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Freiwilliges Sozialengagement – ein Streit um Worte?

Lesedauer: 3 Minuten


(Schweizer Monatshefte – Heft 7/8 2001 – Seite 13)

DOSSIER

Das Uno-Jahr der Freiwilligen hat in der Schweiz zu einer terminologischen Debatte geführt, hinter der sich viel Grundsätzliches verbirgt. Die Debatte hat mit dem Strukturwandel im Bereich der Arbeits- und Lebensgestaltung sowie in der Arbeitsteilung zwischen Männern und Frauen zu tun. Zur Diskussion stehen nicht nur neue Kombinationsformen von Lernzeit, Arbeitszeit, Freizeit, Sozialzeit und Ich-zeit, sondern auch neue Sinnzuweisungen bezüglich «Arbeit» und «Tätigkeit» und neue Vorstellungen über das, was in einer Dienstleistungsgesellschaft wirklich ausgetauscht wird, innerhalb und ausserhalb der Geldkreisläufe, im engern Rahmen einer auf materielle Gesichtspunkte reduzierten Ökonomie oder einer Ökonomie, welche auch immaterielle, ideelle Gesichtspunkte miteinbezieht. Der Homo oeconomicus maturus, der gereifte Nutzenmaximierer, bewirtschaftet seine Lebenszeit anders als der Homo oeconomicus vulgaris, der den üblen Ruf hat, nur ans Geld zu denken. Letzterer steht übrigens bei vielen sozial Engagierten in erstaunlich hohem Ausmass im Mittelpunkt. Auffallend viel wird im Zusammenhang mit dem freiwilligen Sozialengagement vom fehlenden Entgelt geredet und eine Abgeltung aus öffentlichen Mitteln gefordert.

Paul Klee (1879-1940); Engel im Boot, 1939, 881 (WW 1), Bleistift auf Papier mit Leimtupfen auf Karton, 29,5 x 21 cm, Paul Klee-Stiftung, Kunstmuseum Bern

Auf diesem Hintergrund löst bereits der Begriff «freiwillig» eine gewisse Skepsis aus. Beruht in einer freiheitlichen, arbeitsteiligen Marktgesellschaft nicht jede Art von Austauschbeziehung, auch auf dem Arbeitsmarkt, auf Freiwilligkeit? Wird nicht auch die entgeltliche Tätigkeit in einem gewissen Ausmass und unter zahlreichen einschränkenden Randbedingungen frei gewählt? Sind wir im Erwerbsleben alle «Zwangsarbeiter», und ist die Unentgeltlichkeit eine unabdingbare Voraussetzung der Freiwilligkeit? Die Schlaraffenland-These, nach der sich in einer Gesellschaft, in der keine materiellen Zwänge zur Arbeit bestünden, eine Mehrheit spontan zum Nichtstun entschlösse, ist in mehrfacher Hinsicht fragwürdig. Umgekehrt kann man auch fragen, inwiefern denn das zum Inbegriff der Bürgertugend hochgelobte Sozialengagement letztlich immer nur edle uneigennützige Motive habe. Kennt denn der sozial engagierte Mensch wirklich alle seine «letzten Motive»? Könnten es nicht indirekt auch wirtschaftliche sein, und warum eigentlich nicht? Freiwilliges Sozialengagement lässt sich am besten und am ehrlichsten propagieren, wenn man nicht moralisierend an die Opferbereitschaft appelliert und als Kulturpessimist den Mahnfinger erhebt. Es gibt gute Gründe, auf die Freude und auf die persönliche Befriedigung hinzuweisen, die — alles in allem gesehen — ein solches Engagement für die Allgemeinheit jenen vermittelt, die es gewagt haben. Aus der Sicht der Allgemeinheit ist zu beachten, dass das «Milizprinzip» nicht primär ein Minus an Professionalität mit sich bringt, sondern dass es bei zweckmässiger Organisation vorhandene Professionalität optimal in ein Gesamtsystem einbringen kann — beispielsweise in ein Parlament.

Ein obligatorischer Sozialdienst für das Gemeinwesen ist abzulehnen, weil damit in unzulässiger Weise in den Arbeitsmarkt eingegriffen wird. Damit hält das Prinzip des Zwangs in jenen Bereichen Einzug, die — u.a. auch aus ethischen Überlegungen – freiwillig bleiben müssen. Zwang zerstörr auf die Dauer die zwar srets knappen, aber in einer freien Gesellschaft stets vorhandenen Ressourcen der Freiwilligkeit.

Schweizer Monatshefte – Heft 7/8 2001 – Seite 13

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