Wie «böse» ist Macht?

Lesedauer: 6 Minuten


(Schweizer Monatshefte – Heft 3, 2001 – Seite 25-27)

DOSSIER

Robert Nef

Acton versus Madison

«Power tends to corrupt and absolute power tends to corrupt absolutely». Dieses Acton-Zitat ist zu einem Gemeinplatz geworden und für viele klassische Liberale gar zu einer Art Dogma. Das Infragestellen von solchen Dogmen auf der Basis von neuen Überlegungen oder von neuen empirischen Erfahrungen, wie sie Geoffrey Brennan und Philip Pettit vornehmen, gehört zu den wichtigsten und reizvollsten Aufgaben der Wissenschaft, und das Infragestellen des Infragestellens, das hier angefügt wird, ist höchstens ein «notwendiges Übel».

Der Beitrag von Brennan/Pettit falsifiziert die Aussage von Lord Acton nicht vollständig, aber sie wird in einem hohen Ausmass relativiert, indem sie die Autoren durch die optimistischere Einschätzung der Amtsmacht durch James Madison, den Mitautor der Federalist Papers (1787/88) ergänzen. Die korrumpierende Komponente der Macht wird, so Madison und Brennan/Pettit, durch eine Ökonomie der Wertschätzung relativiert, weil die Vorteile der Wertschätzung gegenüber den Vorteilen der Machtausübung im Eigeninteresse überwiegen können. Irrte Lord Acton ausgerechnet in jenem Satz, der ihm in der Geistesgeschichte eine Art «ewiges Leben» garantiert? Im Folgenden werden einige Argumente vorgebracht, die zugunsten von Lord Actons These sprechen.

«Power» und «Office»

Möglicherweise ist jene Art von power, zu welcher man durch ein office Zugang erhält, nicht gleichbedeutend mit dem, was Lord Acton unter power versteht. Die deutsche Sprache kennt für den englischen Begriff power mindestens drei adäquate Übersetzungen, die unterschiedliche Asso¬ ziationen wecken: «Kraft», «Gewalt» und «Macht». «Kraft» wird positiv wahrgenommen, «Gewalt» negativ und «Macht» seinerseits ambivalent. Bezüglich Macht gibt es ein fast ebenso bekanntes Zitat, das dem Basler Historiker Jacob Burckhardt zugeschrieben wird, obwohl er es in seinen «Weltgeschichtlichen Betrachtungen» als Zitat vermerkt, das vom deutschen Historiker Julius Schlosser, Goethes Schwager, stammt. «Macht ist an sich böse, gleichviel wer sie ausübt.» Burckhardt liefert dann die Begründung: «Sie ist kein Beharren, sondern eine Gier.» Heute drängt sich das Bild einer Droge auf, «Macht macht süchtig nach mehr Macht.» Lord Acton kann den ebenso berühmten Satz seines Zeitgenossen Burckhardt nicht mehr gekannt haben, die «Weltgeschichtlichen Betrachtungen» sind posthum 1905 erschienen, und Lord Acton ist 1902 gestorben. Das Wort von Schlosser könnte aber dem zweisprachigen und belesenen Lord Acton, eigentlich Lord Dalberg Acton, Sohn eines englischen Diplomaten und einer deutschen Adligen, durchaus bekannt gewesen sein. Die Geschichte des Schlosser-Burckhardt- Wortes hat noch eine Fortsetzung. Der weniger bedeutende, entfernte Neffe von Jacob Burckhardt, der Diplomat und Essayist Carl Jacob Burckhardt, hat in seiner Münchner Rede von 1960 seinen Verwandten zu widerlegen versucht: Macht könne alles sein, gut und böse. Martin Buber hat dann die Debatte fortgesetzt und kommt zu folgendem Schluss: «Wenn der Machtwille über die jeweilige Potenz des Machthabers, die geschichtlich anfordernde Situation zu bewältigen hinauslangt, verfällt er dem Bösen.» (In: Dauer im Wandel, Festschrift zum 70. Geburtstag von Carl J. Burckhardt, München 1961, S. 102)

Macht hat eine unberechenbare, sakrale Komponente.

