Unterwegs zum «Patchwork»

Lesedauer: 2 Minuten


(Schweizer Monatshefte – Heft 6, 2001 – Seite 1)

EDITORIAL

Das Dossier dieses Heftes befasst sich mit der Bedeutung von gewandelten Lebensformen im Zusammenhang mit Lernen, Arbeiten, Erholung und Musse. Die Arbeitswelt hat sich im Zuge der technischen Entwicklung und insbesondere der elektronischen Kommunikation stark verändert, und diese Veränderungen haben wiederum ihre Rückwirkungen auf die Lebensgestaltung. Während man früher lediglich zwischen Arbeit und Musse unterschied, entsteht heute das Bedürfnis nach neuen Terminologien, etwa die Unterscheidung von Lernzeit, Arbeitszeit, Sozialzeit, Ichzeit und Freizeit. Veränderte Arbeitsformen haben auch ihre Auswirkungen auf die Lebensgestaltung in Partnerschaften und Familien und vice versa.

Im Industriezeitalter spielte sich das Leben für die meisten Menschen in bestimmten Phasen ab, Kindheit, Lehr- und Studienzeit, «Abschluss», Berufstätigkeit und Rentenalter. Dem entsprachen bestimmte sozial normierte Lebensformen und Lebensabläufe von der Kindheit über die Lehrzeit zur Familiengründung, kombiniert mit dem Ideal der «Lebensstelle» bis zur Pensionierung. Heute entwickeln sich in der Dienstleistungs- und Kommunikationsgesellschaft neue, vielfältigere Formen der beruflichen und partnerschaftlichen Lebensgestaltung. Eine zunehmende Zahl von Menschen lebt, wenigstens phasenweise, als «Single» oder in temporären Partnerschaften. Auch im Arbeitsleben ist sowohl auf der Angebots- als auch auf der Nachfrageseite die Flexibilisierung ein zentrales Thema. Neben die «Patchwork-Familie» tritt auch die «Patchwork-Biographie» mit abwechselnden und überlappenden Phasen verschiedenster Aktivitäten, wobei auch die herkömmlichen Modelle einen Stellenwert behalten dürften. Unser Bildungswesen, unsere sozialstaatlichen Einrichtungen und unsere Mentalitäten und Lebensgewohnheiten sind aber noch in hohem Ausmass auf die herkömmlichen Modelle fixiert. Der Umstellungsprozess wird durch verschiedene Regulierungen und Engpässe gesteuert, gebremst und beeinträchtigt. Das bisherige Modell des arbeits- und sozialversicherungsrechtlich abgesicherten «Normalarbeitnehmers» und der «traditionellen Rollenteilung zwischen den Geschlechtern» wird schrittweise abgelöst durch Modelle, die man als «Lebensunternehmertum» charakterisieren kann.

ROBERT NEF

Schweizer Monatshefte – Heft 6, 2001 – Seite 1

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