Beiträgen präsent, haben einen Grundstock an Autorinnen und Autoren, die häufig für uns schreiben, suchen für unsere Themen gezielt kompetente Fachleute und selektionieren aus den zahlreichen Artikeln, die uns unaufgefordert zugestellt werden jene Texte die wir für publikationswürdig halten. Wir bringen auch Artikel mit wissenschaftlicher Ausrichtung, wenn sie allgemeinverständlich abgefasst sind und neue Gesichtspunkte eröffnen. Es ist allerdings nicht einfach, jüngere Autoren zu finden, welche den Jargon ihres Spezialgebietes meiden und trotzdem „an der vordersten Front“ ihres Fachgebietes schreiben. Unsere Leserschaft hat sich in den letzten fünf Jahren verjüngt, aber eine Mehrheit ist immer noch über 50 und gehört zu den Kadern der Wirtschaft, der Wissenschaft und der Politik, ein Kreis, den wir allerdings gern noch vergrössern möchten und den wir nur unvollständig erreichen. Besonders stolz sind wir auf die zahlreichen Bibliotheken, die uns weltweit seit Jahrzehnten abonniert haben. Was bei uns publiziert ist, wird somit „im Fundus des Allgemeinwissens deponiert“. Unsere Zeitschrift zirkuliert auch in zahlreichen sogenannten Lesemappen, sodass der Leserkreis über den Abonnentenkreis hinausreicht. Unter den Autorinnen und Autoren haben auch jüngere und weniger bekannte eine Chance. Eine Mehrheit stammt aus der Schweiz, es gibt aber auch Hefte, in denen die Stimmen aus dem Ausland (und speziell aus Deutschland) überwiegen, – eine Tradition, die wir seit der Nachkriegszeit bewusst pflegen.

MUT: Anspruchsvolle Zeitschriften mit liberalem Profil haben in der Massengesellschaft keinen leichten Stand. Ist es heute noch möglich, ohne externe Hilfe, ohne Schenkungen und Subventionen, ohne Mäzene und Sponsoren finanziell über die Runden zu kommen?

Nef: Unsere Zeitschrift erscheint seit 81 Jahren, und sie ist bisher ohne öffentliche Subventionen über die Runden gekommen. Sie kann sich allerdings nicht allein durch Abonnemente und Inserate finanzieren, sondern ist auf Sponsoren und auf regelmässige Zuschüsse aus einem Stiftungsvermögen angewiesen, mit welchem der Gründer der Zeitschrift den Fortbestand sichern wollte. Seit drei Jahren sind wir dazu übergegangen für jedes Heft einen Hauptsponsor zu suchen, welcher bei der Themenwahl mitbestimmen darf ohne dabei die redaktionelle Freiheit einzuschränken. Wir sind zuversichtlich, dass sich durch eine Weiterentwicklung dieser kombinierten Finanzierungsquellen die Zeitschrift halten kann, es braucht aber dazu einigen Optimismus in die Entwicklung der Auflage, des Inseratenvolumens und der Konsolidierung des Kreises der regelmässigen Hauptsponsoren. Eine Zeitschrift, die nicht auf ein kontinuierliches Interesse einer treuen und sich erneuernden Leserschaft stösst, findet mittel- und langfristig auch keine Sponsoren mehr. Darum gilt unser Hauptaugenmerk der Abonnentenwerbung, die mit beschränkten Mitteln alles andere als einfach ist.

MUT: In ihrer Doppelfunktion als Herausgeber der Schweizer Monatshefte und als Leiter des Liberalen Instituts ist Ihnen die Verbreitung und Weiterentwicklung des liberalen Gedankenguts ein Anliegen. Liberale Kräfte kämpfen überall in Europa gegen den Strom. Sollten sie nicht viel enger kooperieren, ihre Kräfte bündeln? Sehen Sie Möglichkeiten für eine effiziente Zusammenarbeit? Haben echte liberale Parteien noch eine Chance – in der Schweiz, in Europa, in der Welt?