Sakrale Komponente der Macht

Doch was bedeutet dies alles im Zusammenhang mit dem Beitrag von Brennan/ Pettit? Bei der Verwendung des durchaus neutral oder gar positiv besetzten englischen Begriffs power könnte bei Lord Acton das ambivalente und viel gefahrenträchtigere deutsche Wort «Macht» eine Rolle gespielt haben. «Macht» kann als «metaphysische Seite» der power gedeutet werden. Macht hat eine unberechenbare, sakrale Komponente. Sie ist nicht nur ein Gegenbegriff zu Ohnmacht, sondern auch ein Attribut Gottes, ein Gegenstück zur Demut, was sie für den gläubigen Christen Lord Acton im Hinblick auf eine Anmassung durch die Menschen als besonders suspekt erscheinen lassen musste. Macht ist — vor allem in der deutschen Philosophie — immer wieder zum Thema gemacht worden, von Kant (kritisch) über Nietzsche (idealisierend) bis Max Weber und neuestens Heinrich Popitz (beschreibend) in seinem Buch «Phänomene der Macht» (2. Aufl. Tübingen 1992, S. 17), wo der bemerkenswerte Satz zu finden ist «Alle Machtanwendung ist Freiheitsbegrenzung und jede Macht ist daher rechtfertigungsbedürftig.» Eine der herausforderndsten und m.E. optimistischsten Definitionen von Macht hat der Politologe Karl W. Deutsch formuliert: «Macht ist die Fähigkeit, nicht lernen zu müssen.» Darin liegt die Chance der jeweils Ohnmächtigen: Macht macht träge, fett und dumm, und dies ist vielleicht die subtilste Form der Korruption, die auf den Mächtigen selbst zurückfällt. Es gehört zum Wesen der Korruption, dass sowohl der Bestechende als auch der Bestochene korrumpiert werden, ersterer möglicherweise mehr als letzterer, aber dies ist ein anderes, weitläufiges Thema.

Macht macht träge, fett und dumm, und dies ist vielleicht die subtilste Form der Korruption.

Entgiftung der Macht

Die Angst vor der «dunklen Seite» der Macht gehört zu den tief verankerten anthropologischen Erfahrungen. Der Mensch hat im Lauf der Geschichte ein grosses Arsenal an Gegenmitteln entdeckt und erfunden, welche die Macht bändigen und entgiften und die Fähigkeit, zu lernen, am Leben erhalten. Ich meine, dass Lord Acton in seiner Terminologie stark von der eher negativen, oder mindestens ambivalenten Bedeutung des deutschen Begriffs «Macht» beeinflusst gewesen ist, und dass er jene stets begrenzten Möglichkeiten, die ein office, ein Amt, verleiht, nicht unvermittelt mit diesem Begriff in Verbindung gebracht hätte.

Die Tatsache, dass Machtträger ihre Macht häufig nicht missbrauchen, hängt nicht damit zusammen, dass man Macht in ihrer negativen Auswirkung überschätzt hat, sondern darin, dass die Amtsinhaber (officer) in aller Regel eben nur mit den gezähmten und entgifteten Manifestationen der Macht versehen sind. Es gibt eine ganze Reihe von machtbeschränkenden Mechanismen. Die vertragliche Beschränkung, die Befristung, die Reglementierung, die Kontrolle von oben und von unten, die Gewaltentrennung, die Öffentlichkeit, die Rechenschaftspflicht, der Wettbewerb, das Widerstandsrecht und speziell in der öffentlichen Verwaltung: das Willkürverbot, das Legalitätsprinzip, das Gleichbehandlungsprinzip, das Verhältnismässigkeitsprinzip und das Vertrauensprinzip, welche alle das Ermessen einschränken, unabhängig von der Tugend des Amtsinhabers und seinem Streben nach Wertschätzung.

Wenn nun Macht aufgrund dieser Korrekturen, die von aussen her an die Macht herangetragen werden, an Gefährlichkeit verliert, so bedeutet dies nicht, dass das «Prinzip Macht» nicht trotzdem gefährlich wäre. Macht würde weiterhin korrumpieren, wenn man alle Gegenstrategien wegliesse. Lord Acton irrte nicht, aber seine an viele Vordenker anknüpfende Erkenntnis hat wirksame Gegenkräfte geweckt. Eine generelle Entwarnung gegenüber der Bosheit der Macht ist nicht angebracht.

Welche Motive?

Die Frage, wer was aus welchen Motiven tut oder unterlässt, ist nie eindeutig und endgültig zu beantworten. Man kann sich diesbezüglich auf eine Maxime von La Rochefoucault berufen: «Wir müssten uns unserer schönsten Taten schämen, wenn wir deren wahre Motive kennen würden.» Dieser Satz relativiert auch jene Tugenden, von denen bei Madison und Brennan/Pettit im Zusammenhang mit Amtsträgern immer wieder die Rede ist. Wahrscheinlich verhalten sich Amtsträger (officers) primär aus extrinsischen Motiven tugendhaft, aus Gründen, die mit einer intrinsischen Tugend nichts zu tun haben. Vielleicht ist es überhaupt besser, nach den letzten Motiven eines Handelns und Verhaltens nicht zu fragen. Aber das relativiert natürlich zahlreiche empirische Untersuchungen, deren Ziel es ist, ausgerechnet nach diesen Gründen zu forschen und damit das menschliche Verhalten berechenbarer zu machen. Der Agnostizismus bezüglich der letzten Motive hat für die empirische Sozialwissenschaft etwas durchaus Ärgerliches.

Es gibt keine genuine wirtschaftliche Macht.

Eine weitere kritische Bemerkung betrifft die Tatsache, dass Brennan/Pettit nicht unterscheiden zwischen einem staatlichen Amt (office) und wirtschaftlichen «Ämtern». Wir haben uns zwar auch im deutschsprachigen Raum daran gewöhnt, dass man in der Wirtschaft von officers geleitet wird (CEO, CFO). Die Macht, die bei diesen officers liegt, ist aber grundsätzlich zu unterscheiden von der Macht politischer Mandatsträger. Hat beispielsweise der CEO von Nestlé Macht? Kann er uns zwingen, Nescafé zu trinken, auch wenn wir diesen nicht mögen, gleich wie uns das Steueramt zwingen kann, Steuern zu bezahlen, auch wenn wir dies nicht mögen? Nestlé hat, obwohl es sich um ein einflussreiches Unternehmen handelt, keine Macht, andere zu etwas zu zwingen, in das sie nicht einwilligen. Auch wenn die Aussage immer wieder schockiert: Es gibt keine genuine wirtschaftliche Macht. Man kann keinen Konsumenten zwingen, etwas zu konsumieren und keinen Angestellten zwingen, für eine Firma zu arbeiten. Natürlich kann der CEO von Nestlé Angestellte entlassen, Betriebe schliessen, Fusionen vollziehen, Forschungsprogramme befehlen oder abbrechen, aber nur innerhalb seiner vertraglichen Kompetenzen, und wenn die Firma rote Zahlen schreiben würde, sähe man plötzlich, wie beschränkt die Macht eines Managers ist, auch bei einer so genannt mächtigen Firma. Auf die Dauer kann kein noch so einflussreicher und allenfalls durch Macht korrumpierter Chef seinen wirtschaftlichen Misserfolg verstecken, und das setzt in der Wirtschaft sowohl der Macht als auch der Korruption viel wirksamere Grenzen als die Tugend oder das Bedürfnis nach Wertschätzung oder das von Madison geschätzte Selektionsverfahren.

Die power eines Managers hat also wesentlich andere Qualitäten als die power eines politischen Machtträgers, der nicht unter dem Damoklesschwert des Gewinns steht und dessen guten oder schlechten Gebrauch der Macht man objektiv schlecht messen kann. Wie misst man «öffentliche Interessen»? Darum sind im Bereich der Politik auch andere Mechanismen und Institutionen entwickelt worden, um Macht einzubinden. Wenn ein Amt seinen Träger adelt, dann ist dies nicht in erster Linie auf die relative Ungefährlichkeit der Macht zurückzuführen, sondern auf die klugen Mechanismen der Machtbeschränkung, die man zusätzlich entdeckt oder erfunden hat, weil man seinen Lord Acton und seinen Jacob Burckhardt gelesen und ernst genommen hat, oder weil man Teil hat an der anthropologischen Erfahrung, die darin zum Ausdruck kommt.

Eine generelle Entwarnung gegenüber der Bosheit der Macht ist nicht angebracht.

Fazit

Macht ist an sich böse und für alle Betroffenen und Beteiligten gefährlich. Wenn nicht alle Machtträger in allen Fällen von der Macht korrumpiert werden, wenn sogar eine positive Korrelation von Machtträgerschaft und Tugend empirisch feststellbar ist, so hat dies nichts mit dem stets gefährlichen «Prinzip Macht» zu tun, sondern mit den inzwischen entwickelten subtilen Methoden der Machtbeschränkung und Machtbindung in institutionalisierten Ämtern.

Dass ein Amt den Amtsträger adelt, ist möglicherweise gerade nicht auf die power-Komponente zurückzuführen, sondern auf die power-limitierenden Gegenmechanismen. In dieser Deutung ist power gerade nicht das, was mit einem Amt (office) verbunden ist, sondern «beschränkte Macht» (limited power) und das, was das Amt adelt, sind die Schranken und nicht die Macht.

Schweizer Monatshefte – Heft 3, 2001 – Seite 25-27

Schlagwörter:

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.