Nef: Der Liberalismus ist eine Gegenkraft zum Kollektivismus, zum Etatismus, zum Zentralismus und zum bürokratischen und technokratischen Machbarkeitswahn. Er hat gegenwärtig in Europa tatsächlich keinen leichten Stand. Ich bin aber überzeugt, dass er mittel- und langfristig die Basis einer Gesellschafts- und Wirtschaftsordnung der Zukunft bildet, möglicherweise auch unter anderen Bezeichnungen und in neuen parteipolitischen Verbindungen, beispielsweise zwischen Liberalen, Wertkonservativen und Non-Zentralisten. Gegenkräfte lassen sich parteipolitisch schwer bündeln, weil die Bedrohungen der Freiheit sich rasch wandeln und von Land zu Land in unterschiedlichen Konstellationen aktuell werden. Kein politisches Programm ist tel quel übertragbar. Diese Erfahrung machen wir in der Schweiz in unserer kleinräumigen und heterogenen politischen Landschaft fast täglich. Was sich an einem Ort bzw. in einem Land bewährt hat, kann andernorts ein Misserfolg werden, so dass niemand den Anspruch erheben kann, den definitiven und echten Liberalismus für immer gefunden zu haben. Persönlich neige ich dazu, in einer Zeit des raschen Wandels, den konstanten Werten der guten Vertragserfüllung und einer auf Freiwilligkeit basierenden persönlichen mitmenschlichen Zuwendung den Vorrang einzuräumen. Sie sind die politische und soziale Alternative zum institutionalisierten Zwangsapparat staatlicher Umverteilung, der trotz seiner grossen Popularität immer mehr zum Teufelskreis wird. Eine zivilgesellschaftliche Kultur des gegenseitigen Einfühlungsvermögens hat eine Chance, weil sie in einer Dienstleistungsgesellschaft auch die Basis des wirtschaftlichen Erfolgs bildet.

MUT: Fast alle behaupten heute „liberal“ zu sein. In der politischen Realität haben aber die massiven Vorbehalte gegenüber offenen Märkten die Oberhand. Die Interventionisten aller Schattierungen beherrschen in Europa in unterschiedlichen Koalitionen das Feld. Wie könnte angesichts dieser – teils gleichen und teils unterschiedlichen – Voraussetzungen eine Zusammenarbeit unter Liberalen intensiviert werden?

Nef: Die Diskussion um einen effizienteren Einsatz stets knapper geistiger und finanzieller Ressourcen ist vordringlich. Vom Gedanken- und Artikelaustausch bis zu gemeinsamen Projekten und Veranstaltungen kann ich mir eine breite Palette der Zusammenarbeit vorstellen, welche die vorhandene Spontaneität, Kreativität und Vielfalt nicht schmälert, sondern besser nutzt.

MUT: Sie betonen immer wieder die Vielfalt. Laufen wir da nicht Gefahr, das freiheitliche Denken zu verwässern bis sich der Liberalismus in eine Vielzahl von vagen und zum Teil widersprüchlichen Liberalismen auflöst?

Nef: Die Gefahr besteht tatsächlich. Das, was man mit guten Gründen „die Tragödie des Liberalismus“ genannt hat, beruht auf seiner allzu grossen Koalitionsbereitschaft mit politischen Partnern, welche schliesslich seine Grundideen verraten haben. Ich denke im 19. Jahrhundert vor allem die Imperialisten und an die Nationalisten, und im 20. Jahrhundert an die Etatisten und an die Zentralisten. Freiheit, Vielfalt (im Sinn des Wettbewerbs, der Non-Zentralität, des Traditionsbewusstseins in Verbindung mit der Offenheit für Neues) und Privatautonomie gehören zum unverzichtbaren Kerngehalt des Liberalismus, der immer zunächst eine Minderheit anspricht, die bereit ist, Verantwortung zu übernehmen. Was daraus konkret folgt, muss Gegenstand eines intensiveren Gedankenaustausch sein, eines dauernden gegenseitigen Lernprozesses, bei dem sich niemand als alleiniger Lehrmeister aufspielen darf. Etwas mehr Grundsatztreue und etwas weniger macht- und parteipolitisches Taktieren kostet möglicherweise kurzfristig Wählerstimmen, sichert aber mittel- und langfristig die Glaubwürdigkeit bei einer künftigen Elite, welche sich nicht an den jeweiligen Modeströmungen orientiert. Darin liegt wohl die wichtigste Funktion kleiner anspruchsvoller Zeitschriften. Sie müssen ein Forum sein, das den Eliten der Zivilgesellschaft Impulse vermittelt: vielfältig, offen, aber nicht beliebig.

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